Auf dem Foto ist Lisa Seelig zu sehen, im Hintergrund ein Straßenzug.
Foto: Sebastian Geis

Endlich hab‘ ich dich wieder – du nervst mich so krass!

Lisa Seelig schreibt in ihrer Familienkolumne über den bittersüßen, unheimlich anstrengenden Zwiespalt, die eigenen Kinder in der Pandemie so nah wie nie bei sich zu haben, das oft zu genießen – und manchmal kaum zu ertragen.

Puh, dieses Jahr, diese gut 15 Monate Pandemie haben Spuren hinterlassen. Ich hab lange relativ hervorragend durchgehalten, finde ich. Und eigentlich geht es gerade steil bergauf, die großen Kinder sollen jetzt sogar bis zu den Sommerferien pausenlos in die Schule gehen, unvorstellbar! Das kleinste Kind geht vier Tage die Woche in die Kita … und dennoch. Ich bin selbst überrascht, warum ich ausgerechnet jetzt ab und zu das Gefühl habe: Kann ich nicht. Will ich nicht. Geht gerade nicht.

Nein, ICH KANN EINFACH NICHT vier winzige Gummigamaschen an die Streichholzbeine vom Playmobilpferd friemeln. Und noch schlechter kann ich mit dem Tobsuchtsanfall umgehen, der folgt, sollte ich den Auftrag verweigern. Nein, ich kann den verdammten Knoten aus der beschissenen ranzigen Jogginghose des mittleren Kindes jetzt nicht lösen. Aber die Weinerlichkeit soll bitte trotzdem aufhören.

Basteln, Turnen, gerne ohne mich

Die Zeiten, in denen täglich pro Zeitung, Magazin und Onlinemedium mindestens drei Texte erschienen, in denen ermutigend aufgelistet wurde, wie man die gemeinsame Zeit mit den Kindern zu Hause bastelnd, spielend und turnend verbringen kann, sind schon lange, lange vorbei. Und lange vorbei ist es auch mit meiner Energie, irgendetwas davon auszuprobieren. Kaum vorstellbar, wie unheimlich viel ich habe basteln und turnen lassen vor etwa einem Jahr. Heute will ich einfach nur meine Ruhe, auf keinen Fall basteln und wenn Turnen, dann so, dass ich es nicht mitkriege.

Es ist paradox: Zum einen also fehlt zu Hause jeglicher Elan, die gemeinsame Zeit mit schönen Dingen zu füllen, andererseits geraten alle in Panik, wenn sie sich voneinander trennen sollen. Mitunter spielen sich herzzerreißende Szenen ab: Ich auf dem Weg zum Fahrradständer, hinter mir ein verzweifelt brüllendes vierjähriges Kind, das sich an mich klammert, als hätte ich gerade angekündigt, zum Hafen radeln zu wollen, um dort ein Schiff nach New York zu besteigen und auf einem anderen Kontinent ein neues, kinderfreies Leben zu beginnen. „Nein, nein Mama du darfst nicht gehen, Neeeeeiiiiinnnn!!!!!“

Hilfe, ein ganzer Tag ohne Kita?

Vor der Pandemie geriet ich in Panik, wenn die Kita außerplanmäßig einen Tag schloss, für einen Betriebsausflug oder gar eine Fortbildung. Allen Ernstes zweifelte ich damals an der Möglichkeit, dass wir es schaffen würden, das Kitakind EINEN GANZEN TAG ZU HAUSE betreuen zu können. Und nun habe ich drei Kinder seit gut 15 Monaten so eng und intensiv um mich, wie ich es mir in meinen ärgsten Fieberträumen niemals hätte ausmalen können.

