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Es ist nicht egal, wie wir geboren werden – und auch nicht, wie wir gebären

Ein Kind zur Welt zu bringen ist eine körperliche und seelische Grenzerfahrung. Trotzdem konzentriert sich die Geburtsmedizin hierzulande vor allem auf das Outcome: Hauptsache, das Kind ist gesund. Wie es der Mutter geht, wird da schnell nur Nebensache. Das muss sich ändern.

Wie sich die Geburtspraxis veränderte

Geboren zu werden, war in Frankreich der Siebziger Jahre eine ziemlich brutale Angelegenheit: Grob wurden die Babys aus den Körpern ihrer Mütter gezogen, geschnitten und gezerrt, dann an den Füßen hochgehoben und mit einem kräftigen Klaps auf den Po zum Schreien gebracht. Eine Dosis brennender Augentropfen später ging es ab ins Plexiglasbettchen und damit ins Säuglingszimmer, wo die Neugeborenen fern von ihren Müttern so lange schrien, bis sie erschöpft einschliefen.

Es liegt in der Natur der menschlichen Seele, die grausamsten Praktiken als normal zu empfinden, wenn sie nur alltäglich genug vorkommen – woran wir gewöhnt sind, das hinterfragen wir meist nicht. Und so gleicht es nahezu einem Wunder, dass nahezu zeitgleich zwei französische Frauenärzte, die ihren Beruf in diesem System gelernt hatten und weder einander noch eine andere Geburtshilfe kannten, intuitiv gegen die gängige Geburtspraxis aufbegehrten und öffentlich sagten: So geboren zu werden kann doch nicht gut sein!
 Der eine Arzt hieß Frédérik Léboyer, und sein engagiertes Plädoyer für eine „Geburt ohne Gewalt“ ging Anfang der Achtziger Jahre um die Welt, und veränderte die Geburtshilfe im Sturm.

Dass Väter heute bei der Geburt dabei sein dürfen, dass Gebärwannen und von der Decke baumelnde Tragetücher in deutschen Kreißsälen Einzug gehalten haben, dass heute so viel Wert auf die Bonding-Zeit, Haut an Haut unmittelbar nach der Geburt, gelegt wird und immer mehr Kliniken ihre Säuglingszimmer ganz abschaffen und stattdessen auf „Rooming In“ setzen – all das haben wir zu einem großen Teil Léboyer zu verdanken.

Es prägt uns, wie wir geboren werden

Der andere Frauenarzt, dem die Geburtsmedizin seiner Zeit ein Graus war, heißt Michel Odent. Auch er schrieb Bücher über die „Sanfte Geburt“, vor allem aber lieferte er die wissenschaftlichen Belege zu Léboyers Bauchgefühl. Während der eine Arzt aus dem Herzen heraus argumentierte („Die armen Babys sehen so unglücklich aus!“) war der andere überzeugt, die Geburtsmedizin nur mit harten Fakten verändern zu können. Also erforschte er die ganz großen Fragen am Lebensbeginn: Welche Faktoren beeinflussen die Physiologie der menschlichen Geburt? Wie wirken sich körpereigene Hormone auf den Geburtsprozess aus, und wie künstlich zugeführte? Wie unterscheidet sich das Immunsystem von Kaiserschnitt-Babys nachweislich von vaginal geborenen Kindern? „Es ist nicht egal, wie wir geboren werden“ heißt das Buch, in dem Odent seine Erkenntnisse zusammenfasst. Seine Kernthese: Wie wir geboren werden, prägt uns fürs ganze Leben, und wirkt sich sogar noch auf zukünftige Generationen aus.

Die Botschaft der beiden Männer kommt an: Dass ein guter Start ins Leben fürs Baby wichtig ist, lernt heute jede Schwangere im Geburtsvorbereitungskurs. Und auch in den meisten Geburtskliniken hat sich die Erkenntnis durchgesetzt. Deshalb dürfen sich Neugeborene heute nach der Geburt auf Mamas nackter Brust erholen, und wenn das (etwa nach einem Kaiserschnitt ) erstmal nicht geht, muss Papa das T-Shirt hochziehen zum so genannten Känguruh-Kuscheln Bauch an Bauch. Die schmerzhaften Augentropfen sind längst Geschichte, das Schreienlassen in den Säuglingszimmern zum Glück meistens auch, und immer mehr Krankenhäuser bieten heute gemütliche Einzelzimmer mit Beistellbettchen und sogar Familienzimmer mit Doppelbetten für frisch gebackene Eltern an, damit dem großen Kuscheln nach der Geburt nichts im Weg steht.

„Meine Würde habe ich an der Kreißsaaltüre abgegeben“

Doch während das neugeborene Baby in den Kreißsälen der westlichen Welt vom Objekt zum Subjekt wurde, zum vollwertigen Menschen mit Bedürfnissen und Gefühlen, blieb eine andere Person auf der Strecke: Seine Mutter. „Es ist nicht egal, wie wir geboren werden“ – dieser Satz spiegelt den Fokus der heutigen Geburtshilfe wieder: Hauptsache, dem Kind geht es gut. Doch was ist mit der Frau, der es zur Welt bringt? „Meine Würde habe ich an der Kreißsaaltüre abgegeben“ – es ist erschreckend, wie viele Mütter diesen Satz unterschreiben würden. Denn während die Geburtshilfe in Deutschland in Bezug auf die Kinder- und Müttersterblichkeit zu den sichersten der Welt zählt, ist es mit dem achtsamen Begleitung Gebärender in einer der sensibelsten und verletzlichsten Situationen ihres Lebens nicht weit her.

