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Sexualtherapeutin: „Betroffene von sexualisierter Gewalt verlieren häufig das Vertrauen in ihren Körper“

Claudia Huber ist Sexualtherapeutin, Sex-Coach und war Mitarbeiterin in einer Beratungsstelle für Opfer sexualisierter Gewalt. Mit uns spricht sie über die Auswirkungen sexualisierter Gewalt auf das Verhältnis zu Sexualität und dem eigenen Körper.

Was bleibt nach Übergriffen

Es ist leise geworden um den Hashtag #metoo. Die großen Medien haben dem Thema den Rücken gekehrt, aus der Politik gab es wenig Stimmen zu der Debatte. Man könnte meinen, das Thema habe an Relevanz verloren.

Claudia Huber sieht das anders. Sie ist Sexualtherapeutin, betreute in der Beratungsstelle Wildwasser Stuttgart Frauen, die sexualisierte Gewalt erleben mussten und unterstützt als Sex-Coach Klientinnen dabei, Lust zu erfahren. Aus ihrer Arbeit weiß sie, wie nachhaltig die Übergriffe Betroffene meist prägen. Oft wird das Verhältnis zur eigenen Sexualität gestört, manchmal so weit, dass kein Bezug mehr zur eigenen Lust besteht.

Im Interview spricht sie über ihre Wahrnehmung der #metoo-Debatte, ihr Problem mit dem Wort „Missbrauch“ und die Frage, wie das Leben nach einem Übergriff für Betroffene weitergeht.

In einem Video auf deiner Facebookseite, in dem du dich zu der #metoo-Debatte äußerst, sagst du: „Sexualisierte Gewalt fängt bei Sexismus an“. Kannst du das genauer ausführen?

„Mir geht es darum, dass Gewalt meistens mit körperlicher Gewalt gleichgesetzt wird. Ich persönlich bin der Meinung, dass Sexismus eine Form von Gewalt ist, die Menschen emotional und in ihrem Selbstwert schwächt. Wenn man sich vorstellt, dass eine junge Frau von älteren männlichen Kollegen aufgrund ihres Geschlechts nicht ernst genommen wird, dann ist das immer auch ein Angriff auf das Selbstwertgefühl. Diese Form von Gewalt versucht Frauen kleinzuhalten.

Das Bemerkenswerte ist, dass viele Frauen daraufhin anfangen, sich selbst zu demontieren. Das fängt bei vielen schon im Kleinen an, wenn wir Kinder sind. Wenn zum Beispiel der Opa zu seiner Enkelin sagt, dass sie sich mit einem Rock nicht breitbeinig hinsetzen soll, dann bleibt das Gefühl, dass man etwas  gemacht hätte, das sich ‚für ein Mädchen‘ nicht gehört. Diese Rollenklischees, die ja genauso auch Jungen aufgezwungen werden, sorgen bei vielen Frauen dazu, dass es ihnen schwerfällt, sich durchzusetzen und zu sich zu stehen. Fast, als würde man sie implizit zu Opfern erziehen.“

Du hast uns geschrieben, dass du schon als Kind sensibel für Sexismus warst. Waren Situationen wie die, die du gerade
geschildert hast, Auslöser dafür?

„Unter anderem. Im Kindergarten gab es bei mir einige Erzieherinnen, die vom alten Schlag waren. Wenn ich mal keine Lust auf die Puppenecke hatte und lieber draußen toben wollte, wurde ich dafür ausgeschimpft. Sowas ist nicht cool und erzeugt das Gefühl, man hätte etwas falsch gemacht.

Auch die subtil ungleiche Behandlung von Jungen und Mädchen trägt dazu bei. Kinder bekommen sehr viel mehr mit, als viele meinen. Selbst wenn man ihnen heute seltener sagt: ‚Das kannst du nicht, weil du ein Mädchen bist‘, merken Kinder, dass bei Mädchen und Jungen anderes Verhalten belohnt wird. Sexismus geht da in beide Richtungen. An Grundschulen bekommen Kinder noch heute oft vermittelt, dass Mädchen grundsätzlich besser in Sprachen und Jungen die geborenen Naturwissenschaftler sind. Sowas kann sehr entmutigend sein.“

Wie schaffen wir es, schon Kinder für das Thema zu sensibilisieren, um einen gesellschaftlichen Wandel zu bewirken?

