Fotos: s. Artikel

„Tragt alles, was ihr wollt! No shame in the game!“

Mode ist mehr als ein Mittel zur Bekleidung unserer Körper. Neben Ästhetik hängen mit ihr auch stets ethische und politische Aspekte zusammen – aber wie lassen sich diese vereinbaren? Das und noch viel mehr haben wir drei spannende Personen gefragt.

Hier geht’s zum ersten Teil der Interviews.

Mode ist ein Werkzeug, das uns ermöglicht, Individualität auszudrücken. Darüberhinaus geben wir mit unserem Kleidungsstil jedoch noch eine ganze Menge mehr über uns preis, ob bewusst oder unbewusst. Dazu gehören auch politische Statements, sodass Mode sogar als Form des Protests gewertet werden kann.

Meriem Lebdiri ist eine der erfolgreichsten deutschen Modedesignerinnen im Bereich Modest Fashion. Bereits im Alter von zwölf Jahren war sie damit konfrontiert, dass die Modewelt nicht das hergab, was für sie passend war. Aus diesem Grund entschied sie sich, Mode einfach selbst zu entwerfen. Für die Coachin Jana Ahrens liegt die besondere Bedeutung einzelner Kleidungsstücke nicht mehr in den Klamotten selbst, sondern viel eher in den Erinnerungen an Momente, die sie mit diesen Stücken verbindet. Und die Performerin Andra aka Mother Ambrosio Gucci Angels hat durch die Ballroom-Szene einen neuen Zugang zu ihrem eigenen Körper und Style gefunden.

Meriem Lebdiri

Meriem Lebdiri gründete ihr Fashion Label Mizaan 2012 gleich nach dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Modedesignerin. In ihren Designs verbindet sie deutsche Geradlinigkeit mit ihren algerischen Wurzeln: Klare Schnitte treffen auf fließenden Stoff. Sie gilt als Pionierin und Verfechterin für Modest Fashion in Deutschland.

Foto: Selma Lebdiri

Gibt es ein Kleidungsstück, das eine besondere Bedeutung für dich hat? Erzähl uns davon! 

„Es gibt viele Teile aus meiner Kollektion, die mir viel bedeuten – vor allem aus der Dubai-Kollektion 2018, die meine persönlichste Kollektion war. Die Kollektion trägt den Namen ‚Chapters of Life‘ und jedes der 20 Kleidungsstücke steht für ein Kapitel aus meinem Leben. Eines davon ist ein knielanger, gerade geschnittener Blazer. Er is aus schwarzer Viskose und begleitet mich bis heute zu fast jedem Meeting. Ich trage ihn meist nur über die Schultern, ohne richtig reinzuschlüpfen. Ich finde, das hat was Mächtiges, ohne aufdringlich zu wirken.“

Welche Bedeutung hat Mode allgemein für dich? 

„Mode ist meine Leidenschaft. Sie ist wie eine eigene Sprache. Wenn eine neue Kollektion entsteht, bin ich wochenlang in meiner eigenen Welt und verlasse das Atelier meist nur zu den Shoots und Shows.“

Foto: Selma Lebdiri

Wer oder was hat deinen Kleidungsstil inspiriert?

„Inspiration für meine Kollektionen beziehe ich meist aus meinen verschiedenen Lebensphasen und lasse Emotionen und Geschichten einfließen. Mein privater Kleidungsstil ist seit fast zehn Jahren gleich: schwarz, minimalistisch, feminin. Ich denke, die Inspiration kam ganz unbewusst durch das Muttersein. Ist einfach praktisch.“

Wie hat sich dein Bezug zu Mode im Laufe deines Lebens verändert?

„Ich versuche bewusst auf hochwertige Stücke zu setzen und mich von Massenfertigung fernzuhalten. Das ist zwar leichter gesagt als getan, aber mit zunehmendem Alter merke ich, dass mir eine bewusstere Lebensweise nicht nur in Bezug auf die Ernährung, sondern auch in Bezug auf Mode immer wichtiger wird.“

Gibt es Momente, in denen dich Mode und Trends unter Druck setzen? 

