Foto: Nils Hendrik Müller

„Nee, anders“: Lasse Rheingans lässt sein Team nur fünf Stunden am Tag arbeiten

In unserer neuen Rubrik „Nee, anders“ kommen Menschen zu Wort, die es gewagt haben, in der Arbeitswelt unkonventionelle Wege zu gehen, diesmal: Lasse Rheingans, 38, hat vor zwei Jahren in seiner Bielefelder IT-Agentur den Fünf-Stunden-Tag eingeführt, bei vollem Gehalt endet der Arbeitstag für sein Team also in der Regel um 13 Uhr. Wir haben ihn gefragt, wie das funktionieren kann.

„Ey, so etwas will ich nicht wieder erleben“

„Ich habe von 2007 bis 2017 mit drei anderen Gesellschaftern eine Agentur geleitet, darunter dementsprechend auch verschiedene Werte und Sichtweisen im Bezug auf Arbeit. Es war denen an manchen Stellen egal, ob wir eine Agentur oder eine andere Firma führen – Hauptsache Kontrolle und die Zahlen passen. Ich habe mich dort sehr aufgerieben, 2017 führten unsere unterschiedlichen Meinungen zu meinem Ausstieg. Als ich raus war, saß ich ziemlich kaputt in meinem Garten und dachte: Ey, so etwas will ich nicht wieder erleben, Arbeiten, bei dem es zu oft um Macht und Druck geht; ich wollte etwas anderes als diesen klassischen zehn-bis-zwölf-Stunden-Agenturarbeitstag, nach dem abends alle umfallen.

Ich habe zwei Kinder, Freund*innen, ich bin begeisterungsfähig, aber ich hatte kaum noch Zeit, irgendetwas auf meinen To-do-Listen abzuarbeiten, dafür wurde meine Stress-Liste immer länger. Etwa zur gleichen Zeit bin ich auf das Buch von Stephan Aarstol gestoßen, der als Begründer des Fünf-Stunden-Tages gilt. Ich habe Teile meines Lebens in Australien verbracht und durfte dort eine andere Lebensart erleben, ich fühlte ich mich durch viele der im Buch genannten Konzepte verstanden. Im gleichen Sommer bekam ich das Angebot, eine bestehende Agentur in Bielefeld zu übernehmen. Ich nahm das Angebot und die Herausforderung an, allerdings mit der Idee, diesmal alles anders zu machen und den Fünf-Stunden-Tag auszuprobieren.

Macht der Spaß?

Ursprünglich wollte ich das erst im Sommer 2018 machen, dann dachte ich mir: Womöglich hat sich dann schon ein gewisser Trott eingeschlichen, aus dem man nicht mehr rauskommt, also machen wir es lieber gleich! Ich habe erstmal vor dem Team ein paar Impulsvorträge gehalten: Über Mitarbeiter*innen-Profiling, also die Frage: Wie funktionieren Menschen? Wie funktioniert Kommunikation, also warum reden wir ständig miteinander und verstehen uns trotzdem nicht? Und dann habe ich mich dazu durchgerungen, meine Idee einfach mal vorzuschlagen. Viele im Team wussten erstmal nicht, ob ich einen Spaß mache – und als sie merkten, dass es mir ernst ist, wollten es alle versuchen. Wir waren für November und Dezember gut ausgelastet, wir hatten nicht viel zu verlieren, sagten uns: Wenn es nicht klappt, kehren wir die Scherben zusammen und machen weiter.

Uns allen war klar, dass wir konzentrierter und produktiver arbeiten müssen, um unseren Job in fünf Stunden zu schaffen. Wir haben also erstmal gemeinsam erarbeitet, welche Störfaktoren uns vom konzentrierten Arbeiten abhalten: Lärm im Büro, ständige Unterbrechungen, etwa durch eingehende Emails oder Slack-Benachrichtungen – jede Unterbrechung klaut uns Fokus, und es gibt diverse Studien darüber, wie lange es dauert, bis der Fokus wieder da ist. Wir beschlossen, unsere Meetings kürzer zu halten, nur noch 15 Minuten anzusetzen statt einer Stunde. Und ganz genau darauf zu achten, wer bei einem Meeting wirklich dabei sein muss – in der Realität ist es doch oft so: Acht Leute sind dabei, sechs davon spielen auf dem Handy oder auf den Laptops herum.

