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Olympia 2021: Wie ist das, die Ziellinie zu überschreiten, Tatjana Pinto?

Nach eineinhalb Pandemiejahren ist Olympia ein Traum vieler Sportler*innen, der sich nun erfüllt. Auch für die Sprinterin Tatjana Pinto, die mit großem Ehrgeiz in Tokio antritt. Kurz vorher sprach sie mit uns über fehlende Gleichberechtigung im Sport und große Ziele im Leben. Ein Porträt.

Sprinten ist für Tatjana so viel mehr als Sport. „Es bedeutet für mich Spaß, Unbeschwertheit, ein schwereloses Gefühl. ,Think outside the Box‘ ist so ein Leitsatz, der sich gut übertragen lässt – immer offen für etwas Neues sein. Über den Tellerrand hinausschauen. Sich neuen Herausforderungen stellen, auch wenn das heißt, aus seiner komfortablen Zone auszubrechen. Das hilft auf jeden Fall für das alltägliche Leben.“

Was mir in der Sprache bei Tatjana sofort auffällt: Sie benutzt selten das Wörtchen „Ich“, sie beantwortet jede Frage punktgenau, bleibt immer beim Thema, schweift nie groß ab. Vielleicht, denke ich während des Gesprächs, ist das auch eine Art Eigenschaft einer Sprinterin. Diese Klarheit. Der Fokus. Die Konzentration.

„Regeneration kann und sollte man auch für den Kopf, die Seele betrachten.“

Tatjana Pinto

Sport war für Tatjana immer schon wichtig. Erst war da das Ballett, das Schwimmen, dann Volleyball. Mit 14 Jahren entdeckte sie die Leichtathletik für sich. „Ich konnte mich ausprobieren in einigen Disziplinen. Diese ständige Abwechslung fand ich gut und herausfordernd.“

Sprint ist für Tatjana Pinto sehr viel mehr als „nur“ Sport. Foto: Puma

Tatjana wuchs in Münster auf. Neben dem Leistungssport studiert sie Soziale Arbeit. Wenn Tatjana vom Karrierebeginn als Sprinterin erzählt, dann fällt oft auch der Name ihres ehemaligen Trainers Thomas Prange, der immer an sie geglaubt hat. Und ihr damit auch Selbstbewusstsein gegeben und dabei geholfen hat, zum ersten Mal deutsche Meisterin zu werden. Wie wichtig ist für Tatjana mentale Stärke? „Mentale Stärke ist das A und O im Sport“, sagt Tatjana. „Körperlich bereitet man sich auf die Wettkämpfe vor und genauso sollte der mentale Aspekt trainiert werden. Das versuche ich gleichermaßen zu tun. Es ist ein Prozess, der bereits vor dem Training beginnt.“ Tatjana legt für sich fest, was sie persönlich erreichen möchte und dann setzt sie alles daran, einen Einklang von Körper und Geist zu finden. Sie meditiert viel oder schöpft Energie in der freien Natur – „damit der Kopf nicht rund um die Uhr mit dem Thema Sport beschäftigt ist. Regeneration kann und sollte man auch für den Kopf, die Seele betrachten.“

„Für mich ist einer der großen Erfolge im Leben, so zu sein wie ich bin.“

Tatjana Pinto

Seit fünf Jahren läuft Tatjana für den LC-Paderborn. Sie wurde 2014, 2016 und 2019 über 100 Meter deutsche Meisterin – und 2019 auch über 200 Meter. Bei der 4-mal-100-Meter-Staffel wurde sie 2012 Europameistern. Und jetzt, kurz vor Olympia? Tatjana ist in Bestform. Beim internationalen TrueAthletes-Leichtathletik-Meeting in Leverkusen Ende Juni glänzte sie über die 100 Meter mit 11,10 Sekunden. Damit unterbot sie den Tokio-Richtwert (11,15) und setzte sich an die Spitze der deutschen Bestenliste. Die Erfolgschancen für Olympia stehen also ziemlich gut.

Wobei für Tatjana der Begriff Erfolg sehr viel weiter gefasst ist, es komme ganz auf die Perspektive an, sagt sie. Natürlich könne Erfolg zum einen die Erfüllung ihrer persönlichen sportlichen Ziele sein. „Vielmehr ist für mich aber einer der großen Erfolge im Leben, so zu sein wie ich bin. Sich keinen Stempel von außen aufdrücken zu lassen, sich selbst zu akzeptieren und zu lieben. Jede*r kommt mit einem bestimmten Potenzial auf die Welt und das ist der Erfolg, den wir in uns tragen. Der Weg ist das Ziel. Dazwischen liegt auch der Erfolg. Im Prinzip wie die Geschichte von der Raupe zum Schmetterling.“

„Das Gefühl, die Ziellinie zu überschreiten, ist schwierig zu beschreiben.“ Foto: Puma

„Wegen der Teilnahme von Frauen an dieser Weltmeisterschaft – vor allen Dingen, weil wir leicht bekleidet antraten – war es nicht gestattet, das Ganze [im TV] zu übertragen.“

