Foto: Frauenkreise Berlin

Anab Mohamud: „Geflüchtete Frauen wünschen sich Beraterinnen, mit denen sie sich identifizieren können“

Viele geflüchtete Frauen beschäftigen sich in Deutschland zum ersten Mal mit den Themen Familienplanung und Verhütung – und brauchen dringend Berater*innen, denen sie vertrauen können. Anab Mohamud ist selbst aus Somalia geflüchtet – und will deutschlandweit Workshops anbieten, damit geflüchteten Frauen selbstbestimmte Entscheidungen treffen können.

Warum Vertrauen so wichtig ist

Anab Mohamud ist 25 Jahre alt und floh vor vier Jahren aus Somalia nach Deutschland. Sie kam zunächst in Dortmund an, wohnte dort in einer Unterkunft für Geflüchtete, kam dann nach Brandenburg und lebt mittlerweile in Berlin. Hier ließ sie sich als psychosoziale Beraterin für Geflüchtete ausbilden und beriet geflüchtete Frauen* bei den Berliner Frauenkreisen. Dort lernte sie Gabi Zekina und Niki Drakos, die beiden Leiterinnen der Frauenkreise, kennen. Die Erfahrungen während ihrer Arbeit mit geflüchteten Frauen brachten Anab auf die Idee ihres Projekts „Space2grow“, das sie zurzeit zusammen mit Zeina Massad, die aus Syrien geflüchtet ist, anbietet: Workshops und Beratung mit geflüchteten Frauen durch geflüchtete Frauen rund um die Themen Familienplanung und sexuelle Gesundheit. Das Projekt wurde für den Deutschen Integrationspreis nominiert. Mit dem Geld aus dem Crowdfunding soll das Projekt auf ganz Deutschland ausgedehnt werden.

Wir haben Anab Mohamud und die beiden Geschäftsführerinnen der Berliner Frauenkreise Berlin, Gabi Zekina und Niki Drakos, getroffen, und darüber gesprochen, warum Beratung für geflüchtete Frauen durch Frauen, die aus ihrer Community kommen, so wichtig ist.

Anab, wie entstand bei dir die Idee, geflüchtete Frauen gezielt zu den Themen Familienplanung und sexuelle Gesundheit zu beraten?

Anab: „Ich habe in Berlin ein Training als soziale Beraterin gemacht und sieben Monate lang in einer Unterkunft für Geflüchtete gearbeitet – dadurch kam ich mit vielen Frauen in Kontakt, merkte, welche Probleme und Sorgen sie haben. Durch den Kontakt mit den Frauen entstand die Idee für das Projekt, auch weil ich wahrnahm, dass großes Vertrauen zwischen uns entstand, weil wir den gleichen Background haben. Ich merkte, dass die Frauen sich trauten, sich mir gegenüber zu öffnen, mir anzuvertrauen, welches ihre drängendsten Probleme nach ihrer Ankunft in Deutschland sind. Ich hatte einfach das Gefühl, ich müsste den Blick darauf lenken, welche Schwierigkeiten geflüchtete Frauen haben, wenn sie sich über Themen wie Verhütung, sexuelle Gesundheit und Familienplanung informieren wollen.“

Hast du denn die Erfahrung gemacht, dass geflüchtete Frauen grundsätzlich solidarisch und vertrauensvoll miteinander umgehen oder eher die Zugehörigkeit zur selben Community, etwa dasselbe Herkunftsland, zum Gefühl der Verbundenheit führt? Oder ist die Fluchterfahrung per se ein verbindendes Element?

„Grundsätzlich ist es so: Wenn die Frauen merken, dass du ein Teil von ihnen bist, dass du dazugehörst, entsteht Solidarität. Die größte Herausforderung für viele dieser Frauen ist: Vertrauen fassen zu können, also jemandem von außen zu vertrauen – denn das sind zwei verschiedene Welten, hier die Welt der Geflüchteten und  dort die Welt der deutschen Behörden; zu einer deutschen Person, die zu ihnen kommt und beispielsweise ein Projekt vorstellt und etwa über Familienplanung spricht, fällt es schwer, Vertrauen zu entwickeln; aber wenn du eine von ihnen bist, wenn du die empfindlichen Punkte dieser Frauen verstehst, dann weißt du, wie du diese Frauen ansprechen,  wie du dich ihnen nähern kannst – und das ist der wichtigste Punkt.“

Welche Probleme und Sorgen haben die geflüchteten Frauen?

