Foto: Thomas Seips

Warum die Frauenquote nicht für eine gerechtere Gesellschaft sorgt

Die Bundesregierung hat sich überraschend auf ein Gesetz geeinigt, das den Frauenanteil in Firmenvorständen erhöht. Mehr Frauen an die Spitze? Wir sollten lieber die Spitze an sich infrage stellen, findet unsere Autorin.

Die Quote. Ende November wird sie in Leitartikeln und Fernsehkommentaren wieder gelobt und verflucht. Denn die Große Koalition plant, so die Nachrichten, eine neue Geschlechterquote einzuführen. Diese soll die Besetzung von Positionen in unterschiedlichen Institutionen, von Vorständen börsennotierter Unternehmen, Krankenkassen bis hin zur Bundesagentur für Arbeit, regulieren. Eine Frauenquote in Führungspositionen gibt es bereits. Und diese betrifft die Aufsichtsräte von börsennotierten und paritätisch mitbestimmten Unternehmen in Deutschland. Das Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in Führungsposition trat am 1. Januar 2016 in Kraft. Seitdem gilt eine verbindliche Frauenquote in Höhe von 30 Prozent.

Die Quote wirkt nicht

Es kommt Bewegung in die deutschen Führungsetagen! meint die Bundesregierung seitdem und klopft sich auf die Schultern. Die Quote wirkt ja gar nicht! beschweren sich Frauen seit Jahren in meinem Instagram-Feed und sehen keinen Grund zum Feiern. Und damit haben sie recht: „In den Vorstandsetagen deutscher Top-Unternehmen sind nicht einmal 13 Prozent der Posten mit Frauen besetzt“, stellt die NDR-Journalistin Ariane Reimer Anfang November fest. Elf Dax-Unternehmen kämen sogar ganz ohne Frauen aus, kein Dax 30-Unternehmen werde von einer Frau geführt.

„Dass selbst eine Minimalreform von 30 Prozent in Aufsichtsräten seit Jahren auf Widerstand stößt, spricht Bände über den Stand von Geschlechtergerechtigkeit in unserer Gesellschaft: Sie existiert schlichtweg nicht.“

Şeyda Kurt

Mimimi jammern indes selbsternannte Männerrechtler*innen, die sich wegen Geschlechterquoten benachteiligt sehen. Ich denke: Dass selbst eine Minimalreform von 30 Prozent in Aufsichtsräten seit Jahren auf Widerstand stößt, spricht Bände über den Stand von Geschlechtergerechtigkeit in unserer Gesellschaft: Sie existiert schlichtweg nicht. Ich denke aber auch: An ungerechten (Geschlechter-)Verhältnissen wird auch eine Frauenquote wenig ändern.

Wessen Selbstbefreiung?

Ich lehne Quoten nicht grundlegend ab. Denn etwa im Falle von Geschlechterungleichheit dienen sie der Korrektur einer politischen Wirklichkeit, die aus patriarchalen und misogynen Logiken resultiert, die seit Jahrhunderten währen. Philosophien der Aufklärung beispielsweise erdachten Menschen, die sich als Frauen identifizierten, als das Andere, eine Abweichung zu einem vermeintlich vernunftbegabten Subjekt, das sich den Angelegenheiten der Öffentlichkeit zugewendet, um die Gesellschaft besser für alle zu machen: der weiße, westeuropäische cis Mann. Und wie wir wissen, ist diese Gleichung in den vergangenen Jahrhunderten nicht unbedingt aufgegangen.

Bis heute werden weibliche Personen einer angeblichen Natur entsprechend dem häuslichen Raum zugewiesen und auf reproduktive Funktionen festgenagelt: Haushalt, Kindererziehung, Fürsorge. Dass sie also den öffentlichen Raum erobern – von politischen Ämtern bis hin zu wirtschaftlichen Gremien – ist eine Form der Selbstbefreiung. Und die Geschlechterquote dient auf diesem Wege als politisches Hilfsinstrument.

Und dennoch bleibt die Frage: Wessen Selbstbefreiung dient sie am Ende tatsächlich? Ende November macht das Magazin Stern mit der Schlagzeile „Ich bin eine Quotenfrau“ auf sich aufmerksam. Auf dem Cover sind Politikerinnen, Moderatorinnen und Schauspielerinnen abgelichtet, begleitet vom Slogan: „40 erfolgreiche Frauen sagen, wie die Quote uns allen nützt.“ Uns allen? Wen soll dieses „uns“ überhaupt adressieren? Und schafft eine Frauenquote wirklich Gerechtigkeit für alle?

