Foto: Ismael Sanchez | Pexels

Viele haben Angst, sich wirklich mit Rassismus auseinanderzusetzen, weil es ihr Selbstbild in Frage stellt

Wer sind „wir“ als Gesellschaft, was muss sich verändern und wo wollen wir hin? Das sind Fragen, auf die es mit jeder neuen Perspektive auch neue Antworten gibt. In unserer Kolumne „Reboot the System“ gehen ihnen deshalb verschiedene Autor*innen zu unterschiedlichen Themenbereichen nach. Heute mit: Josephine Apraku.

Ein ganz normaler Arbeitstag – rassismuskritische Bildungsarbeit in Deutschland

Ein Freitag im März letzten Jahres. Die Kältewelle hat den Thüringer Wald an diesem Tag noch fest im Griff. Ich sitze ich mit meiner Kollegin im Taxi auf dem Weg zum letzten Workshop unserer Arbeitswoche. An unseren Fenstern zieht eine verschneite Landschaft vorbei, die aussieht als wäre sie die Kulisse für ein Märchen: Dunkelgrüne Tannen, deren Zweige von einer dicken Schneeschicht bedeckt sind, Schneeflocken, die leise und eilig rieseln und Bergwipfel, die in der vormittäglichen Sonne die gesamte Szenerie in ein verwunschen petrolfarbenes Licht tauchen.

Ich bin müde. Um fünf Uhr bin ich aufgestanden. Nachdem ich die letzten Tage für einen Workshop zu rassismuskritischer Kulturpraxis in Frankfurt am Main war, steht heute eine Fortbildung mit Pädagog*innen zu rassismuskritischer Bildungsarbeit auf dem Plan. Irgendwann komme ich an einem kleinen abgelegenen Bahnhof an, an dem ich mich als Schwarze Person unwohl fühle, weil ich auffällig beäugt werde. Ich ärgere ich mich über die Organisator*innen der heutigen Veranstaltung: Rassismuskritisch wäre auch, mehr für Sicherheit für Schwarze Referent*innen und Referent*innen of Color zu sorgen, in Gegenden, die für sie potentiell gefährlich sein können. Warum holen mich die Veranstalter*innen nicht einfach ab?

Wir müssen beim Thema Rassismus immer mit Abwehr rechnen

Die Inhalte unserer Workshops sind einfach erklärt: eine kurze Einführung zu Rassismus als eine Form struktureller Diskriminierung, dann zwei Übungen. Die erste bietet die Möglichkeit die eigene Bildungsarbeit kritisch zu reflektieren und auszuloten, wo Handlungsbedarf besteht. Die zweite Aufgabe ist eine Analyse von Lerneinheiten aus Schulbüchern, die teils aktuellen, teils alten Lehrwerken für verschiedene Fächer entnommen sind.

Die Abwehr, die den Themen Diskriminierungskritik im Allgemeinen und Rassismuskritik im Besonderen entgegengebracht wird, denken wir, wenn wir Ablaufpläne für Veranstaltungen erstellen, mit: Wir lassen beispielsweise nicht allzu viel Raum für Diskussionen und falls doch, dann unter Zuhilfenahme einer Methode, damit der Lernraum produktiv bleibt. Sie ist immer da, selbst in Räumen, in denen sich die Teilnehmenden freiwillig mit ihrer eigenen Eingebundenheit in die Machtstrukturen unserer Gesellschaft auseinandersetzen wollen. In solchen Seminaren bemerken wir oft, dass der Fokus einiger weißer Teilnehmer*innen einseitig auf vermeintlich schnelle Möglichkeiten zur „Lösung“ des Problems gelegt wird – ungeachtet der Komplexität des Themas. Gleichermaßen oft erleben wir, dass weiße Teilnehmende sich von der Allgegenwärtigkeit von Rassismus so erdrückt fühlen, dass sie den Beitrag, den sie zum Abbau rassistischer Strukturen leisten könnten, als so gering einschätzen, dass sie lieber gar nichts tun. Beides trägt nicht zu nachhaltiger Veränderung bei.

