Auf dem Bild ist das Gesicht der am 19. Mai zurückgetretenen Familienministerin Franziska Giffey zu sehen.
Foto: Bundesregierung/Jesco Denzel

Wer braucht schon ein Familienministerium?

Die Familienministerin Franziska Giffey tritt zurück, um in Ruhe Berliner Bürgermeisterin werden zu können, die Justizministerin übernimmt ihr Amt bis zu den Wahlen im Herbst – wozu die Aufregung? Wir wissen doch alle seit mehr als einem Jahr, wie gut Dinge nebenher zu schaffen sind.

Was haben sie denn schon wieder alle auf Twitter und anderswo? „Geradezu dramatisch, Familien so zu zeigen, welchen Wert sie haben“; „Verheerendes Signal“; „So kann man auf der Zielgeraden nochmal richtig zeigen, wie scheißegal einem Familien sind.“

Sollte es jemand noch nicht mitbekommen haben: Die Familienministerin Franziska Giffey ist wegen des ständigen Ärgers um ihre unsaubere Doktorarbeit zurückgetreten. Und weil eh bald Sommerpause ist, erst nix mehr passiert und dann schon Bundestagswahlen sind, wird das Ministerium nicht neu besetzt. Die Kollegin aus dem Justizministerium, Christine Lambrecht, übernimmt kommissarisch bis zum Herbst.

Familien sind die wahren Minimalist*innen

Wozu eigentlich die Aufregung? Wozu brauchen wir überhaupt ein Familienministerium? Wir haben doch im vergangenen Jahr gemerkt, dass wir als Familien eigentlich so gut wie gar nichts brauchen: Schule nicht, Kita nicht, vernünftige digitale Ausstattung fürs Homeschooling nicht – ein Handy hat doch eh jede*r. Luftfilter in Schulen nicht, denn es gibt ja in vielen Klassenräumen Fenster, die sich in den meisten Fällen sogar öffnen lassen. Und es gibt Wolldecken, die von zu Hause mitgebracht werden können. Oder eine schöne Fleecejacke.

Unterstützung beim Homeschooling brauchen wir nicht, die meisten Eltern waren schließlich selbst früher mal in der Schule und wissen deshalb grob, worum es geht; bezahlten, pandemiebedingten Sonderurlaub für die Kinderbetreuung brauchen wir auch nicht, denn es gibt Kinderkrankentage, auch wenn das Kind nicht krank ist.

Wir brauchen auch keinen pandemiebedingten, bezahlten Sonderurlaub für die Kinderbetreuung, denn wenn die Kinderkrankentage nicht reichen, kann man immer noch den Jahresurlaub aufbrauchen.

FFP2-Masken brauchen Kinder auch nicht, die passen denen ja eh nicht.

schönstes Geschenk: ein Aufholprogramm

Mehr Therapieplätze für pandemiebelastete Kinder und Jugendliche und mehr Plätze in Frauenhäusern wegen steigender häuslicher Gewalt brauchen wir auch nicht, denn wir schenken Kindern und Jugendlichen ein „Aktionsprogramm Aufholen nach Corona“ und Müttern einen frei wählbaren zusätzlichen Muttertag pro Monat.

Irgendwo hab ich neulich die erfrischende These gelesen, der Wechsel zwischen Präsenzunterricht und Homeschooling könne für Kinder und Jugendliche durchaus erfrischend sein. Und mehr Flexibiliät für uns Eltern bedeutet das doch auch!

Ich bin wirklich froh und dankbar, liebe Politiker*innen, dass ich lernen durfte, mich zusammenzureißen, wenn es hart auf hart kommt. Oder schöner gesagt im Empowerment- Blabla: dass ich über mich hinauswachsen und erkennen durfte, was ich schaffen kann, wenn ich nur an mich glaube.

Konzentration auf das Wesentliche

Vor eineinhalb Jahren noch klammerte ich mich ans Bein von zufällig greifbaren Erzieher*innen, wenn ich entsetzt und ungläubig am Schwarzen Brett der Kita die Ankündigung einer eintägigen Schließzeit wegen Betriebsausflug oder Fortbildung gelesen hatte. „Nein,“ brüllte ich, „Nein, bitte nicht! Das könnt ihr mit mir nicht machen! Tut mir das nicht an! Nicht! Bittteeeee….!!!!!“ – Heute krieg ich eine Oxytocin-Ausschüttung, wenn ich kinderfrei und in himmlischer Ruhe zehn Minuten in einem ranzigen Berliner Linienbus sitzen darf, um zum Arzt zu fahren.

Und ist genau das nicht wunderbar? Das wir so geerdet wurden? Gelernt haben, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren? Die kleinen Dinge wertzuschätzen? Kein Eventdruck, kein Planungsmarathon? Minimalismus? Zum Glück gibt es schnell arbeitende Verlage und Autor*innen, die uns mit Ratgebern wie diesem tatkräftig unterstützen: „Homeoffice mit Familie. Wie Sie sich selbst, Arbeit und Familie so organisieren, dass (fast) nichts zu kurz kommt.“

Ein zusätzliches Ministerium nebenher

Jedenfalls: Christine Lambrecht kriegt das zusätzliche Ministerium für die paar Monate bestimmt auch unter einen Hut mit ihrer restlichen Arbeit. Gibt gerade eh nicht so viel zu tun, ist ja Pandemie und alles zu. Und alle Projekte aus dem Koalitionsvertrag, hab ich gelesen, sind schon abgearbeitet.

Eltern durften in den vergangenen fast eineinhalb Jahren lernen, dass sie alles schaffen können. Deshalb ist die Entscheidung nach Giffeys Abgang für ihre „Herzenssache Berlin“ nur konsequent, gewissermaßen eine Analogie zu dem, was Familien  seit mehr als einem Jahr erleben: Kinderbetreuung und Bildung? Nicht so wichtig, könnt ihr zusätzlich zum Job nebenher erledigen; Familienpolitik? Nicht so wichtig, macht die Justizministerin nebenher.

Jetzt muss Christine Lambrecht nur höllisch aufpassen, dass sie auf der Zielgeraden nicht noch etwas durcheinanderbringt, deshalb hier als Crashkurs für die neue Aufgabe: Von „Priorität“ darf man als Familienministerin nur reden, aber machen darf man nichts.  Sonst wäre die bisher konsequente Pandemie-Politik „Davon reden, dass Kinder und Jugendliche absolute Priorität haben, um dann Baumärkte aufzumachen“ gefährdet. Und die paar Monate bis zur Bundestagswahl ziehen wir das doch jetzt einfach noch durch.

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Studium der Politikwissenschaften, nach Ausbildung zur Redakteurin an der Berliner Journalisten-Schule Stationen bei NEON Online und Vanity Fair, freie Autorin für Magazine, Zeitungen und Online, Buchautorin, seit November 2014 Redakteurin bei EDITION F mit Schwerpunkt Familie und Gesellschaft, seit Januar 2020 Textchefin. Foto: Jennifer Fey

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