Die Spitze des Eisbergs der Respektlosigkeit, die die deutsche Geburtshilfe vielerorts prägt, zeigt sich seit einigen Jahren beim Roses Revolution Day. Am 25. November, dem internationalen Aktionstag gegen Gewalt in der Geburtshilfe, legen betroffene Frauen Rosen und Briefe an jenen Orten ab, an denen bei der Geburt ihres Kindes grob und grenzüberschreitend behandelt wurden. Parallel veröffentlicht das deutsche Team hinter der Aktion auf Wunsch die Geburtsberichte der Frauen auf seiner Facebookseite, um die Übergriffe sichtbar zu machen und sich für Veränderung stark zu machen. Wer sich durch alle geteilten Geburtserlebnisse durcharbeiten will, braucht starke Nerven. Zitate von Hebammen, Ärztinnen und Ärzten schocken in ihrer Brutalität:

„Nun stell dich nicht so an, beim Machen hast du dich auch nicht beschwert!“

„Dein Gebrüll wird dir jetzt auch nicht helfen!“

„Jetzt heulen Sie mal nicht rum, strengen Sie sich lieber an!“

„Wenn es jetzt nicht langsam mal vorangeht, ist Ihr Kind bald tot.“

Es kommt auch immer wieder zu körperlichen Übergriffen

Zu der verbalen Gewalt kommen körperliche Übergriffe dazu. Unangekündigte vaginale Untersuchungen, ein grobes Aufdehnen des Muttermundes, unabgesprochene Eipollösungen (das Ablösen der Fruchtblase vom Gebärmutterhals mit dem Finger). Geburtshelfer, die sich ohne vorherige Aufklärung auf den Bauch der Schwangeren werfen, um das Kind da raus zu pressen. Und das sind nur die harten Fälle. Andere Missstände – wie etwa eine Schwangere trotz Angst und Schmerzen immer wieder allein zu lassen, wie es oft schlicht aus Personalmangel geschieht – sind in der heutigen Geburtshilfe so gang und gäbe, dass viele Frauen sie nicht einmal als solche registrieren. Sie denken, Kinderkriegen ist einfach so: schmerzhaft, demütigend und schlimm.

Dabei kann die Geburt eines Kindes so ein kraftvolles, berührendes, gigantisches Erlebnis sein! Klar, auch ein total anstrengendes und nur selten schmerzfreies. Doch das wirklich Faszinierende an der menschlichen Geburt ist, dass Frauen darunter unter guten Geburtsbedingungen nicht schrecklich leiden, sondern allem Schmerz und aller Anstrengung zum Trotz während der Wehen regelrecht über sich hinauswachsen und mit unglaublicher Hingabe, Energie und Leidenschaft darauf hinarbeiten, ihr Kind aus eigener Kraft zur Welt zu bringen.

Gebärende brauchen bestimmte Rahmenbedingungen

Welche Rahmenbedingungen Gebärende dafür brauchen, wurde in den vergangenen Jahrzehnten gut erforscht. Und weil auch auch das hoch entwickelte Homo-Sapiens-Gehirn während der Geburt in den archaischen Säugetiermodus schaltet, sind auch im Jahr 2018 gute Geburtsbedingungen vor allem: Schutzbedingungen, und zwar im ganz ursprünglichen Sinne. Ein halbdunkler, höhlenartiger Rückzugsort. Wärme, Vertrautheit, Geborgenheit. Die Freiheit, sich zu bewegen und von der Kraft der Wehen und dem Geburtsschmerz leiten zu lassen.

Kontinuierliche einfühlsame Begleitung. Keine Hektik, kein Gepiepse, kein grelles Licht. Keine Berührungen wider Willen. So können die Geburtshormone ihre Arbeit tun: Die Wehen anregen und wieder zurückfahren, wenn die Gebärende eine Pause braucht. Schmerzen ihre Spitze nehmen. Kraft geben, Zuversicht spenden. Und schließlich Mutter und Kind in eine Blase aus Liebe und Glücksseligkeit hüllen, die den Bindungsaufbau erleichtert.

Hebammen sind unersetzlich – und doch fehlt es häufig genau an ihnen

In der Hausgeburtshilfe und in Geburtshäusern, in hebammengeleiteten Kreißsälen und einigen wenigen Geburtskliniken sind solche Geburten unter solchen Säugetier-Schutzbedingungen auch heute noch möglich. Doch die Geburtsrealität der meisten Mütter hierzulande sieht ganz anders aus. Vor allem an der individuellen Begleitung hapert es. Dabei ist klar belegt, dass nichts eine Geburt so sicher macht wie die kontinuierliche Eins-zu-Eins-Betreuung der Gebärenden durch eine erfahrene Hebamme. Kein CTG-Gerät kann da mithalten. Und doch ist es in deutschen Geburtskliniken heute keine Seltenheit mehr, dass eine Hebamme allein für fünf Gebärende verantwortlich ist.

