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Faire Sprache: Mitgemeint oder mitgesprochen?

Mit Sprache allein werden Sexismus und Misogynie nicht aus der Welt geschafft. Aber sie ist ein wichtiger Anfang in Richtung einer Gesellschaft, die so inklusiv ist wie ihre Sprache – und andersherum.

Als Menschen haben wir ein komplexes Kommunikationssystem mit unserer Sprache, mit unserer Grammatik, mit unserem unerschöpflichem Wortschatz und unzähligen nationalen, regionalen und dialektalen Varietäten. Was für eine Art Mensch man ist, zeigt sich aktuell an einer konkreten Frage: Genderst du schon oder zögerst du noch? Wir scheinen an einem Punkt in unserer sprachgeschichtlichen Entwicklung angekommen zu sein, an dem wir mit der Komplexität unseres selbst entwickelten Kommunikationsmittels nicht mehr klarkommen: sprachliche Inklusion. 

Das Problem mit „Ihr seid doch mitgemeint“ 

Seit die Gender-Debatte Einzug in Deutschland gehalten hat, sind die Argumente gegen geschlechterneutrale Sprache immer dieselben. Zu den Klassikern gehören „Das haben wir aber schon immer so gemacht“ und „Die deutsche Sprache wird verunstaltet“. Das größte Diskussionspotenzial birgt allerdings der Satz „Ihr seid doch mitgemeint“.

Männer, die oft großen Wert darauflegen klarzustellen, dass sie nichts gegen Frauen oder nicht-binäre Personen haben, meinen also alle Nicht-Männer mit. Warum aber nur mitgemeint und nicht mitgesprochen? Warum sollten Männer die alleinige Oberhoheit haben, stets und jederzeit angesprochen zu sein und allen, die sich ausgeschlossen fühlen, zu sagen, sie seien doch mitgemeint? Die Angewohnheit in der Sprache das grammatische männliche Geschlecht als Verallgemeinerung für alle Geschlechter zu nehmen, nennt sich generisches Maskulinum. Ein kurzer Ausflug in die Linguistik:

„Unwichtige Dinge und Personen, die keinen Namen haben, werden vergessen. Sie werden sprachlich unsichtbar.“ 

Werte und Wirklichkeit einer Gesellschaft lassen sich anhand ihrer Sprache ablesen, wie bei einem Thermometer. Spricht man also durchweg in männlicher Form, wird Geschlechterdiversität sprachlich ausradiert. Was nicht der Rede wert ist, findet im gesellschaftlichen Diskurs dementsprechend wenig Beachtung. Alles, was wichtig ist, kann mit einer Vielzahl von Begriffen ausgedrückt werden. Unwichtige Dinge und Personen, die keinen Namen haben, werden vergessen. Sie werden sprachlich unsichtbar. 

Die Realität ist nun mal kompliziert

Die Bewegung für geschlechtergerechte Sprache fordert deswegen: Um Frauen und allen nicht-binären Menschen sprachlich Platz einzuräumen und sie somit auch in der Gesellschaft sichtbarer zu machen, ist faire Sprache ein absolutes Muss. 

Das sehen aber nicht alle so. Einige pochen auf eine pragmatische Sprache und meinen, mit der Fußnote am Ende des Textes „Aus Gründen der Lesbarkeit wird nur die männliche Form verwendet und Frauen sind mitgemeint“ sei das Problem der unfairen Sprache gelöst. Frauen und nicht-binäre Personen mitzuschreiben wäre unlesbar. Übersetzt heißt das eigentlich nur: Frauen und nichtbinäre Geschlechter mitzunennen, ist kompliziert, anstrengend und beim Lesen wollen wir nicht mit soziokulturellen Problemen überfordert werden. Tatsache ist aber nun mal, dass die Realität kompliziert ist.

Liebe Männer, liebe Boomer*innen, ihr liegt falsch

Wieder andere sind immerhin soweit, das Problem des generischen Maskulinums erkannt zu haben, behaupten aber, geschlechtergerechte Sprache wäre nicht die Lösung. Thomas Nötting zum Beispiel, ein PR-Berater und Autor aus München, denkt, dass der linguistische Ansatz „Sprache schafft Realität“ nicht stimmt und behauptet „Realität schafft Sprache“. Demnach ist die Lösung nicht, die Sprache unserer Realität anzupassen, sondern eben andersrum.