„Wir müssen bei den Erwachsenen ansetzen, denn Kinder nehmen vor allem das auf, was sie von außen mitbekommen. Was hilft es einem Kind, wenn wir ihm oder ihr sagen, dass es alles erreichen kann, und gleichzeitig erlebt es, dass die Papas fürs Geldverdienen zuständig sind und soziale Berufe überwiegend von Frauen ausgeübt werden? Wir lernen über Beobachtungen und Ausprobieren.

Wenn wir Kindern das Feedback geben, dass sie nicht richtig sind, dann können wir noch so oft sagen, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind, aber letztendlich ändert das nichts an unserem ausgelebten Verhalten. Meiner Meinung nach wäre es total wichtig, dass wir bei Kindern nicht in diesen festen Kategorien weiblich oder männlich denken. Wir müssen nicht kommentieren, wenn ein Junge Nagellack ausprobieren möchte oder ein Mädchen gerne laut und bestimmend ist.“

„Wir müssen nicht kommentieren, wenn ein Junge Nagellack ausprobieren möchte.“

Du hast das letzte Jahr bei Wildwasser Stuttgart gearbeitet, einer Beratungsstelle für Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Auf der Website des Vereins steht, dass sie den Begriff „sexueller Missbrauch“ nicht benutzen möchten. Kannst du mir erklären, warum das so ist?

„Wenn wir von sexuellem Missbrauch sprechen, gehen wir davon aus, dass man Menschen auch auf eine richtige Weise ‚gebrauchen‘ kann. Dadurch werden Personen objektiviert, weshalb wir uns in der Beratung von dem Begriff distanziert haben. Für mich persönlich ist es in Ordnung, den Begriff zu benutzen, weil er so fest in unserem Sprachgebrauch verankert ist. Mir ist nur wichtig zu sensibilisieren und auch zu differenzieren: Missbrauch muss nicht zwangsläufig eine Vergewaltigung sein. Ich persönlich finde ‚sexualisierte Gewalt‘ als umfassenden Begriff am passendsten, weil der Begriff auch eine verbale Ebene mit einschließt.“

Was für Frauen hast du in der Therapie erlebt?

„Ich habe in Stuttgart vor allem mit zwei Arten von Frauen gearbeitet: Zum einen mit Frauen, die von ihren Therapeuten oder Therapeutinnen zu uns geschickt wurden. Die therapeutische Ausbildung befasst sich leider oft nicht ausreichend mit der Behandlung von Opfern sexualisierter Gewalt. Reflektierte Psychologinnen und Psychologen empfehlen daher oft ihren Klientinnen, neben der Therapie auch mit unseren Fachkräften zu sprechen. Das ist toll. Mein Wunsch wäre allerdings, dass sich mehr freie Therapeutinnen und Therapeuten dem Thema annehmen und dadurch mehr Anlaufstellen für Betroffene schaffen.

Die meisten anderen Frauen, die zu uns kamen, wurden auf schlimmste Weise sexuell ausgebeutet – meist schon seit früher Kindheit und Jugend. Das Schlimme bei der Arbeit in einer Beratungsstelle ist, dass die Mitarbeiterinnen bei Wildwasser konstant in Kontakt mit einer gesellschaftlichen Schattenwelt stehen, ohne dabei etwas an den Strukturen ändern zu können. Ihnen bleibt nur, den Betroffenen so gut wie möglich bei der Traumabewältigung zu helfen. Und das kann Jahre dauern. Ich habe in meiner Zeit dort eine Frau begleitet, die seit 13 Jahren bei Wildwasser in Behandlung war.

„Das Schlimme bei der Arbeit in einer Beratungsstelle ist, dass man konstant in Kontakt mit einer gesellschaftlichen Schattenwelt steht.“

Mitunter erkennen Therapeuten gar nicht, dass Wahnvorstellungen oder Schizophrenie sich auf ganz stark gestörte Persönlichkeitsstrukturen berufen — und dass diese Störungen durch Traumata sexualisierter Gewalt ausgelöst wurden. Wir haben in unserer Gesellschaft ganz viele Menschen, die eigentlich behandelt werden könnten, aber nicht die Hilfe bekommen, die sie brauchen.“

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es für Betroffene?

