Foto: Sebastian Geis

Brief an mich: Was ich über Sex gelernt habe

Anna Dushime ist Journalistin, Autorin und Podcasterin. Für EDITION F PLUS schreibt sie jeden Monat einen Brief – dieses Mal an sich selbst.

Hinweis: Dieser Artikel thematisiert sexualisierte Gewalt und Missbrauch. Falls du Unterstützung suchst, empfehlen wir dir, dich an eine der folgenden Hilfestellen zu wenden: Hilfetelefon, Hilfeportal Sexueller Missbrauch, Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen und Wildwasser – gegen sexuelle Gewalt.

Liebe 13-jährige Anna,

ich weiß, was du jetzt denkst: Du schreibst über Sex? Also so richtig öffentlich? Nicht in dein Tagebuch? In einer Kolumne? Ich weiß auch nicht, wie ich dir erklären soll, wie du hierhergekommen bist. Aber ich versuche es mal.

Deine früheste Erinnerung an Sex sind Aufklärungsplakate, die überall in Kigali hingen. In den 1990ern war das Stadtbild geprägt von bunten Motiven, die die Jugend davon abhalten sollten, ungeschützten Geschlechtsverkehr zu haben. Und weißt du noch, wie du ganze Nachmittage mit den Comics von „Jo“ verbracht hast? Jo war eine Tochter aus gutem Hause, die zufällig erfuhr, dass sie HIV-infiziert ist. Und abgesehen von den problematischen und stigmatisierenden HIV-Assoziationen in diesem Buch, lerntest du schnell, dass Sex etwas ist, was gefährlich ist und Menschen angetan wird.

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„Weißt du noch, wie du dich ständig fragtest, wie jemand überhaupt freiwillig Sex haben könnte? Was sollte daran schön sein?“

Nach dem Genozid 1994 hörtest du ständig von Frauen, die vergewaltigt wurden und zum Teil schwanger wurden und nun mit Kindern lebten, die sie jeden Tag an ihre Peiniger erinnerten. Weißt du noch, wie du dich ständig fragtest, wie jemand überhaupt freiwillig Sex haben könnte? Was sollte daran schön sein? Und als E. dich mit acht Jahren missbrauchte, bestätigte das alles, was du über Sex und Intimität dachtest.

Es wird besser

Kannst du dich noch erinnern, als du deine missglückte Wendy-Pferdemädchen-Phase hinter dich brachtest und anfingst die Bravo zu lesen und jedes Mal über Dr. Sommer und die nackten Jugendlichen stauntest? Wussten die Eltern der Jugendlichen, dass sie sich nackt ablichten ließen und in einer Zeitschrift über Selbstbefriedigung und die Vorhaut sprachen?

„Weißt du noch, als du das erste Mal einen Porno geschaut hast und fasziniert warst von den Protagonist*innen, die aussahen, als würden sie Lust und Freude empfinden?“

Weißt du noch, wie du im Sommer mit einem Calipo-Eis nach Hause gelaufen bist und darüber nachgedacht hast, was Petting überhaupt sein soll? Und weißt du noch, als du das erste Mal einen Porno geschaut hast und fasziniert warst von den Protagonist*innen, die aussahen, als würden sie Lust und Freude empfinden?

Und jetzt bin ich hier und schreibe über Sex. Wow.

Ich wünschte, ich könnte dir sagen, dass ich jetzt, mit 32 Jahren, richtig viel Ahnung habe von Sex. Die Wahrheit ist: Ich arbeite noch immer an einem gesunden Verhältnis zu meinem Körper und auch zu Sex. Ich glaube, das hört nie auf.

Und soll ich dir was sagen?

Darüber zu schreiben hilft mir und gehört dazu. Das Allerwichtigste, was ich dir aber sagen will, ist: Du wirst noch seltsame, verletzende und unangenehme Erfahrungen mit Sex machen. Du wirst aber auch Schönes erleben und erstaunt sein von deiner eigenen Lust, von deinem Mut, Dinge auszuprobieren und Grenzen zu setzen.

Es wird besser, Anna.

Sex. Alles, was uns Lust macht.

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Anna Dushime ist in Ruanda geboren und lebt heute in Berlin. Sie ist Redaktionsleiterin für die Funk-Formate „Browser Ballett“ und „Aurel Original“ bei der Berliner Produktionsfirma Steinberger Silberstein. Als leidenschaftliche Podcasterin (u.a. „hart unfair“, „1000 erste Dates“, „Notaufnahme“) beschäftigt sie sich mit den Themen Politik, Popkultur, Dating und Diversität. Ihre Kolumne „Bei aller Liebe” erscheint alle zwei Wochen in der taz – und seit Juli 2021 ist Anna auch Kolumnistin für EDITION F PLUS und schreibt dort monatlich einen Brief.

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