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Diskriminierung im Job: Die arme Mutter

Frauen bekommen erst Kinder und dann weniger Geld. Damit Mütter im Job nicht mehr benachteiligt werden, braucht es politische Maßnahmen und ein gesellschaftliches Umdenken. Ein Kommentar

Mutterschaft als Grund für den Gender Pay Gap

Bevor ich Mutter wurde, habe ich mich mit Mutterschaft nicht großartig beschäftigt. Klar war mir, dass die Geburt schmerzhaft, das Wochenbett langweilig und die Umstellung groß sein wird. Eingerichtet hatte ich mich auf einige Wochen Elternzeit, wenig Zeit für mich und eine unbeschreibliche Liebe zu meinem Kind.

Heute weiß ich, ich hätte mit mehr rechnen müssen: nämlich mit weniger. Weniger Geld. Es gibt sogar einen Begriff dafür: Motherhood Wage Penaltysteht für mutterschaftsbedingte Lohneinbußen. Mutterschaft reduziert die Löhne von Frauen. Das passiert nicht einfach so, sondern ist das Ergebnis von struktureller Diskriminierung von Müttern. Mutterschaft ist damit ein wesentlicher Grund für den Gender Pay Gap, die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen.

Der Report Lohnnachteile durch Mutterschaft des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung dröselt die Gründe für die Benachteiligungen auf und liefert Vorschläge für eine Auflösung der Ungerechtigkeit. Durch die längeren Auszeiten, die viele Frauen nach der Geburt nehmen, werden zum einen ihre Qualifikationen entwertet. Zum anderen gebe es „negative Signalwirkungen“, weil viele Arbeitgeber*innen Mutterschaft als Ausdruck fehlender Karriereorientierung betrachten.

Die Auswirkungen in Zahlen

Mütter von zwei Kindern haben in Deutschland bis zum Alter von 45 Jahren bis zu 42 Prozent weniger verdient als kinderlose Frauen. Auch unmittelbar nach der Geburt eines Kindes müssen Mütter in Deutschland mit Lohneinbußen von bis zu 18 Prozent rechnen. Besonders sichtbar ist das an der Situation von Alleinerziehenden, zu 90 Prozent sind das Frauen. Laut Statistischem Bundesamt war 2015 rund ein Drittel von ihnen in Deutschland von Armut bedroht und 40 Prozent aller Alleinerziehenden waren auf Leistungen aus der Grundsicherung für Arbeitsuchende nach Sozialgesetzbuch II, also Hartz IV, angewiesen.

Arbeitgeber schätzen die Produktivität von Müttern generell als niedriger ein und entlohnen sie schlechter als kinderlose Frauen“, heißt es im Report. Außerdem reduzieren sich die Löhne von Müttern, da sie beim Wiedereinstieg ins Berufsleben häufig in familienfreundlichere, aber schlechter bezahlte Stellen wechseln, die eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zulassen.

Der WSI-Report zeigt damit deutlich, wie sehr Elternschaft in Deutschland zum großen Teil noch in Rollenstereotypen gelebt wird – der Mann lohnarbeitet weiter, während die Frau sich um Haushalt und Kinder kümmert, natürlich unbezahlt. Er veranschaulicht auch, mit welchen Vorurteilen Eltern und vor allem Mütter konfrontiert sind. Vorurteile, die ich in meinem Leben und in dem meiner Freundinnen, die auch Mütter sind, nicht bestätigt sehe. Im Gegenteil.

Elternschaft als Klotz am Bein

Seitdem ich Mutter bin, arbeite ich fokussierter. Allein schon, weil ich es muss. Aber auch, weil ich es will. Und auch in meinem Job als Mutter sammle ich Qualifikationen, die ich in meiner Erwerbsarbeit einsetzen kann. Ich kenne mich mit dem Bildungssystem aus, werde immer organisationsstärker und bin bereit, pragmatische Entscheidungen zu treffen und kann zeitgleich mit meinem Kind sprechen und einen Artikel schreiben. Das ist nur eine kleine Auswahl meiner Elternqualifikationen.

Während Elternschaft eigentlich selbstbewusst in die berufliche Vita gehört, wird sie von Arbeitgeber*innen noch oft als Klotz am Bein der Arbeitnehmer*innen gesehen – und auch so bezahlt. Statt Eltern die Bedingungen zu schaffen, die sie brauchen, um gut und gerne zu arbeiten, müssen Eltern in Arbeitsbedingungen klar kommen, die Care-Arbeit neben der Lohnarbeit nicht vorsehen.

„Betriebliche Vereinbarkeitsmaßnahmen können für die Löhne von Müttern ausschlaggebend sein und die mutterschaftsbedingte Lohneinbuße verhindern oder zumindest minimieren“, heißt es im Report. Teilzeit muss ermöglicht werden, und zwar für alle Karrierestufen. Das ist nicht nur für Eltern gut, sondern für alle Menschen, die in ihrem Leben noch etwas anderes vorhaben als Lohnarbeit. Die Angehörige pflegen, sich um Nachbar*innen kümmern, sich ehrenamtlich engagieren möchten oder Yoga machen.

Die Autorinnen des Reports schlagen Maßnahmen vor, die zu mehr Lohngleichheit zwischen Frauen und Männern beitragen können: Abschaffung des Ehegattensplittings, Verlängerung der Partnermonate bei Elternzeit und ein Recht auf Familienarbeitszeit. Maßnahmen, die partnerschaftliche und progressive Geschlechterbilder fördern. Politische Maßnahmen, die dafür sorgen können, dass Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht oder ihrem Familienstand gerecht bezahlt werden.

Ich bin froh, dass ich die Studien zu Mutterschaft nicht kannte, bevor ich Mutter wurde.

Der Originaltext von Mareice Kaiser ist bei unserem Kooperationspartner ze.tt erschienen. Hier könnt ihr ze.tt auf Facebook folgen.

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