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Kita-Debatte: Niemand braucht Schweinefleisch

Der Betreiber zweier Leipziger Kitas kündigte an, im Speiseplan künftig auf Schweinefleisch zu verzichten. Es folgten ein Shitstorm und Drohungen. Dabei gibt es nur einen Grund, auf den Verzehr zu bestehen: Fanatismus. Ein Kommentar von Seyda Kurt.

Wenn man um seine Gummibärchen bangen muss

Wenn man sich in Deutschland gerade nicht über die Hitze beschwert, fürchtet man sich vor Verboten. Am Montagabend wütet die BILD auf der Titelseite: „Kita streicht Schweinefleisch für alle Kinder. Ab sofort sind auch Gummibärchen verboten.“ Dahinter steckt folgende Entscheidung von zwei Leipziger Kindertagesstätten, der Konfuzius- und der Rolando-Toro-Kita: „Aus Respekt gegenüber einer sich verändernden Welt werden ab dem 15. Juli nur noch Essen und Vesper bestellt und ausgegeben, die schweinefleischfrei sind […].“ Das verkündete die Leitung vor rund einer Woche den Eltern in einem Brief. Dazu würden auch gelatinehaltige Gummibärchen gehören.

Ein freier Träger betreibt die Einrichtungen, knapp 300 Kinder werden hier betreut. Laut Medienberichten wurde mit der Entscheidung auf zwei kleine muslimische Mädchen im Alter von zwei und drei Jahren Rücksicht genommen, die kein Schweinefleisch essen.

Niemand verbietet euren Kindern, Schweinefleisch zu essen

Angebliche Verbote sind für die Verteidiger*innen der deutschen Freiheit natürlich am grausigsten, wenn sie Hand in Hand mit einer angeblichen Bedrohung des christlichen Abendlandes kommen. Und so finden sie in dieser Nachricht neben ihrer Schweinshaxe ein gefundenes Fressen. Am Dienstag, nachdem die BILD prominent darüber berichtete, passiert, was vorherzusehen war: Über die Kita bricht ein Shitstorm aus, die Leitung erhält Drohungen, ein Streifenwagen vor dem Eingang muss Mitarbeiter*innen und Kinder derzeit schützen.

Wie schwach muss der moralische Kompass und das Selbstverständnis von Menschen sein, die in jeder kleinen Geste der Veränderung und Anpassung an die gesellschaftliche Gegenwart einen Angriff auf ihre kulturelle Integrität befürchten?

Am Mittwochmorgen titelt die BILD: „Kniefall vor den Falschen“. Sie meint damit jedoch nicht, dass die Kita-Leitung ihre Entscheidung am Dienstagabend vorerst nach den Anfeindungen durch Deutschtümler*innen zurückziehen musste. Gemeint ist, dass die Kita-Leitung ursprünglich sogenannten Minderheiten, die sowieso schon in „Parallelgesellschaften“ lebten und „immer mehr religiöse Zugeständnisse fordern“ würden, entgegengekommen sei. Im ähnlichen Tenor äußerte sich auch der CSU-Politiker Alexander Dobrindt: „Wer Gummibärchen als Integrationshindernis sieht, dem ist der kulturelle Kompass verrutscht“. AfD-Bundestagsfraktionsvize Beatrix von Storch sprach von einer „kulturellen Unterwerfung“.

Wie schwach muss der moralische Kompass und das Selbstverständnis von Menschen sein, die in jeder kleinen Geste der Veränderung und Anpassung an die gesellschaftliche Gegenwart einen Angriff auf ihre kulturelle Integrität befürchten? Am Ende verbietet den Kindern auch niemand grundsätzlich, Schweinefleisch zu essen. Zu Hause können sie ihr Wiener Würstchen in sich hinein stopfen, als gäbe es kein morgen. Und die Eltern wird auch niemand davon abhalten, ihren Kindern dreißig Schweinestullen in die Butterbrotdose zu packen.

Der Verzicht auf Schweinefleisch ist ein Konsens, der niemandem weh tut

Nicht nur manche muslimische Kinder, sondern auch manche jüdische Kinder essen kein Schweinefleisch, genauso wie vegetarische, vegane oder hast-du-nicht-gesehen Kinder. Es gibt kein Recht darauf, Schweinefleisch zu essen. Und dieses vom Speiseplan zu streichen, ist ein Verzicht, der niemandem schadet, aber manchen Kindern das Gefühl geben kann, dass ihre Bedürfnissen ernst genommen werden, dass sie auch am Mittagstisch bedingungsloser Teil einer Gemeinschaft sind. Es ist kulinarischer Konsens, der niemandem weh tut – ganz im Gegenteil.