Ein Beispiel: Das Wort Fräulein gilt heute in fast allen Zusammenhängen als eine wenig schmeichelhafte Bezeichnung für eine Frau. Das war aber nicht immer so. Fräulein hieß, etymologisch betrachtet, nur junge, unverheiratete Frau. Ohne Wertung. Das Wort ist nach wie vor dasselbe, aber die Bedeutung, die die Gesellschaft diesem Wort beimisst, hat sich verändert.

„Sprache schafft Realität.“

Dieser Denke nach zu urteilen, bringt gendern also nichts und bei Worten wie Kollegen, Kunden, Mitarbeitern, Ärzten usw. sollen alle einfach daran denken, dass auch Frauen diese Berufe ausüben. Und zwar solange bis jedem klar geworden ist, dass alle Geschlechter mit dem generischen Maskulinum gemeint sind. Vielleicht hätte es sich so entwickeln können. Aber nach mehrmaliger Überlegung wird klar: Liebe Männer, liebe Boomer*innen, die ihr so denkt, ihr liegt falsch. Natürlich könnte man (oder frau? Oder mensch?) jetzt ein wissenschaftliches Fass aufmachen.

Was war zuerst da, die Sprache oder die Gesellschaft? Wer beeinflusst wen? Aber es geht auch einfacher. Dass dieser Weg in die falsche Richtung geht, erkennt man schlicht daran, dass die Menschen ihn nicht gehen wollen. Menschen, die sich von bisher akzeptierten sprachlichen Normen ausgeschlossen oder diskriminiert fühlen, wollen eine geschlechtergerechte Sprache und nicht darauf warten, dass allen ein Licht aufgeht. 

Sprache verändert sich, seit jeher

Es gibt allerdings Einwände, die direkt aus der Sprachwissenschaft kommen. „Es gibt niemanden, der das Recht hat, in eine Sprache einzugreifen“, sagt der Linguist Peter Eisenberg. Von Gender-Sternchen und sonstigen „frei erfundenen“ Formen, die es „im Deutschen nicht gibt“, hält er nichts. Das hieße aber nicht, dass Frauen in der Sprache unsichtbar bleiben sollen. „Es gibt zwei Strategien: Das eine ist, dass man überhaupt das grammatische Geschlecht vermeidet. Das ist so was, wie wenn man sagt, hier ist eine Professur zu besetzen. Oder indem man Formen verwendet, die Frauen besonders thematisieren.“

Es ist durchaus möglich sich im Deutschen geschlechtergerecht zu artikulieren, ohne auf Satzzeichen zwischen Wortstamm und einer geschlechtsmarkierenden Endung zurückgreifen zu müssen. Die deutsche Sprache bietet neben Passivkonstruktionen auch viele geschlechtsneutrale Wörter wie Kundschaft, Kollegium, Rechtsberatung usw.. Ein großes „aber“ gibt es trotzdem: Sprache verändert sich. Das hat sie schon immer getan. Und wagt man den Blick über den Tellerrand, wird man feststellen: Gendern, inklusive Neologismen, neuen Konstruktionen und Satzzeichen mitten im Wort, ist kein deutsches Phänomen, sondern in vielen Sprachen zur Waffe gegen soziale Ungleichheit geworden. 

Spanisch und Portugiesisch 

Im hispanischen Kulturraum ist faire Sprache gerade ein Hot Topic. Frau Dr. Phil. Teresa Gruber, Akademische Rätin und Dozentin der Sprachwissenschaften an der LMU München, hat sich mit dem Phänomen beschäftigt: „In Spanien gab und gibt es Bemühungen, den Verfassungstext in inklusiver Sprache neu zu gestalten. Allerdings sprach sich die Real Academia Española, die als höchste Instanz für sprachbezogene Fragen gilt, dagegen aus und zeigt sich auch sonst eher konservativ, was Vorschläge zu sprachlicher Inklusion betrifft.“ Andere Institutionen dagegen befürworten abstrakte Formen, z.B. el alumnado („Studierende“ oder „Schülerschaft“) oder auch die doppelte Nennung wie los y las estudiantes. Genderneutrale Flexionselemente wie –@ (l@s) oder –x (todxs), mit denen sich die geschlechtsmarkierenden Endungen –a oder -o vermeiden lassen, können ebenfalls Erfolge verzeichnen. 

