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Warum weiße Menschen Expert*innen für Rassismus sind

Weiße Menschen haben das hierarchische, diskriminierende System erfunden. Sie sind es auch, die es jetzt zerstören müssen.

Jedes Mal, wenn eine rassistisch motivierte Tat Schlagzeilen macht, werden Schwarze Menschen und People of Colour als „Rassismus-Expert*innen“ gebeten, Lösungsansätze zu präsentieren, wie das Problem aus der Welt geschafft werden kann. Dabei ist der Denkfehler, dass nicht wir die Rassismus-Expert*innen sind, sondern weiße Menschen. 

Weiße Menschen haben dieses hierarchische System erfunden, in dem sie ganz oben sind und wir ganz unten. Natürlich profitieren nicht alle weißen Menschen gleichermaßen davon. Faktoren wie Sexismus, Klassismus, Ableismus, Diskriminierung aufgrund von Sexualität, Herkunft, Bildung und anderen Faktoren tragen auch bei weißen Menschen dazu bei, in der Hierarchie weiter nach unten zu rutschen – aber eben nie so weit nach unten, wie Schwarze Menschen, die wirklich in keinster Weise von der Aufrechterhaltung dieses Systems profitieren. Die Frage sollte daher vielmehr lauten: Was können weiße Menschen tun, um das Problem aus der Welt zu schaffen? Ehrlich über Rassismus zu sprechen, wäre ein guter Anfang. 

Race to Dinner ist eine Initiative von Regina Jackson und Saira Rao, zwei Women of Colour aus den USA, die so funktioniert: Im Laufe einer privaten Dinnerparty mit acht weißen, liberalen Frauen sprechen sie über deren Rassismus – und erhalten für den Abend 2.500 Dollar. Sie stellen Fragen wie „Wann haben Sie zuletzt rassistisch gehandelt?“ und nehmen die Antworten kritisch auseinander. Die Gäste geraten bei diesen Dinnerpartys oft ins Stocken und brechen regelmäßig in Tränen aus. Bei den ersten Treffen kam es sogar zu rassistischen Beleidigungen und Handgreiflichkeiten.

Warum es weißen Menschen so schwer fällt, über Rassismus zu sprechen

Vor dem Dinner werden die Frauen gebeten, Robin DiAngelos „White Fragility“ zu lesen. Der Bestseller trägt den Untertitel „Warum es weißen Menschen so schwer fällt, über Rassismus zu sprechen“ und wirft einen kritischen Blick auf Race Relations in den USA und darüber hinaus.

Das Interessante an Race to Dinner ist, dass die weißen, liberalen Frauen sich ihrer Vorurteile und Rolle innerhalb der rassistischen Strukturen, auf denen die USA aufgebaut sind, bewusst sind. Jede dieser Frauen ist gegen Rassismus. Die meisten von ihnen sind Demokratinnen, manche haben Partner und vielleicht sogar Kinder, die nicht weiß sind – und dennoch denken und handeln sie rassistisch.

Was die Frauen nach der Dinnerparty mit ihren Erkenntnissen machen, liegt natürlich bei ihnen. Der Grundstein ist aber immerhin mit der Einsicht gelegt, dass ihre Passivität sie nicht zu Verbündeten im Kampf gegen Rassismus, sondern zu Komplizinnen in der Aufrechterhaltung dieser diskriminierenden Strukturen macht. 

Zugang zu Macht

Regina Jackson und Saira Rao können sich, seit sie die Initiative vor einem Jahr ins Leben gerufen haben, nicht vor Aufträgen retten. Sie wenden sich bewusst an weiße, liberale Frauen, da diese aufgrund ihrer sozialen Stellung Zugang zu Macht und Vermögen haben. Das ist auch der Grund, warum die beiden denken, dass diese Frauen durch ihre Nähe zu weißen Männern (als Partnerinnen, Schwestern und Töchter) am ehesten mit antirassistischer Arbeit gesellschaftliche Veränderung herbeiführen können. Mit weißen Männern zu arbeiten, halten sie für hoffnungslos. Das Gleiche gilt für weiße Trump-Supporterinnen. 

Mit weißen Männern zu arbeiten, halten sie für hoffnungslos.

Dass eine Initiative wie Race to Dinner auch in deutschen, liberalen Kreisen funktionieren würde, kann ich mir nur schwer vorstellen, denn dafür fehlt vielen liberalen Frauen die Einsicht, dass auch in ihren Köpfen rassistische Denkmuster stattfinden, etwa wenn sie von „guten Schulen“ oder „schlechten Gegenden“ sprechen, oder wenn ihr Feminismus die Lebensrealität Schwarzer Frauen ausklammert.

Antirassismus muss erlernt werden

Eine antirassistische Haltung ist nicht angeboren, sondern muss erlernt werden. Sie beginnt mit der Einsicht, dass es Unterschiede zwischen uns gibt und dass weiße Frauen – trotz der Diskriminierungserfahrungen, die sie aufgrund von Sexismus machen – von diesen Unterschieden profitieren: bei der Wohnungssuche, auf dem Arbeitsmarkt und wenn es darum geht, ob die Polizei als „Freund und Helfer“ oder als potenzielle Gefahr für Leib und Leben wahrgenommen wird. 

