Foto: Tanja Heffner | Unsplash

Es gibt einen ziemlich guten Trick, die eigenen Gefühle richtig zu deuten

Unsere Gefühle sind ein ziemlich guter Indikator dafür, was wir wirklich wollen. Aber irgendwie haben wir das Gespür für uns selbst verloren. Wie wir es zurückgewinnen können? Dafür gibt es einen ziemlich guten Trick.

 

Wir haben das Gefühl zu uns selbst verloren 

Der beste Wegweiser für mehr Klarheit, Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein ist, meiner Meinung nach, das eigene Gefühl. Diesen Wegweiser tragen wir immer mit uns, egal wo wir sind. Und wir können uns in jedem Moment auf ihn verlassen, wenn wir in hören, wahrnehmen, ernstnehmen und uns trauen, für unsere Gefühle, und damit für uns, einzustehen. Oft fällt uns das schwer. Woran liegt das? Und was können wir dagegen tun? Ein paar Gedanken dazu: 

Immer wieder
stelle ich bei mir in der Praxis fest, dass viele Frauen den Wegweiser des eigenen Gefühls und ihren
Zugang dazu, in der Hektik des Alltags, vergessen haben. Es fällt ihnen schwer, ihre
Gefühle wahrzunehmen und/oder ihnen zu vertrauen. Diese Gefühle sind halt da und dann
auch gleich wieder weg, sie sind oft so selbstverständlich und latent anwesend,
dass sie nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie eigentlich verdient haben.
Denn diese Gefühle machen uns schließlich aus. Und wenn ich sie nicht achte,
brauche ich mich über zunehmende Fremdbestimmung nicht zu wundern.

Zeit zur Selbstreflexion 

Wie kann man diese Fremdbestimmung allerdings feststellen? Meistens beginnt es mit einer
Unzufriedenheit, bei der man nicht so recht weiß, wo sie eigentlich herkommt.
Sie ist mal da, mal nicht, kommt aber immer wieder und bleibt zunehmend
länger. Man fühlt sich verstärkt getrieben, der Tag wird immer kürzer, die
Zeit immer knapper, und am Ende ist einem nicht so recht klar, was man heute
alles geschafft hat, weil man ja nur von A nach B gerannt ist um für C etwas zu
besorgen, D in den Musikunterricht zu bringen, für E spontan einen
Businesslunch zu zaubern, dazwischen noch ca. vier Stunden F mit perfekt
gestemmten Projekten, mit denen sich G vor H mal wieder wunderbar profilieren
kann, beglückt hat. Soll ich noch weiter machen? Kein Wunder das hier das ich und damit die
eigenen Gefühle auf der Strecke bleiben, die haben da ja schließlich auch
keinen Raum.

Doch genug
gejammert! Ab jetzt wird alles anders, denn wir konzentrieren uns nun zur
Abwechslung mal auf uns selbst! Ja richtig, ohne das geht’s leider nicht. Doch
ich kann euch verraten: Es gibt meiner Meinung nach fast nichts Wertvolleres im
Leben, als immer wieder einen Moment der Ruhe mit sich selbst zu verbringen, probiert es aus.

Wozu
sind Emotionen eigentlich da?

Als Fachbegriff
wurde „Emotion“ vom Schweizer Psychiater Eugen Bleuler (1857-1939) geprägt. Die
Wurzel des Wortes „Emotion“ ist „movere”, lateinisch für bewegen; die Vorsilbe
„e“ bedeutet herausbewegen, was darauf hinweist, dass jeder Emotion eine
Tendenz zum Handeln innewohnt. Einige typische Emotionen sind Aggression,
Angst, Antipathie, Ärger, Besorgnis, Freude, Liebe, Trauer, Wut und Zorn. Die
„bewegende“ Erfahrung der Emotion umfasst sowohl körperliche Reaktionen als
auch „aufgewühlte“ Gefühle.

Personen,
die eine bestimmte Emotion haben, erleben dies selbst innerlich als ein
bestimmtes Gefühl, zeigen bestimmte körperliche Veränderungen und bestimmte
charakteristische Verhaltensweisen in der Folge der Emotion. Emotionen steuern
unsere Aufmerksamkeit und treiben uns zum Handeln an. Sie koordinieren die
unterschiedlichen biologischen Systeme unseres Körpers: Gesichtsausdruck,
Spannungsgrad der Muskeln, Nerven und Hormone, um uns so in optimale
Reaktionsbereitschaft zu versetzen. Diese biologischen Handlungsbereitschaften
werden zusätzlich durch unsere Lebenserfahrung und unsere Kultur geformt.

Wenn wir unsere Gefühle ständig unter- oder wegdrücken, fehlt uns dieses Momentum des
ins Handeln gehen. Tun wir das zu oft, kann uns das sogar krank machen. Ich
führe nur mal Herz-/Kreislauferkrankungen, Krebs, Fibromyalgie, Depression,
Blutdruckprobleme etc. an. Also im Umkehrschluss bedeutet das, wer seine
Gefühle lebt, ihnen Ausdruck verleiht und für die Konsequenzen daraus einsteht,
sorgt gut für sich und seine Gesundheit.