Auch heute bleibt die Abwehr nicht aus. Der Einstieg ist gewöhnlich und ungewöhnlich zugleich: Gewöhnlich, weil direkt zu Beginn, während ich unser Verständnis von Rassismus als strukturell und nicht etwa bloße individuelle negative Einstellung oder Haltung darlege, diverse Sätze beginnend mit „Aber…” eingeworfen werden. Eher ungewöhnlich deshalb, weil ein weißer Teilnehmer eher bereit ist, meinen Erklärungen zuzuhören, als denen meiner weißen Kollegin. Typisches abwehrendes Verhalten ist, dass mir nicht zugehört wird, denn ich mache diese Arbeit vermeintlich aus rein egoistischen Gründen. Meiner weißen Kollegin wird das nicht unterstellt, sie macht diese Arbeit, weil sie ein guter Mensch ist. Kurz: die Expertise von Schwarzen Menschen zu Rassismus wird oft nicht anerkannt.

Insgesamt haben auch heute einige Teilnehmende Probleme damit anzuerkennen, dass rassistisches Handeln unabhängig von der eigenen Absicht ist. Die Logik, die dieser Perspektive zugrunde liegt, ist simpel: Meine Absichten sind gut, deshalb kann mein Handeln grundsätzlich nicht rassistisch sein. Die Effekte des eigenen Verhaltens werden praktischerweise ausgeblendet. Denn viele haben letztlich einfach Angst um ihr Selbstbild, verteidigen es, als ginge es um Leben und Tod. Dabei geht es mir mit meiner Arbeit überhaupt nicht darum herauszustellen, welche Menschen vermeintlich gut oder böse sind. Mit meiner Arbeit möchte ich die Teilnehmer*innen darin unterstützen zu erkennen an welchen Stellen sie – ob bewusst oder unbewusst – Rassismus reproduzieren und sie darin bestärken, dass verändertes Handeln möglich ist.

Rassismus ist Normalität

Insgesamt läuft der Workshop aber gut. Vor allem die letzte Übung, die mit dem Unterrichtsmaterial, scheint Viele anzuregen. Bei ihr geht es darum, das Material anhand eines Fragenkatalogs zu analysieren. Sie sind erstaunt, über den für sie versteckten Rassismus und darüber, wie normal es für sie ist, von klein an damit aufgewachsen zu sein. Normalität, ohne das zu hinterfragen.

Während der Vorstellung der Ergebnisse wird heiß diskutiert. Vor allem über eine Lerneinheit eines Geografie-Schulbuches, in der es um Möglichkeiten zur Beschränkung von Bevölkerungswachstum, Bildung und Verhütung geht: Verglichen werden dafür die beispielhaften Lebensläufe von Eden aus Äthiopien (arm, ungebildet, hat viele Kinder, stirbt früh an irgendeiner Krankheit) und Julia aus Deutschland (hat Abi, studiert, arbeitet direkt im Anschluss an ihr Studium vollzeit und bekommt nur ein Kind). Die vorstellende Gruppe beschreibt das Unterrichtsmaterial als unglücklich, aber „so ist es nunmal mit Modellen, sie vereinfachen, um komplexe Sachverhalte greifbar zu machen – und vielen in Afrika geht es ja wirklich schlecht”.

Aus rassismus- und sexismuskritischer Perspektive finde ich das Material unerträglich. Um das hier mal kurz zu skizzieren: Wie es oft der Fall ist, wird Ungleiches verglichen und es entsteht der Eindruck, dass es allen Menschen in Afrika so ginge. Kurz: Alle Menschen in Deutschland haben einen hohen formalen Bildungsgrad und sind reich und vor allem weiß, denn „Julia” aus dem Material hätte ja durchaus eine Schwarze Deutsche sein können – ist sie aber nicht. Und es wäre auch niemandem aus der Gruppe in den Sinn gekommen. Denn alle Menschen in Afrika, so das Gegenstück, sind arm, ungebildet und krank und leben in Strohhütten. Ich spreche diesen Aspekt am Ende des Workshops an und bemerke den Unmut im Gesicht einer Teilnehmerin.

