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Hochsensibel und selbstständig: Auf diese Dinge solltet ihr achten

Für viele Hochsensible sind die starren Formen des klassischen Ansgestelltendaseins kaum händelbar. Und genau deshalb ist die Selbständigkeit der beste Weg, um ihre Fähigkeiten vollständig zu entfalten – hier kommen Tipps, wie das gelingt.

Einfach nur ein Job? Nicht für Hochsensible!

Ich bin nicht der Meinung, dass der Beruf für alle Menschen auch Berufung sein muss. Es kann völlig okay sein, mit einer halbwegs akzeptablen Tätigkeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen und dann seine Freizeit stärker zu genießen. Nur –  für Hochsensible geht das kaum. Schätzungsweise 15 Prozent der Menschen gelten als hochsensibel. Das heißt, sie nehmen Reize viel stärker, ungefilterter und differenzierter wahr, und das betrifft alle Lebensbereiche.

Das bedeutet, sie leiden auch schneller und stärker als andere unter unstimmigen Bedingungen. Es ist für sie kaum möglich etwas innerlich unter den Teppich zu kehren. Der Leidensdruck wird unter starren Hierarchien,  langen Arbeitszeiten mit wenig Rückzugsmöglichkeiten oder Stimmen und Stimmungen eines Großraumbüros schnell übergroß. Hinzu kommt, dass bei Hochsensiblen der Wunsch nach Sinnhaftigkeit und Authentizität in ihrem Tun besonders stark ausgeprägt ist.

Warum ein Leben in der Selbstständigkeit für Hochsensible super ist

Deswegen ist die Selbständigkeit ein guter Weg, der es ihnen ermöglicht, einer Arbeit nachzugehen, die ihnen Sinn gibt und Freude macht, und es ihnen ebenso ermöglicht, sie selbstbestimmt und in einer Art und Umgebung auszuüben, die ihnen entspricht.

Ich bin selbst hochsensibel und wusste das zu Beginn meiner Selbständigkeit nicht. Ich bin permanent gegen innere und äußere Widerstände angelaufen, weil ich die Dinge so angehen wollte, wie „man“ es eben macht. Als ich erkannte, dass ich hochsensibel bin, war das eine riesige Erleichterung und der Beginn vieler Veränderungen.

Ich nahm mir die Zeit, meine Grenzen neu zu erspüren und darauf zu achten, rechtzeitig Pausen zu machen, wenn ich mich überreizt fühlte. Und plötzlich war es ganz einfach, meinen Akku ständig aufgeladen zu halten und nicht mehr von einem Extrem (absolute Reize) zum anderen Extrem (absoluter Rückzug) zu pendeln.

Mit einem Nein kann man seine Grenzen schützen

Nein zu sagen, fällt vielen Hochsensiblen besonders schwer. Das liegt unter anderem daran, dass sie sich besonders gut in andere Menschen hineinversetzen können.

Kommt nun jemand mit einem Wunsch auf sie zu, der ihrem eigenen Wollen – aus welchen Gründen auch immer – widerspricht, dann spürt ein hochsensibler
Mensch nicht nur seine eigene Position, sondern auch die des anderen sehr
stark. Das macht diese Abgrenzung, den Weg zum Nein, besonders schwer.

Als meine Tochter drei oder vier Jahre alt war, fiel mir auf, mit welch großer Freude sie Nein sagte. Sie sagte es nicht nur, sie rief es, sie sang es und sie wiederholte es weit mehr als nötig. Dieses Nein bedeutete für sie „Ich“, es war ihre erste Abgrenzung und das machte sie sehr stolz.

Es ist dein natürliches und selbstverständlichstes Recht, dich von dem Wollen der anderen abzugrenzen, wenn es deinen eigenen Interessen und Wünschen widerspricht. Auch wenn jemand versucht, dir Schuldgefühle zu machen oder zu vermitteln, dass es „normal“ wäre, Ja zu sagen – Grenzen sind immer subjektiv, unabhängig davon, ob das andere nachvollziehen können oder nicht.

Erkläre deine Entscheidung ruhig und freundlich, aber lass dich nicht auf Rechtfertigungsdebatten ein. Auch wenn du dich vielleicht kurzzeitig mit einem Nein unbeliebt machst, langfristig gewinnst du dadurch. Und vor allem wirst du deine Grenzen nicht jedes Mal aufs Neue verteidigen müssen.

Wie authentisches Marketing gelingt

Marketing ist für viele Selbständige eine unliebsame Aufgabe, die sie nur halbherzig in Angriff nehmen, weil sie sich wie ein Marktschreier fühlen, wenn sie auf ihr Angebot aufmerksam machen. Bei einer HSP (Hypersensibilität) ist dieses Unbehagen noch stärker ausgeprägt.

