Bild aus „Nelly und die Berlinchen“ © HaWandel Verlag | Illustration: Mathilde Rousseau

19 Kinder- und Jugendbücher zum Thema Rassismus

Um über Rassismus zu sprechen, ist man nicht zu jung. Diese Bücher können Gesprächsöffner sein – für Kinder und Erwachsene.

Seit 2012 bin ich auf der Suche nach progressiven und vielfältigen Kinderbüchern. Für meine Kinder, für meine Schüler*innen und für das Blogkollektiv buuu.ch. Mittlerweile gibt es dort ein umfangreiches Archiv von gendersensiblen, inklusiven, feministischen, intersektionalen, diskriminierungsfreien, klischeearmen und diversen Büchern für junge Leser*innen.

Um es zu erweitern und aktuell zu halten, wühle ich mich jede Saison durch sämtliche Verlagsprogramme. Von den zahlreichen Neuerscheinungen erfüllt allerdings nur ein kleiner Bruchteil unsere Kriterien und kommt für eine Empfehlung in Frage. Die Bücher, die ich vorstellen will, sollen keine Stereotypen und Klischees reproduzieren und marginalisierte Charaktere und Lebensrealitäten nicht ausschließen. In ihnen sollen möglichst viele verschiedene Kinder sich und ihre Wirklichkeit wiederfinden und andere wiederum ihre Perspektive erweitern können.

In den vergangenen Tagen bekam ich unzählige Anfragen zu Kinderbüchern, die sich kritisch und explizit mit Rassismus auseinandersetzen und als Gesprächsanlass für eine notwendige Auseinandersetzung mit Kindern mit dem Thema dienen können. Ich wünschte, ich könnte eine umfangreiche Empfehlungsliste runterrattern. Das kann ich allerdings nicht. Es gibt praktisch keine deutschsprachigen Kinderbücher zu dem Thema. Ich kann dann nur auf englischsprachige Ressourcen verweisen.

Kinder of Color nur in Nebenrollen

Im deutschsprachigen Kinderbuchmarkt hat sich in den vergangenen Jahren im Hinblick auf Diversität durchaus etwas getan. Während 2013 noch ernsthaft kontrovers darüber diskutiert wurde, ob man in Neuauflagen älterer Werke rassistische Begriffe streichen soll, gab es in neueren Kinderbüchern durchaus Kinder of Color zu entdecken. Meistens fungierten sie jedoch nur in Nebenrollen.

Immer wieder erschienen Bücher mit Protagonist*innen, die einer marginalisierten Gruppe angehören, die durch ihr „Anderssein“ definiert werden und eine problematisierende Geschichte erzählen. Rassismus wird dabei allerdings nie konkret benannt.

Gerade in letzter Zeit sind erfreulicherweise einige Werke erschienen, in denen Kinder im Mittelpunkt stehen, deren  Vielfaltsmerkmale in der Geschichte keine Rolle spielen, die einfach nur sie selbst sein dürfen. So weit, so erfreulich. Interessant zu beobachten ist dabei allerdings, dass die allerwenigsten Geschichten #ownvoices sind.

#ownvoices

Unter #ownvoices empfehlen sich Menschen auf Twitter Bücher über diverse Charaktere, die von Autor*innen derselben Gruppe geschrieben wurden. Mittlerweile wurde eine Bewegung daraus, die wichtige Sachverhalte ans Tageslicht bringt. Im Hinblick auf das Thema Rassismus zum Beispiel die Tatsache, dass Nicht-Betroffene Geschichten erzählen und illustrieren und Betroffene dadurch selbst nicht zu Wort kommen und ihre wichtige Perspektive präsentieren können und in weiterer Folge auch kein Geld mit diesen Geschichten verdienen. Wem es ein Anliegen ist, das eigene Kinderbuchregal zu diversifizieren, sollte nicht nur darauf achten, wie die Kinder im Buch aussehen, sondern auch im Blick behalten, wie es hinter den Verlagskulissen aussieht.