Gefühle zu ignorieren ist gefährlich

Ich empfehle euch ganz genau auf eure Gefühle zu achten. Welche machen sich
bemerkbar? Wie fühlen sie sich an? Sitzen sie an einer bestimmten Stelle im
Körper? In welchen Situationen tauchen Sie auf? Bemerkt ihr das gleiche Gefühl
in unterschiedlichen Situationen? Vielleicht schreibt ihr diese Gefühle auf?
Aber bitte nicht bewerten, nur beobachten. Schimpft nicht mit euch, wenn ihr
ein Gefühl habt, das ihr jetzt eigentlich gar nicht haben wollt. Heißt es
willkommen und schaut es genau von jeder „Seite“ an. Mehr nicht!  

Leider verlieren wir unsere Gefühle schnell wieder aus den Augen. Auch mir geht es immer
wieder so und weißt du, welches Gefühl mich dann wieder darauf aufmerksam macht, nach mir zu schauen? Genau – das schlechte, unzufriedene, latent unglückliche
Gefühl, dass mich dann tagtäglich begleitet, kaum wahrnehmbar, aber immer irgendwie
anwesend. Nicht schmerzhaft genug, als dass es meine ganze Aufmerksamkeit
beanspruchen würde aber auch nicht leise genug, um komplett ignoriert zu werden. Es
sucht sich seinen Platz irgendwie dazwischen.

Es ist aber wichtig, dass wir uns unsere Gefühlswelt vergegenwärtigen und uns mit den Konsequenzen auseinandersetzen. Damit das gelingt, habe ich einen ganz praktischen Tipp: eine Gefühlsampel. Wie das geht? So: 

Und so geht eine Gefühlsampel 

Male eine Ampel auf ein Blatt. Zum roten Licht schreibst du deine schlechten
Gefühle, die kein Mensch braucht – und du am allerwenigsten. Zum grünen Licht
schreibst du deine positiven Gefühle. Und dann ist da noch das gelbe Licht, dort notierst du deine
Gefühle, die irgendwo dazwischen liegen, nicht gut genug, als dass du den ganzen Tag
damit verbringen wolltest, nicht schlecht genug, als dass sie dir so richtig den
Tag vermiesen – also die Gefühle, die dich nicht wirklich stören, wenn sie da
sind, die du aber auch nicht wirklich vermisst, wenn sie fehlen.

Male sie dir
auf ein größeres Blatt Papier oder setze sie sonst
irgendwie visuell um. Lass deiner Phantasie freien Lauf und bastle was das Zeug
hält. Dann suche einen guten, präsenten Platz für deine Ampel, an dem du
täglich mehrmals vorbeiläufst oder sonst irgendwie mit ihr in Kontakt kommst.
Und jedes Mal, wenn du ein Gefühl wahrnimmst, dann schreibe/male es in die
Ampel an den passenden Platz – rot, gelb oder grün. Notiere dir auch ein paar
Stichworte dazu, wie sich das Gefühl anfühlt und welche Situation es
hervorgerufen hat. Das gleiche Gefühl kann auch öfters in eine Ampel notiert
werden, wenn die Situation vielleicht eine andere ist. Aber bitte, bewerte deine Gefühle jetzt noch nicht weiter, denn sie sind immer gut
und hilfreich, egal welche Qualität sie haben.

Meine Gefühlsampel 

Mich sucht immer
wieder gerne das „schlechte Gewissen“ heim, weil ich etwas nicht erledigt
oder jemandem eine Zusage gemacht habe und sie nicht einhalten konnte. Deshalb notiere
 ich auf dem roten Licht: schlechtes Gewissen / war für Mutter nicht einkaufen.

Oder mich weist
jemand auf einen Fehler hin, den ich selbst noch nicht längst entdeckt habe. Dann notiere
ich auf Rot erneut: schlechtes Gewissen/Fehler nicht gesehen.

Wichtig ist jetzt,
dass jeder seine eigene Ampel entwickelt um auch die nächsten Schritte nachvollziehen
zu können.

Rot, Gelb oder Grün – das machst du damit

So, wie geht
es dir mit deiner Ampel? Hast du sie mit Gefühlen und
Situationen gefüllt? Ja? Dann 
hast
du all deine Gefühle so schön gesammelt, nicht bewertet und weißt aber nicht so
recht, was du damit machen sollst. Also greifen wir auf das Beispiel mit dem
schlechten Gewissen zurück. Was passiert da genau?

