Foto: Dolce and Gabbana

Dolce & Gabbana designt jetzt für Musliminnen – würden sie diese Entwürfe tragen?

Mit ihrer Kollektion für muslimische Frauen will Dolce & Gabbana neue Schritte wagen und Marktlücken schließen. Doch würden muslimische Frauen die Abayas und Hijabs wirklich tragen? Wir haben Journalistin Kübra Gümüsay und Bloggerin Philippa gefragt.

 

Hijabs und Abayas anstatt Miniröcke 

Die schmalen Körper der Models auf den Fotos zieren lang geschnittene Kleidermodelle aus fließendem Stoff, verziert mit Spitze oder Stickereien, klassisch in schwarz oder mit großflächigen Blumenprints. Nur ihre zierlichen Füße in Highheels lugen unter dem fließenden Stoff hervor. Der Schein, dass es sich dabei um eine Kollektion handelt, wie jede andere im Fashion-Zirkus, trügt. Denn die Models tragen Kopftücher und lange Kleider, die stark an das traditionell islamische Kleidungsstück Abaya erinnern.

Das italienische Designer-Duo Dolce & Gabbana wolle mit ihrer neuen Kollektion, die ab Oktober 2016 erhältlich ist, den Bedürfnissen der muslimischen Frauen entgegenkommen und eine Marktlücke schließen, berichtete muslimgirl.net. Denn Musliminnen, beispielsweise in den Vereinigten Arabischen Emiraten, seien zwar kauffreudig, aber das Angebot für sie würde bislang fehlen. Im Jahr 2013 sollen Musliminnen, so bezieht sich Fortune auf Thomson Reuters, insgesamt 266 Milliarden Dollar für Kleidung und Schuhe ausgegeben haben – mehr als Italien und Japan zusammen. Die Prognose: weiterhin steigend. 

Nicht die Ersten

Doch Dolce & Gabbana ist nicht das erste Modelabel, das speziell eine Kollektion für muslimische Frauen entworfen hat – weder im kommerziellen noch im High-Fashion- Sektor. Auch Zara, Mango und Oscar de la Renta lancierten bereits sogenannte „ramadan“-Kollektionen. Wobei der Titel mehr versprach als die Kleider selbst: etwas weiter waren sie, dafür tailliert, länger, bedeckter. Nichts besonderes, sondern eine Kollektion wie jede andere.

H&M wagte im Herbst 2015 einen Schritt in eine ähnliche Richtung: Die 23-jährige Mariah Idrissi warb als erstes muslimisches Model in der Nachhaltigkeitskampagne „Close the Loop“ für die Modekette.

Quelle: youtube

Dolce & Gabbana will hingegen aufs Ganze setzen. Kopftücher und lange Mäntel anstatt Wallawalla-Mähne und betonte Wespentaille. Doch können nicht-muslimische Designer tatsächlich die Bedürfnisse der muslimischen Käuferinnen treffen und ihre Wünsche erfüllen?

Was sagen Musliminnen dazu?

Die muslimische Journalistin Kübra Gümüsay ist gespalten, erklärt sie uns. Natürlich würden sich viele Frauen darüber freuen, nun auch durch so große Labels wahrgenommen und damit auch anerkannt zu werden. Was nun mal eine logische Folge des Kapitalismus ist, dass neue Märkte erschlossen werden – nicht unbedingt eine ehrenwerte Heldentat, findet sie. Andererseits: 

„Einige der Abayas, die Dolce & Gabbana entworfen hat, sind eher am Mainstream der muslimischen Frauen vorbeidesignt. Viele der Frauen, die eine Abaya tragen – zum Beispiel in Ägypten oder in den Emiraten – wollen kein Kleidungsstück, das durchsichtig ist und die Beine nicht komplett bedeckt.“

Quelle: Dolce and Gabbana

Daher frage sie sich, welche Frauen D&G ansprechen wolle. Die Kleidungsstücke sollten womöglich nicht nur für muslimische Frauen interessant sein. Letztlich, so Kübra weiter, seien sie wirklich nicht die Ersten, man denke an H&M, Zara und andere High-Fashion-Labels. Was sie aber vor allem an der ganzen Sache störe: 

„Es gibt schon so lange tolle muslimische Designerinnen, die nie die verdiente Aufmerksamkeit bekommen haben. Es gibt einen großen globalen Markt an muslimischer Mode – von Großbritannien bis Malaysia. Auch in Deutschland gibt es schon seit vielen Jahren muslimische Modemacherinnen, wie Neslihan Kapucu.“

Philippa, die das Blog „gutbetucht“ schreibt, freut sich, wenn das Thema mal wieder in der Öffentlichkeit diskutiert wird und wenn Firmen eine weite Bandbreite an Kleidungsstücken anbieten, sodass wirklich jede fündig wird. Dennoch glaubt sie genauso wenig wie Kübra, dass die Kleidung nur Musliminnen anspreche, abgesehen vom Kopftuch selbst. Schließlich gäbe es viele Frauen, die – nicht nur aus religiösen Gründen – längere, weitere Kleidung tragen. 

„Ich kenne viele Musliminnen, die davon extrem genervt sind. Denn es ist normal und sollte nicht der Rede wert sein. Außerdem hat der Islam theologisch gesehen eine eher kritische Haltung zu übermäßigem Konsum – dieser Aspekt wird aber leider sowohl unter Muslimen als auch Nicht-Muslimen oft viel zu wenig beachtet.“

Nicht lange suchen müssen

Kübra jedenfalls designt seit fünf bis sechs Jahren ihre Kleidung selbst und lässt sie dann in der Türkei schneidern. Was vor allem einen praktischen Grund hat: Sie möchte sich schick anziehen, habe aber keine Lust, lange danach zu suchen.

Lange Suchen nach Maxikleider mit langen Ärmeln, die Philippa so liebt, weil sie für Hijabis super praktisch sind – „Kopftuch drauf, Schuhe an, and you’re good to go“ – ließen sich leider kaum vermeiden. Konventionelle Kleidungsgeschäfte, erzählt sie weiter, führten diese nämlich kaum. Daher kauft sie oft bei muslimischen Firmen ein, die zwar auf diese Art von Kleidung spezialisiert, aber oft teurer sind als H&M und Co. Oder die Qualität ist nicht die gleiche – Polyester trägt sie nicht, da könne das Kleid noch so lang sein. 

Ob sie Designerstücke wie die Abayas von Dolce & Gabbana kaufen würde? Neu auf keinen Fall, allerhöchstens als Second Hand. 

Quelle: instagram | stefano gabbana

Die gesamte Kollektion findet ihr hier

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Ob in Form von Wörtern, Fotos oder Grafiken – ich liebe es, Geschichten zu erzählen. Nachdem ich genau das zwei Jahre lange als freie Journalistin gemacht habe, u.a. auch für EDITION F, verantworte ich seit September 2018 den kreativen Inhalt der Marke Kindsgut. Meine freie Zeit verbringe ich damit, vergessenen Hobbys wieder mehr Raum zu geben. Oder auch, um einfach mal im Bett liegen zu bleiben und einen guten Podcast zu hören.

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