Foto: Enis Yavuz | Unsplash

Wie ich nach langer Zeit wieder das Lieben lernte – ein Leben nach dem Ghosting

Es ist mittlerweile zweieinhalb Jahre her, dass ich geghosted wurde. Irgendwann tauchte ein Name dafür auf. Endlich konnte ich labeln, was da überhaupt passiert war. Ein Resümee.

 

Ein Anfang in Rosarot

Es fing alles wie in einem Reese Witherspoon Film aus den 90ern an: Durch gefühlte 12 Millionen Zufälle begegneten wir uns auf einem Konzert. Auf seinem Konzert. Ich kannte seine Band nicht einmal besonders gut. Er, Mitte 30, Musiker aus den USA. Das Konzert war zu Ende und die Lichter gingen an. Unsere Blicke trafen sich im überfüllten Konzertsaal. Cheesy, was? Oh ja. Ich dachte mir nicht viel dabei. Er dachte sich nicht viel dabei. Wir unterhielten uns die ganze Nacht, ich erzählte ihm von meinem Auslandsaufenthalt in Südafrika, er erzählte mir, dass er als Schüler nur einmal zum Prom gegangen wäre, aber da hätte sein Date ihn versetzt. 

Ich reichte ihm meine Hand: „Möchtest du für heute Abend mein Prom-Date sein?“ Er lächelte: „Ok, also du legst deine Hand um meinen Nacken und ich lege meine Hände … hier hin. In der Hoffnung, dass ich vielleicht irgendwann …“ Er lächelte und legte seine Hand auf meinen unteren Rücken. „Dude, aber nicht weiter, klar? Wenn mein Vater das rausbekommt…“ Wir redeten die ganze Nacht. Irgendwann nahm er meine Hand. Ich fühlte seinen Ehering und schaute ihn an: „Fuck. Fuck, ich glaube, ich mag ihn.“

Wenn man es nur lange genug glaubt, wird es wahr

Es begannen eineinhalb Jahre von heimlichen Treffen und Skype-Dates. Für eineinhalb Jahre wachte ich jeden Morgen zu einer Whatsapp-Nachricht auf: „Hey Süße. Ich hoffe, du hast gut geschlafen. Xoxo.“ Seine Ehe war kein Geheimnis, unsere Affäre war – wenn auch – weniger körperlich als vielmehr geistig. Wir liebten uns… irgendwie. Ich wollte nicht, dass er seine Ehe aufgibt. Ich wollte, dass er glücklich wird. Ich wusste, dass es nicht mit mir sein wird. Von tiefstem Herzen wünschte ich ihm, dass er seine Ehe wieder hinbiegen wird. Oder so redete ich es mir erfolgreich ein. Von Anfang an wusste ich, dass diese unsere Geschichte nicht davon handelt, dass wir happily ever after leben werden. Ich wusste, es wird den Weg ebnen, dass er seine Frau neu lieben lernt und ich… ach, mich würde das auch schon irgendwo hin bringen. Good things will come out of this, nicht wahr?

Wir sprachen darüber, ob es nicht besser wäre, den Kontakt abzubrechen. Das hielt dann immer für etwa eine Woche. Wir erzählten uns unsere Geheimnisse – nie war das so einfach für mich wie mit ihm. Er hörte zu. Ich hörte zu. Ätzend, wenn Menschen zuhören. Klar war die ganze Sache einfach für uns beide. Wir waren einander Fantasie. Nicht real. Wir leben ja nicht einmal auf dem selben Kontinent. Wir haben funktioniert, weil wir niemals funktionieren würden. Wir haben funktioniert, weil wir nicht real waren. Und ich wusste das. Trotzdem waren da diese Gefühle.

Eigentlich alles wie immer

Nach einer weiteren stillschweigenden Pause, die dieses Mal ganze zwei Wochen hielt, schrieb ich ihm. Er antwortete. Ich antwortete. Alles also back to normal. Er schrieb: „Gloria. Ich danke dir so sehr für deine letzte Nachricht, für diese süße kleine Ablenkung. Ich muss los, werde dir aber später mehr schreiben. xoxo“ … und das war das Letzte, was ich bis heute von ihm hörte.

Ich wartete. Schrieb dann ein unverbindliches „Hey, bist du ok?“ Nichts. Ich machte mir Sorgen. Gleichzeitig poppten Bilder auf Instagram auf „Spaziergang in New York“. Aha. Ich wartete. Ich schrieb. Was war da passiert?
Logischste Erklärung: Er hat es ihr gebeichtet. Oder ein aus dem New
Yorker Zoo ausgebrochener Tiger hat eine Massenkaramboulage auf der
5th Avenue verursacht und einen mit hochentzündbarer Ladung
gefüllten LKW zum Explodieren gebracht. Während der LKW-Fahrer selbst noch
versuchte, durch ein Manöver das Schlimmste zu verhindern, raste er geradewegs auf eine Schulklasse zu. Mein Insignifikant Other stürzte sich mutig dazwischen, um die Kinder vor einem grausamen Verbrennungstod zu retten – allerdings verlor er dabei alle zehn Finger… und konnte nun einfach kein Telefon mehr bedienen.