Ich stelle bei mir selbst fest, dass Marketing mir umso leichter fällt, je mehr ich selbst an den Nutzen meines Angebotes glaube. Je mehr ich denke, dass es ein Gewinn für jemanden sein wird, beispielsweise einen Blogartikel von mir zu lesen, umso leichter ist es für mich, an verschiedenen Stellen darauf hinzuweisen und darauf aufmerksam zu machen.

Stell dir ein paar ehrliche Fragen: Glaubst selbst an den Nutzen deines Angebotes? Bist du überzeugt, dass es Menschen gibt, die davon unbedingt erfahren sollten? Für die es ein Verlust wäre, wenn sie dein Angebot nicht in Anspruch nehmen könnten?

Wenn du diese Fragen noch nicht mit einem lauten Ja beantworten kannst, dann nimm dir die Zeit, den Nutzen, den jemand von deinem Angebot hätte, ausführlich und absolut ehrlich für dich selbst zu formulieren. Es ist wichtig, innerlich damit im Einklang zu sein, also das, was du nach außen vertrittst, auch selbst absolut zu glauben.

Marketing bedeutet nicht, zu übertreiben oder etwas übermäßig positiv darzustellen. Es bedeutet, die Aussage, die für dich und dein Angebot absolut stimmig ist, zu formulieren und anderen die Chance zu geben, davon zu erfahren und zu profitieren.

Wenn du das Gefühl hast, dass du den Menschen von etwas Wundervollem erzählst, das sie in irgendeiner Art und Weise unterstützt oder weiterbringt, dann wird der innere Widerstand gegen Marketing-Arbeit gewaltig schrumpfen. Dann wird es dir wahrscheinlich sogar richtig Freude machen, andere auf deine Arbeit aufmerksam zu machen.

Arbeitsleben: Mach dir die Dinge so einfach wie möglich

Ich kenne kaum jemanden, der denkt, dass das Leben einfach sein kann. Die meisten Menschen fühlen sich in unzähligen Verpflichtungen verstrickt, privat wie beruflich. Wie ein lähmendes Netz spannt sich das Klein-klein des Lebens über die Menschen und alle denken, das ist eben so. Das Leben ist so.

Ist es nicht. Ich habe vor einer ganzen Weile schon begonnen, minimalistisch zu leben und das hat zu einer enormen Erleichterung in allen Lebensbereichen geführt. Wenn man genau weiß, was man besitzt, weil der Besitz einfach und überschaubar ist, fühlt sich das Leben plötzlich wahnsinnig klar und übersichtlich an.

Und dasselbe gilt auch für die Arbeit: Vereinfache die Dinge, wo es nur geht. Halte die Abläufe simpel und überschaubar. Nimm dir nicht mehr vor, als du schaffen kannst, eher weniger. Lies und beantworte deine Mails nur ein- bis zweimal am Tag.

Als HSP bist du immer auf Empfang und es dringen ständig neue Impulse und Ideen zu dir durch. Kauf dir ein schönes Notizbuch oder nutze die Apps, die es da gibt, in denen du alles sammelst. Dann sind deine Ideen und Gedanken alle an einem Ort und fliegen nicht als Gedankenfetzen um dich herum.

Und wenn dir gerade mal alles sehr kompliziert und verworren vorkommt, dann stell dir nur zwei Fragen: Was will ich? Und wie erreiche ich es? Nur diese beiden Fragen. Schreib dir die Antworten präzise auf, vor allem die zweite. Und dann führ genau das aus, was du auf die zweite Frage geantwortet hast.

Es gibt Zeiten, in denen alles drunter und drüber geht, aber versuch immer wieder in diese Klarheit und Einfachheit zurückzufinden, innerlich wie äußerlich. Denn darin liegt die Ruhe.

Du bist genau richtig, so wie du bist

Für dich, als HSP ist es besonders schwierig, ein Leben zu führen, das dir nicht entspricht. Jedes Verstellen und jede Unaufrichtigkeit kostet dich viel Kraft. Glücklicherweise, muss man sagen, weil der Leidensdruck im falschen Leben dazu führt, nach dem zu suchen, das dir wirklich entspricht.

Die Natur oder das Universum oder Gott – wie auch immer man es nennen will – hat dich aus gutem Grund genauso erschaffen, wie du bist.

Sei du selbst, zeige dich, so wie du bist: verrückt, empfindsam, liebevoll, anteilnehmend … Drück dein reiches Innenleben aus, sperre es nicht in dir ein. Du wirst dadurch ganzer und heiler werden. Und du wirst genau die Menschen anziehen, die zu dir und deiner Arbeit passen. Das Leben, das zu dir passt, kann dich erst finden, wenn es weiß, wie du bist.

Dieser Text besteht aus Auszügen aus Marion Lili Wagners eBook „Hochsensibel und selbständig“ (http://liliwagner.de/buecher-ebooks/). Wir freuen uns, diesen Text auch hier veröffentlichen zu können.

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