Foto: Julia Caesar

Warum man sich für einen Großstädter hält und dann doch nur das Dorfkind ist

In ihrer Twentysomething-Kolumne schreibt Silvia über alles, was ihr gerade durch den Kopf geht. Heute geht es um die Sehnsucht nach den einfachen Dingen.

Hallo Nachbarn!

Es ist eine Welt aus Maschendrahtzäunen und hohen Hecken, in denen es gerade so viele Lücken gibt, dass man die Nachbarn noch beobachten kann. Eine Welt in der Gerüchte, Sprachfetzen aus den Nebenhäusern und kleine, fast geheime Träume der Stoff sind, aus dem sich lange Sommerabende spinnen. In der Wein auf Terrassen aus Terrakottafließen getrunken wird, bis man sagt: „Schau, der Mond steht schon hoch am Himmel.“ Oder auch: „Die Wolken sind unten ganz flach, wahrscheinlich wird es morgen Regen geben.“ Und genau so kommt es dann auch. Und das hat dann eine ganz andere Dimension von gut oder schlecht, nämlich, dass der Bauer, der gerade sein Heu gemäht hat, seinen Arbeitstag
fluchend unter dicken Regentropfen beenden wird. In der U-Bahn würde es jetzt höchstens nach nassem Hund riechen.

Eine Welt mit sehr viel Zeit

Es ist die Welt, die vor allem aus Stunden bestand, die sich wie Kaugummi zogen, wenn ich mich an sie erinnere. Stunden, die ich herumpilgerte auf der Suche nach einer Aufgabe und in denen ich mir dann selber Abenteuer zusammenspann, die ich erleben wollte. Oder in denen ich mich dabei erwischte, dass ich schon zwei Stunden die Grashalme zwischen den Finger zerrieb, die scharfen Kannten leicht durch die weiche Haut am Finger zog, so dass es ein wenig blutete. Nur ganz leicht.

Und genau da bin ich dann wieder, etwas später im Leben und suche die Ecken auf, die mir damals etwas bedeuteten. Oder um herauszufinden, warum ich genau diese noch so lebendig in Erinnerung habe. Und das finde ich dann heraus, oder auch nicht. Auf einmal ist man also da und fragt sich: Wer wäre ich wohl, wenn ich geblieben wäre? Wenn ich in diesem Kleinklein erwachsen geworden wäre? Wenn Nachbarschaft, Familie und ein paar Freunde weiterhin als Gesprächspartner hätten ausreichen müssen und der Horizont noch immer an der letzten Station der Buslinie enden würde?

Die Dorfbewohner sind einfach anders

Hier im Kleinen ist alles irgendwie anders, selbst Politik und Religion. Schließlich kennt jeder den Bürgermeister und den Pfarrer persönlich oder hat sie gestern noch im „Lädele“ gesehen. Meist haben sie sich dann daneben benommen. Zumindest verdächtig. Zumindest denkt das der eine und der nächste hält große Stücke auf sie, so groß, dass daran niemand seinen Meißel setzen kann. Hier geht es ans Eingemachte, wenn Pfarrfeste schlecht besucht sind oder Raststätten ins Idyll gebaut werden sollen. Viel Schwarz und Weiß gibt es hier, und wenig Grau. Und wenn das dann auftaucht, wird es schon ein bißchen aufregend. Es ist ein Leben mit weniger Ebenen. Und das ist dann meist nicht romantisch, sondern  kann so unglaublich deprimierend, ja, sogar eine klaustrophobische Erfahrung sein.

Doch wenn man gerade dachte, dass man ganz anders ist, weil man in einer großen Stadt lebt und näher an allem ist, was schnell ist und sich bewegt, dann muss man auch schon lachen. Lacht über die eigene Scham, die aufkommt, wenn man merkt, dass das gar nicht so ist. Dass das Dorf und die wie Kleber über eine Tischplatte kriechende Zeit, das Kleinkarierte und der Tratsch das ist, was einem das Herz höher schlagen lässt und ganz tief in einem Wurzeln geschlagen hat – und da auch bleiben wird. Wenn man merkt, dass wir diese Nachbarschaft mit Facebook und Co. sowieso längst nachgebaut haben, mit Mauern aus schönen Bildern, durch die wir versuchen „Nachbarn“ auszuspähen. Und diese diebische Freude, wenn wir ein Loch in des Nachbarns dichten Bilder- und Botschaftenmaschen erkennen, die uns ein dahinter genauso normales Leben erkennen lassen, wie wir es selber führen.

In der Stadt Zuhause, das Dorf im Herzen

Und irgendwie ist das dann alles so, wie es sowieso gekommen wäre, wenn man das Dorf nie gegen eine große Stadt eingetauscht hätte. Außer, dass man vielleicht ein Auto sein eigenen nennen würde und Kimchi kein Begriff wäre. Aber was würde das schon ändern. Und wenn man noch so viel Toffee-Latte aus eimergroßen Bechern trinkt und das reiche Kulturprogramm täglich einatmet, oder zumindest so tut als ob, und nach dem Kimchi
schon das Bibimbap über hat, dann kauert doch in vielen von uns dieses kleine Dorfkind, dass über den Zaun linst und sich freut, dass beim Nachbarn doch alles auch so ein bißchen aussieht wie bei einem selbst. Und die ach so vielen Ebenen, auf denen sich das Leben und das Ich und das Bald abspielen, doch gar nicht so facettenreich sind, wie man gerade noch dachte.

Aber wirklich spätestens dann, wenn man am nächsten Tag sein Hochbeet mitten in der Stadt aufsucht, um die ersten eigenen Cherry-Tomaten zu ernten, wenn man sich freut, dass der Bäckersmann einen kennt und man die Kiez-Zeitung bei Filterkaffee liest, um sich dann über die geplante Baustelle in der Nebenstraße aufzuregen, auf Reise geht und glücklich wird, wenn alles ganz einfach, ganz ursprünglich ist, dann erinnert man sich daran, warum die Enge von damals auch etwas Kuscheliges hatte und dieses unkomplizierte Dasein manchmal noch eine große Sehnsucht auslöst.

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