„Ich hatte zum Beispiel während meiner Zeit als Beraterin eine Klientin, die ein kleines Kind hatte und die wieder schwanger war, sie war völlig überwältigt und überfordert von ihrer Verantwortung – ich habe ihr signalisiert, dass sie nicht allein ist, ihr verschiedene Möglichkeiten der Verhütung aufgezeigt. Sie war so froh, dass ich ihr Lösungen aufgezeigt habe, wie Verhütung und Familienplanung für sie aussehen könnte – das war die Initialzündung für meinen Gedanken, dass viel mehr geflüchtete Frauen von einer solchen Beratung profitieren sollten.“

„Tabus entstehen, indem man Menschen abhält, sich Wissen über bestimmte Themen anzueignen.“

Warum ist es so wichtig, geflüchteten Frauen Beratung innerhalb ihrer Community anzubieten?

„Nicht nur Angst spielt eine Rolle… die Frauen wünschen sich Beraterinnen, mit denen sie sich identifizieren können, Role-Models, Frauen, die vielleicht auch ein Kopftuch tragen, die sich ähnlich kleiden, diese Rolle können wir Beraterinnen aus der Community übernehmen, wir können Verbindungsglieder sein, und wenn nötig an deutsche etablierte Stellen vermitteln.

In vielen Kulturen wird das Sprechen über Familienplanung und Verhütung als Tabu begriffen, etwas, worüber man nicht vor anderen Menschen spricht. Aber wenn die Frauen unseren Workshop besuchen, dann interagieren sie miteinander, sie öffnen sich, es ist kein Tabu mehr. Das ist so wichtig: Den Frauen zu vermitteln, dass es kein Tabu ist, über diese Themen zu sprechen – indem man ihnen Wissen vermittelt. Tabus entstehen, indem man Menschen abhält, sich Wissen über bestimmte Themen anzueignen.“

Was vermittelt ihr den Frauen in euren Workshops?

„In den Heimatländern der Frauen gibt es oft andere Vorstellungen beim Thema Familienplanung, die den Frauen von klein auf vermittelt wurden. Mütter sagen ihren Töchtern, Verhütung würde ihre Gebärmutter zerstören, und sie würden nie wieder Kinder bekommen können – so etwas wird von Generation zu Generation weitergereicht. Ich werde in meiner Arbeit ständig mit solchen Vorstellungen konfrontiert, zum Beispiel dass es sich bei Verhütungsmitteln um Drogen handle, die mit dem Körper seltsame Dinge machen – all diese Vorstellungen, die die Mutter oder die Nachbarin gesagt haben, sind tief verwurzelt, aber wir können den Frauen neues Wissen vermitteln. Die größte Herausforderung bei dem Thema ist ganz klar: Der Mangel an Bildung. Und der liegt nicht darin begründet, dass diese Frauen beschlossen hätten, sich zu diesem Thema kein Wissen anzueignen, sondern es der Gesellschaft ihrer Herkunftsländer gelungen ist, zu verhindern, dass diese Frauen Zugang zu diesem Wissen bekommen. In unseren Workshops können die Frauen sich bewusst dafür entscheiden, ihr Wissen zu erweitern, und sie können entscheiden, was von ihrem neuen Wissen sie für sich nutzen wollen.“

„Mütter sagen ihren Töchtern, Verhütung würde ihre Gebärmutter zerstören, sie würden nie wieder Kinder bekommen können.“

Wie läuft eure Arbeit konkret ab? Wie kommt der Kontakt zu den Frauen zustande?

Wir präsentieren das Projekt der Heimleitung oder den Sozialarbeiter*innen einer Unterkunft. Wenn sie sich für uns entscheiden, stellen wir das Projekt den Frauen vor, die erstmal zuhören, die meisten Frauen wollen Neues lernen. Wir wissen, dass wir über Themen sprechen, die in vielen Kulturen tabubehaftet sind, also mussten wir über Wege nachdenken, wie wir dieses Wissen am besten vermitteln, wie wir die Frauen ansprechen, um Barrieren zu minimieren. Anschließend vereinbaren wir einen Termin für einen Workshop in der Unterkunft, danach haben die Frauen die Möglichkeit, Fragen zu stellen, und wer noch mehr Beratungsbedarf hat, kann einen Einzeltermin buchen. Wenn es Sprachprobleme gibt, zum Beispiel bei der Vereinbarung eines Termins bei einem Familienplanungszentrum, helfen wir dabei, einen Termin auszumachen.“

Was sind die häufigsten Probleme oder Sorgen?

