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Wie die narzisstische Persönlichkeitsstörung eines Kollegen für mich in Psychoterror endete

Anja* verliebte sich in ihren Kollegen – ohne etwas von seiner narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu ahnen. Damit begann für sie ein Horrortrip, der in Panikattacken und Todesangst gipfelte. Und an dessen Ende sie ihren Job loswar.

Victim blaming statt professioneller Unterstützung

Anja* arbeitete damals für einen öffentlich-rechtlichen Radiosender, der sich mit den Fragen der Generation Y beschäftigt. Nach außen, sagt sie, reflektiere der Sender über Themen wie Gendergerechtigkeit, berichte über Studien zu Psychologie im Arbeitsalltag. Hinter den Kulissen passiere das Gegenteil: Als Anja ihrem Chef mitteilt, dass sie durch einen Arbeitskollegen belästigt wird, wird sie verlacht – klassisches Victim blaming. Anja versucht sich zu wehren, versucht ihrem Chef zu erklären, dass er sich mit der falschen Seite gemein macht. Der schickt ihr daraufhin die Kündigung: Sie würde nicht mehr ins Programm passen. Ihre Geschichte hat Anja für EDITION F aufgeschrieben.

Im goldenen Käfig meines Arbeitskollegen

„Das bildest du dir doch ein.“

„Du kommst nicht damit klar, dass ich dir mal eine Abfuhr gegeben habe.“

„Du bist doch verrückt!“

Das waren seine Lieblingssätze. Ben* war mein Arbeitskollege und hat mich dreieinhalb Jahre lang psychisch terrorisiert. Sein Terror war so perfide, dass ich es die ersten Jahre selbst nicht verstanden habe. Als ich dann endlich verstanden hatte, warum die Beziehung zwischen uns einfach immer weiter eskalierte, und mich dem entziehen wollte, war er bereits im Rausch. Er wollte mich nicht verlieren. Also begann er mich zu bedrohen, zu nötigen und vor Freunden, Polizei und Chefs zu verleumden.

Anfangsphase

Es begann als Liebelei. Ben und ich verstanden uns hervorragend. Er lud mich zu Zigaretten- und Kaffeepausen ein. Wir führten gute Gespräche, tiefe Gespräche. Er wirkte reflektiert und mitfühlend.

Dreimal landeten wir nach beruflichen Veranstaltungen in seinem Bett oder vor seiner Haustür. Dreimal wirkte er urplötzlich unsicher, traurig, als würde er mehr wollen, ihn aber irgendetwas hindern.

Als ich das thematisierte hieß es, er hätte blöde Erfahrungen in Ex-Beziehungen gemacht, wolle sich nie wieder trennen. Er tat mir Leid. Ich versprach ihm, dass ich ihn nicht verletzten würde.

Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass er offenbar irgendwann in viel früherer Zeit mal so eine schlimme Erfahrung mit Nähe und Vertrauen gemacht hatte, dass er schlichtweg niemanden an sich ranlassen konnte – es aber gern gewollt hätte. Heißt,  er wollte, dass ich bei ihm bleibe („Ich will mich nie wieder trennen“), mich dabei aber nicht zu nah an sich heranlassen, weil ich ihn dann in seiner Logik ja hätte verletzten können. Für ihn war es ausgeschlossen, dass wir ein normales freundschaftliches oder berufliches Verhältnis pflegen würden – in beiden Fällen hätte ich ihn „verlassen“. Mit mir zusammen sein konnte er auch nicht. Also begann er, mich in einen goldenen Käfig zu sperren, die Türe sperrangelweit geöffnet – und wenn ich herausflattern wollte, wurde ich eingefangen, zurückgesetzt und bestraft. All das funktionierte auf höchst perfide, unglaubliche Art und Weise, die mich in den Wahnsinn treiben sollte, mich tatsächlich zeitweise den Verstand gekostet hat und fast dazu geführt hat, dass ich ihm oder mir etwas angetan hätte.

