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Keine Gratiswurstscheiben an der Fleischtheke? Kinderfeindliches Deutschland!

In ihrer Kolumne „Familie und Gedöns“ schreibt Lisa über alles, womit sich Eltern so beschäftigen (müssen), diesmal: Kinderfeindlichkeit.

Alles eine Frage der Perspektive

Bei vielen Dingen im Leben, über die sich Leute gerne aufregen, ist es eine Frage der Perspektive, ob man sich auch aufregt. Was man ja oft liest und hört, ist, dass Deutschland ein ziemlich kinderfeindliches Land sei. Das ist ein sehr schwieriges Thema, finde ich, weil es so kompliziert ist, Kinderfeindlichkeit zu messen, zumindest im Alltag. (Dass politisch viel passieren müsste, um die Situation von Familien, besonders die von Alleinerziehenden und armen oder von Armut bedrohten Familien, zu verbessern, ist sowieso klar.)

Aber jetzt mal so im Alltag, da gibt ja die unterschiedlichsten Parameter, um Kinderfeindlichkeit zu messen: Zu wenig Hochstühle im Restaurant? Kein Kindermenü? Kinderwagen im Café verboten? „Adults Only“-Hotels? Blöder Spruch in der U-Bahn, weil das Kleinkind sich brüllend auf dem Boden wälzt? Ätzender Hintermann im Getränkemarkt, der vor Wut schäumt, weil man seinem Vierjährigen gern ermöglichen möchte, die Pfandflaschen selbst in die Förderröhre einzuführen und das Kind diese Aufgabe mit größtmöglicher Sorgfalt erledigt? Feindliche Blicke im Flugzeug, weil die Leute in der Sitzreihe vor einem es nicht so lustig finden wie das Kleinkind, in fremden Haaren herumzupatschen? Böser Mann im Speisewagen der Deutschen Bahn, der findet, das Kleinkind solle irgendwo anders, aber nicht direkt hinter ihm die Titelmelodie von „Wickie“ singen? Ach, es ist so schwierig. Manches aus dieser Liste empfinde ich persönlich als mies, hinterhältig und gemein, manches nicht. Jeder hat sein eigenes Empfinden. Und wie gesagt, vieles ist eine Frage der Perspektive – ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie ich mich vor einiger Zeit, damals noch kinderfrei, im Getränkemarkt augenrollend in eine Wut auf die Mutter vor mir reinsteigerte, die ihrem etwa dreijährigen Kind seelenruhig jede Flasche einzeln anreichte.

Die Pizza hat keine Olivenaugen? Desaster!

Ich hab mal ein Interview gelesen mit einem dieser sogenannten Erziehungsexperten, die predigen, dass Eltern ihre Kinder heute zu verwöhnten, undisziplinierten und konfliktunfähigen Diktatoren heranzüchten, höchstwahscheinlich war es Michael Winterhoff  oder Bernhard Bueb, der von einem Restaurantbesuch mit seiner Ehefrau berichtete. Die Kinder des Elternpaares am Nachbartisch hätten sich danebenbenommen, indem sie zu laut im Restaurant herumgetobt hätten, und so habe er die Kinder gebeten, doch bitte leiser zu sein, um in Ruhe essen zu können. Daraufhin habe der Vater seine Kinder hämisch ermahnt, doch bitte leiser zu sein, der Mann am Tisch nebenan möge es anscheinend nicht, wenn Kinder lachen. Hach. Eine Frage der Perspektive.

An Stelle vom Erziehungsexperten wäre ich auch genervt gewesen von den Bälgern; an Stelle der Eltern zumindest ein bisschen empört; schließlich macht man ja schon drei Kreuze, wenn das Projekt „Restaurantbesuch mit Kindern“ nicht im völligen Desaster endet, keine Apfelschorlengläser zu Bruch gehen, kein Kind mit dem Hochstuhl umfällt, kein Kind ausrastet, weil die Katzenpizza diesmal keine Augen aus Oliven hat und kein Kellner wie in einer schlechten „Dinner for One“-Parodie strauchelt, weil eine hölzerne Tigerente zwischen seine Beine geraten ist. Da werden sich die Kinder doch verdammt nochmal kurz von ihren Sitzen erheben dürfen, Hauptsache man kriegt irgendwie seinen Teller leer! Dann bleib doch gefälligst zu Hause, wenn du in Ruhe essen willst! Idiot!

Die Bedürfnisse vom Erziehungsexperten und von Restaurant-Eltern lassen sich einfach nicht harmonisch miteinander vereinbaren, fürchte ich.

Was in keinem Text über Kinderfeindlichkeit fehlen darf, ist der unvermeidliche Hinweis, dass die Italiener (wahlweise Spanier, Türken, Griechen…) ja viel kinderfreundlicher seien und Familien dort noch wertgeschätzt würden. Mein anekdotischer Erfahrungswert ist, dass das stimmt: Die Gefahr, dass die Kinder im türkischen Supermarkt mit einem Blaumetallic-farbenen, bei jedem Zahnarzt pures Grauen auslösenden Lutscher ausgestattet werden, ist sehr groß, bei Rewe gleich Null. In Italien werden meine Kinder wie Götter verehrt. Bedienen sie sich im Supermarkt in der Obstabteilung und fangen an, beliebige Früchte zu verzehren, kommt kein schiefer Blick oder der Ladendetektiv; sondern eine entzückte Verkäuferin, die den Apfel wegnimmt, ihn sorgfältig wäscht und poliert und strahlend wieder aushändigt. Und noch ein Panino und eine Orangina dazu reicht.

Ernüchterung an der Wursttheke

Und hier muss ich eine interessante Beobachtung einschieben: Ich glaube, einen Zusamenhang entdeckt zu haben zwischen Kinderfreundlichkeit und wirtschaftlichem Niedergang. Was mir neulich an der Wursttheke passiert ist: Die zuvorkommende Wurstfachverkäuferin fragte die Kinder, ob sie denn wohl gern ein Scheibchen Wurst haben möchten – und angelte dann nicht etwa eine Scheibe aus der Auslage, sondern vom soeben abgewogenen und somit mir bereits in Rechnung gestellten Wurststapel. Schon zwei Freundinnen haben ebenfalls von dieser verstörenden Erfahrung berichtet. Ich glaube, angesichts dieses Zahlenmaterials darf ich jenseits des anekdotischen Charakters dieser Episoden eine gesellschaftliche Tendenz ausmachen: Auch die Zeiten der kostenlosen Gelbwurstscheibe für Kinder scheinen in diesem Land vorbei zu sein. Kein Wunder, dass es mit Deutschland wirtschaftlich prima läuft; kein Wunder, dass Mittelstandsfamilien klagen über kaum mehr zu stemmende Lebenshaltungskosten. In Italien wäre einem die Geschichte an der Wursttheke nicht passiert, niemals.

Kein Wunder, dass die italienische Wirschaft nicht so richtig auf die Beine kommt.

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