„Man muss kein reiches, privilegiertes Land in Europa sein, um gesellschaftlichen Missständen strukturiert den Kampf anzusagen.“ 

Außerdem stehen auch nicht-binäre Pronomen zur Debatte. Zum Beispiel elle, eine Neuschöpfung, die eine Alternative zum männlichen él bzw. dem weiblichen ella bietet. 
In der Jugendsprache Argentiniens haben sich gewisse Trends wie ein neutrales –e (les amiges) durchgesetzt. In Chile ist im Jahr 2016 sogar erstmals ein Handbuch zum korrekten Sprachgebrauch erschienen. Ganz ähnlich ist auch die Lage im portugiesischen Sprachraum. Als Alternative zu den herkömmlichen Pronomen, stehen neben ele (er) und ela (sie) auch ile (nicht binär, 3. Person Singular) im Raum. Sowohl in Brasilien als auch in Portugal wurden sogar von offizieller Seite, also von staatlichen Behörden, Handbücher für genderneutrale Sprache herausgegeben. 

Aus einer zentraleuropäischen Perspektive ist es verwunderlich, dass gerade Lateinamerika alle anderen im Diskurs um faire und neutrale Sprache abhängt. Warum der sogenannte Globale Süden die Nase vorn hat? Schwer zu sagen, aber die Parallele mit der sehr stark repräsentierten feministischen Bewegung fällt auf. Mag sein, dass der von Femiziden und Homophobie gebeutelte Kontinent mit der sprachlichen Revolte zum unerwarteten Schlag gegen soziale Ungerechtigkeit ausholt. Sicher ist aber zumindest eines: Man muss kein reiches, privilegiertes Land in Europa sein, um gesellschaftlichen Missständen strukturiert den Kampf anzusagen. 

Französisch 

Eleganz, Diplomatie und Prestige? Bei fairem Sprachgebrauch sieht es allerdings wenig fein aus. In Frankreich und französischsprachigen Ländern ist Gendern etwas für Intellektuelle oder Transgender Personen. Beliebt von Seiten des Staates und offizieller Institutionen ist vor allem die Paarform, << Chères Françaises, cher Français…>>, um Ansprachen zu beginnen. Ein Anfang, wenn auch ein schwacher. Denn bei sprachlicher Inklusion geht es nicht nur darum Frauen in der Sprache sichtbarer zu machen. Diversität soll gezeigt und wertgeschätzt werden. Spricht man also nur Frauen und Männer an, sind alle, die sich im breiten nicht-binären Spektrum befinden, raus.

Auf der Suche nach Alternativen, wird man bei Camille Froidevaux-Metterie fündig. Die Feministin, Autorin und Professorin der Politik- und Genderwissenschaften an der Universität in Reims bietet zumindest für die Schriftsprache Lösungen an. Auch im Französischen kommen Interpunktionszeichen und Neuschöpfungen zum Einsatz, um geschlechtliche Diversität mit Sprache auszudrücken. Über leidenschaftliche Liebhaber*innen schriebe man beispielsweise des amoureux*ses passioné·e·s. Blogs, Webseiten wie Wiki Trans und Social Media haben Initiativen für nicht-binäre Pronomen ins Leben gerufen, so wird z.B. aus il (er) oder elle (sie), ielal oder ille. Weder der Staat noch die Academie Francaise, die Pariser Gelehrtengesellschaft, die als oberste Instanz für Sprache betrachtet wird, beschäftigen sich gerne mit dem Thema. Sie sind sich einig: „Neutral ist im Französischen die Form des unmarkierten Geschlechts, also des männlichen Geschlechts.“ 

Italienisch 

Während Italienisch auf der einen Seite den Ruf als schönste Sprache der Welt genießt, müssen alle, die sich näher damit beschäftigen, feststellen: Italienisch ist eine sexistische Sprache. Im Vergleich zu anderen Nationen, glänzt Italien fast gänzlich mit Abwesenheit in der Gender-Debatte. Ob das darin liegen könnte, dass Italien auch das Herz der christlichen Welt ist und diese ja bekanntlich nur kleine und langsame Schritte außerhalb des traditionellen Familienbildes wagt? Wahrscheinlich. Sexismus ist ein tief verwurzeltes Problem. Noch vor kurzem strahlte der öffentlich-rechtliche Fernsehsender RAI eine Sendung aus, die erklärte, wie frau den Gang zum Supermarkt in einen Catwalk verwandelt und möglichst sexy Produkte aus dem untersten Regal hervorholt. 