Meetings müssen außerdem immer klare Ziele und eine Agenda und vernünftig verteilte Verantwortungen an die Teilnehmer*innen haben. Mein Team ist zum Glück dreist genug, mir abzusagen, wenn ich mal wieder einen Termin ohne Agenda rumschicke. Bei Mails achten wir genau darauf, wer in Cc gesetzt wird: Warum stehen da oft fünf Leute? Statt vorher darüber nachzudenken, wen es wirklich betrifft? Das ist ein Ausdruck von ,Ich hab keinen Bock, Verantwortung zu übernehmen.‘

In eigener Sache

Lasse Rheingans ist Speaker beim FEMALE FUTURE FORCE DAY

Am 12. Oktober spricht und diskutiert er auf dem Panel Neue Arbeit – das müssen Unternehmen anders machen“ – gemeinsam mit dem Einhorn-Gründer Waldemar Zeiler und DPA-Geschäftsführerin Niddal Salah-Eldin.

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Keine endlosen Mail-Ketten mehr

Ein weiteres Learning: Wir haben in unserem Büro viele kleine Sitzecken eingerichtet, damit sich Leute ganz kurz zusammenfinden können, um etwas zu besprechen, ohne andere aus dem Team zu stören und ohne endlos Mails oder Slack-Nachrichten hin- und herzuschicken.

Natürlich gab es auch Skepsis im Team, manche hatten Angst, hatten das Gefühl, sowieso schon so stark unter Druck zu stehen, und konnten sich nicht vorstellen, unter noch mehr zeitlichem Druck arbeiten zu müssen. Tatsächlich haben wir an der ein oder anderen Stelle wirklich gemerkt, dass es nicht zu schaffen ist – das war es aber auch vorher bei einer 40-Stunden-Woche nicht, das wurde durch die Reduktion auf fünf Stunden erst richtig deutlich – an diesen Stellen haben wir zusätzlich Leute eingestellt. Und wenn jetzt jemand sagt, das würde ja nicht immer finanziell hinhauen, entgegne ich: Was ist die Alternative? Dass die Mitarbeiter*innen oft krank sind, kündigen, oder ausbrennen, weil sie dauerhaft überlastet sind? Der Fünf-Stunden-Tag hat wie durch ein Brennglas knallhart transparent gemacht, was nicht optimal läuft und Missstände ganz klar offengelegt.

„Das ist knallharte Arbeit“

Jedenfalls: Das, was wir gemacht haben, konnten wir nicht mal eben so salopp einführen, sondern das war knallharte Arbeit, das erfordert Selbstdisziplin, wir haben klare Regeln definiert, an die sich alle halten müssen. Und es ist nicht so, dass wir jetzt die Fünf-Stunden-Expert*innen sind – es ist ein fortlaufender Prozess, und wir evaluieren ständig, was noch besser klappen kann, oder wo wir weitere Learnings gehabt haben. Dazu gibt es bei uns eine Task Force, die Feedback sammelt und Vorschläge ableitet. Ein externer Supervisor kommt mindestens einmal im Quartal für einen Workshop zu uns, wir prüfen gemeinsam, ob alle noch Bock auf diese Anstrengungen haben. Bisher ist das so, aber natürlich gab es auch Phasen, in denen es manchen schwerer fiel als anderen, manche unzufrieden waren, weil die Arbeit in fünf Stunden nicht zu schaffen war.

Wir arbeiten viel für Kunden aus dem E-Commerce-Bereich, da müssen oft Deadlines eingehalten werden, und es kommt vor, dass phasenweise dann bis 15 Uhr gearbeitet werden muss statt bis 13 Uhr; ich versuche das dann manchmal andersrum zu drehen, in dem Sinne: Sechs oder Sieben Stunden sind immer noch besser als acht oder zehn; ärgert euch nicht, dass ihr sieben Stunden gearbeitet habt, sondern freut euch, wenn ihr es meistens schafft, fünf Stunden hochkonzentriert und still euren Job zu machen und um 13 Uhr draußen zu sein.

Und wir arbeiten hauptsächlich mit Wochen- und Tageszielen, die Leute im Team wissen in der Regel ganz genau, was wann fertigwerden muss. Wie das meine Mitarbeiter*innen schaffen, bleibt komplett ihnen überlassen, ich vertraue jeder*m einzelnen extrem. In der Presse war manchmal zu lesen, das wäre hier ein strenges Regime bei uns, aber genau das ist es nicht, unsere Zusammenarbeit funktioniert nur durch großes Vertrauen. Natürlich gibt es bei uns Home Office für all die typischen Situationen, etwa Handwerker, die tagsüber nach Hause kommen: Selbstverständlich wird dann von zu Hause aus gearbeitet. Das Leben ist nunmal heutzutage nicht mehr so planbar und Dinge nicht mehr so vorhersehbar wie früher.

