Foto: Marlen Mueller

Emilia von Senger: „Unser Buchladen ,She said’ soll ein Safer Space werden”

Eine Buchhandlung, in der nur Bücher von Frauen und queeren Autor*innen verkauft werden: Emilia von Senger hat damit ihre ganz persönliche Utopie zur Realität gemacht und eröffnet im Dezember „She said“ in Berlin-Kreuzberg. Ein Gespräch über Literatur, Aktivismus und das Unternehmerin-Sein.

Emilia, wie kamst du auf die Idee, einen Laden zu eröffnen, in dem nur Bücher von Frauen und queeren Autor*innen verkauft werden?

„Ich habe früher im Bildungsbereich zum Thema Chancengerechtigkeit gearbeitet, zuletzt an einer Grundschule in Neukölln – bis ich dann krank wurde. So krank, dass ich das Haus fünf Monate lang nicht mehr verlassen habe, außer um zu Ärzt*innen zu gehen. Ich habe während dieser Zeit wahnsinnig viel gelesen und begonnen, darüber auf Instagram zu bloggen. Durch die Literatur-Community habe ich mich stärker auf Autorinnen fokussiert und außerdem einige Buchhändler*innen kennengelernt. Ich habe gemerkt, wie sehr sie ihren Job lieben und schätzen. Dadurch ist in mir die Idee gereift, nach meiner Genesung in einer Buchhandlung zu arbeiten. So kam es dann auch! Eigentlich wusste ich von Anfang an: Wenn mir dieser Job gefällt und ich mich gesundheitlich traue, dann möchte ich etwas Eigenes eröffnen. Auch, dass es eine Autor*innenbuchhandlung sein soll, war mir schnell klar.“

„Ich selbst habe lange hauptsächlich Bücher von alten weißen Männern gelesen, wie viele andere auch. Erst mit Mitte 20 habe ich diese Schieflage bemerkt und mir selbst eine Quote auferlegt, um meine Lesegewohnheiten bewusst zu verändern.“

Wieso braucht es solche Buchhandlungen?

„Ich selbst habe lange hauptsächlich Bücher von alten weißen Männern gelesen, wie viele andere auch. Erst mit Mitte 20 habe ich diese Schieflage bemerkt und mir selbst eine Quote auferlegt, um meine Lesegewohnheiten bewusst zu verändern. Heute lache ich darüber, aber anfangs fiel es mir wirklich schwer, diese Quote einzuhalten: In Buchläden musste ich mich schon fast dazu zwingen, Bücher von Frauen auszusuchen, was natürlich auch daran lag, dass ich mich nicht gut auskannte. Inzwischen ist das selbstverständlich, weil ich schrittweise mehr und mehr Autorinnen kennengelernt habe. Mit ,She said‘ möchte ich diesen Prozess für andere vereinfachen und ihnen die Möglichkeit geben, sich Autorinnen und queere Autor*innen empfehlen zu lassen. Es muss nicht jede*r mit einer politischen Überzeugung in meine Buchhandlung kommen. Die Tatsache, dass dort diese Bücher überhaupt ausgelegt werden, soll dazu führen, dass die Leute sie dann mitnehmen. Es ist ein Gegengewicht zu dem, was sie in Schule und Studium als Auswahl präsentiert bekommen.“

Du kommst gerade aus dem Laden, wie sieht es dort momentan aus?

„Wir haben den Laden als Rohbau übernommen, was für uns super war, weil wir dadurch viel entscheiden konnten: Wo sollen beispielsweise die Elektroleitungen hin, wo die Heizung? Nun ist der Laden bald fertig und für mich ist es jedes Mal wahnsinnig schön, dort zu sein und den Fortschritt zu sehen. Vor einigen Wochen haben beispielsweise die Handwerker*innen den Boden geschliffen und man konnte sofort erahnen, wie schön er sein wird. Ich kannte mich zuvor überhaupt nicht mit solchen Baustellenangelegenheiten aus, inzwischen ist das anders. Das ganze Projekt war und ist deshalb auch dahingehend ein großer Lernprozess für mich.“

Was für ein Ort soll „She said“ einmal werden?

