Fotos (l.n.r.): F. Schilbach (privat) | A. Dardan (Sarah Berger) | A. Celik (Jakob Kielgaß)

Zum 8. März 2021: Was empowert dich, hier und jetzt? – Drei Antworten, die bleiben

Kund*in
Dussmann das KulturKaufhaus
Autor*in
Anne-Kathrin Heier für Edition F studio

Was bedeutet Empowerment für dich? Und welche Bücher, Songs oder Kunst geben dir Hoffnung in Zeiten wie diesen? Asal Dardan (Autorin, Aktivistin), Friederike Schilbach (Lektorin) und Aylin Celik (Musikerin) teilen ihre empowerndsten Einflüsse mit uns.

Das vergangene Jahr brachte viele von uns regelmäßig an Grenzen, in deren Nähe wir in einer privilegierten Gesellschaft oft zum ersten Mal überhaupt kamen. Jede Form von Beziehung wurde plötzlich zu einer hermetischen Angelegenheit. Das Gefühl von Hilflosigkeit wabert durch die Städte, und alle suchen nach einer Form von Empowerment, die sie rausholt und Löcher in einen von Homeoffice und Stillstand durchzogenen Alltag reißt. Welche Dinge das sein können, darüber sprechen drei empowernde Persönlichkeiten mit unserer Autorin Anne-Kathrin Heier und unserem Kooperationspartner Dussmann das KulturKaufhaus.

„Asal Dardan schreibt Texte, die Türen öffnen, wo vorher Mauern waren.“ – Mithu M. Sanyal | Foto: Sarah Berger

„Was Empowerment bedeutet? Für mich ist das Allerwichtigste, mich feministisch zu stützen, gestützt zu wissen im Austausch mit anderen. Das sind zum größten Teil Frauen, aber nicht nur. Dieser Austausch ist sehr hilfreich, um meinen Blick auf Feminismus zu schärfen. Es geht darum, Wissen auszutauschen, Möglichkeiten aufzuzeigen, sich Texte vorzuschlagen und gegenseitig auf Förderungen hinzuweisen. Es ist ein politisches solidarisches Miteinander. Für mich hat Empowerment immer etwas mit anderen Menschen zu tun.“

Asal Dardan, Autorin, Aktivistin, Speakerin

Erst im Februar ist Asals Essayband „Betrachtungen einer Barbarin“ (Hoffmann & Campe, 2021) erschienen, in dem sie gesellschaftliche Analyse mit den eigenen Lebenserinnerungen verbindet. „Ihre Essays sind gleichzeitig komplex und klar, sie sind präzise, persönlich und von einer aufrichtigen Wärme, die man im aktuellen Schreiben und Sprechen über Politisches so selten findet“, sagt die Journalistin und Autorin Teresa Bücker über „Betrachtungen einer Barbarin“.

Und auch, wenn Auftritte und damit der unmittelbare Austausch mit den Leser*innen gerade nicht möglich sind, hat Asal mit Blick auf den Bücherfrühling 2021 ein gutes Gefühl. „Da sind Emilia Roig, Mithu M. Sanyal, Sharon Dodua Otoo und ihre Bücher, mit denen mein Buch jetzt erscheinen kann. Es ist schön zu wissen: Wir sind nicht Einzelne, wir etablieren jetzt so eine Art Diskurs. Wir haben alle unterschiedliche Stimmen, unterschiedliche Genres, einen unterschiedlichen Blick, aber: Da entsteht etwas Gutes. Das hat mich total empowert.“

Auch, sagt Asal, habe es da einige Bücher gegeben, die ihr in den letzten oft nervenaufreibenden Monaten – Asal ist zweifache Mutter – wirklich geholfen haben. Dazu gehört „Blogdown. Notizen zur Krise“, ursprünglich ein Corona-Tagebuch, das mit Zeichnungen von Philip Grözinger und Texten von Georg Diez im Frohmann Verlag erschien. „Dass da ein etablierter cis Mann mittleren Alters, mit viel kulturellem Kapital und Renommee kommt und sagt: ,Hier! Diese Pandemie zeigt uns, wir brauchen gesellschaftliche Transformation. Wir müssen neue Wege finden. Wir müssen uns neu erfinden. Neue Zugänge. Neue Stimmen.‘ Das hat mir Hoffnung gegeben. Auch die Zeichnungen von Philip Grözinger sind eine charmante Nachstellung dessen, was wir alle erleben.“ Es sei eine schöne, eine andere Art, die Pandemie zu sehen.

