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Eigentlich ziemlich leicht – ein Beginner’s Guide für faire Sprache

Sprache ist ziemlich mächtig. Denn wird nur das generische Maskulinum verwendet, werden Frauen und andere Geschlechter damit unsichtbar. Wie kann Sprache fairer werden? Das erklärt Tizia Macia.

 

Faire Sprache, was ist das?

Häufig reden wir halt einfach, wie wir es schon immer tun. Und praktisch und einfach muss Sprache natürlich auch sein. Warum ist das denn jetzt bitte unfair?

Erst einmal geht es bei fairer Sprache nicht darum, dass du aufhörst zu reden. Oder, dass du das Gefühl hast, ganz vieles nicht mehr sagen zu dürfen.

Worum es eigentlich geht: Es lohnt sich, sich die Wörter, die man jeden Tag verwendet, mal genauer anzuschauen. Du ganz alleine, ohne jemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Bewusst zu sein und dadurch frei entscheiden zu können, ist eine coole Sache! Schaden kann Freiheit auf jeden Fall nie.

Aber was ist denn jetzt „unfair“ bzw. „fair“? Mit fairer Sprache meinen wir eine Kommunikation, die nicht nur niemanden diskriminiert, sondern auch niemanden ausschließt. Dazu gehört es auch, Menschengruppen, die sonst üblicherweise vermehrt diskriminiert werden oder sprachlich einfach unter den Tisch fallen, besonders sichtbar zu machen.

Alle Geschlechter ansprechen

Obwohl natürlich auch Rassismus, Antisemitismus und andere menschenfeindliche Haltungen in fairer Sprache keinen Platz finden, liegt unser besonderer Augenmerk aktuell darauf, alle Geschlechter anzusprechen und sprachlich Gerechtigkeit herzustellen.

Allen Geschlechtern gerecht zu werden, bedeutet, – klar – dass wir nicht nur Männer, sondern auch Frauen sprachlich sichtbar machen. Haben wir dann schon alle Geschlechter abgedeckt?

Nein, denn es gibt viele (etwa ein Kind von 1.000 Kindern), die körperlich mit weder männlichen noch weiblichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kommen (intersexuell), und viele, die sich selbst weder als männlich noch als weiblich begreifen (nicht-binär). Das hat auch das Bundesverfassungsgericht letzten Herbst anerkannt und nach der Klage einer intersexuellen Person entschieden, dass es bis Ende 2018 einen weiteren oder keinen Geschlechtseintrag geben muss, die so genannte „dritte Option“.

(Gender-)Faire Sprache umfasst deswegen wirklich alle Geschlechter, was auch heißt, dass es nicht reicht, männliche und weibliche Formen zu nutzen.

Sprache: Was ist denn jetzt „unfair“?

1. Das Offensichtliche

Das fängt ganz simpel bei Wörtern an, die schlicht und ergreifend Menschen beleidigen. Dass das N-Wort nicht mehr benutzt werden sollte, sollte sich mittlerweile zu allen rumgesprochen haben. Aber auch „Schwuchtel“ und „schwul“ als Schimpfwort können für andere verletzend sein.

Und hast du schonmal darüber nachgedacht, was eigentlich damit ausgedrückt wird, wenn du deinen Bruder als „Pussy“ bezeichnest? Was hat die Vulva eigentlich mit Schwäche und Mangel an Mut zu tun?

Und wenn du Witze über einige Personengruppen wie Menschen mit Behinderungen oder blonde Frauen* oder People of Color oder Lesben/Schwule oderoderoder reißt – bist du dir sicher, dass du diese Witze auch genauso erzählen würdest, wenn eine Person aus der Gruppe mit am Tisch säße?

Oder hättest du das Gefühl, dass das „irgendwie komisch“ wäre? Oder hast du schon mal mitbekommen, dass einige lachen, aber eine Person auf den Boden schaut? 

Warum sagst du es dann überhaupt?

Ok, Beleidigungen sind Mist, das haben wir verstanden. Wir wollen ja auch eigentlich alle nett und kollegial zueinander sein. Aber es gibt da noch die versteckteren Ausgrenzungen.

2. Das Versteckte

Marlies Krämer hat nicht umsonst der Sparkasse deutlich machen wollen, dass sie als Frau in den Formularen sichtbar gemacht werden will. Und hat in ihrem Anliegen viele Unterstützer_innen, die über eine Crowdfunding- Kampagne schon das 3,5-Fache der für die Revision nötigen Kosten gesammelt haben.