Ben hat eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Kontrollentzug

Es begann verhältnismäßig harmlos. Ben sagte anfangs beispielsweise Dinge wie „du willst mehr von mir als ich von dir“, das war seine Begründung, weshalb wir nicht befreundet sein konnten. Trotzdem verhielt er sich mir gegenüber vertraut und freundschaftlich.  Wenn ich es ebenso tat, wurde ich abgewiesen oder musste mir aus heiterem Himmel  vorhalten lassen, ich sei nur nett, weil ich ja mehr von ihm wollte.

All das spielte sich zu 98 Prozent im Arbeitsumfeld ab. Er goss irgendwann mal meine Blumen, als ich verreist war. Aber dass wir uns ungezwungen freundschaftlich bei ihm oder mir hätten treffen können, war ausgeschlossen – „du willst ja, dass das im Bett landet“, war seine favorisierte Unterstellung, die er anführte, um sich nicht bei ihm oder mir treffen zu müssen.

Wenn ich sagte, dass das nicht stimmte, hieß es „Anja, du machst dir was vor. Hier, an der und der Stelle hast du mir gesagt/geschrieben, dass du mich gut findest.“

Als mir das zu blöd wurde und ich seine Kaffee- oder Zigarettenanfragen ignorierte, begann er berufliche Probleme zu konstruieren, die wir daraufhin „dringend mal persönlich besprechen“ mussten. In den Gesprächen hieß es dann: „Anja, warum bist du so komisch zu mir? Du musst damit klarkommen lernen, dass ich nichts von dir will.“

Wenn ich dann sagte: „Ich will nichts von dir. Du bist nicht stringent und es ist ein Ding der Unmöglichkeit, mich dir gegenüber zu verhalten, lass mich in Ruhe“, musste ich mir anhören, er würde ja gar nichts machen und ich sollte mich nicht anstellen.

Ben war wie ein Bild von M.C. Escher – die perfekte Täuschung, unzählige  Gänge, die immer wieder die Richtung änderten, mich damit immer wilder drehten, wirbelten… Mich, die Fliege im Spinnennetz, die gewaltvoll dazu gebracht wurde, sich um sich selbst zu drehen, damit er mich immer heftiger einwickeln konnte. Wenn ich mich nicht drehte, stupste er mich einfach mit lüsternem Tritt wieder an. Das Möbiusband als Höllentalfahrt.

Einmal rief ich ihn nach der Arbeit an, sagte, dass sich das Zusammenarbeiten zusehends schwieriger gestalte. Ich sagte auch, dass ich das Gefühl habe, dass er was von mir will und sich nicht traut. Ich sagte ihm, dass das okay und mir durchaus egal sei, wir aber Spielregeln brauchten, nach denen wir  reibungslos zusammen arbeiten würden.

Wir trafen uns also, um Spielregeln zu verabreden. „Ich habe heute zwischen Arbeit und Probe 15 Minuten Zeit, da können wir uns vor dem Bäcker treffen und bei nem Kaffee sprechen“, wurde mir angeboten. Ben wollte die Kontrolle behalten. Also offerierte er nur diesen einen –  in seinen Augen großzügigen – Zeit-Slot, um „mal grundlegend“ Dinge zu klären.

Am Ende dieses Gesprächs hatte er mir wieder mehrfach gesagt, das Problem sei ja, dass ich was von ihm wolle, er aber nichts von mir und ich mich nicht so anstellen und immer wieder Probleme machen solle.

Er verdrehte schlichtweg alles so, wie es ihm in den Kram passte. „Ist doch selbstverständlich, dass ich deine Arbeit nicht sabotiere und behindere, hab ich aber auch noch nie gemacht!“ schob er noch hinterher, nahm mich fest in den Arm und ging.

Spielregeln hatten wir nicht verabredet

Und wenn wir sie in einem anderen Gespräch durch mein hartnäckiges Drängen verabredet hatten, dann in erster Linie, damit er sie danach brechen konnte. Wenn ich ihn damit konfrontierte, dann hieß es „jetzt stell dich nicht schon wieder so an“, wahlweise „das habe ich so nicht gesagt, das bildest du dir ein“ oder „habe ich vergessen“.

Also hielt ich schriftlich Spielregeln fest, schickte sie Ben, fragte, ob er damit einverstanden sei.  Die Mails wurden ignoriert. Wenn ich fragte, warum er sie ignorierte, hatte er eine Ausrede oder einen Vorwurf parat. Ich war ratlos.