„Für mich persönlich ist der Buchladen ein nahezu utopischer Ort: einer, den ich zusammen mit meinem Team erschaffe und bei dem ich zu einem gewissen Grad bestimmen kann, wie die Regeln aussehen und wie sich die Menschen fühlen, wenn sie ihn betreten. Zwar kann man das natürlich nie garantieren, aber ich wünsche mir dennoch, dass wir mit ,She said‘ einen Safer Space errichten. Verletzungen können natürlich immer passieren, aber wir versuchen einen Ort zu schaffen, an dem sich möglichst viele Menschen willkommen und wohlfühlen.“

„Wir arbeiten eher im Hintergrund an der Veränderung der Kultur. Trotzdem handeln wir politisch.“

Foto: Matthias Ziegler

Ist der Buchladen eine Form des Aktivismus für dich?

„Kürzlich wurde ich schon mal etwas ähnliches gefragt, nämlich ob Buchhandlungen politisch sein können oder sollen. Ich sagte dazu, dass ich das nicht allgemein für alle Buchhandlungen beantworten kann, aber ich verstehe meine jedenfalls als sehr politisch. Wir positionieren uns nicht allein durch unsere Buchauswahl, sondern auch durch unseren Instagram-Auftritt sowie Community-Arbeit und Diskussionsrunden. Unser größtes Anliegen ist es eigentlich, Austausch zu fördern: über Bücher natürlich, vor allem aber auch über die Gesellschaft. Ich würde nicht so weit gehen, das Aktivismus zu nennen. Dieser ist vor allem an politische Ziele geknüpft und versucht konkrete Dinge zu ändern. Wir arbeiten eher im Hintergrund an der Veränderung der Kultur. Trotzdem handeln wir politisch.“

„Die Glasglocke“ von Sylvia Plath nennst du in dem Kontext immer wieder als ein wegweisendes Buch für dich – wieso?

„Die Protagonistin Esther kann sich mit den Rollenerwartungen an Frauen in den USA der 1950er-Jahre nicht identifizieren. Sie erlebt eine Entfremdung von der Gesellschaft, die bis zur Depression führt. Das ist ein Gefühl, das ich sehr gut nachempfinden konnte, aber das ich so bisher kaum in Romanen gefunden hatte. Natürlich schreiben auch Männer Coming-of-Age-Romane, in denen ähnliche Gefühle der Entfremdung beschrieben werden, aber eben aus einer männlichen Sicht. Eine solche Geschichte aus weiblicher Perspektive zu lesen, war ein augenöffnendes Erlebnis für mich. Es hatte etwas Beruhigendes, zu erfahren, dass nicht nur ich so empfinde. Deshalb habe ich mir letztendlich auch diese Quote auferlegt: Ich wollte mehr Geschichten aus weiblicher Perspektive lesen.“

Neuland betrittst du ja auch, was das Unternehmer*innentum angeht. Wie erlebst du das?

„In meiner Position als Arbeitnehmerin war ich mir vieler Aufgaben nicht bewusst. Ich habe zum Beispiel in letzter Zeit gemerkt, was für ein großer Unterschied es ist, dass ich jetzt auch das Geld verwalte. Es bedeutet, dass ich einerseits die Buchhaltung machen muss, andererseits führe ich auch die Verhandlungen mit Dienstleister*innen und zum Beispiel der Tischlerei. Die Buchhandlung ist einfach ein riesiges Projekt, bei dem so viele verschiedene Aufgaben anfallen. Obwohl wir ein großes Team sind, in dem jede*r Aufgaben übernimmt, kommen bei mir alle Schnittstellen zusammen und ich will natürlich überall zumindest einmal draufgeschaut haben. Deshalb arbeite ich im Moment sehr viel, teilweise auch an den Wochenenden. Trotzdem schaffe ich es glücklicherweise noch, alle meine Freund*innen zu sehen. Nur in den Urlaub fahren würde ich gerne mal wieder, in den Tag hineinleben, solche banalen Dinge wie Schwimmen oder zum Yoga gehen. Ich bin unendlich dankbar für diese große Herausforderung ,She said‘, aber das Gleichgewicht muss ich noch finden.“

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Irgendwo zwischen Feminismus, Journalismus und Social Media steht Sophia Sailer. Während sie beim Radio hauptsächlich über Popkultur spricht, beschäftigt sie sich auf @die_millennial feministisch mit gesellschaftspolitischen Themen. Wenn sie nicht postet, spricht oder schreibt, dann liest sie oder studiert angewandte Literatur- und Kulturwissenschaften und Journalistik an der TU Dortmund.

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