Die Folge: Mehr Geburtskomplikationen, mehr Eingriffe in den natürlichen Geburtsverlauf, mehr Saugglocken-, Zangen- und Kaiserschnittgeburten. Und mehr Frauen, die verletzt oder gar traumatisiert aus jedem Tag hervorgehen, der eigentlich einer der schönsten ihres Lebens werden sollte.

Dabei wissen wir längst, wie es anders geht. So belegen mehrere groß angelegte Befragungen junger Mütter kurz nach der Geburt, dass Frauen von ihren Geburtshelfern keine Wunder erwarten. Dass so eine Geburt verdammt weh tun kann, damit kommen sie klar. Dass es irre anstrengend ist, ein Kind zu gebären, dass es oft verflixt lange dauert und manchmal medizinischer Hilfe bedarf: Auch daran verzweifeln die Frauen nicht. Ja, selbst mit einem notwendig gewordenen Kaiserschnitt konnten die meisten Befragten ihren Frieden machen – wenn, und das ist das Entscheidende: Wenn sie sich von ihrem Geburtsteam ernst genommen, respektiert und empathisch begleitet fühlten. Und genau diese Erkenntnis zieht sich durch sämtliche Studien zum Thema Geburtszufriedenheit.

Es fehlt an Respekt und an emotionaler Begleitung

Anders als immer mal wieder vermutet wird, liegt die hohe Anzahl geburtstraumatisierter Frauen heute also nicht übersteigerte Erwartungen an eine leichte, schmerzfreie Geburt und auch nicht daran, dass Schwangere sich heutzutage auf einen bestimmten Geburtsmodus versteifen und dann am Ende enttäuscht sind, weil sie nicht ihre Traumgeburt im Wasser bekommen. Traurig, verzweifelt und verletzt sind vielmehr die Mütter, denen vor, während und nach der Geburt nicht der Respekt und die beständige emotionale Begleitung und Unterstützung entgegengebracht wurde, die sie gebraucht hätten. Die Wurzeln für traumatische Geburtserfahrungen, von denen einer britischen Studie zufolge heute jede dritte junge Mutter betroffen ist, liegt also in fehlender Fürsorge und mangelndem Respekt der Gebärenden gegenüber.

Häufig wird ein Geburtststrauma dabei nicht als solches erkannt, nicht einmal von der Betroffenen selbst. Stattdessen quält sie sich alleine mit den Heulflashs, den Alpträumen und den Schuldgefühlen herum und verabschiedet sich nicht selten von ihrem Wunsch nach einem weiteren Kind, weil sie so etwas Schreckliches wie eine Geburt nie wieder erleben will. 
„Geburt ohne Gewalt“ – wie hierzulande heute häufig mit Gebärenden umgegangen wird, zeigt, dass die vor über 30 Jahren unter diesem Credo gestartete Revolution für eine menschenfreundlichere Geburtshilfe eine unvollendete geblieben ist. Denn es ist nicht nur nicht egal, wie wir geboren werden. Es ist auch nicht egal, wie wir gebären. Und eine Geburt ist nur dann eine gute Geburt, wenn es sowohl der Mutter als auch dem Kind mit dieser Erfahrung gut geht.

„Jede Geburt bringt eine veränderte Frau zur Welt, und es ist unsere gesellschaftliche Verantwortung, dass diese Veränderung eine gute ist.“

Eine solche gute Geburt kann eine vaginale Geburt sein oder ein Kaiserschnitt, zu Hause oder in der Klinik stattfinden, mit medizinischer Intervention oder ohne. Und niemand hat das Recht, zu beurteilen, ob eine Geburt eine gute Geburt war – außer der Frau, die da gerade geboren hat. Ihr Empfinden ist es, das zählt. Denn ihre Erfahrung ist es, die bleibt, und die sie begleiten wird für den Rest ihres Lebens. Jede Geburt bringt eine veränderte Frau zur Welt, und es ist unsere gesellschaftliche Verantwortung, in mit einer mütter- und babyfreundlichen Geburtshilfe die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass diese Veränderung eine gute ist. Erst dann rückt das erklärte Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Gewalt in der Geburtshilfe endlich zu beenden, hierzulande endlich in greifbare Nähe.

Wer mehr zum Thema lesen möchte: Nora Imlau hat ein Buch über das Vorbereiten, das Erleben und Verarbeiten einer Geburt veröffentlicht.

Hinweis in eigener Sache: Über Frauenrechte in der Geburtshilfe wird Nora Imlau auch beim FEMALE FUTURE FORCE DAY am 25. August 2018 in Berlin sprechen – ihr wollt das nicht verpassen und vielleicht auch eigene Fragen stellen? Dann könnt ihr jetzt mit dem Rabattcode WORDLOVE 111 Euro beim regulären Ticketpreis sparen! Wir freuen uns auf euch!

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