Wenn ich mich wie auch immer geartet verhielt, war es falsch, wenn ich Spielregeln machte, wurden sie ignoriert, wenn ich ihn ignorierte und unsere Zusammenarbeit auf ein Minimum beschränkte, sagte er vor den Kollegen „Anja, wir müssen mal reden, komm mal mit“, so dass ich wieder in der nächsten Diskussion mit ihm steckte. In der Diskussion musste ich mich dann dafür rechtfertigen,  dass ich nicht nett zu ihm war und bekam gesagt, dass ich endlich damit klarkommen müsse, dass er nichts von mir wolle. Ich sagte ihm, dass ich längst andere Männer daten würde und bekam als Antwort „ach, das sagst du ja nur, um mich eifersüchtig zu machen.“ Oder er fragte nach meinen Dates und schob bedeutungsschwangeres  Geschwafel hinterher, das sei ja nur von kurzer Dauer und eines Tages würde ja unsere Zeit kommen. Und dann beendete er das Gespräch und machte weiter wie bisher.

Ich wurde immer wütender, schrieb ihm, dass er verrückt sei und mich endlich in Ruhe lassen solle.

Er datete eine Arbeitskollegin,  erzählte ihr „ich wäre gerne mit Anja zusammen und weiß nicht, warum es mit ihr nicht klappt.“

Gemeinsamen Bekannten erzählte  er, wir seien nur gute Freunde und ich sei ja so ein toller Mensch.

Mir sagte er, ich wolle ja mehr von ihm als er von mir und ich solle aufhören, ständig Probleme zu konstruieren.

Zur Wut gesellten sich zusehends Hilflosigkeit und Verzweiflung: Ich schrieb ihm, dass er ein perfides Arschloch sei, mir endlich sagen sollte, was er von mir wolle. Ich führte ihm sein krankes Verhalten vor Augen, schrieb, dass ich zu allem bereit sei, wenn dieses Psychospiel endlich aufhörte und schrieb ihm, dass ich die Chefs einschalten müsse, wenn er nicht aufhörte und wir nicht endlich minimalste Regeln fänden.

Er nahm mich auf der Arbeit auf dem Büroflur zur Seite, bedrohte mich körperlich, sagte, mein Verhalten sei unmöglich, ich würde ihn stalken und jetzt auch noch mit dem Chef drohen, und er würde zur Polizei gehen, wenn ich nicht aufhörte. Ich war fassungslos und  konnte mir schlichtweg nicht vorstellen, dass er das wirklich ernst meinte.

Ich war mit einem gemeinsamen Freund und Arbeitskollegen in der Stadt unterwegs, als Ben uns über den Weg lief. Der Freund spürte den eisigen Hass und meinte danach: „Anja, das geht so nicht weiter, ihr müsst das doch geklärt kriegen und miteinander klarkommen.“ Ich erzählte ihm, dass Ben all meine Bitten nach Spielregeln und Klarheit sabotierte, er mich aber auch nicht in Ruhe ließ, dass das Zusammenarbeiten blanker Horror sei, konstruktive Gespräche mit Ben unmöglich seien, wir uns eines Tages noch umbringen würden wenn es so weiterginge, und er, der Freund, gerne versuchen könne  sachlich mit Ben zu reden.

Verleumdungsphase

Unser Kumpel traf sich also mit Ben. Ben erzählte ihm, es sei eine Unverschämtheit, dass ich nun also auch noch jemanden vorschickte. Er wolle nichts von mir, das solle ich einsehen. Und überhaupt, würde ich ihn ja stalken. Er hätte wegen des Stresses, den ich machen würde, Rückenprobleme und bekäme es mit anderen Frauen nicht hin, weil er so große Angst vor meinem Stalking hätte.

Unser Kumpel nahm ihm die Story ab. Ich konnte nicht mehr. Ich bekam Angst, dass Ben nun vielleicht auch noch im gemeinsamen Kollegenkreis Frauen abschleppte und ihnen die gleiche Story auftischte.