Was für manche anfangs schwer vorstellbar war: Der frühe Start um acht Uhr, aber bei fünf Stunden ist das einfach sinnvoll, weil man sonst nach dem Mittagessen, wenn man eh ein Tief hat, noch eine Stunde dranhängen müsste … ein Kollege hat zu mir gesagt: ,Das geht gar nicht, vor zehn bin ich ein Zombie‘ – der geht jetzt immer um sechs Uhr vor der Arbeit ins Fitnessstudio und ist total glücklich. Vieles geht, wenn man es ausprobiert.

„Immer zur Verfügung stehen ist krankhaft!“

Wenn über unser Modell berichtet wird, klingt das manchmal so, als würden wir hier im Geld schwimmen und uns das deswegen ,leisten‘ können, das ist Quatsch! Wir hatten in den letzten zwei Jahren so viele Kosten für verschiedenste Prozesse, Strategiewechsel durch die Übernahme, Wachstum, Markenbildung, aber trotzdem: Wir sind doch nicht die Sklav*innen unserer Kund*innen. Klar gibt es solche, die – so nennen die das selbst – sozusagen „die koksende Agentur“ wollen, die 20 Stunden am Tag für sie arbeitet – aber dafür stehen wir einfach nicht zur Verfügung. Ich habe eine Fürsorgepflicht meinem Team gegenüber, ich fühle mich verantwortlich. Andere wiederum wollen gezielt mit uns arbeiten, weil sie unsere Werte menschlich und richtig finden. Dieses immer-zur-Verfügung-stehen empfinde ich als krankhaft.

Die Leute in meinem Team blühen auf in der neu gewonnen Freizeit, wer Kinder hat, ist Vereinbarkeitsschwierigkeiten los, andere widmen sich mit Leidenschaft ihren Hobbys, und viele beschäftigen sich aus eigenem Antrieb und ohne dass ich das verlangen würde mit ihren Jobthemen, entwickeln Ideen, sind kreativ. Da höre ich dann öfters, dass es problematisch sei, wenn die Mitarbeiter*innen sich in der Freizeit dann eben doch mit dem Job beschäftigen würden, aber ich sage: Wir haben heute das Glück, dass sich viele Menschen aussuchen können, mit welchem Job sie gerne ihr Geld verdienen wollen. Die Entwickler*innen und Designer*innen in meinem Team machen diesen Job aus Leidenschaft, es gibt nicht mehr die klassische Trennung: Tagsüber maloche ich am Fließband und abends geh ich nach Hause und hab nichts mehr mit dem Job zu tun; viele Leute, die genug Freiraum haben, haben Lust, sich aus eigenen Stücken außerhalb des Jobs mit den Themen ihrer Arbeit zu beschäftigen.

Der Stift fällt nicht immer Punkt 13 Uhr

Ein wichtiger Punkt, der vielen aus dem Team fehlte, war das soziale Miteinander – natürlich will man auch am Arbeitsplatz Beziehungen aufbauen. Klar, wenn man nur fünf Stunden Zeit hat, dann fällt der ausführliche Plausch in der Küche womöglich aus, aber genau das macht ja ein schönes Arbeitsklima, eine gute Teamkultur auch aus. Darüber haben wir in unseren Workshops gesprochen, fast alle aus dem Team haben sich mehr Teamevents gewünscht. Einmal in der Woche gibt es nun schon länger ein gemeinsames Kochevent, auf freiwilliger Basis, aber fast alle machen mit und bleiben dann gern bis nach 13 Uhr, viele verabreden sich zusätzlich zum gemeinsamen Mittagessen nach Arbeitsschluss. Mindestens einmal im Quartal versuchen wir, Teamevents zu organisieren, neulich waren wir gemeinsam bei einem Beachvolleyball-Turnier, oder wir treffen uns bei einem Teammitglied zu Hause oder in der Kneipe.

Natürlich bedeutet unser Fünf-Stunden-Tag nicht, dass alle jeden Tag um 13 Uhr den Stift fallen lassen können, natürlich sorgen auch bei uns Abgaben oder Krankheitsausfälle dafür, dass es manchmal brennt. Aber ich habe festgestellt: Die Bereitschaft, gern einzuspringen, länger zu arbeiten oder im größten Notfall mal eine Wochenendschicht einzulegen, ist viel größer, wenn die Balance zwischen Job und Privatleben ansonsten dauerhaft stimmt.“

Lasse hat auch ein Buch zum Thema geschrieben: Lasse Rheingans: Die 5-Stunden-Revolution: Wer Erfolg will, muss Arbeit neu denken, Campus Verlag, August 2019, 24,95 Euro.

Das Buch ist natürlich auch bei lokalen Buchhändler*innen eures Vertrauens zu finden. Support your local Book-Dealer!

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