Diskriminierungskritik macht unser Welt- und Selbstbild mehrdimensional

Die Zeit ist knapp. Wegen des Schneetreibens haben wir schon vor Beginn des Workshops ein Taxi bestellt, in zehn Minuten holt es uns ab. Besagte Teilnehmerin möchte mit mir sprechen. Nach der Diskussion gerade fühlt sie sich angegriffen und will nicht auf sich sitzen lassen, was sich für sie unangenehm anfühlt – der Riss im Selbstbild: Sie will nicht rassistisch sein und handelt, wenn auch ohne Absicht, rassistisch. Noch sechs Minuten. „Ich sehe das anders…”, beginnt sie. „Das steht Ihnen frei”, sage ich, während ich abwechselnd sie anschaue und die Workshopmaterialien, die ich wieder in meine Tasche räume. „Als Feministin”, spricht sie weiter, „ist mir wichtig, was ich den Mädchen in meiner Arbeit mitgebe. Das war es schon immer.” „Das glaube ich”, gebe ich lächelnd zurück. Sie versucht es nochmal: „So wie du es siehst, habe ich dann wohl die Wahl: Entweder ich greife auf diese Realitäten zurück, um Jugendlichen hier einen Eindruck davon zu geben, wie gut sie es haben und um ihnen zu zeigen, dass sie eine globale Verantwortung tragen oder sie begreifen es eben nicht, weil ich es viel zu kompliziert machen muss, damit es rassismuskritisch ist.”

Noch drei Minuten. „Das ist kein Entweder-oder”, sage ich. „Es ist durchaus möglich, Zusammenhänge verständlich zu machen, ohne das Lernangebote auf Kosten von Schwarzen Menschen gemacht werden. Das geht.” Sie lächelt und nickt, „so habe ich das noch gar nicht gesehen”. „Außerdem“ füge ich an, „die Realität ist komplex, es gibt keinen Grund das jungen Menschen vorzuenthalten. Vor allem nicht, wenn wir sie auf das Leben in dieser Welt mit ihremn Machtstrukturen vorbereiten wollen.“ Das findet sie nachvollziehbar – damit kann sie leben. Noch eine Minute. Meine Kollegin und ich verabschieden uns hastig.

Wir haben Glück, trotz Schneesturm hat unsere Zug-Verbindung keine Verspätung. In der Dunkelheit rast eine unsichtbare Landschaft an mir vorbei. Matt greife ich in die unnötig teure Packung Chips vom Boardrestaurant und lasse den Tag Revue passieren. Ich finde es schade, dass viele Diskriminierungskritik oft persönlich nehmen. Es geht darin ja letztlich eben nicht um uns als Individuen, sondern um Menschen als kollektive und kooperierende Wesen. Für mich liegt die Schönheit von Diskriminierungskritik darin, dass unsere Weltanschauung vieldimensionaler und komplexer wird – ein Raum unerschöpflicher Kreativität. Die Anstrengung, die Viele so stark verspüren, ist normal. Sie ist Teil des Lernprozesses. Sie muss Teil dieses Prozesses sein, weil Diskriminierungskritik unsere Perspektive auf uns selbst und die Welt in Frage stellt. Von der wohligen Wärme des Zugs beschwippst verwerfe ich den Gedanken und halte meiner Kollegin Jule die Chipstüte hin.

„Reboot the System“ ist eine Kolumne von verschiedenen Autor*innen im Wechsel. Mit dabei: Rebecca Maskos (inklusive Gesellschaft), Sara Hassan (Sexismus), Josephine Apraku (Diskriminierungskritik), Elina Penner (Familienthemen), Natalie Grams (Gesundheit / Homöopathie) und Merve Kayikci (Lebensmittelindustrie).

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