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Mit Kind in der Weihnachtsoper: „Ich will sofort ins Lego-Discovery-Centre, sonst werd ich sauer“

In ihrer Kolumne „Familie und Gedöns“ schreibt Lisa über alles, womit sich Eltern so beschäftigen (müssen), diesmal: Pflichttermine zu Weihnachten.

Eine besinnliche Adventszeit ist harte Arbeit!

Die Vorweihnachtszeit mit Kindern: Das soll ja eine einzige Nostalgie-Pfeffernüsse-Mandarinenduft-Schneegestöber-Klingglöckchenklingelingeling-Christkindlmarkt-Tannenaroma-Abfahrt sein. Damit das auch bei euch klappt, gebe ich hier gern ungefragt einen meiner vielen Geheimtipps weiter:

Also: Idealerweise spätestens Ende Oktober wirst du nervös und fängst an zu recherchieren, welche Aktivitäten dieses Jahr in der Adventszeit mit den Kindern unbedingt unternommen werden müssen. Christkindlmarkt, aber ein nicht kommerzieller natürlich, bei dem Leuchtschrift und Lichterketten verboten sind und Kerzen idealerweise die einzige Lichtquelle darstellen. Keine Vergnügungselektronik, höchstens so etwas in der Art.

Dann fängst du an, die Programme der einschlägigen Veranstaltungsstätten deiner oder der nächstgelegenen Stadt (Philharmonie, Oper…) nach ihren traditionellen Kindervorstellungen vor Weihnachten zu durchforsten.

Du entscheidest dich gegen den neu inszenierten, auch für kleinere Kinder geeigneten „Nussknacker“ mit der ganzen Familie, weil du mit dem Gesamtpreis der Tickets den Discounter-Einkauf für drei Wochen bestreiten kannst.

Du entscheidest dich für einen Mutter-Kind-Quality-Time-Tag und schwankst zwischen der kindgerechten „Zauberflöte“ und „Peter und der Wolf“ in der Philharmonie und entscheidest dich für letzteres.

Am Tag der Vorstellung hast du großen Streit mit dem vierjährigen Kind, weil das nämlich einen Kindergeburtstag früher verlassen muss, um nicht zu spät in die Philharmonie zu kommen. Du verfluchst die Stadtplaner Berlins, die die Philharmonie in direkter Nachbarschaft zum Lego-Discovery-Centre, einem Vorhof der Hölle, gebaut haben (oder war es umgekehrt?).

Wieso Orchester, wenn es ein CinemaxX gibt?

Im Foyer der Philharmonie beobachtest du eingeschüchtert perfekte fünfköpfige Familien aus Zehlendorf, die identische olivgrüne Steppjacken ausführen, blank geputzte Chelsea-Boots an den Füßen haben und sich inklusive der Kinder sehr gut benehmen. Du überlegst, ob du vielleicht doch dieses Buch lesen musst, aber eigentlich willst du nicht. Dein Kind saut derweil mit seinen völlig verdreckten Thermo-Winterstiefeln das Foyer voll.

Nachdem ihr eure Sitzplätze eingenommen habt, versuchst du eine halbe Stunde lang verzweifelt und beginnend zermürbt, das Kind bei Laune und auf seinem Platz zu halten.

Du bist dann einfach nur froh, dass es endlich losgeht, dein Kind wiederum reagiert verständnislos: Warum soll es der reizenden Puppenspielerin mit französischem Akzent und zwischendurch dem Orchester zuhören, wenn man nur ein paar Schritte weiter ins Legoland gehen könnte? Oder im CinemaxX „Paddington 2“ gucken könnte? Ja, warum eigentlich? Für einen Bruchteil einer Sekunde überlegst du, wie es wäre, einfach auszubrechen, das Kind einem Steppjackenehepaar zu überlassen und drüben im CinemaxX ganz allein „Fack ju Göhte 3“ zu gucken.

„Wenn ich jetzt nicht gleich ins Lego-Discovery-Centre gehen kann, werd ich richtig wütend!“, schreit das Kind irgendwann. Die in hoher Zahl anwesenden Steppjacken-Kinder lauschen gebannt.

Im Bus schläft das Kind trotz deiner verzweifelten Versuche, es wachzuhalten, ein. Es kriegt einen Wutanfall, als du es weckst, um auszusteigen und sich bei Berliner Depressionswetter nach Hause zu schleppen.

Im nächsten Jahr guckst du, was es denn diesmal Schönes gibt. Vielleicht ja mal in die Krabbeldecken-Oper mit dem Einjährigen? Du kannst dir sicher sein, dort auf Gleichgesinnte zu treffen: Noch mehr Leute mit Kindern, die vor Weihnachten einfach Bock auf ein paar zusätzliche Zumutungen haben.

Bild: flickr/daveynin/CC BY 2.0

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