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Wo sind all die „modernen Väter“? Hilferuf eines einsamen Vaters in Elternzeit

Philipp teilt sich die Elternzeit mit seiner Freundin und verbringt sieben Monate mit seinem Sohn zu Hause – und verzweifelt zunehmend daran, im Baby-Schwimmen, beim Pekip und auf dem Spielplatz der einzige Mann weit und breit zu sein. Bei uns schreibt er darüber, was sich ändern muss.

 

Ab heute bin ich Feminist

36 Jahre lang habe ich mir kaum
Gedanken über die Gleichberechtigung von Mann und Frau gemacht. Nicht dass wir
uns falsch verstehen: Ich war schon dafür, dass Männer und Frauen die gleichen
Rechte und Chancen haben, und mir war klar, dass es in diesem Bereich noch einiges zu
verbessern gibt. Aber die Gleichberechtigung war für mich mehr ein Thema der
Frauen. Seit zehn Monaten ist das anders. Da wurde Nick geboren, unser Sohn.
Seitdem hat sich vieles geändert. Vor drei Monaten habe ich Schreibtisch gegen
Wickelkommode getauscht. Ich habe viel dazugelernt über das Ess- und
Schlafverhalten eines Babys, aber vor allem über Gleichberechtigung. Mein
vorläufiges Fazit: Es ist Zeit etwas zu ändern. 

Erster Schritt: Ab sofort bin ich Feminist. 

Ich weiß gar nicht mehr genau, warum, aber
für mich war während der Schwangerschaft ziemlich schnell klar, dass ich mir
die Elternzeit mit meiner Freundin teilen will. Vielleicht aus Neugier auf den
ungeborenen Sohn, vielleicht, weil es für mich selbstverständlich war, dass wir
beide bei der Karriere weiterhin die gleichen Bedingungen haben sollten, vielleicht
dachte ich aber auch, dass das so ne Art verlängerte Ferien werden würde, in
denen man lange vernachlässigte Projekte zu einem erfolgreichen Ende führen
könnte und ganz nebenbei noch dem Nachwuchs näherkommt.

Großartige Momente mit dem Kind

Nun ist fast Halbzeit: Drei Vätermonate
(bescheuerter Ausdruck, schließlich sagt ja auch keiner Müttermonate…) sind rum
und alles kam anders als gedacht. Die Beziehung zwischen Nick und mir ist
intensiver geworden. Wir erleben großartige Momente: Als Nick sich das erste
Mal eigenständig hingesetzt und sich mit spontanem Lachen selbst gefeiert hat,
kamen mir die Tränen. Aber es gibt auch oft Tage, die aus einer
Mischung aus Langeweile und Aufheiterungsversuchen bestehen, wenn Baby Nick den nächsten
Zahn ausbrütet. Von den Nächten nicht zu sprechen. Oft habe ich das Bedürfnis, darüber zu reden, über die kleinen Fortschritte im Babyleben, über die eigene
Anspannung und die Angst, Fehler zu machen. Gern würde ich mit anderen Vätern
darüber sprechen, über das neue Leben als Vollzeitvater in Elternzeit.

Zum Beispiel im Schwimmbad, beim
Babyschwimmen. Babyschwimmen bedeutete bis vor drei Wochen Hoffnung. Hoffnung auf
Gleichgesinnte, auf Väter, die wie ich Zeit mit ihren Kindern verbringen
wollen. Auf Eltern, deren Hauptthemen nicht zuallererst Stillbeschwerden und
Beckenbodenregeneration sind, sondern mit denen ich meine väterlichen Sorgen
teilen kann und nebenbei noch über Sport, Politik oder Fußball plaudern kann.

Vor drei Wochen habe ich also Nick in die
Schwimmwindel gesteckt. Dann sind wir aufgeregt schnell noch gemeinsam unter
die Männerdusche gesprungen und auf zum fröhlichen Babyschwimmen. Nicole, die
freundliche Bademeisterin, ist ganz entzückt vom vergnügten Sohn. Ich steige
voller Tatendrang ins pipiwarme Becken, um es desillusioniert 30 Minuten später
wieder zu verlassen. 13 Eltern, davon zwölf Mütter und das Gefühl, ein seltenes
Zootier zu sein. Dazu der mitleidsvolle Kommentar einer Mutter: „Wie
praktisch, deinen Namen werd ich schonmal nicht vergessen. Da kann ich ja
demnächst auch mal meinen Mann vorbeischicken, dann bist du nicht so
allein.“ Beim Verlassen des Bades steigt in mir die Wut auf:
 

Wo sind sie denn, die modernen Väter?

Ich bin es leid beim Babyschwimmen der
einzige Vater zu sein. Ich habe es satt, beim Pekip als einziger Mann sieben
Müttern gegenüber zu sitzen.