Apropos Schmerz: Schweine sind die Zuchttiere, die die höchste genetische Übereinstimmung mit dem Menschen haben, ganze 90 Prozent, an zweiter Stelle nach Schimpansen (96-98 Prozent). Seit einigen Jahren arbeiten Forscher*innen daran, menschliches Erbgut in Schweine-Embryos heranzuzüchten. Die genetische Verwandtschaft ermöglicht es, dass nach rund vier Wochen sich daraus verschiedene Gewebetypen entwickeln, darunter auch Muskelzellen und Vorstufen von Organen. Schweine sind – soweit wir das aus menschlicher Perspektive beurteilen können – besonders einfühlsame und empathische Tiere. Sie verfügen über sehr menschenähnliche Denk- und Beobachtungsfähigkeiten.

Es gibt kein gutes Argument für den Verzehr von Schweinefleisch

Ich kann die ethischen Argumente aber auch für einen Augenblick beiseite lassen, denn die haben im aktuellen politischen Klima in Deutschland sowieso kaum einen Wert. Ansonsten müsste man ja auch darüber diskutieren, warum ein angebliches Verbot von Schweinefleisch offenbar mehr Empörung auslöst als der versuchte rassistische Mord an einem Schwarzen Menschen am Dienstag im hessischen Wächtersbach oder rechtsextreme Bombendrohungen an Moscheen und die Parteizentrale der Linken in Berlin am Montag.

Sind finanzielle Gründe ein Argument für Schweinefleisch? Ich weiß, dass es für viele Familien und oft auch für die Einrichtungen nicht möglich ist, komplett auf Fleisch zu verzichten, weil etwa vegetarische Ersatzprodukte immer noch zu teuer sind oder eine fleischlose Ernährung viel Zeit und Energie beansprucht, um sich mit geeigneten Alternativen auseinandersetzen zu können. Das bedeutet jedoch nicht, dass es dann unbedingt Schweinefleisch sein muss: Die Kosten für andere Fleischsorten von Hähnchen bis Rind bewegen sich in einer ähnlichen Preisspanne.

Lieber ungesund essen, anstatt anderen Menschen einen Schritt entgegenzukommen

Sind es Gründe des Geschmacks? Die meisten Menschen, mit denen ich über den Geschmack von Schweinefleisch spreche, sagen, dass dieses – im Vergleich zu Rind- oder Kalbsfleisch – unangenehm säuerlich schmeckt, was auch damit zu tun hat, dass Schweinefleisch eine Menge gesättigter Fettsäuren und Cholesterin beinhaltet, was etwa zu Arterienverstopfung führen kann. Pauschal lässt sich zwar nicht unbedingt sagen, dass Schweinefleisch ungesünder als Rindfleisch ist. Expert*innen sind sich da uneinig. Doch Ärzt*innen warnen immer wieder, dass gerade Schweinefleisch entzündungsfördernd wirkt und raten gerade nach Operationen dringend zu einem Verzicht.

Wie nennt man noch mal das obsessive und kompromisslose Festhalten an Dingen wider guter Argumente? Ach ja: Fanatismus.

Warum also unbedingt Schweinefleisch? Bei der Debatte der letzten Tage musste ich immer wieder an eine Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah in der taz denken, in der es hieß: „In Online-Umfragen darüber, ob es zusätzlich zu den bestehenden christlichen Feiertagen einen muslimischen für alle Leute geben sollte, stimmte die Mehrheit dagegen. Kartoffeln würden lieber auf einen freien Tag verzichten, als Muslim*innen einmal was zu gönnen. Warum machen sie so?“

Wie nennt man noch mal das obsessive und kompromisslose Festhalten an Dingen wider guter Argumente? Ach ja: Fanatismus. Und wie nennt man das Bestehen darauf, den eigenen Kindern lieber schädliches Essen auftischen zu lassen, als Menschen anderen Glaubens, anderer kultureller Herkunft oder anderer Weltanschauung einen Schritt entgegenzukommen? Die Antwort überlasse ich euch.

Der Originaltext von Seyda Kurt ist bei unserem Kooperationspartner ze.tt erschienen. Hier könnt ihr ze.tt auf Facebook folgen.

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