Ich fragte einen Psychologen um Rat, fragte, wie ich mit Ben umgehen könne. Der Psychologe antwortete nicht auf meine Fragen, sondern begann, mich nach meiner Kindheit auszuquetschen und nach bisherigen Beziehungen zu fragen. Ich antwortete pflichtbewusst und ging. Ich brauchte keine Therapie, sondern Hilfe – und hatte keine Zeit zu verlieren.

Das nächste gemeinsame Arbeiten stand an.

Ich hatte keine andere Wahl, als Ben erneut zu schreiben. Ich schrieb ihm – mit Engelszungen – im Versuch, ihn zur Vernunft zu bringen und mit der Option, dass er mich nicht verlieren musste, wenn er nicht wollte. Ich schrieb ihm, dass seine Stalkingvorwürfe verleumdend seien und er akzeptieren solle, dass ich keinen persönlichen Kontakt mehr zu ihm haben möchte. Dass ich allerdings bereits sei, ihm beizustehen sofern er sich in Behandlung begebe.

Eine Woche später hatte ich eine Anzeige im Briefkasten – Ben hatte tatsächlich online Strafanzeige wegen Stalking gegen mich gestellt und behauptete, ich würde seine Nähe suchen und ihm schreiben, obwohl er mich doch gewarnt hatte, er würde zur Polizei gehen, wenn ich das nicht ließe.

Ich wurde panisch, begriff nun, dass Ben tatsächlich glaubte, was er sagte.

Ich telefonierte mit dem Sachbearbeiter bei der Polizei, fragte nach, was Ben zu Protokoll gegeben hatte und bekam die Auskunft, dass Ben gesagt hätte, auf der Arbeit gäbe es keine Probleme und wir könnten normal weiter zusammen arbeiten.

Acht lange Wochen dauerte es, bis die Ermittlungen wegen Mangel an Beweisen eingestellt wurden.

Ich hatte als „Vorsichtsmaßnahme“ in der Zwischenzeit eine routinemäßige polizeiliche Gefährderansprache  erhalten und bestätigt, dass mir bewusst ist, dass „alles zum Schutz des Opfers getan wird“ und „ich mich im Fokus der Polizei befinde“. Die Zeit der Ermittlungen war fürchterlich. Bei allem, zu dem Ben bisher in der Lage gewesen war, musste ich auch damit rechnen, dass er durchdreht, während der Arbeit die Polizei ruft und ich vor Kollegen in Handschellen abgeführt werde. Mein Körper versagte, ich bekam Stimmprobleme, wurde zeitweise krankgeschrieben.

Unendliche Angst vor der nächsten Attacke

Die Ermittlungen wurden eingestellt. Ben verlor kein Wort über das, was geschehen war, tat, als sei alles okay. Wenn ich mit Kollegen dastand und smalltalkte, kam er dazu und talkte mit.

Ich konnte nicht mehr, wusste einfach nicht weiter, hatte unendliche Angst vor der nächsten Attacke. Ich schrieb Ben, dass er mir mit der Anzeige psychisch wahnsinnig geschadet hatte, er sich bitte endlich mit mir an einen Tisch setzen sollte, damit wir Spielregeln vereinbaren können und er mich ansonsten einfach nur in Ruhe lassen und mir aus dem Weg gehen solle.

Ben ignorierte diese Mail, kam stattdessen während der Sendung aus heiterem Himmel zu mir ins Studio, sagte „so, ich wollte dir frohe Weihnachten und einen guten Rutsch wünschen. Ich bin jetzt weg!“ und ging.

In mir zog sich alles zusammen.

Ich informierte den Chef. Ich schrieb ihm, was vorgefallen war, dass  Ben zwar ein guter Kollege sei, er aber ständig meine Grenzen überschritt, dass die Situation komplett eskaliert sei, wir uns eines Tages noch gegenseitig umbringen würden und wir Spielregeln bräuchten, oder ich die Schichten haben wollte, wenn Ben nicht arbeitete.