Was mich total fasziniert, ist diese Gleichzeitigkeit: einerseits diese unerträglich große Sehnsucht nach Ruhe, nach Runterkommen, nach In-Ruhe-gelassen-Werden. Und dann zu merken, wie das Herz hüpft, wenn das Kitakind auf dem Fahrradsitz seines Vaters nach Hause geritten kommt, ich schon hinter dem Glas der Terrassentür hin- und hertigernd, die Wiedersehensszene fühlt sich dann ungefähr so an, nur dass in unserer Szene alle Jogginghosen anhaben:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Herzzerreißende Szenen im Joggingoutfit

Ich glaube, dahinter steckt eine neue Angst; Angst, dass jemand aus der Herde fehlt. Ich hoffe, dass das wieder weggeht. Denn ich bin davon überzeugt, dass Distanz JEDER Beziehung guttut. Ein Freund von mir, ebenfalls drei Kinder, dem ich von meinen Sissi-Gefühlen erzählte, kommentierte trocken: „Am süßesten sind sie immer, wenn sie länger weg waren.“

  1. In dieser Pandemie sind Eltern-Kind-Beziehungen, Arbeit und Familie, Nähe, Freiraum und Zusammengehörigkeitsgefühl nicht nur auf die Probe gestellt worden, sondern haben in manchen Bereichen gut bestanden. Der Spagat zwischen “ich bin immer für dich da” und dem eigenen Bedürfnis “in Ruhe gelassen zu werden” oder einfach nur “in Ruhe arbeiten” zu können, nimmt nicht nur andere Formen an, sondern lässt für fast jeden wenig Freiraum. Zwingen die Umstände zu neuen Ideen, sind sie hier extrem herausfordernd, vor allem, wenn es trotz neuer Ideen wenig Möglichkeiten gibt, die pandemieverträglich sind. Die Vorstellung, Care-Arbeit und Beruf oder gar Karriere gleichzeitig ohne jede Unterstützung von außen zu schultern, scheitert entweder an einer romantischen Vorstellung, an den Möglichkeiten oder letzten Endes am Ende der eigenen Kräfte.
    Der emotionale Spagat, die emotionale Fürsorgearbeit und die Zeit, die dafür nötig sind, wird leider sehr unterschätzt oder fast außer Acht gelassen. Letzten Endes wird unterschätzt, welchen Wert diese Care-Arbeit als Folge für das weitere Leben des Einzelnen und ebenso für die Gesellschaft bringt. Ich finde den Vergleich zu dem Sissi-Herzschmerz sehr treffend, da ihr das Kind weggenommen wurde, damit sie ihren “Verpflichtungen” nachkommen konnte. Wir wissen, es hätte auch einen anderen Weg gegeben, der für Mutter und Kind verträglicher gewesen wäre, nach dem Motto: wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Unter dem Eindruck der Pandemie-Einschränkungen kommen einem derartige Möglichkeiten regelrecht leicht vor und man kann im Moment nur müde mit den Schultern zucken, weil hier der Wille nicht allein ausreicht. Wenn weder die Oma oder der Opa, noch die Nachbarin und auch nicht die Freunde der Kinder zu nah kommen dürfen, sieht das Ganze wesentlich schwieriger aus und reißt einem fast alle Möglichkeiten weg. Eltern sind – vor allem seit beide Elternteile berufstätig sind – schon immer als Multitalente herausgefordert gewesen, jetzt sieht es nicht mehr nur nach Multitalent aus, jetzt wirkt es fast wie eine Art Omnipräsenz-Erwartung. Es gab in der Geschichte immer wieder ähnliche Extrem-Ausnahme-Situationen (z.B. im Krieg), die sich ähnlich angefühlt haben müssen. In der Regel blieb dann irgendetwas anderes – meistens etwas wichtiges – dafür auf der Strecke und man musste entweder persönlich oder sogar als Gesellschaft mit den Folgen und Spätfolgen zurecht kommen.
    Das neue Motto: “Zusammenhalten ist die Devise” – ist nur die halbe Geschichte, weil das Einkommen trotzdem weiter fließen muss. Jedoch hat es die Familien enger “zusammengeschweißt” und Menschen besinnen sich wieder mehr auf das was “wirklich wichtig” ist. Diese Effekte können einen gesellschaftlichen Umbruch auslösen und bergen immer Chancen, die uns zu einer besseren Gesellschaft machen können. Dabei kommt es auf jeden an und deshalb hoffe ich sehr, dass wir als Einzelne und als Gesellschaft diese Chancen für unsere Familien, Kinder und das Arbeits- und Erwerbsleben nutzen und zum Besseren verändern. Ich finde es sind bereits gute Ansätze dazu erkennbar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Anzeige