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„Ich möchte in meiner Gesamtheit und nicht nur als Ressource gesehen werden“

Welchem Umgang pflegen Menschen mit ihren Gefühlen am Arbeitsplatz? Und was wünschen sie sich von Vorgesetzten und Kolleg*innen? Darüber haben wir mit einer ehemaligen Busfahrerin, einer Unternehmensberaterin und einer Soziologin gesprochen.

Hier geht‘s zum ersten Teil der Interviews.

Obwohl viele Menschen fast einen Drittel ihres Lebens mit Arbeiten verbringen, könnte ein Großteil von ihnen sicher nicht sagen, welche Rolle für sie Gefühle am Arbeitsplatz einnehmen. „Gefühle sind privat und gehören nicht in den Job“ scheint eine weit verbreitete Meinung zu sein. Eine Studie der Universität Yale sagt jedoch etwas anderes: Vorgesetzte, die sich für die Gefühle der Mitarbeiter*innen interessieren und sich emphatisch verhalten, haben zufriedenere Angestellte. Zeit also, alte Glaubenssätze über Bord zu werfen?

Das haben wir drei Frauen mit drei sehr unterschiedlichen Berufen gefragt. Für die Unternehmensberaterin und Aktivistin Hami Nguyen ist es im Homeoffice schwer, eine emotionale Bindung zur Arbeitsstelle aufzubauen. Busfahren war für Susanne Schmidt der beste Beruf der Welt, obwohl die Fahrgäst*innen ihre Laune oft an den Fahrer*innen auslassen. Die Soziologin und Publizistin Laura Wiesböck fordert, dass strukturelle Ursachen für Gefühle wie Überforderung oder Zukunftsangst nicht individualisiert werden dürfen.

Hami Nguyen

Hami arbeitet seit 2017 in der Unternehmensberatung. In ihrem aktuellen Job ist sie nur noch wenige Monate tätig, denn: Sie hat kürzlich gekündigt – und das ohne direkt etwas Neues in Aussicht zu haben. Über den anstehenden Neubeginn und ihre Gedanken dazu spricht sie auch auf ihrem Instagramaccount @hamidala_. Hami ist Mutter, Feministin und aufgrund ihrer Diskriminierungserfahrungen unfreiwillig aktivistisch unterwegs.

Foto: Privat

Welche Emotion ist bei deinem Job aktuell am präsentesten?

„Ich habe meinen derzeitigen Job erst im vergangenen Jahr im Frühjahr angefangen. Aufgrund der nun seit über einem Jahr andauernden Pandemie habe ich meine Kolleg*innen nie persönlich kennenlernen können. Ausschließlich virtueller Kontakt beeinflusst definitiv die emotionale Bindung zum Beruf. Der ausbleibende Smalltalk in der Mittagspause oder am Kaffeeautomaten, die fehlende Büroatmosphäre kombiniert mit dem Privaten, was durch das Homeoffice kaum zu trennen ist, führt für mich dazu, dass negative Emotionen zum Job kaum ausgeglichen werden können. Erfolge, die normalerweise gemeinsam gefeiert werden, bleiben durch den Online-Kontakt nahezu aus. “ 

Wie gehst du mit deinen Emotionen im Arbeitsumfeld um, nutzt du da bestimmte Strategien, hast du Tipps für andere?

„Emotionen schaffen Bindung und können Motivation hervorrufen. Ich versuche aber, ganz klar zu trennen: Welche Emotionen betreffen die Arbeit und welche mein Privatleben? Wie viel möchte ich von mir preisgeben? Wenn ich mich beispielsweise nach einer Trennung kaum konzentrieren kann, dann ergibt es für mich keinen Sinn, mich zur Arbeit zu zwingen. Es ist meines Erachtens wichtig, erstmal auf sich zu schauen. Emotionen lassen sich besser kommunizieren, wenn man sie selbst eingeordnet hat. Das alles natürlich unter der Prämisse, dass es möglich ist, sich krankschreiben zu lassen. Falls das nicht geht, würde ich persönlich versuchen, das Gespräch mit einer vertrauten Person im Arbeitsumfeld zu suchen und eventuell eine Lösung zu finden. 

Wenn ich aber bezüglich der Arbeit wütend oder enttäuscht bin, weil ich vielleicht nicht befördert wurde, ist es meiner Meinung nach tatsächlich gut, diese Gefühle zu kommunizieren, um Klarheit zu schaffen. Enttäuschung und Wut resultieren in dem Kontext ja meistens aus unerfüllten Erwartungshaltungen. Allerdings möchte ich das ganz klar von struktureller Benachteiligung trennen. Das ist nochmal eine ganz andere Thematik, die hier den Rahmen sprengen würde.“

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Gibt es Emotionen, die du im Arbeitskontext niemals offen zeigen würdest?  