Tatjana Pinto über die WM in Doha 2019

Gab es im Rückblick auf ihre bisherige Karriere Situationen, in denen Tatjana auf negative Art zu spüren bekam, dass sie eine Frau ist? Sie überlegt. Dann erzählt sie von der WM in Doha 2019. „Das Gastgeberland hat immer ein bis zwei TV-Sender, die die Meisterschaften live übertragen. In Doha war das anders. Ich war auf der Suche nach einem Sender. Bis sich rausgestellt hat, dass grundsätzlich keine TV-Sender zur Verfügung standen. Das war ziemlich merkwürdig. Ich habe diesbezüglich nicht lockergelassen und wollte wissen, was der Grund dafür war. Haltet euch fest. Der Grund: Aufgrund der Teilnahme von Frauen an dieser Weltmeisterschaft – vor allen Dingen, weil wir leicht bekleidet antraten – war es nicht gestattet, das Ganze zu übertragen. Seltsame Geschichte.“

Gleichberechtigung im Sport ist für Tatjana grundsätzlich ein großes Thema. Sie ist davon überzeugt, dass alle Beteiligten ein neues Bewusstsein dafür brauchen. „Es gibt viele Sportarten, die weit davon entfernt sind, im Fokus zu stehen. Und dann gibt es diese Spaltung von Mann und Frau. In vielen Sportarten wird ziemlich ähnlich berichtet, wie in der Leichtathletik. In anderen wiederum weniger, teilweise geht die Schere unglaublich weit auseinander. Fußball ist ein gutes Beispiel dafür.“

Was rät Tatjana Mädchen und jungen Frauen, die gerade ihre Leidenschaft für die Leichtathletik entdecken? Das Wichtigste, findet Tatjana, sei der Spaß, denn damit habe alles begonnen – aus der Freude heraus. „Macht es für euch und nicht, weil andere es von euch erwarten. Gebt nicht sofort auf, wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert. Seht alles als Erfahrung, positiv wie negativ, und wachst daran. Glaubt an euch aus tiefstem Inneren, dann stehen euch alle Türen offen.“

Train, eat, sleep, repeat – der Alltag von Tatjana Pinto. Foto: Puma

Tatjana ist ein Vorbild für viele. Hat auch sie solche Vorbilder für sich selbst? „Im Sport gibt es für mich keine Vorbilder im klassischen Sinn, sondern mir sind einige Sportler*innen begegnet, die mich inspiriert haben und immer noch inspirieren. Unter anderen Nia Ali, Christian Taylor, aber auch einige paralympische Sportler*innen faszinieren und inspirieren mich.“

„Herausragend sind die Momente, wenn man den ersehnten Traum erlebt.“

Tatjana Pinto

Der Alltag von Tatjana ist durchgeplant. Das Training, sagt sie, stehe zu 100 Prozent im Vordergrund. Dazu gehöre das tägliche Training auf dem Platz, zweimal am Tag, die Vorbereitung dafür und eine entsprechende Nachbereitung. Das bedeute unter anderem auch immer, sich mental auf den neuen Tag und die Trainingseinheit einzustimmen, sich ausgewogen zu ernähren. Tatjana lacht und sagt: „Um alles einmal runterzubrechen – train, eat, sleep, repeat.“

Aber blicken wir wieder in Richtung Olympia. Was passiert eigentlich im Kopf einer Sprinterin so kurz vor dem Start? „Da geht nicht mehr sonderlich viel durch den Kopf. Im Idealfall sollte es zumindest so sein. Ich gehe vielleicht noch mal kurz durch, was ich auf die Bahn bringen möchte.“ Und wie ist das beim Erreichen der Ziellinie? „Das Gefühl, die Ziellinie zu überschreiten, ist schwierig zu beschreiben. Es ist jedes Mal anders. Herausragend sind natürlich die Momente, wenn man den ersehnten Traum erlebt.“

„Für mich ist es besonders wichtig, rückblickend zu sehen, dass ich 100 Prozent gegeben habe, um das Beste für mich persönlich rauszuholen.“

Tatjana Pinto

Ich muss an den Anfang denken. Als Tatjana davon erzählte, dass Sprinten für sie viel mehr sei als „nur“ Sport. Dass es bedeute, sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen. Welche Ziele sind gegenwärtig in ihrem Blickfeld? „Zum einen möchte ich mein volles Potenzial ausschöpfen und immer wieder über meine Grenzen hinaus gehen. Denn es steckt noch eine Menge in mir. Und zum anderen weiterhin offen bleiben für neue Möglichkeiten, damit neue Reize geschaffen werden können. Ich möchte noch nicht wirklich über das Ende meiner Karriere sprechen, aber für mich ist es besonders wichtig, rückblickend zu sehen, dass ich 100 Prozent gegeben habe, um das Beste für mich persönlich rauszuholen.“

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Anne-Kathrin Heier arbeitet seit Januar 2020 bei EDITION F. Sie taucht gern tief in Themen ein, liebt vor allem Reportagen, Interviews und Porträts und mag es, Menschen zuzuhören, ihre Perspektive zu verstehen und im Schreiben zu transportieren, was sie bewegt und umtreibt. Seit Januar 2021 baut sie den Podcast-Bereich bei EDITION F auf und entwickelt zusammen mit einem kleinen Team neue Formate.

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