Foto: Sebastian Geis

Warum es okay ist, nur bis zu einem gewissen Grad zu vertrauen

Absolutes Vertrauen oder ein gewisses Maß an Misstrauen? Unsere Kolumnistin ist der Meinung, dass es in Arbeitsbeziehungen beides braucht. 

Es fiel mir diesmal nicht ganz leicht, dieses Thema zu bearbeiten, die Leser*innen-Frage zu beantworten, die ich mir ausgesucht hatte: „Ist spät erlerntes Vertrauen echt oder erwartet man die Katastrophe nur geduldiger?“

Vielleicht, weil ich seit mittlerweile einem Jahr nicht mehr wirklich fest angestellt bin. Vielleicht, weil ich mir über „Vertrauen im Beruf“ keine Gedanken mache. Nie.

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Generell mache ich mir über den Begriff „Vertrauen“ nie Gedanken. Das mag daran liegen, dass ich schon vor zwölf Jahren entschieden habe, nur noch auf meine Intuition zu hören. Denn auf die ist Verlass. Immer und überall. Ob ich also jemandem vertraue oder nicht, hängt nicht von der Vita, der Kompetenz, dem Ruf oder dem Monolog, den ich zu hören bekomme, ab, sondern einzig und allein davon, was mir mein Bauchgefühl sagt. That’s it. Und das würde ich auch jedem*r anderen raten. Auf das Bauchgefühl zu hören und mehr nicht.

„Ich rate jedem Menschen, aufs Bauchgefühl zu hören.“

Arbeit als Tanz

Als die Leser*innen-Fragen zum Thema eintrudelten, stach die Frage zur erwarteten Katastrophe heraus. Ich fand sie ungewöhnlich. Ich fand sie interessant. Vor allem aber fand ich sie schlau. Hier vermutet jemand, dass, wenn man für eine lange Zeit seines Lebens ein eher misstrauischer Typ gewesen ist, auch im späteren Leben eigentlich nie wirklich Vertrauen schöpfen kann, sondern die Enttäuschung einfach nur einkalkuliert werden muss. Ich dachte, hmmm, aber ist blindes Vertrauen nicht ohnehin völlig Banane? Welches Menschenbild hat man, wenn man glaubt, eine Person müsse immer so handeln, wie man es selbst erwartet? Ist das nicht von vornherein eine absolut narzisstische Sichtweise, zu glauben, es gäbe einen Menschen auf dieser Welt, der genauso agiert wie man selbst?

„Die gemeinsame Arbeit als Tanz, als Beziehung, die niemals nur eine Richtung hat, sondern immer zwei. Eine, die von mir zum Du führt und eine, die vom Du zu mir führt.“

Als ich die Frage immer und immer wieder las, weil sie mich berührte, begriff ich, dass auch ich mich als misstrauischen Menschen bezeichnen würde. Aber misstrauisch mit unglaublich viel Optimismus gepaart. Ich dachte daran, wie ich die vergangenen Jahre zum Beispiel eng mit meiner Lektorin an meinem Roman gearbeitet hatte und ihr vertraute. Darauf vertraute, dass sie mich verstehen, sehen und fühlen könne und dass eben wegen dieses Verstehens, Sehens und Fühlens auch ihre Anmerkungen und Bearbeitungen zum Buch richtig sein würden. Und das waren sie im Großen und Ganzen, aber eben nicht immer. Ich sah sie niemals als unfehlbar oder als mein Ebenbild in einem anderen Körper. Ich sah sie als einen anderen Menschen, der mit mir im Dialog diesen Text zu einem besseren Text machen würde. Ich vertraute ihr nie blind. Ich kontrollierte sie aber auch nicht manisch. Ich blieb in Kontakt mit ihr. Die gemeinsame Arbeit als Tanz, ja, eben als Beziehung, die niemals nur eine Richtung hat, sondern immer zwei. Eine, die von mir zum Du führt und eine, die vom Du zu mir führt.

Die Grenzen anderer

Der*die andere ist nicht unfehlbar. Ich bin nicht unfehlbar. Wir müssen lernen loszulassen, aber eben nicht komplett. Es geht um ein freies Handeln im Rahmen von Grenzen. Weil Grenzen halten und schützen und einem*r auch Richtung geben und das freie Handeln in diesen die eigene Kreativität zum Ausdruck bringen lässt. Wenn wir also im Beruf von Vertrauen sprechen, davon ob wir als ehemals misstrauische Personen eigentlich immer auch die Katastrophe mitdenken, dann kann ich nur antworten: Wir müssen sie mitdenken, weil wir so den*die andere*n auch als andere*n anerkennen. Die Katastrophe mitzudenken, heißt eben nicht, dem*r anderen sowieso nicht zu vertrauen, sondern ihm*r seine Menschlichkeit und damit seine Fehlbarkeit zu lassen.

„Die Katastrophe mitzudenken, heißt eben nicht, dem*r anderen sowieso nicht zu vertrauen, sondern ihm*r seine Menschlichkeit und damit seine Fehlbarkeit zu lassen.“

Deswegen braucht es Vertrauen und Misstrauen gleichermaßen. Es braucht das Gleichgewicht, den Widerspruch, die beiden unterschiedlichen Seiten. Da ist die Wahrheit zuhause. Sie ist die Bewegung zwischen zwei sich ausschließenden Positionen. Deswegen braucht es in einer Arbeitsbeziehung beide als aktive Teilnehmer*innen an dieser Beziehung. Es hätte am Ende keinen guten Roman gegeben, hätte ich ohne Widerspruch meinen Text so gelassen, wie er von mir aufgeschrieben wurde, aber es hätte auch keinen guten Roman gegeben, wenn ich einfach blind gemacht hätte, was meine Lektorin sagt. Es brauchte das Festhalten, Loslassen, das Ringen, das Diskutieren, die Bewegung. Es brauchte beides: das Vertrauen und das Erwarten der Katastrophe.

Warum Vertrauen eine Superkraft ist

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Mirna Funk, 1981 in Ostberlin geboren, studierte Philosophie und Geschichte an der Humboldt-Universität. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin und lebt in Berlin und Tel Aviv. Für den Roman „Winternähe“wurde sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis 2015 für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet. Im September 2018 produzierte der BR ihr Hörspiel „Auf einem einzigen Blatt Papier“
und im Dezember erschien ihr Kinderbuch „Wo ist Papa?“, das von der Vielfältigkeit moderner Familien erzählt.

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