Asal erzählt, sie habe einige Wochen während des Lockdowns kaum Konzentrationsfähigkeit gehabt. Dann aber sei sie auf ein Sukultur-Bändchen gestoßen: „Ableismus“ von Tanja Kollodzieyski („Rollifräulein“ auf Twitter), man habe es in ein bis zwei Stunden durchgelesen und sei danach sehr viel reicher. „Was mich total beflügelt hat, war ihre Klarheit, ihre Sprache, wie sie ihre Lebenswelt, von der ich nicht so viel weiß, Leben mit Behinderung, beschreibt.“

Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser Stelle Paul B. Preciado, „Ein Apartment auf dem Uranus: Chroniken eines Übergangs“ (Suhrkamp Verlag, 2020), das Asal als ungeheuer mitreißende Lektüre beschreibt. Und das brandneue Kinderbuch von Saša Stanišić, „Hey, hey, hey, Taxi!“ (marisch Verlag, März 2021), das beim allabendlichen Vorlesen endlich auch mal die Eltern mitdenke.

Größter Fan von Hayley Williams: Aylin Celik. | Foto: Damien Haak

„Empowerment heißt für mich, sich entfalten zu können, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was andere denken. Dabei auch Mitmenschen zu unterstützen und vor allem politisch aktiv zu sein und zu zeigen: Leute, wir haben die gleichen Rechte, das und das passiert hier gerade und wir müssen etwas tun. Was für mich Empowerment ist: aufmerksam machen, sich gegenseitig unterstützen und politisch aktiv sein.“

Aylin Celik

Aylin Celik ist Musikerin. Es begann alles ganz früh, sie war noch ein kleines Kind, als sie zusammen mit ihrer Mutter ständig Hip-Hop und R&B hörte. Dann kam die erste Gitarre, sie nahm Unterricht. Irgendwann standen ihre Freund*innen mit einem Geschenk vor der Tür und sagten: „So, hier hast du einen Laptop. Jetzt mach endlich deine Mucke.“ Sie strahlt über das ganze Gesicht, während sie das erzählt. Die Musik von Aylin wird getragen von einer empowernden Stimme und musikalischen Ideen, die wie Orte sind, an denen man noch nicht war. Aylin kommt auf neue Gedanken für Songs oder Poetry-Slam-Texte meistens im Zug, was derzeit nicht einfach ist.

Dass sie in ihrem Schreiben politisch ist, ist ihr wichtig. Sie denkt an den Jahrestag von Hanau. „Das hat mich komplett fertig gemacht. Es hat mich so überwältigt, dass ich einen Song geschrieben habe. Es war das erste Mal, dass ich impulsartig das Gefühl hatte, ich muss etwas rauslassen, ich muss darüber schreiben. Und dann hab ich diesen Song geschrieben, der hoffentlich auch auf das Album kommt.“ Das Debütalbum von Aylin wird im Sommer 2021 erscheinen. Auch eine Tour ist geplant, aber Aylin glaubt noch nicht daran. Als sie neulich die Dokumentation über Billie Eilish sah, habe sie durchgehend geheult. Wie absurd das sei: Eine Musikerin geht einfach auf eine Bühne und performt. Das allein mache sie traurig.

Aber welche Songs oder Bücher holen sie da wieder raus? Aylin überlegt nicht lang. Sie sei mittendrin gewesen in dem Prozess, zu begreifen, was gerade mit ihrem Beruf passiert, als Hayley Williams, Front-Sängerin von Paramore, ein Album rausbrachte. „Ich bin schon jahrelang ein riesengroßer Fan, sie ist wirklich die Frau, die mich inspiriert. Dann hat sie dieses unglaublich empowernde Album veröffentlicht mit diesen krassen Texten. Es hat mich mental gestärkt und motiviert, weiterzumachen.“ Neben der Musik gibt es auch Literatur, die Aylin beeindruckt. Eher Lyrik, weniger Romane. „Ich hab einen Gedichte-Band von Emily Dickinson geschenkt bekommen. Die Bücher sind erst nach ihrem Tod erschienen. Sie durfte ihre Gedichte nicht herausbringen, weil sie eine Frau war. Mit diesem Hintergrundwissen zu lesen, was sie schreibt, das war crazy. Das hat mich in letzter Zeit sehr beschäftigt.“

„Lesend erschließen sich mir so viele Welten, die außerhalb meiner eigenen liegen.“ | Foto: privat

„Empowerment bedeutet für mich, Frauen darin zu bestärken, die eigenen Bedürfnisse zu sehen und ernstzunehmen, sie zu artikulieren und den Mut zu haben, das Leben nach den eigenen Vorstellungen zu leben. Gerade während der Pandemie bedeutet es auch, Sichtbarkeit herzustellen für die Lebenssituation von Frauen, in einer Gesellschaft, die vor allem Leistung und Erwerbsarbeit honoriert, und jetzt einmal mehr vor Augen geführt bekommt, wie fragwürdig das ist.“