„Für mich gibt es da prinzipiell kein Tabu. Das hängt von vielen Faktoren ab. Wenn ich eine Kollegin habe, die ich sehr mag, dann zeige ich ihr auch meine Emotionen. Ich finde es in vielen Situationen sogar sinnvoller, Emotionen offen zu kommunizieren, statt zu großen Spielraum für Interpretationen zu lassen. Es sind immer noch Kolleg*innen, die einen nicht so gut kennen, wie die eigene Familie oder Freund*innen und von denen man nicht erwarten darf, dass sie wissen, was eine*n selbst gerade bedrückt oder beschäftigt. Gleichzeitig steht man nicht in der Pflicht. Wenn ich etwas für mich behalten möchte, dann ist auch das mein gutes Recht. Hier würde ich je nach Situation entscheiden und manchmal reicht auch einfach ein: ,Du, ich bin heute nicht gut drauf, ich würde lieber für mich arbeiten.‘“

Wie reagierst du, wenn Kolleg*innen dir gegenüber negativ konnotierte Gefühle offen zeigen?

„Es kommt hier auf das Machtgefälle an. Wenn mein*e Vorgesetzte*r aus privaten Gründen schlechte Laune hat oder wütend ist und mir gegenüber unfair ist, dann ist das problematisch. Wenn es aber eine Person ist, die mir nicht übergeordnet ist, würde ich nachfragen, ob sie darüber reden möchte. Ich denke, man selbst kann auch sehr viel dazu beitragen, dass es kein Tabu sein muss, eigene Gefühle offen zu zeigen.“

„Emotionen begleiten nun einmal unser Leben und wenn wir nicht lernen, damit auch am Arbeitsplatz umzugehen, gehen ganz viel Potenzial, Inspiration und auch Freude verloren.

Hami Nguyen

Was würde dir im Umgang mit Emotionen am Arbeitsplatz guttun und was fehlt dir diesbezüglich in unserer Arbeitswelt?

„Emotionen, insbesondere negative, zu zeigen, setzen viele mit Schwäche gleich. Und das ist meiner Meinung nach ein Problem. Das entmenschlicht und degradiert Mitarbeitende zu Robotern der Wirtschaft. Schwäche zu zeigen und Fehler zu machen ist in der kapitalistischen Gesellschaft nicht gern gesehen. Das finde ich nicht sehr nachhaltig. Emotionen begleiten nun einmal unser Leben und wenn wir nicht lernen, damit auch am Arbeitsplatz umzugehen, gehen ganz viel Potenzial, Inspiration und auch Freude verloren. Ich möchte doch in meiner Gesamtheit und nicht nur als Ressource gesehen werden. Ich könnte mir beispielsweise ein tägliches Check-in im Team, allgemein auf die eigene Tagesform bezogen, vorstellen. Wie geht es mir heute? Was wünsche ich mir? Brauche ich heute vielleicht eher Arbeit für mich oder ist Teamwork heute gut? Es ist doch so, dass es ein Nehmen und Geben ist. Niemand kann konstant 100 Prozent geben.“

Susanne Schmidt

Susanne Schmidt war im Laufe ihres Lebens Erzieherin, Drehbuchautoin, Stadtführerin, Pförtnerin und Social-Media-Managerin. Von Sommer 2015 bis Januar 2016 arbeitete sie außerdem als Busfahrerin bei der BVG. In ihrem Buch „Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei“ erzählt Susanne Schmidt von ihren Erfahrungen in diesem für sie schönsten Beruf der Welt.

Foto: Alexandre Sladkevich

Welche Emotion war in Ihrem Job als Busfahrerin am präsentesten?

„Mit meinen Kolleg*innen war das vor allem Irritation, Erschöpfung und Enttäuschung. Gemeinsam mit den Fahrgäst*innen dominierte bei mir das Gefühl der Freude.“

Wie gehen Sie mit Ihren Emotionen im Arbeitsumfeld um, nutzen Sie da bestimmte Strategien, haben Sie Tipps für andere?