Ich habe allerdings Hoffnung. Bis vor wenigen Jahren war es superschwer, Kinderbücher mit starken weiblichen Protagonist*innen finden. Die „Good Night Stories For Rebel Girls“ haben einen Trend ausgelöst, mittlerweile hat fast jeder Verlag ein ähnliches Werk im Programm. Viele trauen sich immer wieder, neben all dem üblichen Kram, das eine oder andere explizit feministische Buch herauszubringen. Eine ähnliche Entwicklung erwarte ich dieses Jahr für antirassistische Bücher. Und dann am Besten bitte gleich welche, die auch von Schwarzen Menschen geschrieben und illustriert wurden!

Englischsprachige Kinderbücher zum Thema Antirassismus

„This Book Is Anti-Racist: 20 lessons on how to wake up, take action, and do the work“ von Tiffany Jewell

Was ist Rassismus? Woher kommt er? Warum existiert er? Was kann ich dagegen tun? Wo stehe ich in diesem System? Mit diesen und vielen anderen Fragen setzt sich das Sachbuch auseinander und begleitet junge Leser*innen auf ihrem Weg, zu einer gerechten und freien Welt beizutragen.

Foto: Frances Lincoln Children’s Books

Intersectionallies: We Make Room for All“ von Chelsea Johnson

Das Bilderbuch bricht das den akademischen Begriff Intersektionalität verständlich und für Kinder fassbar herunter. Es zeigt aus unterschiedlichen Gründen marginalisierte Protagonist*innen, die sich gegenseitig unterstützen: Denn Platz ist für alle!

Foto: Dottir Press

Deutschsprachige Kinderbücher als Gesprächsöffner zum Thema Rassismus

„Das Wort das Bauchschmerzen macht“ von Nancy J. Della

Ein Vorlese- und Selbstlesebuch für ältere Kinder über diskriminierenden Sprachgebrauch. Eines der wenigen deutschsprachigen #ownvoices-Bücher zum Thema, wahrscheinlich das einzige.

Foto: Edition Assemblage

„Maya Angelou: Little People, Big Dreams. Deutsche Ausgabe“ von Lisbeth Kaiser

Die Bilderbuchbiografien einiger inspirierender Schwarzer Persönlichkeiten (unter anderen Rosa Parks, Muhammad Ali, Maya Angelou) eignen sich als Einstieg in die Auseinandersetzung mit Rassismus.

Foto: Nissel Verlag

„Der Bus von Rosa Parks“ von Fabrizio Silei und Maurizio A. C. Quarello

Die wichtige Episode in der Geschichte der Schwarzen Bevölkerung Amerikas anschaulich und kindgerecht erzählt.

Foto: Jacoby & Stuart

Deutschsprachige Jugendbücher zum Thema Rassismus

„Schamlos“ von Amina Bile, Sofia Nesrine Srour und Nancy Herz 

Drei junge norwegische Feministinnen schreiben gegen Rassismus, Patriarchat und soziale Kontrolle an und thematisieren die Zerrissenheit, die sie empfinden, weil sie es weder der norwegischen Mehrheitsgesellschaft noch ihren muslimischen Familien recht machen können.

Foto: Thienemann-Esslinger Verlag

„The Hate U Give“ von Angie Thomas

DER starke und widerständige Jugendroman über Polizeigewalt und Rassismus in den USA. Ebenso lesenswert auch das zweite Buch der Autorin: On the come up.

Foto: Randomhouse

Deutschsprachige diverse Kinderbücher

„Ich bin anders als du – Ich bin wie du“ von Constanze von Kitzing 

Das Wendepappbilderbuch setzt sich auf kluge Art mit dem Thema „Anders sein“ auseinander. Viele unterschiedliche Kinder können sich und ihre Kinder in dieser Lektüre über Individualität und Gemeinschaft wiederfinden.

Foto: Carlsen Verlag

„Odo“ von Kayan Kodua

„Kinderbücher sollten Spiegel der Welt und Fenster zur Welt zugleich sein. Ein Spiegel, mit dem Kinder lernen können, ihr Leben zu reflektieren, und ein Fenster, welches ihnen die Chance gibt, das Leben eines anderen Kindes kennenzulernen“, sagt Dayan Kodua und erzählt in diesem stimmungsvollen Bilderbuch über eine geborgene ghanaische Kindheit.