„In Deutschland ist es so, dass nur analytische, tiefenpsychologische und verhaltenstherapeutische Therapien von den Kassen übernommen werden. Dass reicht Menschen, die aufgrund sexualisierter Gewalt traumatisiert sind, absolut nicht aus. Ich würde sagen, dass es in diesen Fällen immer hilfreich ist, auch eine Form der Körpertherapie in Betracht zu ziehen. Wenn wir mit den Betroffenen nur auf einer verbalen Ebene arbeiten, dann kommen wir nicht an die Trigger heran, mit denen diese Menschen leben. Die meisten verlieren das Vertrauen in ihren Körper und ihr Gefühl.

„Wenn wir mit den Betroffenen nur auf einer verbalen Ebene arbeiten, kommen wir nicht an die Trigger heran, mit denen diese Menschen leben.“

Deshalb sind unterstützend-kreative und körperorientierte Prozesse meist am  hilfreichsten, je nachdem in welchem Stadium der Therapie sich die Menschen befinden. Es braucht mehr gut ausgebildete, empathische Traumatherapeuten und -therapeutinnen, die kreativ arbeiten. In meiner Arbeit begegnen mir zu viele Frauen, die mit schweren Traumata durch sexualisierte Gewalt von einem Therapeuten zum nächsten rennen und denen allein mit klassischen Therapieformen nicht geholfen werden kann.“

Welche Veränderungen der Behandlungsangebote wünscht du dir von Seiten der Politik?

„Ein großes Problem ist, dass sexualisierte Gewalt von der Politik in ganz großem Stil ignoriert wird. Glücklicherweise gibt es erste Versuche, das zu ändern. Der Beauftragte der Kommission für sexualisierte Gewalt hat gute Richtlinien ausgearbeitet. Da geht es zum Beispiel um eine Vereinfachung des Opferentschädigungsgesetzes. Eine multiple Persönlichkeit wird vor Gericht gar nicht ernst genommen. Ihre Aussagen zählen einfach nicht als valide.

Aber wenn wir uns anschauen, wie die Realität vieler Menschen aussieht und welche Opfer- und Täterstrukturen immer noch existieren, finde ich es hoch fahrlässig, so zu urteilen. Die Politik muss endlich die Augen öffnen und radikal gegen sexualisierte Gewalt vorgehen. Das wird vermutlich ein sehr schwieriger Prozess, denn oft sitzen Mitglieder von Täterringen auch in den Vorständen, in Jugendämtern und eben in der Politik selbst.“

Welches Know-How benötigen Personen im öffentlichen Dienst, die Betroffenen auf juristischer Ebene begegnen?

„Traurigerweise ist es ja immer noch die Ausnahme, dass sexualisierte Gewalt zur Anzeige gebracht wird. Als geschädigte Person muss man zur Herstellung der Beweislage ein wahnsinniges Prozedere über sich ergehen lassen. In Stuttgart ist es so, dass die nächste forensische Spurensicherung, bei der Vergewaltigungen glaubhaft und vor Gericht zulässig nachgewiesen werden können, in Heidelberg liegt. Nun ist die Frage: Welche Person setzt sich nach einer Vergewaltigung in den Zug und fährt in dieses Zentrum? Die meisten Menschen wissen ja nicht einmal, dass so etwas erforderlich ist.

Schön wäre es, wenn Anwälte und Richter Schulungen bekommen würden, wie man mit traumatisierten Personen umgeht. Was muss man bei Befragungen dieser Menschen beachten? Ich verstehe, dass das schwierig ist. Polizisten und Juristinnen müssen alle Fakten kennen, um eine Rechtsprechung möglich zu machen. Viele Trauma-Patienten durchleben durch Befragungen ihr Trauma nochmal und gehen verstört und verunsichert aus den Gesprächen heraus. Deshalb erstatten die meisten Menschen auch erst dann Anzeige, wenn sie ihr Trauma mehr oder weniger bewältigt haben.“

Heute arbeitest du als Sex-Coach. Kommen auch Menschen zu dir in die Praxis, die sexualisierte Gewalt erlebt haben? Wie
verändern solche Erlebnisse das Verhältnis zur eigenen Sexualität?