Diese Geschichte hätte ich allerdings wahrscheinlich schon auf Buzzfeed gelesen. Ersteres also. Ich wusste, dass es irgendwann so weit kommen würde.

Reale Schmerzen, ausgedachte Realität

Aber warum ist irgendwann gerade heute? War das alles eine Lüge? Waren wir eine Lüge? War ich es nicht wert, dass vernünftig mit mir Schluss gemacht wird? War all das, was wir hatten nur eine leere Hülle, die jetzt in sich zusammengesackt ist? Haben wir überhaupt jemals existiert? Waren meine Gefühle – war er real? Waren seine Gefühle echt? Was war da passiert?

Er ging wieder auf Tour. Durch Deutschland. Ich konnte es nicht aushalten. Ich konnte Deutschland nicht aushalten. Ich konnte seine Bilder nicht aushalten. Ich konnte dieses reale Klischee eines Oasis Songs nicht aushalten: „Please don’t put your life in the hand of a Rock ’n Roll band, who’ll throw it all away“ Jajaja. Shut up.

„It hurts to know that I won’t know if you knew how the summer went. I understand silence.“

– The Maccabees, „Silence“

Auch, wenn diese ganze Geschichte so surreal, verkorkst und zum Scheitern verurteilt war… waren die Schmerzen und meine Gefühle echt. Aber durch das Ghosten wurde mir die Realität verwehrt: Das war doch alles nur in deinem Kopf, du Idiot. Nichts davon war jemals real. Dafür fühlten sich die Schmerzen ziemlich real an. Ich durfte das alles nicht fühlen. You fool. Du hättest es doch besser wissen müssen…

Das Leben danach

Das ist nun zweieinhalb Jahre her. Seither war ich nicht mehr in der Lage, jemanden an mich ran zu lassen. Kaum, um neue Freundschaften zu knüpfen. Eine Überlebensstrategie. Irgendwann vergaß ich ihn. Nun, ich habe ihn
nicht vergessen, aber ich habe nicht mehr jeden Tag an ihn gedacht. Nur der Schmerz war noch immer da. Ein Schmerz, den ich nicht fühlen durfte. Ja, ich weiß. Gesund geht anders.

Dann war da dieser eine Typ, den ich mochte. Bei dem ich das erste Mal seit Langem wieder das Gefühl hatte, ich könne mich öffnen. Er kochte Kaffee am Morgen, schaltete das Radio an … und es wurde eine neue Single vorgestellt. Ja. Von ihm. Fick dich Universum. Ich brauche nicht weiter zu erwähnen, dass die Sache mit anderen Mann danach gegessen war. Ich war mir sicher: Ich werde diesen Ghost of Foolish Past für immer mit mir herumschleppen. Die Frage nach meinem Wert. Die Frage, wie es ihm wohl geht. Das vergebliche Warten auf eine Entschuldigung: „Ich habe Mist gebaut, Gloria.“ Ein Satz, der nie kommen wird.

Zweieinhalb Jahre. Da müsste man doch endlich drüber hinweg sein, oder? Ich dachte auch, ich wäre es. Mühsam habe ich meinen letzten Rest Selbstachtung zusammengekratzt und war wieder glücklich. Ich lebe in einer Stadt, die mir gefällt, habe einen Job, den ich liebe, Freunde, die mich verstehen. Ich lebte sogar zwischenzeitlich in der Gegenwart …

Mit der Zeit gehen die Geister von allein

… bis ich vor Kurzem wieder verliebt war. Oder bis ich zumindest dachte, dass da jemand ist, den ich mögen könnte. Mein Herz macht aber keinen so hohen Sprung mehr. Es klopft so vor sich hin.  Ghosten bricht nicht das Herz, es leiert es aus. All die versteckten Emotionen, nicht die Möglichkeit zu haben, die Person, die dich verletzt hat, zu konfrontieren, machten mich irgendwie … müde. Indifferent. Jeden Tag, mal mehr mal weniger, kämpfe ich damit, Nähe zu zulassen. Es wird. Es braucht Zeit. Zweieinhalb Jahre.

Sein bester Freund hat mir erzählt, dass die beiden wieder zueinander gefunden haben und mittlerweile glücklich in einer neuen Wohnung in New York leben. Er dachte, ich solle das wissen. Ich freue mich für die beiden. Es war ein langer Weg dahin. Aber wie ich es schon damals wusste: In diese Geschichte gab es nie ein „happily ever after“ für ihn und mich. Und das ist ok so. Irgendwann mit der Zeit gehen die Geister von allein.

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