Warum will Marlies die Formulare ändern? Schließlich „wolle“ ja niemand sie ausschließen, sie sei in der männlichen Form mitgemeint!

Das Problem ist, dass Sprache unsere Realität prägt. Oder zumindest die Wahrnehmung von Realität (s. Sapir-Whorf-Hypothese). Dinge, für die wir keinen Namen haben oder die in keine existente Kategorie passen, werden entweder ignoriert oder für eine andere Kategorie angepasst.

Natürlich gibt es längst die Kategorie „Frau“. Und langsam kennen auch immer mehr Menschen die Kategorie „nicht-binär“ oder „non-binary“.

Aber eben auch viele noch nicht.

Wenn man Kinder (oder auch Erwachsene) darauf testet, an wen sie denken, wenn sie verschiedene grammatikalisch männliche Berufe hören, dann – tadaaaa – denken sie fast immer an Männer!

Testet doch mal selbst, an welche Menschen ihr bei folgenden Worten denkt:

– Gärtner
– Handwerker
– Piloten
– Fußballspieler
– Krankenpfleger
– Ärzte

Ok, vielleicht ist das bei euch ganz anders. Das kann natürlich sein. Dann würdet ihr allerdings zu der absoluten Minderheit zählen.

Denn nicht nur verschiedene Wissenschaftler_innen haben diese Studien durchgeführt – sondern auch bei mir als Autor_in wird automatisch ein männliches Bild erzeugt. Obwohl ich schon echt ganz tief drin bin in der Thematik.

Wie kann man dagegen angehen?

Es gibt sprachlich dafür in erster Linie zwei (alltagstaugliche) Instrumente: Die Satzzeichen und die Neutralisierung.

Erstens – die Satzzeichen: Bei Ersterem verwendet ihr das Sternchen oder den Unterstrich, um zwischen der männlichen und weiblichen Form einen Raum für die Geschlechtervielfalt dazwischen zu schaffen. Welches jetzt besser ist? Da streiten sich die Geister und in erster Linie ist das wohl Geschmackssache. Das Stern verbildlicht durch seine verschiedenen Richtungen die Vielfalt, die „Gender Gap“ schafft eher optisch Raum.

Wie sieht das dann aus?

Aus Autoren wird Autor_innen, aus Piloten Pilot_innen, aus Sängern Sänger_innen und aus Liebe Bürgerinnen und Bürger Liebe Bürger_innen (ergo auch Bürger_innen-Ämter!). Oder eben Autor*innen, Pilot*innen, Sänger*innen und Bürger*innen.

Übrigens kann man das sehr wohl mitsprechen! Die Gap oder das Sternchen werden mit einer kleinen Pause, die das Wort deutlich strukturiert, signalisiert. Das mag am Anfang nicht einfach sein, aber wenn du es eine Weile lang geübt hast, klappt es immer besser.

Zweitens: Die Neutralisierung ist sprachlich meist ein wenig leichter zu sprechen, verwenden wir aber nicht ganz so gerne wie die Satzzeichen aus einem ganz einfachen Grund: Unser Kopf denkt leider nicht „Aah, neutral, dann sind das ja Studierende jeglichen Geschlechts!“ sondern hängt noch sehr an den Formen, die er lange gelernt hat – und das sind meist die männlichen.

Wann es aber Sinn macht, ist dann, wenn man gar kein Geschlecht braucht! Wenn es absolut egal ist, sondern es eigentlich um eine Tätigkeit geht. Ein bisschen am Satzbau ändern und das in den Vordergrund rücken, das eh in den Vordergrund gehört, ganz einfach.

Dann „sitzen nicht mehr die Programmierer bis spät in die Nacht“, sondern „wurde das Programm bis spät in die Nacht geschrieben“.

3. Die unsichtbaren Gespenster

Und als Drittes – ganz versteckt – gibt es noch sprachliche Sichtbarkeit und die fiesen Stereotype.

Wir sagen „Sehr geehrte Damen und Herren“, aber bieten letztlich meistens Männern* ein Podium zum Sprechen.

Und wir behandeln Frauen* immer noch in vielen Bereichen als etwas Ungewöhnliches, sprachlich als Ausnahme oder zumindest als etwas, das besonders gekennzeichnet werden müsste.

