Was die „Fear of being uncool” mit uns macht

Nach FOMO – „Fear of missing out”, habe ich eine weitere Befürchtung unter vielen festgestellt: „Fear of being uncool”, also die Angst, nicht für cool befunden zu werden, kurz FOBU. Kennst du das?

Too cool for school

Vielleicht kennst du ja diese Leute (oder du erkennst dich sogar selbst wieder?), die nach einem 12-Stunden-Arbeitstag noch feiern gehen. Die trotz Erkältung oder Grippe mit der Gang noch einen draufmachen wollen. Die sich plötzlich bei alten Freunden nicht mehr melden, weil die anscheinend zu uncool geworden sind. Und die sich einen Trip nach dem anderen schmeißen, anstatt das zu tun, wonach ihnen wirklich der Sinn steht (Sofa und Netflix) oder was der überarbeitete Körper dringend verlangt (Ruhe).

Ich bin durch einen Podcast von zwei Bloggerinnen auf dieses Phänomen aufmerksam geworden. Sie beschrieben in einem Nebensatz genau das: EIGENTLICH würden sie sich gerne einen Abend lang erholen, aber sie gehen eben doch feiern. Als ich das hörte, wurde mir klar, dass ich selbst ein Stück weit unter diesem Diktat stehe. Nach Usedom in den Urlaub, zu den Rentnern, die sich dort tummeln? Viel zu uncool. Erzählen, wie gerne ich eigentlich Jane Austen lese? Unmöglich! Und in Funktionsjacke wandern gehen? Das Symbolbild der Spießigkeit! Ich scheine also auch nicht frei von der „Fear of being uncool”, kurz FOBU, zu sein.

Was heißt „cool” eigentlich?

In unserer von der Jugend geprägten Gesellschaft gibt es den starken Drang „cool“ zu wirken. Also unbedingt so hip, so stylisch, so fashion, so beliebt zu sein. Das äußert sich zum Beispiel durch das rastlose Darstellen des eigenen Lebens als permanente Party und Inspirationsexzesses. Einhergehend mit wöchentlichen ausartenden Party-Gängen, absichtlichem Kontrollverlust und heftigem Konsumwahn. Die gleichen Klamotten wie letztes Wochenende wieder auf Instagram zu zeigen wäre ja peinlich. Und der neueste coole Computer und das beste Handy müssen es schon sein.

Dazu kommt ein geiler Urlaub nach dem anderen – möglichst da, wo die anderen noch nicht waren. Sonst wird man der eigenen Vorreiterrolle nicht gerecht. Das Leben entwickelt sich zu einer unendlichen verschwommenen Jagd nach dem Neuesten und Geilsten.

Was steckt dahinter?

Meiner Meinung nach führt die Angst vor dem Urteil anderer zu „FOBU”. Was andere, manchmal ganz bestimmte Leute, über einen denken könnten, diktiert das eigene Tun. Wir fürchten das Urteil, nicht witzig genug, nicht stylisch genug, nicht geil genug zu sein. Sei es die neue coole Clique, zu der man unbedingt gehören möchte oder ein Typ, den man mit dem eigenen coolen Lifestyle beeindrucken will. Manchmal ist es, wie bei den oben genannten Bloggerinnen sogar eine ganze Community, die bespielt werden muss und für die man als Inspiration gelten möchte. Wir möchten bewundert werden. Dabei neigen wir zu Verhaltensweisen, die nicht cool sind, sondern unauthentisch und verkrampft.

Ursprünglich bedeutete das Wort „cool”, „einen kühlen Kopf bewahren“ und ging aus der Unterdrückung der Sklaven in Amerika hervor. Diese mussten angesichts ihrer Lage versuchen, sich nichts anmerken zu lassen, also einfach cool bleiben. Heutzutage wird es verwendet, um darzustellen, dass wir etwas besonders toll finden. Es wird assoziiert mit Begriffen wie „locker”, „lässig”, „neu”, „noch nie gesehen”. Ein „cooler” Lifestyle zeichnet sich dadurch aus, besser als die anderen zu sein und ist damit für viele sehr erstrebenswert. Daher kommt auch die Angst, als uncool zu gelten.

Was tun bei FOBU?

Das Leben ist keine Bühne, auf der du stets präsent sein musst. Wenn es dir Spaß macht, super! Wenn nicht und du merkst, dass du eigentlich eine Rolle spielst, solltest du deine Gründe dafür überdenken. Warum handelst du so, wenn du versuchst cool zu sein? Ist es das wirklich wert? Und stell‘ dir doch mal die Frage, was dir in diesem Augenblick wirklich gut tun würde. Was sind deine wirklichen Wünsche und Bedürfnisse?

Das Leben ist schöner, wenn wir uns auch mal verletzlich zeigen. Es wird authentischer. Das bedeutet, auch mal uncool zu sein und zuhause zu bleiben und netflixend Eis zu essen, anstatt in den neuen Club zu gehen. Und das Zuhausebleiben zu genießen.

Ich fühle mich natürlich auch super, wenn ich weiß, dass ich zum Beispiel gerade super stylisch bin und für mein geiles Kleid Komplimente bekomme. Ich musste damals auch die allererste mit einem MacBook sein (ok, das war 2009 –echt lange her). Wenn Besuch da ist, habe ich den Drang, in die coolste Rooftop-Bar zu gehen, um meinen Freunden zu beweisen, wie angesagt ich bin. Aber gleichzeitig kann ich auch in Funktionsjacke wandern gehen mit der Gewissheit, dass die echt hässlich ist. Und ja, auf Usedom war ich auch schon. Ich muss nicht immer cool sein, weil ich aufgehört habe, es anderen beweisen zu müssen. Ich bin lieber ich und tue, was mir gut tut. Möglicherweise ist das die neue Art der Coolness?

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