Friederike Schilbach, Leitende Lektorin Belletristik, Aufbau Verlag

Friederike ist leitende Lektorin für Belletristik im Aufbau Verlag Berlin. Sprache ist für sie essenziell: „Lesend erschließen sich mir so viele Welten, die weit außerhalb meiner eigenen liegen.“ Das Besondere an ihrem Job sei, dass sie mit Autor*innen arbeite, sie dabei begleiten darf, Texte auf den Weg zu bringen, vom allerersten Entwurf bis zum veröffentlichten Buch. Friederike hat einen kleinen Sohn, das Jahr 2020 war für sie auf persönlicher Ebene eine große Herausforderung und habe sie oft an ihre Grenzen gebracht. „Zugleich hat das Jahr viele Fragen aufgeworfen, die ich mir ohne die Pandemie in dieser grundsätzlichen Form wahrscheinlich nicht gestellt hätte – wie will ich leben, wie will ich arbeiten, wie will ich mit meiner Zeit, die ich als zunehmend kostbar empfinde, umgehen, und was bedeutet das für meine Familie?
Politisch war es das Jahr, das noch einmal in aller Deutlichkeit den systematischen Rassismus, der unsere Gesellschaft bestimmt, vor Augen geführt hat.“

Auch für Friederike gibt es Bücher, Musik und Kunst, die sie gerade in Zeiten wie diesen empowern und Hoffnung geben. Mit dem ersten Buch, das Friederike nennt, schließt sich ganz überraschend der Kreis zum Anfang: „,Betrachtungen einer Barbarin‘ von Asal Dardan ist ein wahnsinnig kluger Band mit Essays – persönlich und politisch und mit viel Wärme geschrieben“, sagt Friederike. Außerdem habe sie der Debütroman von Hengameh Yaghoobifarah „Ministerium der Träume“ sehr beeindruckt. „Die Autorin erzählt vom bedingungslosen Zusammenhalt zweier Schwestern und davon, wie es ist, als Kind von Migrant*innen ständig in einer Position ohne Zugehörigkeiten zu sein. Dagegen träumt das Buch an.“ Schließlich empfiehlt Friederike die Kopenhagen-Trilogie der dänischen Autorin Tove Ditlevsen. Sie habe mit ihrem schmalen Werk – den Bänden „Kindheit“, „Jugend“ und „Abhängigkeit“ – in einer von Männern dominierten Literaturwelt ihr Leben als junge Frau, Autorin, Mutter und Künstlerin thematisiert, das eigene Leben als Material für große Kunst gebraucht und damit Sujets in die Literatur gebracht, die dort vorher kaum stattfanden.

Namen von Künstler*innen und ihren Werken sprudeln nur so aus Friederike heraus, wenn sie an empowernde Einflüsse denkt. Sie hat einen Blick für das Besondere und ist immer auf der Spur außergewöhnlicher literarischer Stimmen, die uns nachhaltig in unseren Lesegewohnheiten unterbrechen. Und nicht nur dort: „Eine Malerin, die mich inspiriert, ist die englische Künstlerin Lynette Yiadom-Boakye. Sie geht irre expressiv mit Farben um, und thematisiert in ihren Bildern die Abwesenheit von Schwarzen in der westlichen Malerei. Ich wollte mir letztes Jahr eigentlich ihre Ausstellung in der Tate in London ansehen, jetzt schaue ich mir alles, was ich von ihr finden kann, im Netz an.“

Und wir blicken zusammen auf die empowernde Musik von Ava Vegas, deren Debütalbum gerade erschienen ist. „Ihre Songs (zum Beispiel „Mein Mann“) haben mich durch die letzten Wochen getragen. Ich mag die Mischung aus New Wave und Pop, sie ist leicht und flirrend und feiert den Moment. Ihre Lieder zu hören, ist wie Ausgehen, wenn man es grade nicht kann.“

Lest immer weiter

Heute vor genau einem Jahr schrieb Silvia Follmann bei EDITION F zum internationalen feministischen Feiertag: „Es geht nur zusammen. Und deshalb bleibt es wichtig, Banden zu bilden, solidarisch miteinander zu sein, sich gegenseitig zu promoten und den Rücken zu stärken, auf Probleme hinzuweisen, sich gegenseitig sichtbar zu machen oder auch einfach füreinander da zu sein, wenn alles schiefgeht, alles zu schwer wird.“ Zu diesem Zeitpunkt war noch niemandem wirklich klar, welch zusätzliches Gewicht ihre Worte in den nächsten Monaten bekommen sollten. In einer Pandemie, die vieles zutagebringt, was immer schon da, aber unsichtbar war. Sprache, Musik und Kunst sind wichtig, sind essenziell, um auf diese Schieflagen, Ungerechtigkeiten und Missstände in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen. Lest immer weiter. Hört zu. Und werdet aktiv.

Kulturgut Podcast mit Lana Wittig

Passend zum internationalen feministischen Feiertag ist bei KulturGut, dem Podcast von und mit Dussmann das KulturKaufhaus, unsere Geschäftsführerin Lana Wittig zu Gast. Laura und Steffi sprechen mit Lana über das Magazin, Vorbilder und Feminismus.

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