Warum ist uns denn eigentlich allen klar, wenn wir an die Fußball-WM denken, dass es die der Männer* ist? Warum braucht der Frauen*-Fußball eine explizite Sichtbarmachung?

Adjektive sind eine ziemlich schöne Sache beim Schreiben. Sie machen die Dinge anschaulich und lebendig – aber sie können auch dazu dienen, Stereotype zu reproduzieren!

Warum wird bei einer Politikerin so oft das Äußere beschrieben und bei Politikern seltener? Was hat der „zierliche Körperbau“ mit ihrer Arbeit zu tun? Und welche Adjektive beschreiben einen Mann in der gleichen Position? Ist er womöglich smart und forsch?

Ähnliches gilt übrigens für Bildsprache in Medien – nur, dass das ein noch viel effizienteres Mittel ist, um Bilder im Kopf zu reproduzieren. 

Also ein kurzer Gegencheck: vermittle ich die Realität mit meiner Bildwahl oder reproduziere ich einen Gedanken? Werden Stereotype von bestimmten Menschen verstärkt, statt ihre Vielfalt zu zeigen?

So, und jetzt sagen wir noch, dass das alles gar nicht so schwer ist? Ganz genau.

Denn wenn der erste Schritt gemacht ist – nämlich ein erstes Bewusstsein zu haben – dann muss man in erster Linie nur noch eine Entscheidung fällen.

Oder vielleicht auch mehrere.

Ich fälle tatsächlich immer wieder eine, je nachdem, in welchem Kontext ich unterwegs bin. Ich liebe diese Wahlmöglichkeit. Hast du Lust bekommen?

Dann haben wir jetzt unsere 5 ultimativen Start-Tipps!

1. Wo nutzt du das generische Maskulinum? Versuche die Form doch mal durch eine Partizip-Form zu ersetzen. Das geht natürlich nicht immer. Aber häufig. Also sowas wie:

            – Sportler –> Sportelnde

            – Dienstleister –> Dienstleistende

            – Spieler –> Spielende

            – Forscher –> Forschende

            – Schatzsucher –> Schatzsuchende

P.S.: Als seichteren Einstieg ist auch eine Beidnennung von der weiblichen und männlichen Form möglich. Das ist allerdings recht lang und natürlich auch nicht komplett fair, weil neben Männern und Frauen ander Geschlechter hinten über fallen.

2. Noch einfacher: Erhöhe die Verwendung der Wörter „Mensch“ und „Person“ um etwa 200 Prozent!

Mensch und Person ist nämlich wirklich inklusiv. Und lässt das Bild sehr offen.

Menschen, die programmieren. Die Person da hinten, die sich ein Eis geholt hat. Der Mensch, der das Physiklabor leitet.

Tadaa. Geschlecht ist irrelevant, Menschliches ist noch drin.

3. Guckt euch doch mal bei eurem Heimweg die Werbung an. Jedes Plakat, Schild, etc., das euch auffällt. Wer ist darauf zu sehen? Spielt das Geschlecht da eine Rolle? Wird mit Stereotypen gespielt?

4. Beobachtet mal eure Witze. Und die eures Umfelds. Klar, vieles ist nicht ernst gemeint. Trotzdem sitzt in jedem Witz ein bisschen Wahrheit, weil es uns sonst nicht amüsieren würde.

Beobachtungsaufgabe: Worüber wird lacht? Auf welche Gruppe zielt der Witz ab? Ist jemand Betroffenes aus dieser Gruppe währenddessen anwesend?

5. Ihr habt ein geschlechts-spezifisches Wort, aber das Partizip ergibt keinen Sinn?

Ja, Kundelnde ist doch recht irritierend!

Also denn: es wird etwas fortgeschrittener! Traut euch mal das Wort Kund_innen oder Kund*innen zu schreiben.

Und für die richtig Mutigen: Sprecht das Wort mit dem Sternchen oder dem Unterstrich mal aus – wie fühlt sich das an? 

Ja, und damit habt ihr den Einstieg schon ganz gut gefunden – Tiefer tauchen wir dann in der Zukunft in einem Pro-Guide! 😉

Ihr habt Lust auf mehr Informationen zu fairer Sprache? Dann meldet euch beim Newsletter von fairlanguage.com an, das Tizia mit gegründet hat. 

Titebild: Depositphotos.com

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