Foto: Annie Spratt | Unsplash

Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt – mein Leben mit Borderline

Das Leben mit Borderline ist nicht immer einfach. Unsere Community-Autorin erzählt, was die Krankheit mit ihr macht und wie sie trotzdem versucht, ihr Leben zu meistern.

 

Borderline – was heißt das eigentlich? 

„Was ist dieses Borderline überhaupt?”, war mein erster Gedanke als ich die Auswertung einer psychologischen Einschätzung meines neuen Therapeuten bekam. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon mehrmals in Behandlung wegen Depressionen und einer Angststörung gewesen. Demnach war mir der Umgang mit psychischen Erkrankungen nicht unbekannt, dies war aber eine ganz neue Diagnose, die alles veränderte.

Borderline, das ist alles in allem eine Persönlichkeitsstörung, die eine Ansammlung aus verschiedenen Symptomen ausmacht. Hauptsächlich sind es für mich extreme Stimmungsschwankungen, die dauernde Frage nach Identität und deren Wechsel sowie Sprunghaftigkeit und Impulsivität von Emotionen und Stimmungen.

Nach der Diagnose wurde mir einiges klar 

Dies war also die Erklärung für mein instabiles Verhalten und all dem, wovon ich dachte, dass es einfach mein Charakter sei. Ich war schon immer sehr sprunghaft in meinen Gefühlen und Stimmungen. Innerhalb von Minuten konnte ich von überglücklich zu rasend wütend springen, ohne ersichtlichen Grund. Ich war schon immer extrem empathisch, ich nahm sofort die Stimmung einer anderen Person an und machte mir schon immer viel zu viele Gedanken über alles und jeden. 

Die Diagnose nun schwarz auf weiß zu haben vereinfachte vieles, ich hatte Erklärungen für einige meiner Verhaltensweisen und auch die Extreme meiner Angststörung. Zu diesem Zeitpunkt war es so weit, dass ich nicht mehr das Haus verlassen konnte um Lebensmittel einzukaufen. Ich hatte keine Kontrolle mehr über mein Leben und absolut keine Lebensqualität. Mit Freund*innen treffen, etwas trinken gehen oder einkaufen bedeuteten Höllenqualen für mich. Meist endeten die Versuche es trotzdem zu probieren in Zusammenbrüchen und wochenlangem Verkriechen. 

Zu viele Tabs offen

Mit den Worten auf dem Papier musste ich jedoch zu erst Frieden schließen: Ich bin Sammy und habe Borderline – ein sehr schwerer Satz zu Beginn. Doch je mehr ich mich informierte und mich damit identifizieren konnte wurde es einfacher. Ich realisierte, dass ich schon seit dem Kleinkindalter diese Störung hatte und konnte mir so vieles erklären. Nun musste ich nur noch lernen damit umzugehen. Denn gerade die rasanten Stimmungswechsel können einen manchmal fast in den Wahnsinn treiben. Dazu kommt noch der Schwall von Gedanken, die alle super wichtig sind und all die Ideen, die super schnell umgesetzt werden wollen. Ich beschreibe es gerne mit der Internet-Browser-Metapher: Während andere einen oder zwei Tabs beim surfen gleichzeitig offen haben, sind es bei mir sieben bis zehn. Aus manchen kommt ungewollte Werbung oder Musik. Andere lassen sich einfach nicht schließen und verbreiten Spam.

Bei diesem Chaos, mit Anfang 20 einen normalen Alltag zu führen ist nicht immer ein Zuckerschlecken. Das Studium in der Großstadt ist an manchen Tagen die beste Entscheidung überhaupt, an anderen die Hölle auf Erden. Uni-Seminare werden nicht besucht, weil die Selbstzweifel zu groß sind oder spontan einfach der Abend zuvor zum Saufgelage ausgeartet ist. Die Wohnung wird nachts um drei Uhr auf Hochglanz geputzt oder Geschirr vergammelt zwei Wochen in der Wohnung verteilt. Freund*innen werden sofort zum Lebensmittelpunkt, während man gleichzeitig die ganze Zeit daran zweifelt ob sie einen wirklich mögen. 

Beziehungen mit Borderliner*innen

Genau diese Sachen machen besonders zwischenmenschliche Beziehungen schwer. Es gibt Stimmen, die sagen, dass Beziehungen mit Borderliner*innen eine stürmische Katastrophe sind. Diesen stimme ich teils zu, meine erste Beziehung war chaotisch, voller Streit und extremen Emotionen. Meine Schwankungen und Instabilität trugen dazu auch ihren Teil bei, besonders wenn es die erste große Liebe ist. Dauernde Streitereien, Unverständnis von beiden Seiten und absolut Unsicherheit. Doch ich habe es auch anders erlebt. Ich führe nun eine unglaublich harmonische und liebevolle Beziehung. Der Schlüssel dafür ist gerade bei Borderliner*innen die Kommunikation. Man muss offen über alles reden und dem anderen manches erklären. Offenheit sollte eine große Rolle dabei spielen, ich versuche die meiste Zeit meinem Partner zu erklären, was in mir vorgeht, wieso ich gerade so fühle oder weshalb eine Situation mich stört.

Solche Kleinigkeiten helfen ungemein, man muss sich selber vor Augen führen, wieso man gerade dies denkt oder jenes tut. Man muss lernen sich selbst zu verstehen und nachzuvollziehen. Das ist ein Lernprozess, der Übung und Zeit braucht. Doch es macht vieles einfacher.

Ich achte nun mehr auf mich und meine Emotionen. Wenn mir alles zu viel in meinem Kopf wird, gebe ich mir selbst Zeit, setze mich hin und schreibe alles auf, was gerade darin umher schwirrt. Es befreit nicht nur, sondern lässt mich auch über Zusammenhänge und Gründe nachdenken.

Break The Silence

Eine große Hilfe für mich war auch Offenheit – Mentale Erkrankungen sind immer noch ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft. Das hat mich jahrelang unter den zusätzlichen Druck gesetzt, meine Erkrankungen so privat wie möglich zu halten. Anfang 2017, nach der Borderline-Diagnose begann ich öffentlich darüber zu schreiben und kein Geheimnis mehr daraus zu machen. Auf meinem Instagram Account @candywasteland postete ich vorher gestellte Bilder aus einem Leben, das nicht ansatzweise so toll war wie es auf dem bearbeiteten Posts aussah. Ich bekam unglaublich motivierendes und berührendes Feedback seitdem ich ehrlich zeige, wie mein Leben aussieht. Viele teilten ihre Geschichte und Erfahrung mit mir und ich realisierte, dass ich nicht alleine war. Niemand von uns ist alleine mit seiner Erkrankung und gerade dieser Austausch ist eine riesige Hilfe für mich.

Aus diesem Grund habe ich Anfang des Jahres eine Blog Plattform gegründet – Candy Wasteland. Ein Ort an dem man Informationen über mentale Erkrankungen sammeln kann, Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig unterstützen kann. Ich möchte damit eine starke Gemeinschaft Erkrankter zeigen, die sich gegenseitig mit Tipps und Verständnis unterstützt. 

Hinweis: Informationen zu Depressionen, der Erkrankung & dem Umgang damit findet man auch auf der Seite von Fideo. Auf der Seite sind ebenfalls zwei Sorgentelefone aufgeführt, die man auch anonym nutzen kann. Auf dem Blog findest du ebenfalls einen Post zur Thematik „Wie bekomme ich Hilfe“, mit Anlaufstellen und Tipps. 

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