Es folgte ein Gespräch mit meinem Chef, in dem mir gesagt wurde: „Anja, da gehören ja immer zwei dazu.“ „Anja, warum erfahre ich denn erst jetzt, dass es in meiner Redaktion einen Stalkingvorfall gab?“ „Anja, Ben fühlt sich offensichtlich von dir belästigt.“ „Anja, ich hatte nach meiner Scheidung ein Mediationsgespräch, ich weiß wie das läuft.“ „Ich weiß, dass man Situationen überbewertet und emotional neben der Spur ist, wenn  man abgewiesen wurde.“

Und es folgte ein Gespräch mit meinem Chef und Ben. Ein Gespräch, in dem Ben mit einem Aktenordner auflief: all meine Mails feinsäuberlich abgeheftet, all meine Verhaltensweisen und vermeintlichen Verfehlungen notiert, mit Post-Its  und Notizen versehen. Das Gespräch begann damit, dass Ben sagte: „Bevor wir hier über irgendwas sprechen, möchte ich mal eben was loswerden.“ Unser Chef erteilte ihm das Wort. Ben blätterte sich durch den Ordner, riss aus dem Zusammenhang, zitierte sich quer durch meine Mails. Er führte an, wann ich ihm welche frevelhaften Doppeldeutigkeiten als Lösung unseres ‚Konflikts‘ offeriert hatte, dass ich ja offensichtlich nur mit ihm ins Bett wolle und er mir schon vor Jahren gesagt hatte, dass das nie was mit uns werden würde.

Ich sagte, dass mir das alles bewusst sei, dass ich ihn in meinen Mails aber auch gebeten hatte, mich in Ruhe zu lassen, er dies aber ignorierte und dass ich Angst vor ihm hätte und  einfach nur klare Spielregeln wünschte, nach denen wir zusammen arbeiten könnten.

„Ihr arbeitet doch hervorragend zusammen“

Ben sagte, es sei eine Unverschämtheit, in Anwesenheit der Chefs zu behaupten, ich hätte Angst vor ihm und ich solle endlich aufhören, ihm Mails zu schreiben.

Es wurde also zwischen Chef und Ben über meinen Kopf hinweg die Vereinbarung getroffen, dass Anja Ben keine Mails mehr schreiben durfte. Mein Chef führte noch an, wenn ich ein Problem mit Ben hatte sollte, ich das privat mit ihm klären und wir würden doch hervorragend zusammen arbeiten, da bräuchte es keine speziellen Spielregeln.

Ich war verwirrt, glaubte, was mir gesagt worden war, ging aus dem Gespräch.

Einige Stunden später bekam ich Atemnot. Als ich am nächsten Morgen zur Arbeit gehen wollte, wurde es immer schlimmer.

Auf dem Flur begegnete ich meinem Chef, er blickte mich mitleidig belächelnd an und grüßte mich.

Irgendwas war hier faul. Es war ein tiefes Gefühl, das sich in heftig werdender Atemnot und Panik manifestierte.

Ich schrieb meinem Chef, dass es mir leidtäte, nochmal zu stören, dass ich das Gefühl hätte, das Gespräch sei in eine komplett falsche Richtung gelaufen und dass es mir sehr schlecht ginge.

Mein Chef kam freundlich grinsend zu meinem Tisch und bat mich in sein Büro. In seinem Büro sagte er mir, es könne nicht sein, dass ich jetzt auch noch ihm Mails schriebe, ich sei krank, meine Gefühle würden ihn nicht interessieren und jetzt sollte ich still sein, rausgehen und das tun, was ich am besten könne, nämlich arbeiten.

Weinend ging ich zu meinem Platz.

In den folgenden Tagen bekam ich die erste Panikattacke. Ich schrieb meinem Chef, dass ich nicht mehr könne und es Regeln mit Ben bräuchte oder ich einfach die Schichten haben wollte, wenn Ben nicht da ist.

Mein Chef dankte mir für „meine Kündigung“, schrieb, er hätte Verständnis dafür, dass ich einige Dinge für mich klarkriegen müsse und wünschte mir alles Gute.

Ich hatte aber nicht gekündigt, ich konnte nicht mehr.

Es folgte eine Diskussion darüber, ob ich nun gekündigt hatte oder nicht. Mich erreichten Mails von Kollegen, in denen stand, der Chef habe erzählt, ich sei krank und hätte gekündigt.