Foto: Gratitude Verlag

„Ich so du so: Alles super normal“ von Labor Ateliergemeinschaft 

Ich so, du so ist ein abgefahrenes Sach-, Mitmach,- und Nachdenkbuch zum Thema Normalität. Subversiv, witzig, unaufgeregt aber radikal nähern sich die Autor*innen dem Thema an und und vermitteln: Normalität ist eine Frage der Perspektive!

Foto: Beltz Verlag

„Geh weg, Herr Berg!“ von Francesca Sanna

Lily ist ein Schwarzes Mädchen, doch die Tatsache spielt im Buch keine Rolle. Vielmehr geht es die ungewöhnliche Freundschaft zwischen dem Kind und einem uralten Berg.

Foto: atlantis Verlag

„Warum weint der Papa“ von Kristina Murray Brodin und Bettina Johansson

Eine berührende Geschichte über Empathie aus Schweden. Die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, mit denen die Autor*innen Vielfalt auf sämtlichen Ebenen abbilden ist grandios.

Foto: Maria Benson Verlag

„Kalle und Elsa“ von Jenny Westin Verona

Ebenfalls aus Schweden, wunderschön und kommen ohne Klischees aus: Die fantastischen Alltagsabenteuer (mittlerweile gibt es 3 Bände) zweier bester Kindergartenfreund*innen. 

Foto: Bohem Verlag

„Julian ist eine Meerjungfrau“ von Jessica Love

Ein bemerkenswertes Werk über Individualität und Akzeptanz mit einer Hauptfigur, die fernab von Geschlechterklischees agiert – und agieren darf. Plus: Ausnahmslos alle abgebildeten Personen sind Schwarz.

Foto: Knesebeck Verlag

„Wie siehst du denn aus?: Warum es normal nicht gibt“ von Sonja Eismann

Dieses radikale und gleichzeitig superspannende Sachbuch lädt ein, sich kritisch mit Idealbildern und Schönheitsnormen auseinanderzusetzen, erweitert den Normalitätsbegriff der Leser*innen und empowert.

Foto: Beltz Verlag

„Nelly und die Berlinchen: Rettung auf dem Spielplatz“ von Karin Beese

Das Buch ist entstanden, weil eine Weiße Mutter Bücher vorlesen wollte, in denen positive Identifikationsfiguren für ihre Schwarze Tochter vorkommen. Am deutschsprachigen Buchmarkt wurde sie nicht wirklich fündig – und publizierte das interkulturelle und diskriminierungsfreie Buch im Eigenverlag. Mittlerweile gibt es auch einen zweiten Band.

Foto: © HaWandel Verlag | Illustration: Mathilde Rousseau

„Akissi: Vorsicht, fliegende Schafe!“ von Marguerite Abouet

Unglaublich schräg und lustig: Marguerite Abouet erzählt in dem teils autobiographischen Comic über eine ganz normalen Kindheit in Abidjan, einer Millionenstadt an der Elfenbeinküste.

Foto: Reprodukt Verlag

„Schwanensee“ von Peter Tschaikowsky

Dieses stimmungsvolle Musikbilderbuch ist wunderschöne Neuinterpretation des Ballett-Klassikers. Bemerkenswert ist, dass sämtliche Hauptcharaktere (und Ballerinas) Schwarz sind und zur Abwechslung der Bösewicht weiß

Foto: Prestel Verlag

„Mein Weg mit Vanessa“ von Kerascoët

Das textlose Werk eignet sich hervorragend als Gesprächsanlass zu Themen wie Ausgrenzung und Mobbing und darüber, was Empathie und Solidarität bewirken können.

Foto: Aladin Verlag

Die Bücher sind natürlich auch bei den lokalen Buchhändler*innen eures Vertrauens zu finden. Support your local Book-Dealer!