Wie kann das sein? Überall ist doch von
modernen Vätern zu lesen? Von Vätern, „den neuen Helden“. 3,1 Monate
nimmt ein Mann heute im Schnitt Elternzeit, in Berlin sind es sogar 3,9 – aber
wo sind diese neuen Helden? Wir wohnen in Berlin-Prenzlauer Berg, ein Stadtviertel, das
angeblich mit einer der höchsten Geburtenraten Deutschlands gesegnet ist. Kinder sieht
man hier immer, Mütter auch – aber zwischen 9 und 16 Uhr ist das Viertel väterfreie Zone. Mir ist das bis vor drei Monaten nie aufgefallen, aber jetzt
komme ich mir vor wie ein Exot, wenn ich mit Nick mittags ins Café gehe: Mann
mitten in der Müttermeute.

Für die 3,1 Monate habe ich inzwischen
meine eigene Erklärung. Es gibt einige wenige, die heben den Schnitt, die
übernehmen die Elternzeit komplett oder teilen sich die Elternzeit mit ihren
Partnern (was übrigens laut Familienministerium die Scheidungsrate signifikant
senkt). Und dann gibt es zwei Drittel der Männer, die machen gar keine
Elternzeit. Und es gibt die Ferienväter, für die bedeutet
 Elternzeit = Neuseeland oder Australien, Thailand oder Indien.
Ziele, die man sonst ungern in zwei Wochen bereist, stehen nun auf dem Programm.
Natürlich in Begleitung von Frau und Kind. Mit Stolz in der Stimme erklären
sich diese Männer nachher als neue Musterväter. Ich hab so ein Prachtexemplar
neulich in der Pekip-Gruppe getroffen, natürlich in Begleitung seiner Frau: ein
einmaliger Besuch vor Anbruch der Vätermonate. Charmanter Kerl, interessanter
Gesprächspartner bis zu folgender Frage:

„Du bist doch jetzt schon länger
in Elternzeit, hast du noch Tipps für mich?“ Erster Reflex:
Begeisterung! Ein Gleichgesinnter – endlich! Ein künftiger
Latte-Macchiato-Genosse inmitten der mütterlichen Parallelgesellschaft. Doch
dann die Ernüchterung: Seine Elternzeit dauert genauso lange wie der
Indien-Trip. Wofür braucht er dann meine Tipps? Ich versuche ihm zu erklären,
dass die Herausforderungen erst nach der Reise beginnen, im Alltag.

„Mein Chef hätte das nie durchgehen lassen “

Plötzlich Vollzeitvater, allein
Zuhause  – auf diesen Moment gibt es
keine Vorbereitung. Kein Vergleich zu den ersten zwei freien Wochen mit Baby
und Freundin nach der Geburt, kein Vergleich zum ersten gemeinsamen
Familienurlaub. Der Job fehlt, die Anerkennung und dann die Unsicherheit, die
Angst, Fehler zu machen, dem Kind zu schaden.

Das Gespräch mit dem Ferienvater endet
dann ziemlich abrupt, er ist sichtlich irritiert. Nicht, dass wir uns falsch
verstehen: Zeit mit der Familie ist immer besser als gar keine Zeit. Aber die
Ferienväter verstehen kaum, was es bedeutet, mit einem Baby den ganzen Tag
allein zu sein und sie tragen auch nicht wirklich zur Gleichberechtigung bei.

Ich hätte nie gedacht, dass die private
Entscheidung, sieben Monate für meinen Sohn da zu sein, auch so politisch sein
könnte. Dieser Ausdruck von Verwunderung, Erstaunen, aber auch Unverständnis in
den Gesichtern, wenn ich sage, dass ich bei meinem Sohn zuhause bleibe. Darauf
dann meist eine Kommentierung. Je nach Geschlecht und Lebenssituation –
Rechtfertigungsversuche. Bei Männern mit Kindern eigentlich immer: „Hätte ich
auch gern gemacht, aber mein Chef hätte das nie durchgehen lassen.“
Erstaunlicherweise ist dies auch die meistgenutzte Rechtfertigung von Müttern,
die damit erklären, warum ihre Männer keine oder nur zwei Monate Elternzeit machen.

Am Anfang dachte ich im Übrigen oft,
dass ich mit meiner Entscheidung bei Müttern gut ankomme. Aber nach drei
Monaten habe ich oft den Eindruck, sie lehnen es noch mehr ab als Männer.
Vielleicht, weil ich sie damit konfrontiere, dass so etwas grundsätzlich möglich
ist. Vielleicht weil einige den Eindruck haben, ich würde ihnen ihre
traditionelle Rolle als Vollzeitmutter streitig machen.

Schade, denn ich bin mir inzwischen
sicher: Väterzeit bringt Gleichberechtigung. Wenn mehr Männer zugunsten ihrer
Kinder monatelang aus dem Job aussteigen, dann ist das nicht nur gut für die
Vater-Kind-Bindung. Dann muss die Gesellschaft Lösungen finden für die
Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dann ist das Risiko für Arbeitgeber  bei Neueinstellungen plötzlich
geschlechtsneutral: Nicht nur die Frau kann schwanger werden, sondern auch der
Mann könnte ja mehrere Monate wegen Elternzeit fehlen.

Diese Gleichberechtigung wünsche ich
mir, damit ich in Zukunft beim Babyschwimmen nicht mehr der einzige Mann im
Becken bin. Dazu braucht es Mut von Männern und Frauen. Deshalb bin ich ab
sofort Feminist.


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