Ich schrieb meinem Chef, dass das nicht in Ordnung sei und bat wiederum seinen Vorgesetzen höflich darum, dass wir uns doch mal alle zusammensetzen und reden sollten.

Einen Tag später erreichte mich ein Einschreiben: Der Vorgesetzte hätte meinen Chef beauftragt, mir zu kündigen und man wolle mir in einem Gespräch mitteilen, warum.

Panikattacken und Todesangst

Mir wurde schlecht, schwindelig, es rauschte in meinem Kopf, mir wurde heiß und kalt. Als ich mir vorstellte, meinem Chef in dem Gespräch gegenüber zu sitzen, bekam ich das tiefe Gefühl, einfach tot umfallen zu wollen und realisierte, dass ich nicht mehr für die Schutzmechanismen meiner Seele garantieren konnte und kurz davor war, straffällig zu werden, damit dieser Wahnsinn, diese Qualen, dieser abgrundtiefe Psychoterror endlich, endlich aufhörten. Ich bekam Panik. Angst vor mir selbst, ich dachte, ich würde sterben.  Also bat ich eine Anwältin, das Gespräch für mich wahrzunehmen.

Ich gab ihr einen Brief mit, in dem ich niederschrieb, was mir in den letzten drei Jahren widerfahren war, was all das mit mir gemacht hatte und dass durch die zusätzliche wirtschaftliche Bedrohung nun der Druck so hoch sei, dass mein Körper einfach versagte.

Mein Chef zeigte sich komplett unbeeindruckt von dem Brief, sagte, der Konflikt würde als private Sache eingeschätzt und man würde mir ja auch eigentlich kündigen, weil ich nicht mehr ins Programm passte. Der Grund war offensichtlich an den Haaren herbeigezogen – und trotzdem wirkte es für mich wie die große Erlösung.

Der Riesencrash, die maximale Eskalation. Ein Augenblick, in dem ich mir tatsächlich nicht sicher war, ob ich lebend aus der Situation herauskommen würde. Und dann  – Stille.

Nach Jahren,  in denen Ben mich immer heftiger gedreht und eingewoben hatte und sich auf den letzten Metern noch erfolgreich Schützenhilfe durch den Chef geholt hatte, war nun zum ersten Mal – R U H E.

Das Rauschen und der Lärm waren endlich weg.  Nie wieder würde ich in Erklärungs- oder Rechtfertigungszwang gebracht werden, damit meine Rechtfertigungen auseinandergerupft und ich damit erneut zur Täterin stilisiert werden konnte.

Ich.War.Endlich.Frei.

Ich zog mich zurück. Wochenlang machte ich einfach nur das, was sich gerade für mich richtig anfühlte. Ich malte, las, musizierte. Die Panikattacken wurden weniger, die wirtschaftliche Angst wuchs. Doch das Gefühl, endlich frei zu sein und nicht mehr Projektionsfläche für den Kampf eines anderen Menschen sein zu müssen, überwog gegenüber allem.

Manchmal holten mich die Ereignisse ein. Ich dachte über das nach, was geschehen war, dachte, dass ich möglicherweise wirklich verrückt geworden war und mir das alles nur eingebildet hatte.

Ich fand eine Internetseite über emotionale und narzisstische Gewalt und wie sie sich für das Opfer anfühlte.  Ich begann immer mehr zu verstehen, in welch auswegloser Situation ich tatsächlich gesteckt hatte und ganz langsam Worte für das zu finden, was mir widerfahren war.

Eine Arbeitskollegin erzählte mir, Ben hätte sich bei ihr nach meinem Befinden erkundigt. Er wollte offensichtlich  wissen, wo das Vögelchen aus seinem goldenen Käfig hingeflogen war.

Das Krankheitsbild 

Das Verhalten eines Narzissten ist so wenig greifbar und genau dadurch so unendlich perfide. Sie sind geschickt darin, ihre Rolle zu wechseln – manchmal drohen sie, dann sind sie Opfer, dann geben sie die mitleidigen Helfer.