„Nein. Genau genommen, habe ich noch nie das getragen, was von mir erwartet oder als Trend gesetzt wurde. Seit ich zwölf bin, entwerfe ich meine eigene Mode und trage, wonach mir gerade ist.“

„Es gibt so viele Schwarze, indigene Menschen und People of Color, die sehr talentierte Designer*innen sind. Nur leider bleiben ihnen bis heute viele Chancen verwehrt.“

Meriem Lebdiri

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Was siehst du an Mode, Trends und der Fashion-Industrie kritisch?

„Neben den ausbeuterischen Umständen in den Großfabriken und dem negativen Einfluss auf die Umwelt finde ich die Kurzlebigkeit sehr problematisch. Die Modeindustrie hat die Menschen zu stark daran gewöhnt, dass alle drei bis sechs Monate neue Kollektionen und damit verbundene Trends kommen, die die alten Kollektionen wieder ablösen sollen. Diese Schnelllebigkeit passt meiner Ansicht nach nicht zur modernen Welt mit der Vision, nachhaltig zu leben.“

Was wünscht du dir von der Modeindustrie und/oder der Gesellschaft in Bezug auf Kleidung?

„Von der Modeindustrie wünsche ich mir, dass anerkannt wird, dass Schwarze, indigene Menschen und People of Color (BiPoC) nicht nur tolle Hingucker*innen auf Werbeplakaten sind. Es gibt so viele BiPOC, die sehr talentierte Designer*innen sind. Nur leider bleiben ihnen bis heute viele Chancen verwehrt. 

Von der Gesellschaft wünsche ich mir dass es kein Bodyshaming mehr gibt. Vor allem in den sozialen Netzwerken lassen viele sehr verletzende Kommentare ab, wenn jemand nicht dem aktuellen Schönheitsideal entspricht.“

Jana Ahrens

Jana Ahrens ist Mindful Business Creator und Coachin. Ihr Traum ist es, viel mehr Menschlichkeit und Freude in den Unternehmensalltag zu bringen. Mit Herz, Freude und Einsatzbereitschaft begleitet sie Menschen auf verschiedenen Wegen, um im Einklang mit sich und ihrer Umwelt zu arbeiten.

Foto: Privat

Gibt es ein Kleidungsstück, das eine besondere Bedeutung für dich hat? Erzähl uns davon! 

„Früher hatte ich einige Kleidungsstücke, die für mich eine Bedeutung hatten, weil sie mir von einer besonders wichtigen Person geschenkt wurden. Heute ist das anders. Ich packe die besondere Bedeutung mehr in die Erinnerung des Momentes, anstatt den Bezug zum Kleidungsstück zu setzen. Denn die meisten Kleidungsstücke gehen irgendwann kaputt. Doch die Erinnerung bleibt.“

Welche Bedeutung hat Mode allgemein für dich? 

„Ich liebe Slow & Fair Fashion, nicht zuletzt, weil ich bei zu viel Auswahl am Ende nichts auswähle. Das ist bei diesem Trend meistens anders. Allgemein liebe ich schöne Kleidung und doch mag ich es im Alltag eher simpel.“

Wer oder was hat deinen Kleidungsstil inspiriert

„Eine gute Freundin von mir. Sie kleidet sich einfach inspirierend, farbenfroh, mutig und elegant.“

„Ich achte darauf, nur Kleidungsstücke zu kaufen, die ich wirklich gern trage und nicht solche, die ich als ‚ok‘ oder ‚gut‘ empfinde.“

Jana Ahrens

Wie hat sich dein Bezug zu Mode im Laufe deines Lebens verändert?

„Ich nehme Mode inzwischen bewusster und langfristiger war. Ich achte darauf, nur Kleidungsstücke zu kaufen, die ich wirklich gern trage und nicht solche, die ich als ‚ok‘ oder ‚gut‘ empfinde.“

Gibt es Momente, in denen dich Mode und Trends unter Druck setzen?

„Da ich nicht so viel Werbung schaue, hält es sich in Grenzen. Allerdings finde ich, dass es ein Riesenangebot an Kleidung gibt. Das ist manchmal überwältigend, wenn ich eben schnell etwas finden möchte.“

Was siehst du an Mode, Trends und der Fashion-Industrie kritisch?