Als Amy Cooper im New Yorker Central Park die Polizei rief, weil sie von Christian Cooper, einem Schwarzen Mann aufgefordert wurde, der Leinenpflicht für ihren Hund nachzukommen, demonstrierte sie eindrucksvoll ihre Privilegien. Sie warnte ihn, dass sie der Polizei sagen würde, dass sie von einem afroamerikanischen Mann bedroht werde, was sie anschließend auch tat. Amy Cooper wusste sie genau, was sie tat. Sie wusste, dass die Polizei einer weißen Frau eher glauben würde als einem Schwarzen Mann und sie war bereit, Christian Cooper einer potenziellen Gefahr durch Polizeibrutalität auszusetzen.

Ohne Einsicht kein Fortschritt

Ohne die Einsicht, dass Rassismus etwas Erlerntes ist, das auch weiße Frauen verinnerlicht haben, gibt es keinen Fortschritt. Besonders in liberalen Kreisen bemerke ich jedoch immer wieder, dass diese Selbstreflektion fehlt, da niemand mit Rassismus in Verbindung gebracht werden möchte.

Robin DiAngelo beschreibt dieses Dilemma als die Gut-Böse-Binarität. Sie funktioniert, vereinfacht erklärt, so: Rassismus ist schlecht und Rassisten sind schlechte Menschen, darüber ist sich ein Großteil der Gesellschaft einig. Rassismus schlecht zu finden, bedeutet ein guter Mensch zu sein – und damit ist die Arbeit getan. Diese Haltung alleine reicht aus, damit weiße Menschen mit sich selbst im Reinen sind und sich nicht mehr mit dem Thema befassen müssen.

Wenn nun jemand einem guten weißen Menschen vorwirft, sich rassistisch zu verhalten, fühlt sich die Person so sehr in ihren moralischen Grundwerten verletzt, dass sie alles tut, um zu beweisen, dass das nicht stimmt. Anstatt zuzuhören, erzählt die Person von all ihren guten Taten und wenn das nichts nützt, eskaliert das Gespräch und endet in Tränen oder im Streit. Die rassistische Handlung oder Äußerung rückt dabei völlig in den Hintergrund. 

Kostenlose Aufklärungs- und Bildungsarbeit

Problematisch ist in dem Zusammenhang auch die Erwartungshaltung, dass von Rassismus Betroffene kostenlose Aufklärungs- und Bildungsarbeit leisten sollen, wenn weiße Menschen beginnen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Frustrierend ist dabei nicht nur, dass die Antworten auf viele Fragen einfach im Internet zu finden sind, sondern dass Schwarze Menschen und PoC sich schon seit Jahrhunderten intensiv mit der Thematik beschäftigen, Filme drehen, Bücher schreiben und sich generell den Mund fusselig reden. Im Gegensatz zu weißen Menschen haben wir nämlich nicht den Luxus, uns nur nach Belieben damit auseinanderzusetzen – und Weiße sollten ihn auch nicht haben. 

Dass Mitarbeiter*innen des Bundestags sich nach dem Anschlag von Hanau trotz offizieller Anordnung nicht davon abbringen ließen, eine Karnevalsparty zu feiern, überrascht mich nicht. Auch dass eine „unschöne rassistische Bemerkung“ gemacht wurde und die Polizei mehrmals um Ruhe bitten musste, während nicht weit vom Bundestag entfernt um die Mordopfer getrauert wurde, kann ich mir lebhaft vorstellen.

Ich denke auch nicht, dass das die einzige Karnevalsparty war, die an diesem Abend stattfand, denn wie es People of Colour in Deutschland ergeht, ist vielen weißen Menschen egal. Nicht allen, aber vielen – und von denjenigen, denen wir nicht egal sind, erwarte ich mir einfach mehr, als uns mit betroffenen Gesichtern nach Lösungsansätzen zu fragen.

Es reicht nicht aus, wenn Weiße nur dagegen sind

Solange Rassismus weiterhin Menschen tötet, reicht es einfach nicht aus, wenn Weiße nur dagegen sind, „Farbenblindheit“ praktizieren und halbherzige Solidaritätsbekundungen von sich geben. Wir wollen endlich Taten sehen.

Wir wollen Veränderungen sehen: in unserem Bekanntenkreis, bei der Wohnungssuche und am Arbeitsplatz, insbesondere in den Chef*innen-Etagen. Wir wollen, dass weiße Menschen den Unterschied sehen, den unsere Hautfarbe ausmacht – und auch ihre eigene.

Wir wollen, dass weiße Menschen sich mit ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Hierarchie beschäftigen, die auf Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung basiert. Wir wollen einen Feminismus, der intersektional ist und alle Frauen inkludiert. Und wir wollen, dass weiße Menschen aktiv daran arbeiten, dieses System, das sie erfunden haben, zu zerstören.

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  1. Liebe Kemi Fatoba,
    vielen Dank für diesen Artikel. Ich bin dankbar dafür mich (mal wieder 😉 aks Teil des Problems zu erkennen. WARM (Weißer Alter Reicher Mann): ein Profiteur und vermeintlich oben in der Hierarchie. Aufwachen ist gesund, aber schmerzhaft. Und auch wenn ich es zwar nicht hoffnungslos finde mit weißen Männern zu arbeiten, so ist es zumindest meist nicht leicht. Selbst für mich als Betroffener auf Augenhöhe. Mach ich ja jeden Tag. Und ich freue mich, dass sich in den letzten Jahren das M/F-Verhältnis ausgleicht, da mehr Männer kommen und sich ihrer Schwäche stellen.
    Bitte macht weiter mit eurer Arbeit, dort bei edition F.
    Sie hält jung. DANKE

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