Über welche Gerechtigkeit sprechen wir?

Dazu will ich zunächst beschreiben, was ich unter Gerechtigkeit verstehe: Ich verstehe darunter eine Gesellschaft ohne Ausbeutung von Körpern und ihrer Arbeitskraft – eine Welt, in der alle Körper ungefährdet leben können, ohne diskriminiert oder stigmatisiert zu werden – und das global und nicht nur bis zur eigenen Stadtgrenze. Meine Vision von Gerechtigkeit ist eine, die Hierarchien in allen Lebensbereichen beseitigt und hierarchisierende Kategorien wie etwa von Geschlecht und Rassifizierung gleich mit. Eine Frauenquote hingegen, wie sie in der breiten Öffentlichkeit diskutiert wird, fügt sich hervorragend in kapitalistische und ausbeuterische Strukturen, in denen Geschlechter in binären Kategorien gedacht und funktionalisiert werden. Und das ist ein Problem.

Gerade bei Diskussionen um Quoten in Unternehmensvorständen geht es letztendlich um Aufstiegschancen innerhalb hierarchisch strukturierter Institutionen. Es geht um den Abbau von Barrieren, damit Frauen so weit und hürdenlos wie möglich an die Spitze klettern können – ohne diese Spitze an sich infrage zu stellen.

Deutlich wird dies auch, wenn Befürworter*innen der Frauenquote damit argumentieren, dass von Frauen geführte Unternehmen erfolgreicher seien. Das beweist etwa eine Studie des Gender Diversity Index von 2019. Demnach schnitten dreißig börsennotierte Unternehmen, die in Sachen Geschlechtervielfalt vorbildlich aufgestellt waren, durchschnittlich zwei Prozentpunkte besser ab als andere, weil unter anderem ihre Aktien sicherer waren. In diesem Argument geht es also um Effizienz, Profit und Wachstum – und das in einem marktorientierten Sinne.

Profitabel für wenige, scheiße für die Mehrheit

Nun ist es kein Geheimnis, dass die Art und Weise, wie westliche Gesellschaften wie unsere wirtschaften, profitabel für wenige und scheiße für die Mehrheit ist. Zur letzteren Kategorie gehören die Umwelt, Menschen im globalen Süden, lohnarbeitende Menschen und anders prekär Lebende, und ja, insbesondere auch Frauen. Gerade die Corona-Krise hat bewiesen, wie ein System, das an allen Ecken spart, um so profitabel wie möglich zu sein, im Notfall zusammenzubrechen droht. Im Gesundheitswesen genauso wie im Bildungsbereich. Und unter den Trümmern vergraben liegen vor allem weibliche Personen – jene in systemrelevanten Berufen. Risikopatient*innen. Jene, die in Teilzeit arbeiten. Jene, die alleinerziehend sind.     

Und noch eine neoliberale Logik wird mit der Frauenquote nahtlos fortgeschrieben: Dass die Befreiung der Frauen aus patriarchalen Verhältnissen und dem Zwang des Häuslichen allein in der Lohnarbeit liegt. Die feministische Philosophin Silvia Federici schreibt in dem Band Aufstand aus der Küche:  „Eine unter Feminist*innen früher weitverbreitete Annahme lautet, dass die Lohnarbeit Frauen aus ihrer lähmenden Isolierung befreien und es ihnen ermöglichen würde, den Haushalt und die Hausarbeit hinter sich zu lassen. Einige Jahrzehnte später müssen wir feststellen, dass diese Annahme weitgehend illusionär war.“

Eine globale Perspektive ließe erkennen, dass Frauen nach wie vor in jedem Land den Großteil der Hausarbeit erledigen – unbezahlte Arbeit, wie sie Federici nennt. Eine zweite Arbeit aufzunehmen, also eine Lohnarbeit außerhalb des Hauses, habe die Frauen jedoch nicht befreit, beobachtet sie: „Zwei Arbeiten zu erledigen, hat für Frauen immer nur bedeutet, über noch weniger Zeit und Energie für den Kampf gegen beide zu verfügen.“ Frauen würden sich in kapitalistische Verhältnisse hineinbegeben, anstatt sie zu zerstören. Das erkämpfte Recht auf Arbeit bedeute lediglich das Recht, noch mehr zu arbeiten und noch stärker ausgebeutet zu werden.

Wo bleibt die Revolution von Haus- und Carearbeit?