„Es gibt sehr unterschiedliche Reaktionen. Es kann passieren, dass Menschen, die Grenzverletzungen erlebt und als solche wahrgenommen haben, sich völlig von der eigenen Sexualität abspalten. Oft wird Unlust zu einem großen Thema, weil Lust mit der Gefahr einer möglichen erneuten Verletzung verknüpft ist. So etwas kann Beziehungen sehr stark belasten. Außerdem gibt es das Paradoxon, dass unsere Gesellschaft einerseits sehr sexualisiert ist, es auf der anderen Seite aber nicht schafft, offen damit umzugehen.

Menschen, die aufgrund eines Traumas ihre Sexualität nicht mehr zulassen, erleben es oft als Tortur, konstant mit Sex konfrontiert zu werden. Um damit umzugehen, versuchen manche Betroffenen, allen vermeintlichen Anforderungen der Gesellschaft gerecht zu werden.

„Menschen, die aufgrund eines Traumas ihre Sexualität nicht mehr zulassen, erleben es oft als Tortur, konstant mit Sex konfrontiert zu werden.“

Manche verfallen in ihrem aufgezwungenen Perfektionismus einem Schlankheits- oder Schönheitswahn. Das kann auch krankhafte Züge annehmen. Und alles nur, weil ein gestörtes Verhältnis zu Sexualität es ihnen nicht möglich macht, anders auf die Forderungen einer sexualisierten Außenwelt zu reagieren. Natürlich kann man das nicht generalisieren. Manche Betroffenen reagieren ganz anders, zum Teil sogar genau andersherum: Da wird dann versucht, das sexuelle Trauma durch eine Art Überkompensation zu verarbeiten.“

Was können wir tun, um die Gesellschaftsstrukturen zu verändern, die sexualisierte Gewalt so oft begünstigen?

„Das ist schwierig. Natürlich helfen Berichte von Betroffenen. Jede Frau muss allerdings selbst entscheiden, ob und wann sie offen über ihre Erlebnisse spricht. Außerdem ist es ist unglaublich wichtig, Männer in die Diskussion miteinzubeziehen und zu sensibilisieren. Die Menschheit ist so sehr auf Sex fokussiert. Das zeigt sich in unserem Sprachgebrauch, in unserem Humor, in unseren Unterhaltungsmedien. Das müssen wir nicht unbedingt grundlegend ändern, wir müssen nur reflektieren, ob Sex so dargestellt werden soll. Allerdings verfestigen sich bei den meisten Witzen und Komödien die Fronten zwischen Männern und Frauen.

„Auch Witze verfestigen die Fronten zwischen Männern und Frauen.“

Dafür müssen wir ein Bewusstsein schaffen. Es ist wichtig, eine Alltagskultur zu formen, in der wir uns gegenseitig unterstützen. Es ist wichtig, dass wir mit Kindern über Consent und Gleichberechtigung sprechen. Es ist wichtig, dass wir nicht wegsehen, wenn wir wissen, dass unser Vorgesetzter manchmal übergriffig wird. Ein Code of Conduct und eine Anlaufstelle in Unternehmen können schon ein großer Schritt in die richtige Richtung sein.

Wer ein sexuelles Selbstbewusstsein hat und weiß, was sie oder er will, kann viel souveräner auf unangebrachte Kommentare reagieren. Wenn jemand in einem Meeting einen Witz über meine Brüste macht, fällt es mir vermutlich leichter darauf zu reagieren, wenn ich mir meines Körpers bewusst bin und meine Sexualität angenommen habe. Diese Souveränität erlaubt es mir, die Person entweder in ihre Schranken zu weisen oder aber bewusst nicht auf die Provokation einzugehen. Man lässt sich nicht so leicht verunsichern.“

Meinst du, dass Hashtags wie #metoo zu einem gesellschaftlichen Wandel beitragen können?

Wir haben diese Diskussionen gefühlt schon tausendmal geführt. Hashtags kommen, Hashtags gehen. Aber es ist gut, wenn man sich immer wieder daran erinnert, dass die Themen, nur weil sie oft besprochen wurden, noch nicht vom Tisch sind. Ich denke, es ist ganz schwierig, die eigene Blase bei solchen Diskussionen zu verlassen. Selbst in den sozialen Medien. Wichtig wäre es, dass die Politik endlich eine Reaktion zeigt und sich nachhaltig an den Debatten beteiligt.

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