Foto: Leni Moretti

Zwei Kinder im Studium und Lust auf Karriere – wie vereinbart man privates und berufliches Glück?

Sarah Seeliger war mitten im Studium und dabei, ihre Karriere zu planen, als sie schwanger wurde. Weder das erste noch die nächsten beiden Kinder haben sie daran gehindert, sich beruflich zu verwirklichen.

„Erst die Karriere, dann die Kinder. Für mich gab es beides gleichzeitig“

So viele Eltern entscheiden sich dazu, erst einmal Karriere zu machen, um die Welt zu reisen und genügend Geld zur Verfügung zu haben. Es ist nicht selten, dass Frauen über 30 oder sogar über 40 Jahre alt sind, bis sie ihr erstes Baby bekommen. Sie haben bis dahin viel erlebt, gesehen und wissen genau, was sie wollen und wie ihr Leben zu verlaufen hat. Bei mir war es anders. Ich hatte gerade mein Studium „Unternehmensgründung und Nachfolge“ begonnen und erfuhr im ersten Semester, dass ich schwanger bin. Es war bereits mein zweiter Start ins Unileben und ich war hochmotiviert. Ich hatte große Ziele und Pläne: Karriere machen und ein eigenes Business aufbauen. Der Traum eine Familie zu gründen, war natürlich auch da, nur circa zehn Jahre zu früh. Auch ein Blick in meinen Freundeskreis half mir nicht weiter: Mit 23 Jahren war ich die Erste in meinem Umfeld, die ein Kind erwartete.

Eigentlich sprach auch nichts so richtig dagegen. Ich war vor kurzem mit meinem Freund zusammengezogen und wir liebten uns sehr. Ich hatte viel Spaß am Studieren. Also reifte die Idee, Karriere, Kind und Partnerschaft zu vereinen. Da es ein Abendstudium war, konnte ich auch alles gut organisieren. Tagsüber schwebte ich auf Wolke sieben im Mamaglück und abends von 18 bis 21.30 Uhr hieß es, ab in die Uni. Die Schwangerschaft und die Geburt waren unglaublich schön, unsere Tochter wundervoll und wir überglücklich. Dass ich weiter studiere mit dem Ziel, in der Regelstudienzeit fertig zu werden, stand für mich trotzdem außer Frage. Denn ich wollte definitiv an meinem Karriereplan weiterarbeiten. So konnte ich bis zur Geburt noch Prüfungen schreiben und auch nach den Ferien zum Wintersemester direkt weiter studieren. Und genau so sah mein Alltag aus. Lernen, Wickeln und an der Karriere planen.

Es gibt keinen perfekten Zeitpunkt, um ein Baby zu bekommen

In den heißen Klausurphasen griffen Babysitter und Oma mir unter die Arme, damit ich Raum zum Lernen hatte. Sonst war am Abend mein Freund immer da. Der Vorteil: Er hatte so von Anfang an eine sehr enge Beziehung zu unserer Tochter. Das klappte so gut, dass ich schon nach eineinhalb Jahren unser zweites Kind bekam. Wieder mitten im Studium. Zeitgleich entschieden wir uns auch dazu, unser erstes Unternehmen zu gründen. Viele Freunde fragen mich, ob es denn nicht stressig sei sich um drei Kinder und ein Startup zu kümmern. Die ehrliche Antwort lautet: Man gewöhnt sich an alles. Somit empfindet man die Aufgaben mit einem Kind als stressig und als gleich stressig empfindet man Jahre später die Aufgaben mit zwei oder drei Kindern. Heute denke ich, es gibt keinen perfekten Zeitpunkt, um ein Baby zu bekommen. Zu jedem Zeitpunkt spricht etwas dagegen und etwas dafür. Ich habe in den letzten sechs Jahren mein Studium beendet, ein zweites und ein drittes Baby bekommen und so einige Unternehmen gegründet.

Kind und Karriere. Manchmal ist es schwierig. Sehr schwierig. Ich lebe mit drei Kindern, meinem Mann und meiner gemeinnützigen Organisation Librileo zusammen. Buchstäblich: Unsere Wohnung und unser Büro ist eins. Das ist mein Leben. Es muss alles vereinbart werden. Und ich schaffe das mal mehr und mal weniger gut. Vor zwei Jahren war ich an dem Punkt, dass ich es satt hatte, zwei Jobs zu machen – Mama zu sein und tagsüber im Büro zu rotieren. Meine Erwartungen an mich selbst konnte ich nicht mehr erfüllen. Das machte mich unzufrieden. Ich fühlte mich, als würde ich in jeder Hinsicht versagen. Ich konnte keine 100 Prozent im Büro geben und auch keine 100 Prozent zu Hause mit den Kindern. Und die waren zu diesem Zeitpunkt auch in besonders herausfordernden Phasen unterwegs. Unsere Tochter war vier und unser Sohn drei. Ich kann gar nicht mehr sagen, wer mehr auf dem Boden lag, schrie und mit den Beinen gestrampelt hat.

Kompromissbereitschaft und regelmäßige Problem-Lösungs-Gespräche geben Kraft

Inzwischen habe ich gelernt, das Mamasein und meinen Job gesünder zu vereinbaren. Mein Geheimtipp: Gelassenheit. Ich setze mich selbst nicht mehr unter Druck und gehe einfach entspannter an Situationen heran. Lache mehr und zum Glück werden die Kinder ja auch älter. Meine große Tochter ist jetzt sechs, mein Sohn vier und unsere Jüngste eins. Die beiden Großen spielen auch schon mal eine Stunde allein mit der Kleinen im Kinderzimmer.

Wenn es sich heute wirklich nicht gut anfühlt, dann verteilen wir als Familie unsere Aufgaben einfach um. Vor zwei Jahren haben mein Partner und ich für eine Weile die „Kinderzeiten“ getauscht. Das bedeutete, dass er nachmittags die Kinder abholte und am Abend warteten sie alle mit leckerem Abendessen auf mich. Diese kleine Abwechslung hat mir Kraft gegeben und wir konnten unseren Alltag wieder positiver gestalten. Nur so, mit ganz viel Kompromissbereitschaft und regelmäßigen Problem-Lösungs-Gesprächen konnten wir es schaffen, beides zu vereinbaren. Wir strukturieren unser Leben ab und zu um, sodass wir alle, Mama – Papa – Kinder, gut ausbalanciert sind.

Was glücklich macht, geht einfacher

Ich wollte immer beides, Kinder und Arbeiten. Es war nie die Überlegung da, das Gründen zu beenden. Im Gegenteil: Erst vor zwei Jahren haben wir noch einmal von vorne angefangen und unser Startup links liegen gelassen, um eine gemeinnützige Organisation zu gründen. Librileo gemeinnützig bietet nun Bücherboxen kostenfrei für Familien in Armut an. Kinder, Arbeit, das Büro in der eigenen Wohnung – Ich liebe es, dass ich meine Leidenschaften selbstbestimmt ausleben kann. Meine Arbeit ist mir so unglaublich wichtig, dass ich mir nie vorstellen könnte, damit aufzuhören. Und genau das sorgt dafür, dass ich zwischen dem Leben als Vollblut-Mutter und meinem Business gut zurechtkomme: Wenn du liebst, was du tust, ist alles einfacher.

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