Narzissten können nicht über das reflektieren, was sie tun und blocken jede mögliche Enttarnung mit noch mehr Gewalt ab. Alle Aufeinandertreffen zwischen Ben und mir waren von Anfang an zu immer weiterer Eskalation verdammt. Seine Krankheit hat ihm schlichtweg verboten, mich in Ruhe zu lassen. Wesentlicher Bestandteil der Krankheit ist es, sein Gegenüber ins Chaos zu stürzen, damit man über sein Opfer die Kontrolle ausüben kann, die man über sein zerrissenes Inneres nicht hat. Sich komplett aus dem Weg zu gehen war aufgrund der beruflichen Situation nicht einfach so möglich. Darum habe ich Ben mehrfach vorgeschlagen, dass er mir sagen soll, wann er arbeiten möchte, damit ich die Schichten nehme, wenn er nicht da ist – aber er hat es ausgeschlagen.  Weil er „ja kein Problem mit mir hat“ – sondern stattdessen genüsslich mit ansah und Buch darüber führte, wie ich in seinem goldenen Käfig immer weiter durchdrehte.

Zukunft

Ich habe mich lange Zeit schwer getan, wie ich mit der Situation umgehen und welche Konsequenzen ich daraus ziehen sollte. Strafanzeige? Veröffentlichung? Totschweigen?

Irgendwann ist mir klar geworden, dass das, was da mit mir geschehen ist, einer unablässigen Vergewaltigung gleichkam  – auf psychischer Ebene und dadurch so schwer zu fassen, aber eben nicht weniger schlimm:  Ben und unser Chef haben es so weit getrieben, dass ich kurz davor war, mir etwas anzutun. Darum habe ich mich an den Weißen Ring gewandt und Strafanzeige erstattet.

Und es ist mir wichtig, diese Geschichte aufzuschreiben, um anderen Menschen Mut zu machen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Ihr seid nicht verrückt – es ist euer Gegenüber, das es euch wieder und wieder einredet und durch perfideste Manipulation einprügelt. Das einzige, was gegen narzisstische Gewalt hilft, ist, die Vorwürfe rigoros zu ignorieren. Sobald man darauf eingeht, hat man verloren.  Selbst wenn man die Täter mit Fakten stellt, werden sie etwas finden, um sich aus der Situation zu aalen und dich wieder weiter zu verwirren.

Sofern sich das Ganze im beruflichen Kontext abspielt, wendet euch an den Betriebspsychologen oder Mediationsstellen. Die Gefahr, dass der Chef so reagiert wie meiner, ist sehr groß. Denn verschiedenen Studien zufolge ist krankhafter Narzissmus gerade in den Führungsetagen patriarchal verkrusteter Unternehmen nicht allzu selten.

Hört auf euch selbst!

Und das Allerallerwichtigste: Hört auf euch selbst, hört auf die Wut und die Gefühle, die in euch stecken, geht mit diesen Gefühlen in Kontakt. Für Außenstehende, die noch nie Kontakt zu psychisch kranken Menschen hatten, ist all das so schwer zu verstehen, dass ihr von denen im Zweifel auch als seltsam und verrückt abgetan werdet. Aber lasst euch davon nicht abschrecken und noch mehr verwirren. Ihr seid Gewaltopfer. Ihr braucht niemanden, der euer verzweifeltes Schutzgesuch hinterfragt, sondern jemanden, der euch hilft, euch aus eurer misslichen Lage zu befreien.

*Die Namen wurden geändert.

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  1. Mein Mitleid. Diese Spielchen habe ich auch erlebt. Es gibt schon krasse Parallelen. Wir waren glücklicherweise nicht Arbeitskollegen, durch die Umstände aber gezwungen, uns täglich zu sehen.

    Er hat in Germanistik in Freiburg promoviert. Hätte ich mit ihm gearbeitet, wäre ich wahrscheinlich auch aus seinem Promotionskollegium rausgeschmissen worden.

    Ich musste in eine andere Stadt ziehen, so fertig war ich am Ende. Dabei habe ich mich auch noch schnell aus dem Spiel gezogen. Es ging nie um Sex, es ging um Kontrolle. Der Schaden, den er hinterlassen hat, war enorm (eine Belastungsstörung).