„Vor allem geht es darum, wie die Frauen mit ihren Ehemännern oder Partnern ins Gespräch kommen – wie können sie solche Themen bei ihnen ansprechen? Die meisten wissen nicht, wie sie ihren Partner ansprechen sollen, wenn die Frau zum Beispiel ein Verhütungsmittel benutzen will und nicht weiß, wie sie ihrem Partner das vermitteln kann. Das sind die empfindlichsten Fragen, die am öftesten gestellt werden. Weil die Frauen Angst haben, dass der Mann nicht will, dass sie verhüten.“

Was ist dann eure Aufgabe?

„Wir beraten die Frauen, wie sie das Thema am besten ansprechen; oft schlagen wir einen Beratungstermin mit beiden vor, versuchen, den Ehemann mit einzubeziehen. Die Männer haben in der Regel nicht mehr Wissen als die Frauen. Sobald man ihnen alles erklärt hat, und welche Veränderungen das Thema Familienplanung für die Familie bringen würde, stimmen viele  zu, wenn sie beispielsweise sehen, dass ihre Frauen sich überfordert und überwältigt fühlen, eine Pause brauchen. Am Ende finden wir oft einen Kompromiss. Wir versuchen gemeinsam einen Weg zu finden, den die Paare gemeinsam beschreiten können.

In den Heimatländern haben die Frauen in der Regel keine Erfahrungen mit Familienplanung und Verhütung gemacht?

Anab: „Nein, für die meisten ist es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie sich mit den Themen auseinandersetzen können.“

Gabi Zekina: „Die Situation der geflüchteten Frauen ist in Deutschland ungleich schwieriger. Auch zu Hause mag es hart genug gewesen sein, für die Familie zu sorgen, aber hier, ohne die Unterstützung der Familie, ohne das Netzwerk, das sie zu Hause dabei unterstützt hat, die Kinder aufzuziehen, konfrontiert mit so vielen Schwierigkeiten und Herausforderungen, denen man sich stellen muss – da kann die Beschäftigung mit dem Thema Familienplanung den Frauen helfen, ihren Weg zu finden. Und, auch ein wichtiger Punkt: Es geht um die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen – die ist nur möglich, wenn du in der Lage bist, gut informierte Entscheidungen beim Thema Familienplanung und Verhütung zu treffen.“

Anab: „Die Frauen sind hier mit einer anderen Realität konfrontiert. Viele Frauen hatten zu Hause ein Unterstützungssystem, die Mutter, Schwester, Tante, Nachbarn, die auf die Kinder aufpassen, aber hier bist du allein mit den Kindern, viele Frauen fühlen sich überfordert mit der Verantwortung, sie wissen nicht, wo sie Rat und Hilfe finden.“

„Es geht um die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen – die ist nur möglich, wenn du in der Lage bist, gut informierte Entscheidungen beim Thema Familienplanung und Verhütung zu treffen.“

Gabi: „Und es gibt natürlich Barrieren, wenn man als Geflüchtete in das deutsche Beratungssystem möchte. Theoretisch ist es offen für alle, aber natürlich gibt es Grenzen. Rechte haben ist das eine, aber sie auch durchzusetzen, ist das andere. Das kann manchmal schwierig sein, vor allem wenn du so viele existentielle Herausforderungen meistern musst wie geflüchtete Frauen. Und wir wissen auch alle, dass nicht alle Ärtzt*innen zu allen fair sind. Das ist auch ein sehr wichtiger Teil von Anabs Arbeit: den Frauen zu sagen, welche Ärzt*innen gut und korrekt sind.“