„Die Langlebigkeit von Kleidungsstücken, die nicht immer gewährleistet ist, die Arbeitsbedingungen, unter denen Kleidung hergestellt wird, die verwendeten Materialien und unsere Konsumgesellschaft. Der Produktionsprozess könnte sicher deutlich nachhaltiger gestaltet werden. Eine Sache, die ich super finde, ist, dass einige Firmen nicht nur Models in Größe XS für ihre Bilder buchen, sondern Kleidungsstücke in allen Größen in den Bildern darstellen.“

Was wünscht du dir von der Modeindustrie und/oder der Gesellschaft in Bezug auf Kleidung?

„Mehr Slow Fashion, weniger Konsum und mehr Freude am Tragen von Kleidung.“

Andra aka Mother Ambrosia Gucci Angels 

Andra ist freischaffende Journalistin, Event-Kuratorin, Cultural Creator und Fem Sensuality Coach. Unter dem Namen Mother Ambrosia Gucci Angels performt sie seit neun Jahren in der deutschen und europäischen Ballroom-Szene. Für ihr Schaffen in der Kultur- und Eventbranche hat sie die Plattform „So Extra Berlin“ mitgegründet und aus ihrer Performance-Erfahrung heraus Coachings entwickelt, die einen wichtigen Safe Space für Fems bieten sollen.

Übrigens: Mit unserer Teamkollegin und Moderatorin Paulina Czaplewski, selbst als Ashanti Ninja Teil der Ballroom-Szene, wird Andra über Fem Empowerment und Fashion, die Rolle von Safer Spaces und die Bedeutung von Mode in der Ballroom-Community sprechen. Wann? Am 15. Juni ab 18 Uhr live auf unserem Instagram-Account. Tragt euch den Termin in den Kalender ein!

Foto: Agatha Powa

Gibt es ein Kleidungsstück, das eine besondere Bedeutung für dich hat? Erzähl uns davon! 

„Ich hänge an meiner vielen Kleidung unnötig stark emotional. Ein besonderes Teil fällt mir aber direkt ein. Als es vor kurzem ein paar Tage sommerlich heiß war, habe ich ‚the dress‘ wieder aus dem Schrank geholt. Kennt ihr das Glücksgefühl, das perfekte Sommerkleid im Schrank zu haben, das zu jedem Anlass passt, wie für deinen Körper gemacht ist und nirgends drückt und zwickt? Mein ‚the dress‘ ist goldgelb, knöchellang, hat dünne Träger, ist luftig gerade geschnitten. Ich fühle mich so gut angezogen damit. Ein bisschen wie eine Halbgöttin. Dieses Gefühl wünsche ich jeder Person!“

Welche Bedeutung hat Mode allgemein für dich?

„Mode hat für mich persönlich nichts mit Labels oder neuesten Kollektionen zu tun. Sie ist vor allem eine wichtige Ausdrucksform der eigenen Identität. Wem Mode wichtig ist, der*die sendet mit den eigenen Outfits eine Message aus: Progressivität, Spaß, Seriosität oder teilweise unbewusst auch Politisches. Gerade für von der Gesellschaft unterdrückte Körper wie die von Frauen, queeren Menschen, Schwarzen und Menschen of Color oder mehrgewichtigen Personen kann Mode ein wichtiges Tool zu sein, um der westlich geprägten Norm auch mal den Mittelfinger zu zeigen.  

„Gerade für von der Gesellschaft unterdrückte Körper wie die von Frauen, queeren Menschen, Schwarzen und Menschen of Color oder mehrgewichtigen Personen kann Mode ein wichtiges Tool sein, um der westlich geprägten Norm auch mal den Mittelfinger zu zeigen.“

Bei den Looks für Balls werde ich geradezu konzeptionell. Ich überlege und recherchiere oft genau, warum ich was wie zusammenstelle und gehe ins kleinste Detail. Mehr ist mehr und unkonventionell bin ich dann auch gerne. Da werden Armreifen mal eben zu Haarschmuck umfunktioniert, Kleider aus Häkeldeckchen genäht, Netze im Baumarkt als Körperbedeckung gekauft oder die Haut komplett mit Blattgold bedeckt.“

Wer oder was hat deinen Kleidungsstil inspiriert?