Quoten für den Arbeitsmarkt machen das Leben der meisten weiblichen Personen also nicht besser, wenn sie nicht gleichzeitig auch eine Revolution von Haus- und Carearbeit mit sich ziehen. Denn an wem bleibt die Haus- und Carearbeit hängen, wenn meist weiße, bürgerliche cis Frauen nun in Führungspositionen sitzen? Genau: die schlechtbezahlte Haushaltshilfe aus dem Ausland.

Die Frauenquote ist somit nicht intersektional gedacht. Intersektional zu denken, bedeutet, die spezifischen Erfahrungen marginalisierter Menschen mit zu berücksichtigen, die unter unterschiedlichen Diskriminierungssystemen leiden, die sich überlappen und gegenseitig bedingen können. Auch bei Diskussionen um Geschlechterparität in politischen Gremien und Institutionen stelle ich mir oftmals die Frage: Was ist eigentlich mit nicht-binären Menschen? Und wo wird die Mehrfachdiskriminierung von Menschen mitgedacht und in der Umsetzung berücksichtigt, die nicht nur nicht-männlich sind, sondern auch nicht weiß, nicht christlich, queer, behindert, dick*fett, geflüchtet oder in anderer Weise besonders gefährdet und stigmatisiert sind?

Wir brauchen eine tiefgreifende, strukturelle Kritik

Und vor allem ist die Frauenquote nicht intersektional gedacht, weil Intersektionalität als Analysetool nicht nur die Frage nach Repräsentation stellt – wer also wo und wie abgebildet und vertreten ist – sondern auch herrschaftskritische Formen des Widerstands erfordert. Intersektionalität ist eine Idee, die von Schwarzen, queeren und kapitalismuskritischen Feminist*innen entwickelt und etabliert wurde, wie etwa dem Combahee River Collective in den 1970er-Jahren. Antworten auf intersektionale Analysen erfordern nicht nur Lippenbekenntnisse nach mehr Diversität und Sichtbarkeit, die den Lauf der Dinge kaum stören. Intersektionaler Feminismus bedeutet eine tiefgreifende, strukturelle Kritik, die Rassismus, Sexismus, Ableismus und viele andere Diskriminierungsformen nicht unabhängig voneinander denkt – und vor allem nicht unabhängig von materiellen Verhältnissen. 

„Ein Feminismus, der in seinen Forderungen nach einer Frauenquote Schwarze oder arbeitende und arme Frauen nicht ausdrücklich in den Fokus nimmt, ist nicht intersektional.“

Şeyda Kurt

Diskriminierten Menschen ist es letztendlich egal, ob die Menschen, die sie ausbeuten, Jens oder Stefanie heißen. Ein Feminismus, der in seinen Forderungen nach einer Frauenquote Schwarze oder arbeitende und arme Frauen nicht ausdrücklich in den Fokus nimmt, ist nicht intersektional. Und ein Feminismus, der nicht intersektional ist, kann mir gestohlen bleiben.

Welche Rechte verteidigt die Quote?

Und zuletzt steckt hinter einer Frauenquote die Annahme, dass die Sichtbarkeit und der Erfolg einiger Frauen letztendlich allen weiblichen Personen nutzen werden. Ich formuliere es mal so: Seit fünfzehn Jahren ist Angela Merkel deutsche Bundeskanzlerin. Und in fünfzehn Jahren hat sich die Situation lohnarbeitender oder geflüchteter Frauen und Queers nicht wesentlich verbessert, und auch nicht, seitdem Ursula von der Leyen, die übrigens auch auf dem Sterncover posierte, Präsidentin der Europäischen Kommission ist.  

Quoten schaffen Angleichungen. Sie helfen manchen dabei, Privilegien und Rechte innerhalb bestehender Verhältnisse zu gewinnen, die ihnen zwar durchaus zustehen. Doch diese Aneignung kann zumindest in unserer Gesellschaft nur funktionieren, wenn die Rechte von weniger privilegierten Menschen wieder unter den Tisch fallen. Und diese Rechte werden selten mit Quoten verteidigt, sondern mit sozialen Bewegungen, die umfassende politische Veränderungen fordern. Schafft die Quote also Gerechtigkeit? Ich denke nein – wenn Gerechtigkeit bedeutet, dass wir eine gleichberechtigte Gesellschaft anstreben, in der wir anders miteinander umgehen, anders wirtschaften. Und anders leben.  

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Şeyda Kurt ist freie Journalistin, Kolumnistin, Speakerin und Moderatorin. Sie schreibt und spricht über Innenpolitik, Kultur und intersektionalen Feminismus.

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