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Endlich! Die ideale Ausrede für alle, die keine Lust auf Kinderturnen und Mini-Chor haben

In ihrer Kolumne „Familie und Gedöns“ schreibt Lisa über alles, womit sich Eltern so beschäftigen (müssen), diesmal: Reduktion auf das Wesentliche.

Job und Kita zu Ende: Ab auf die Couch!

Bei den meisten Kitas und Schulen ist nachmittags Feierabend; das heißt, es bleiben jede Woche fünf Nachmittage, die es sinnvoll zu füllen gilt. Mir geht es ehrlich gesagt meistens so, dass ich nach Job und Kita-Abholen einfach nur nach Hause will, und bete, dass die
Kinder nicht schon wieder an der Freifläche hängen bleiben, die laut Beschilderung ein Spielplatz sein soll und aussieht wie ein Truppenübungsplatz
nach einem Atomschlag.

Zu Hause will ich mich idealerweise aufs Sofa setzen, den „Spiegel“ lesen, und höchstens mal eben zwischendurch ein paar in einem Mama-Food-Blog entdeckte Kichererbsenmehl-Pancakes fürs Abendessen ausbacken, während die Kinder sich mit sich selbst beschäftigen.

Playdate, Mäusechor, Kinderturnen

Klar, dass unsere Nachmittage dann doch meistens anders aussehen: Nämlich so, dass ich, noch ein oder zwei zusätzliche Kinder im Schlepptau, die als Playdate fungieren, verzweifelt versuche, große Straßen zu überqueren, ohne dass eines der vielen Kinder dabei auf der Strecke bleibt; oder ich sitze im Aufenthaltsraum der lokalen Kirche und versuche, ein verängstigtes dreijähriges Kind davon zu überzeugen, dass es doch bestimmt furchtbar viel Spaß macht, im „Mäusechor“ mitzusingen; oder ich renne auf Socken durch eine miefige Turnhalle; eine Zeitlang hab ich das mit dem Kinderturnen tatsächlich durchgezogen, richtig
lang sogar, obwohl die Nerven aller Beteiligten danach völlig zerfetzt waren (was für eine blöde Idee eigentlich: Kinder, die fix und fertig sind von ihrem Arbeitstag in der Kita, gleich in die nächste Massen-Hysterie zu schicken).

Genauer gesagt handelte es sich um so genanntes „Eltern-Kind-Turnen“, was bedeutete, dass alle Eltern, in der Mehrheit Mütter, die eigentlich am liebsten schön auf den Bänken gefläzt und unbehelligt den attraktiven spanischen Turnlehrer angehimmelt hätten, eben jenem Turnlehrer, Froschgeräusche imitierend, auf allen vieren hinterherhüpfen beziehungsweise ihrer Brut durch Stoffröhren hinterherkriechen mussten.

Weniger ist mehr!

Nein, das ist alles kein Spaß. Aber ihr werdet das vielleicht kennen: Wenn gefühlt alle anderen Kinder aus der Kitagruppe Ballett und Capoeira machen – dann müssen wir auch! Aber warum eigentlich? Das vierjährige Kind hat in der Kita: montags Turnen, dienstags Musikschule, mittwochs Englisch, donnerstags Kochen und Backen, freitags Trommeln. Das zweijährige Kind macht in der Kita neuerdings Yoga.

Und trotzdem macht es mich fertig, wenn ich in einschlägigen Magazinen, die ich einfach nicht liegen lassen kann („Kidsgo“) und auf einer Million Aushängen im Familienzentrum sehe, was meine Kinder alles verpassen: Kindertanz, Instrumentenkarussell, musikalische Früherziehung, Karate. Interessant übrigens auch, dass alle Eltern immer sehr gerne betonen, was für einen „super Spaß“ all das ihren Kindern machen würde, die da alle „echt total gern“ hingehen würden. Eh klar.

Deswegen war ich sehr, sehr froh, als mir eine Kollegin neulich den Link zu diesem Mann schickte:

Quelle: Youtube

Mein neues Zauberwort, mit ich künftig souverän all die übereifrigen Capoeira-Eltern in die Schranken weise: Simplicity Parenting.

Der Simplicity-Parenting-Guru sagt nämlich, dass wir von der Wiege an damit beginnen würden, unsere Kinder zu überwältigen und zu überfordern: zu viele Sachen, zu viele Themen, zu viel Spielzeug, zu viele Bücher, zu viel Druck durch zu viele Pläne. So viel Ablenkung und so wenig Zeit, die Kinder in Ruhe allein verbringen können. Warum, fragt der Guru, suchen wir nicht nach Wegen, um diesen Wasserfall des Zuvielseins einzudämmen? Was wir nämlich in unseren modernen Zeiten vergessen hätten: dass Langeweile ein Geschenk sei. Er spricht vom „unerklärten Krieg gegen die Kindheit“.

Sehr, sehr gut. Habe ich also intuitiv mal wieder alles richtig gemacht, Stichwort auf der Couch sitzen. Endlich eine fundierte Ausrede, warum Mäusechor, Kinderturnen und Capoeira künftig in unserer Abwesenheit stattfinden.

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