„Meinen Kolleg*innen bin ich stets offen und freundlich begegnet. Es gab nur sehr vereinzelt Kolleg*innen, die sich zeitgleich mit mir im Bushof aufhielten. Als ältere Frau mit viel Lebenserfahrung weiß ich sehr genau, was ich kann, was ich mir zutraue und was nicht. Aus diesem Grund habe ich mein Selbstbewusstsein auch nicht vor dem Hoftor abgegeben. Stattdessen habe ich Unsicherheiten, die ich als Berufsanfängerin hatte, offen angesprochen. Wenn einer meiner Kollegen sich mir gegenüber unfreundlich verhielt, habe ich nach dem Grund gefragt. Mit meinen Vorgesetzten konnte ich über Sorgen und Probleme bei und durch die Arbeit sprechen. Da sie im Bus ja nie mit dabei waren, wir de facto also nie zusammengearbeitet haben, waren sie verstärkt darauf angewiesen, dass ich ihnen von meinen Erfahrungen und Gedanken erzähle. 
Den Fahrgäst*innen gegenüber war ich immer sehr freundlich, habe aber auch gleichzeitig deutlich gemacht, dass ich das Sagen im Bus habe. Unsicherheiten habe ich nur im äußersten Notfall gezeigt, als ich zum Beispiel noch ganz neu im Job war und einen Fahrgast nach der genauen Strecke der Buslinie fragen musste.“

„Wer gut behandelt wird, gibt das bewusst und unbewusst weiter.“

Susanne Schmidt

Gibt es Emotionen, die Sie im Arbeitskontext niemals offen zeigen würden? Wenn ja, warum?

„Privates habe ich eigentlich größtenteils zuhause gelassen. Ich habe meinen Kollegen gegenüber niemals Ängste oder Unsicherheiten offen gezeigt. Das hätte ihre Vorurteile gegenüber Frauen als Busfahrerinnen nur bestätigt. Sie hätten das wahrscheinlich niemals vergessen und hätten diese Schwäche auf meine gesamte Persönlichkeit übertragen.  Verachtung ist ein Gefühl, das meiner Meinung nach nicht an den Arbeitsplatz gehört. Respekt ist sehr wichtig und macht es leichter, miteinander zu kommunizieren und zu arbeiten. 
Die Fahrgäst*innen habe ich berufsbedingten Stress oder Ärger meinerseits nie spüren lassen.  Sie konnten ja nichts dafür, dass ich zu viel arbeiten musste. Warum hätte ich es also ausgerechnet an ihnen auslassen sollen? Ich wollte ihnen lieber ein sicheres und gutes Gefühl geben.“

Wie reagieren Sie, wenn Kolleg*innen Ihnen gegenüber negativ konnotierte Gefühle offen zeigen?

„Wenn sich jemand mir gegenüber unfreundlich oder sogar wütend verhielt, habe ich es offen und möglichst sachlich angesprochen, um die Ursache für das Verhalten zu erfahren und den Konflikt beizulegen. Wenn ich dann gemerkt habe, dass die negativen Gefühle mir gegenüber nicht zu ändern waren, weil beispielsweise mein Geschlecht der Grund dafür war, habe ich das zähneknirschend akzeptiert. Erlebnisse dieser Art haben mich immer sehr verwirrt. Je nachdem, wie heftig und aggressiv Fahrgäst*innen mich beleidigt, behindert oder bedroht haben, habe ich dementsprechend stark reagiert. Wichtig war es, deutlich zu machen, dass ich die Busfahrerin und somit die Chefin im Bus bin. Oft reichte ein strenger Blick, ein erhobener Zeigefinger oder ein ,Jetzt ist aber mal gut‘ aus.“

„Leistung sollte nicht in Arbeitsstunden gemessen werden, sondern in Inhalten. Warum wird Überarbeitung als Schwäche der Arbeitnehmer*innen betitelt und nicht als Versagen der Geschäftsleitung?“

Was würde Ihnen im Umgang mit Emotionen am Arbeitsplatz guttun und was fehlt Ihnen diesbezüglich in unserer Arbeitswelt?

„Respekt unter den Kolleg*innen hat mir sehr gefehlt. Ich wäre beispielsweise gerne von allen mit meinem Namen angesprochen worden statt mit einer Dienstnummer. Bessere Arbeitszeiten, kürzere Dienste, weniger Linienwechsel, angemessene Toilettenräume, echte Pausenzeiten, mehr Hygiene am Arbeitsplatz – all das würde emotional riesige Veränderungen schaffen. Wer gut behandelt wird, gibt das bewusst und unbewusst weiter.
Die Fahrgäst*innen wälzen ihren ganzen Unmut und Ärger aus dem Alltag natürlich auf mich als die Busfahrerin ab. Sie wissen ja auch nicht, was der Grund für meine Verspätung ist, sondern ärgern sich nur, dass sie zu spät einem Termin kommen. Hier fehlt mir Aufklärung und ein Bewusstsein dafür auf Seiten der Fahrgäst*innen. Außerdem wünsche ich mir wirkliche Vorfahrt für Busse im Straßenverkehr. Insgesamt fehlt in unserer Arbeitswelt das Bewusstsein für das soziale und zwischenmenschliche Miteinander. Leistung sollte nicht in Arbeitsstunden gemessen werden, sondern in Inhalten. Warum wird Überarbeitung als Schwäche der Arbeitnehmer*innen betitelt und nicht als Versagen der Geschäftsleitung?“