Erst tief in der LGBTQI-Szene trifft man auf Widerstand. An kreativen Köpfen mangelt es aber erfreulicherweise nicht. Neben dem bereits aus anderen Sprachen bekannten Sternchen oder At-Zeichen, stehen ausgefallenere Ansätze im Raum. So debattiert man z.B. über die Verwendung der Endung –u und dem Laut -Ə, die in vielen süditalienischen Dialekten anstelle der geschlechtsmarkierenden Endungen –o und –a vorkommen. Im Standarditalienischen wären die dialektalen Endungen unbelastet, da sie nicht als Marker für grammatische Geschlechter vorkommen. Theoretisch könnte das funktionieren. Dass sich diese Variante durchsetzt, ist allerdings mehr als unwahrscheinlich. Das wirtschaftliche Nord-Süd-Gefälle stellt bis heute ein schwerwiegendes Problem in der italienischen Gesellschaft dar. Sich südliche Varietäten, die oft mit ökologischer und ökonomischer Einöde verbunden werden, zum Vorbild für geschlechtergerechte Neuschöpfungen zu nehmen, klingt nahezu utopisch. Neutrale Umformulierungen sind vermutlich besser umzusetzen. Das Benvenuto, das sich am Flughafen oder auch in Restaurants finden lässt, müsste durch ti diamo il benvenuto (Wir heißen dich herzlich willkommen) ersetzt werden. Eine wirklich effiziente und pragmatische Lösung gibt es also nicht, aber auch die Nachfrage scheint zu wünschen übrig zu lassen. 

Die Sprache allein machts nicht

Deutschland schneidet im internationalen Vergleich zwar nicht mit Bravour ab, aber immerhin tut sich etwas. Je nach Sprachfamilie und kulturellem Kontext sind die Startbedingungen in den Diskurs der geschlechteregerechten Sprache auch nicht gleich gut. Im Englischen etwa geht die Debatte um das Gendern weniger hitzig zu, da es nur einen Artikel für alle, seien es Personen oder Gegenstände, gibt. Aber spätestens bei den Pronomen wird’s knifflig.

Es hat sich daher schon seit geraumer Zeit zum Trend entwickelt beim Treffen auf neue Personen oder auch in der Instagram-Bio das Pronomen, mit dem man angesprochen werden möchte, anzugeben, um die Kommunikation zu erleichtern. Heshe oder auch they für nicht-binäre Personen. Als Vorreiter der Gender-Politik gelten die skandinavischen Länder, insbesondere Finnland. Hän ist ein neues finnisches Pronomen, das „er“, „sie“, „es“ und alles dazwischen bedeuten kann. Für Einzelpersonen und Organisationen, die sprachliche Inklusion fördern, gibt es sogar die „Hän Honour“-Auszeichnung.

Trotzdem darf man sich keinesfalls auf geschlechtergerechter Sprache ausruhen. Damit allein werden Sexismus und Misogynie nicht aus der Welt geschafft. Das (moderne) Persische gilt als „die“ Gender-Sprache schlechthin. Sie kennt weder den bestimmten Artikel noch das grammatische Geschlecht. Mehrdad Saeedi, Sprach- und Kulturforscher mit Schwerpunkt auf den persischen Sprachraum (Iran, Afghanistan und Tadschikistan), spricht von der „sprachstrukturellen Geschlechtslosigkeit“.

Auch das Dilemma mit den Pronomen oder geschlechtermarkierenden Endungen gibt es nicht. Und trotzdem: Wissenschaftliche Studien aus dem Iran konnten „männliche Sprachdominanz“ (nicht grammatischer Natur) und sexistisches (Sprach)Verhalten belegen. Die Sprache allein machts also nicht, aber es ist sicherlich ein Anfang und der Wegzeiger in die richtige Richtung. 

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Giorgia Grimaldi, eine gebürtige Münchnerin mit italienischen Wurzeln, studierte Romanistik und Journalismus, bis es sie für die ersten Jobs in der Medienbranche nach Paris verschlug. Heute beschäftigt sie sich als freischaffende Journalistin und Bloggerin am liebsten mit interkulturellen Themen, darunter vor allem Sprache, Diversität, Feminismus und Nachhaltigkeit. Aus ihrer neuen Wahlheimat Marseille berichtet sie auch als Frankreich-Korrespondentin für deutschsprachige Medien. Der Heißhunger auf spannende Geschichten aus aller Welt ist bei Recherchearbeiten stets ihr treuer Begleiter.

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