Niki: „Als Deutsche findest du natürlich viel einfacher Zugang zu einem Familienplanungszentrum – auch wenn theoretisch jeder und jede gleichermaßen zugangsberechtigt ist. Aber als geflüchtete Frau fängt es schon damit an: Welchen Zug muss ich nehmen? Wo muss ich genau hin? Wie sind die Öffnungszeiten? Welche Sprache wird da gesprochen? Auf was muss ich mich gefasst machen? In den Zentren wird oft schon ein gewisses Level an Wissen zu den Themen, um die es geht, vorausgesetzt, das fehlt aber oft. Anab macht da wirklich Basiswissen-Transfer.“

Anab: „Ein Beispiel: Eine Klientin hatte eine Spirale, sie war aber nicht über die Nebenwirkungen aufgeklärt worden. Und sie kam zu mir, verunsichert, mit Schmerzen, sie hatte eine Entzündung, war aber vom Arzt weggeschickt worden, weil sie sich nicht hatte verständlich machen können. Oft heißt es dann, kommen Sie wieder, wenn Sie eine*n Übersetzer*in dabei haben.“

Wie sind die Zukunftspläne für dein Projekt?

Anab: „Wir wollen ein Netzwerk in Deutschland aufbauen, wo geflüchtete Frauen im Feld von Frauengesundheit und Familienplanung Workshops geben und Beratungen anbieten.

Gabi: „Ich hoffe sehr, dass die Nominierung zum Deutschen Integrationspreis uns dabei hilft, womöglich auch mehr Gelder von offiziellen Stellen zu bekommen. In letzter Zeit hat Anab uns öfters davon berichtet, dass in den Unterkünften Familienplanungszentren ähnliche Projekte vorstellen und dann auch den Zuschlag bekommen, wahrscheinlich, weil sie den offizielleren Anstrich haben – aber neben der Tatsache, dass Beraterinnen aus der Community besser an die Frauen herankommen, hat das meiner Ansicht nach auch eine politische Dimension: Self-Representation und Selbst-Organisation geflüchteter Frauen sollte bewusst unterstützt werden. Es ist wichtig, dass nicht von außen jemand kommt, der*die den Frauen sagt, wie es läuft, sondern jemand aus ihrer Community. Selbstorganisierte Initiativen von geflüchteten Frauen wie „Women in Exile“ und „International Women‘s Space“  kommen in den Medien nicht vor, die gibt es aber seit Jahren und sie machen tolle Arbeit.“

Niki Drakos: „Mir ist noch ein Punkt sehr wichtig: Wir sprachen über Frauen, die einen Mangel an Wissen haben, und die Einstellung zu Verhütungsmitteln – Anab, du erwähntest bestimmte Narrative, die in den Heimatländern bedient werden, wie das der Mütter, dass die Gebärmutter durch Verhütungsmittel zerstört wird. Ich denke, es wäre interessant, mal zu hinterfragen, wie diese Narrative entstanden sind – und hier dürfen wir die Kolonialgeschichte nicht vergessen, und wie diese zusammenhängt mit bestimmten Einstellungen gegenüber Dingen, die einer weißen, europäischen Kultur entstammen. Denn die weiße europäische Kultur hat Tod und Zerstörung in viele Länder, vor allem in Afrika, gebracht. Alles, was dieser weißen europäischen Kultur entstammt, wird erstmal – verständlicherweise – mit großem Misstrauen betrachtet. Es geht also nicht um eine grundlegende Abneigung gegen Familienplanung; denn, wie man sehen kann, Anab gegenüber, die eine muslimische, eine afrikanische Perspektive hat, die aus der Community kommt, öffnen sich die Frauen. Sie kann diese Skepsis aufbrechen. Das ist ein entscheidender Punkt – denn wir wollen auf gar keinen Fall das Narrativ reproduzieren, dass alle afrikanischen oder muslimischen Männer Patriarchen sind, die ihrer Frau keine Verhütungsmittel zugestehen wollen und nicht wollen, dass sie sich gut fühlen.“

Anab: „Es stimmt, für die Frauen ist wichtig, aus welcher Perspektive und von wem sie die Botschaft vermittelt bekommen, sie wollen keine weiße Person, die von oben herab predigt. Es geht darum, wie du die Botschaft rüberbringst – und wie sie ankommt. Ich bin eine Art Kanal, ich kann das Wissen weitergeben. Es geht vor allem darum, Vertrauen zurückzugewinnen.“

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