Laura Wiesböck

Laura Wiesböck ist promovierte Soziologin und Publizistin in Wien. Sie forscht zu Formen, Ursachen und Auswirkungen von sozialer Ungleichheit. In der Lehre widmet sie sich darüber hinaus Themen wie Coolness als kulturelle Praxis oder Soziologie der Liebe. In ihrem Buch „In besserer Gesellschaft. Der selbstgerechte Blick auf die Anderen“ analysiert die Soziologin die menschliche Sehnsucht nach Überlegenheit. 

Foto: Katharina Gossow

Welche Emotion ist bei deinem Job aktuell am präsentesten?

„Unsicherheit. Nach mehr als zehn Jahren Forschungstätigkeit mit 30 universitären Verträgen nimmt das Bedürfnis nach einem stabileren Arbeitsverhältnis zu. Darauf gibt es in der Wissenschaft allerdings kaum Aussicht.“ 

Wie gehst du mit deinen Emotionen im Arbeitsumfeld um, nutzt du da bestimmte Strategien, hast du Tipps für andere?

„Ich nehme sie wahr und lebe sie zu einem gewissen Grad auch aus. Freude oder Ernüchterung mit Kolleg*innen zu teilen und dazu ihre Sichtweisen oder Erfahrungen zu hören, ist oft hilfreich und verbindend.“

Gibt es Emotionen, die du im Arbeitskontext niemals offen zeigen würdest? 

„Das kann ich so pauschal nicht sagen. Generell erwarte ich von erwachsenen Menschen, dass sie ihre Gefühlen nicht dauerhaft impulsiv oder reaktiv ausdrücken. Das hat für mich infantile Züge. Oft steckt dahinter Überlastung oder eine mangelnde Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu regulieren.“

Wie reagierst du, wenn Kolleg*innen dir gegenüber negativ konnotierte Gefühle offen zeigen?

„Das kommt darauf an. Wut kann zum Beispiel eine Maskierung von Verletzlichkeit sein. Anstatt sich selbst verletzlich zu zeigen, verletzt man andere. Wut kann aber auch ein wichtiger Ausgangspunkt dafür sein, sich gegen wahrgenommene Ungerechtigkeit zu positionieren. Insofern variieren die Reaktionen von deutlicher Grenzziehung bis zum Versuch zu unterstützen.“

„Die Einführung von selbstbezogenen Praktiken der kosmetischen Symptombekämpfung, wie Achtsamkeitsübungen oder Meditation am Arbeitsplatz werden systemisch kaum etwas bewirken.“

Laura Wiesböck

Was würde dir im Umgang mit Emotionen am Arbeitsplatz guttun und was fehlt dir diesbezüglich in unserer Arbeitswelt?

„Gut fände ich, den Fokus auf strukturelle Ursachen von Gefühlen wie Druck, Unsicherheit und Überforderung zu legen, wie die Zunahme an prekären Beschäftigungen und Armutsrisiken, zu lange Arbeitszeiten, Mehrfachbelastungen, verstärktes Konkurrenzdenken und berechtigte Abstiegsängste. Die Einführung von selbstbezogenen Praktiken der kosmetischen Symptombekämpfung, wie Achtsamkeitsübungen oder Meditation am Arbeitsplatz werden systemisch hingegen kaum etwas bewirken.“

Emotionen im Job. Warum wir Gefühle brauchen – auch bei der Arbeit.

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Sherin El Safty studiert in Bochum Islam- und Sozialwissenschaften. Ihre Themen bewegen sich vor allem im gesellschaftlichen und popkulturellen Bereich. Besonders interessieren sie die Themen Feminismus, Theater, Religion, Klassismus und Nahostpolitik. Mit anderen Nachwuchsjournalist*innen betreut sie derzeit das Insta-Projekt @journojobs, wo es spannende Interviews und Tipps für Nachwuchsjournalist*innen gibt.

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