„Mein Geldbeutel, mein Körperbau und mein Umfeld. Ich probiere gerne viel aus, aber am Ende bewege ich mich meist zwischen sporty casual und extra feminin. Ballroom als Safer Space, in dem ich über meine Performance meinen Körper für mich zurückerobert habe, hat mir besonders viel Selbstbewusstsein bei der Kleiderwahl gegeben. Ganz nach dem Motto: Tu es einfach! Und trotzdem zeige ich mein Vollfrau-Dekolleté fast nie in der Öffentlichkeit. Da gewinnt doch oft der Tomboy in mir, der keinen Bock auf Blicke hat.“

„Designed mehr Stiefel für Menschen mit strammeren Schenkeln! Ich hätte gern ein Paar. Danke!“

Andra aka Mother Ambrosia Gucci Angels 

Wie hat sich dein Bezug zu Mode im Laufe deines Lebens verändert?

„Mal ganz davon abgesehen, dass ich mich jetzt öfter für bessere, hochwertigere Materialien beim Kauf eines neuen Teils entscheide als früher, hat mein eigener Blick auf meinen kurvigen Körper meinen Bezug zu Mode bestimmt und verändert. Ich verstecke meine von mir definierten Schwachstellen nicht mehr so krampfhaft. Im Ballroom trage ich fast immer sehr freizügige Outfits. Das hat mir ein Ventil gegeben, Sexismen, mit denen mein Körper und meine Kleidung in der ‚normalen‘ Welt belegt werden, besser entgegenzutreten.“

Foto: Ambrosia Melt

Gibt es Momente, in denen dich Mode und Trends unter Druck setzen? 

„Ich finde, Alter ist etwas sehr Relatives und trotzdem komme ich nicht darum herum, mich hin und wieder zu fragen, ob ich mich als Mitte-30-Jährige nicht öfter ‚erwachsener‘ im Alltag kleiden sollte. Gleichzeitig weiß ich nicht einmal, was das eigentlich heißen soll. Da sollte es schließlich keine Regeln geben. Your body, your fashion!“

Was siehst du an Mode, Trends und der Fashion-Industrie kritisch?

„Fast Fashion ist eine Wahnsinns-Maschinerie, die mir Angst macht. Ich kaufe ein paar Mal im Jahr auch in den entsprechenden Stores ein. Unsere schnelle Gesellschaft und der Kapitalismus bläuen uns ja quasi ein, dass wir ständig neue Kleidung bräuchten. Jede Woche hängen in den Läden neue Kollektionen. Mal ganz abgesehen von den Menschen in den Fabriken, die unter schlimmsten Bedingungen für die Profit machenden Hersteller*innen arbeiten müssen. Der Preis ist zu hoch für die Billigware.“

Was wünscht du dir von der Modeindustrie und/oder der Gesellschaft in Bezug auf Kleidung?

„An jede*n Einzelne*n: Tragt unbedingt alles, was ihr wollt! No shame in the game! Kauft bewusst und wenn dann eher Secondhand, Vintage, Upgecycltes oder von jungen Independent-Designer*innen. An die Industrie: Kommt weg von der Heteronormativität in der Mode! Das würde das Leben so vieler Menschen entspannen.

Und noch ein Wunsch von mir ganz persönlich: Designt mehr Stiefel für Menschen mit strammeren Schenkeln! Ich hätte gern ein Paar. Danke!“

Mode – Was wir anziehen wollen.

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Sherin El Safty studiert in Bochum Islam- und Sozialwissenschaften. Ihre Themen bewegen sich vor allem im gesellschaftlichen und popkulturellen Bereich. Besonders interessieren sie die Themen Feminismus, Theater, Religion, Klassismus und Nahostpolitik. Mit anderen Nachwuchsjournalist*innen betreut sie derzeit das Insta-Projekt @journojobs, wo es spannende Interviews und Tipps für Nachwuchsjournalist*innen gibt.

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