Situation:
Du sagst deiner Mutter erneut zu, sie auch in dieser Woche wieder abzuholen und
mit ihr einkaufen zu gehen. Sie ist über 70, kann nicht mehr Autofahren, ist aber
völlig klar im Kopf, weiß also genau was sie will, und was sie braucht, sie
könnte auch zu Fuß zum Supermarkt im Ort gehen. Du lebst in Stuttgart, deine
Mutter auf dem Land, euch trennen mal eben knapp 30 Kilometer. Dein Leben ist
vollgepackt mit Verpflichtungen, einem stressigen Job und das bisschen Haushalt
muss ja auch noch jemand erledigen. Es ist für dich jedes Mal eine
Herausforderung das zeitlich auf die Reihe zu bekommen. Doch du bist eine brave
Tochter und machst es irgendwie möglich! Die letzten drei Jahre, seit deine Mutter
alleine ist, hast du es auch immer irgendwie geschafft, ab und an bist du
später als verabredet gekommen und musstest dir so manche Vorwürfe anhören. 

So
auch heute: Du seist unzuverlässig, schließlich warte deine Mutter auf dich, du
hast es doch versprochen, dann halte dich doch auch dran, sie habe doch sonst
niemanden außer dir. Puh … Jetzt reicht es dir, dir platzt der Kragen, ein
Wort gibt das andere und schließlich, irgendwann gibst du klein bei. Da ist es
wieder, das schlechte Gewissen! Ja, sie kann ja nicht mehr so wie sie will,
sie wartet auf mich, was soll sie denn tun, sie hat ja sonst keinen und ich
kümmere mich eh zu wenig, bin viel zu selten da, es ist doch meine Pflicht – i
st es denn
wirklich deine Pflicht? 

Was löst deine Gefühle aus?

Welche Gedanken stecken wirklich hinter deinen
Gefühlen? Was genau ärgert dich? Wie ist es möglich, dass ein Mensch so viel
Macht über dich hat und dir schlechte Gefühle bereiten kann? Wird es nicht
langsam Zeit, selbst zu bestimmen, ob du dich gut oder schlecht fühlen willst?
Was willst du in dieser Situation denn wirklich? Wie sollte die Situation sein,
damit sie für euch beide gut ist? Wer kann was dazu beitragen?

Was in meinem Beispiel genau passiert ist? Die Tochter hat für die Mutter die Verantwortung übernommen. Die kann sie aber nicht wirklich erfüllen. Doch genau das versucht sie und deshalb bekommt die Tochter ein schlechtes Gewissen.
Diese Tochter ist aber, objektiv betrachtet, nicht dafür verantwortlich, dass die Probleme ihrer Mutter gelöst werden. 
Und genau
diese Grenzen gilt es klar zu ziehen. 

Das gelingt aber erst, wenn ich mir
darüber im Klaren bin, was ich will und wie diese Situation in Zukunft genau
aussehen soll, damit zumindest ich mich gut fühle – die Kür wäre natürlich, dass sich die
Mutter auch noch gut fühlt. Aber das wichtigste ist erst mal, dass die Tochter begreift, dass man nicht die
Verantwortung für die Mutter sondern für sich selbst übernehmen muss.

Es geht um dich! 

Also lautet
die ganz emotionslose Frage aus Sicht der Tochter: Wie kommt Mutter an Lebensmittel, ohne dass ich
mich jede Woche verbiegen und die dafür nötige Zeit krampfhaft aus den Rippen
schneiden muss? 
Na, was für
Ideen hast du dazu? Welche Möglichkeiten gibt es? Welche davon liegen in deiner
Macht? Das sind die Fragen, die man sich nach der Analyse seiner Gefühlsampel stellen muss. 

So kannst du
dich nun in jeder Situation deines Lebens, die dir Unannehmlichkeiten, Druck
oder Zwang bereitet, selbst hinterfragen. Dabei ist es wichtig, dass du die Fragen der Reihe nach
beantwortest: Was löst das Gefühl in mir aus? Worum geht es für mich wirklich? Schau nicht auf den Auslöser,  im Beispiel die Mutter, sondern darauf, was
genau du tust bzw. was dich an der ganzen Sache ärgert. In unserem Beispiel
übernimmt die Tochter Verantwortung für etwas, für das sie nicht wirklich
verantwortlich ist und auch eigentlich nicht verantwortlich sein will.

Frag dich also, wie die Situation aussehen müsste, damit du dich gut damit fühlst. Stell dir diese Frage so
lange, bis du eine wirklich zufriedenstellende Antwort gefunden hast. Dann frag dich: Was kann ich dazu beitragen, damit meine Wunsch-Situation auch Realität wird. Damit übernimmst du Verantwortung für dich und deine Gefühle und kannst wirklich etwas ändern. 


Mehr bei EDITION F

Der große Wunsch nach Veränderung: Wofür lebe ich? Weiterlesen

Wie die Angst mein Leben auf den Kopf stellte. Weiterlesen

Alles nervt? Dann schafft doch mal Tatsachen, ihr Luschen! Weiterlesen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

About Zeen

Power your creative ideas with pixel-perfect design and cutting-edge technology. Create your beautiful website with Zeen now.

Weitere Beiträge
Belgien will Schwangerschaftsabbrüche aus dem Strafgesetzbuch streichen