    Fertig hat mich v.a. gemacht, dass niemand wirklich verstanden hat, wer er wirklich war und ich angefangen habe, zu hinterfragen, was ich sehe und auch weiss. Wenn jemand einfach so tut, als ob nichts wäre, als ob er gewisse Dinger nie getan oder gesagt hätte, zweifelt man irgendwann dran, dass sie geschehen sind. Wenn die Umgebung ihn/sie auch noch verteidigt und den Schmerz des Anderen nicht wahrnimmt oder kleinmacht („du bist so sensibel“), werden die Zweifel enorm. Ich habe noch nie in meinem Leben so stark an meiner Wahrnehmung gezweifelt. Glücklicherweise habe ich mir dann doch vertraut und mich befreit, (und gerade weil ich sensibel war).

    Ich wünsche der Autorin alles Gute! Sie ist nicht alleine.

  2. Ja. Ich kenne das auch, nicht ganz so extrem, dafür in mehreren Fällen. Besonders das Verdrehen, dieVerwirrung, die Selbstzweifel, das Unverständnis der Umgebung. Danke für den detaillierten Beitrag.

  3. I h arbeitete mit einer Borderlinerin zusammen, das sie krank war, wusste aber niemand im Team. Sie erfand Geschichten, verleumdete zuerst mich und dann reihum alle weiblichen Teammitglieder. Bei den Männern hingegen würde sie besitzergreifend, den einen Arbeitskollegen könnte man nicht mehr sprechen ohne dass sie unter einem Vorwand ins Büro gerauscht kam. Ich habe mich an den Betriebspsychologen gewendet, der hat es zwar ernstgenommen, aber nicht weiter reagiert. Erst als mein Chef von ihr massiv belästigt wurde, rief er eine Mediatoren, die sehr schnell Borderliner diagnostiziert.

  4. Auch ich wünsche der Autorin alles Gute!
    Ich bin mit einem narzisstischen Vater aufgewachsen. Immer und immer wieder habe ich mich gefragt, warum ich nicht gut genug für ihn bin. Nie gab es ein Wort des Lobes oder der Anerkennung, stattdessen wurden mir Rund um die Uhr Schuldgefühle eingeredet und das Gefühl vermittelt, ich sei dafür verantwortlich, dass es meinem Vater gut geht. Und tatsächlich habe ich irgendwann angefangen, ihn in der Rolle des armen, verletzten Kindes zu sehen und mich als diejenige, die dafür sorgen muss, dass es ihm gut geht. Er tat mir einfach nur leid. Während ich mich nach einem liebenden Vater sehnte und immer wieder hoffte, durch Gespräche, die ich mit ihm anfing, auf Verständnis zu stoßen, ging ich immer mehr kaputt.
    Zum Glück hat mich eine Freundin darauf hingewiesen, dass mein Vater vermutlich unter der narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet und als ich dann angefangen habe, Literatur zu dem Thema zu lesen, fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
    Ich habe den Kontakt zu ihm abgebrochen. Eine andere Lösung gibt es bei diesen Menschen leider nicht.

  5. Hallo. Das Phänomen ist schon recht komplex und die Verzweiflung aller Überleben eben die Projektion der herrschsüchtigen Pinocchios. Hab ich auch so erlebt und mich aus dem Dunstkreis zurückgezogen. Geglaubt haben mir meine langjährigen Freundinnen, das Bewusstsein kam hinterher. Zurück zu dir selbst, tu nichts gegen dein gutes Herz und lasst euch nicht mit in die Hölle ziehen. Mitleid ist für mich nicht das richtige Gefühl für diese Zerstörer. Es ist eher ein armseliger Erwachsener und das Verhalten ist emotionaler und psychologischer Missbrauch und Gewalt. Die Terroraktivitäten grenzen an psychische Vernichtung und selbst Anschläge auf die körperliche Unversehrtheit nicht selten.

    Mehr Wissen über diese Armseligen, selbst Opfer ihrer selbst, wäre wünschenswert. Denn Missbrauch, egal welcher Form, sollte aufgedeckt und “verstanden “ werden. Da hinkt bei vielen Menschen das Bewusstsein leider nach.
    Auch im Rechtssystem ist hier noch AUFWACHEN wichtig.

    Liebe Grüße und bleibt bei euch selbst in überwiegend guten Gefühlen

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