Foto: © HaWandel Verlag | Illustration: Mathilde Rousseau

Das Titelbild ist aus dem Buch „Nelly und die Berlinchen“ von Karin Beese und Mathilde Rousseau, erschienen im Verlag HaWandel.

  1. „Odo“ von Kayan Kodua habe ich meiner Tochter vor einem halben Jahr gekauft. Sie ist nun 3 Jahre alt. Ich hatte mich wohl mit der Altersangabe vertan. Es ist sehr viel Text für ein so kleines Kind. Außerdem bin ich die Art der Schreibweise der Autorin bei Kinderbüchern nicht gewöhnt und fand es anfangs anstrengend das Buch zu lesen. Der Papa meiner Tochter (aus Nigeria) war von dem Buch nicht begeistert. Er sagte, es würde ein Stereotyp gezeigt, das wir Weißen hätten („alle Afrikaner leben in Hütten“). Ich habe ihm einen Teil des Buches auf Englisch übersetzt, danach war er doch sehr angetan davon. Aber nun zu meiner Tochter: sie liiiebt es. Ich darf es regelmäßig vorlesen. Letzte Woche hatten wir die U7a und die Ärztin fragte meine Tochter ob sie ein Lieblingsbuch hat. Und meine Tochter erzählte ihr die Geschichte von Odo. Die Ärztin war ganz hin und weg. Das die Mama kein Geld hat und Odo sich doch eine schwarze Babypuppe wünscht, ist immer wieder Thema und muss besprochen werden. Das beschäftigt meine Tochter sehr.

    Das Buch „Ich bin anders als du“ haben wir auch. Was allerdings schon leicht auseinander fällt, da es mindestens genauso oft gelesen wird.

    Danke für die tolle Recherchearbeit zu den Büchern! Ich versuche meiner Tochter eine Vielfalt zu bieten.

  2. Vielen Dank für diese tolle Auswahl an 19 Kinder- und Jugendbüchern zum Thema Rassismus. Da möchte ich sehr gern noch ein 20stes ergänzen: „Klar bin ich von hier! Was ein schwarzer Junge in Deutschland erlebt“. Sabine Prieß hat das Buch gemeinsam mit ihrem schwarzen Sohn geschrieben, es thematisiert Rassismus kindgerecht und hat zusätzlich einen Anhang mit möglichem Unterrichtsmaterial für die Schule.

  3. Mittlerweile ist meine große Tochter sieben Jahre alt. Als sie so 3/4 Jahre alt war, war ich auf der Suche nach einem ganz normalen Kinderbuch, ohne Rassismus ohne Erklärungen…sondern einfach ein Buch in dem die Heldin dunkelhäutig war. Ich bin dann auf Nelly und die Berlinchen gestoßen. Es gibt viel zu wenige davon!!!

  4. Tolle Bücher, vielen Dank dafür. Schade, dass bei den Rezensionen nicht das Alter, für wen die Bücher (grob) passend sind, angegeben ist. Und die Verlinkung der Bücher zu Amazon ist zweifelhaft

  5. WOW!!! Vielen Dank für die tolle Recherche! Die Liste ist gespeichert, die Bücher werden ALLE (natürlich altergemäß zu seiner Zeit) den Einzug in die Bücherregale meiner Kinder finden.

  6. Wirklich eine schöne Zusammenstellung! Einen Titel möchte ich auch ergänzen: ganz neue erschienen ist „Trau Dich, sag was! von Peter H. Reynolds über den Mut sich einzumischen mit einem Schwarzen Mädchen als Hauptperson.

  7. Ich möchte gerne ein Buch ergänzen: „Piep das Schwaf“, Piep ist halb Schwein, halb Schaf. Dieses Bilderbuch würde von der Autorin für ihre eigenen Kinder sehr liebevoll geschrieben und illustriert.

  8. Danke danke danke für diese Liste! Bin dabei ein Posting zu erstellen mit Empfehlungen zu diesem Thema für unser Eltern-Kind-Zentrum. Dank dir, hab ich nun endlich brauchbare Tipps!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Anzeige

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.