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Welche Zukunft jungen Frauen bevorsteht, wenn sie eine konservative Partei wählen

Wie viel Gleichstellung steckt in konservativer Politik? Das fragt sich unsere Volontärin Helen diese Woche in ihrer Kolumne „Ist das euer Ernst?”.

Letzte Nacht hatte ich einen Alptraum: Ich war schwanger, konnte mir aber leider keine Hebamme leisten. Deshalb musste ich die Geburt ganz alleine durchziehen – naja, nicht ganz alleine: mit circa 12 anderen Frauen, mit denen ich mir ein großes Krankenhauszimmer teilte. Eine vom Krankenhaus angestellte Hebamme für uns alle, eine für alle, alle für eine eben. Keine von uns hatten leider eine Beleghebamme gefunden, uns blieb also nichts Anderes übrig, als die Geburtsvorbereitung, die Geburt selbst durchzuziehen. Viele von uns hatten sogar einen Partner oder eine Partnerin, die mussten aber leider arbeiten und konnten deshalb bei der Geburt nicht dabei sein. Die Großeltern waren auch nicht greifbar, wir alle waren für die Arbeit vor langer Zeit weit von der Heimat weggezogen. Bevor es jeweils in die heiße Phase ging, tauschten wir uns darüber aus, wie wir wohl das Wochenbett überstehen könnten. Manche von uns hatten sich schon Tutorials angeschaut, ich war völlig unvorbereitet, als die Schmerzen begannen.

Klingt grausam? Finde ich auch. Das Problem ist nur: dieser Alptraum ist gar nicht so unrealistisch, denn Anfang September hat eine Schiedsstelle den neuesten Vorstoß der gesetzlichen Krankenkassen zum Thema Geburten beschlossen. Ab 2018 darf jede freibeschäftigte Beleghebamme nur noch zwei Frauen gleichzeitig abrechnen. Die Vor- und Nachbetreuung bei Geburten wird damit in Deutschland endgültig zum Luxusgut, das sich bald nur noch sehr wenige Frauen leisten können, denn privatabgerechnete Hebammen können weiterhin mehr Frauen gleichzeitig betreuen. Das muss man sich nur leisten können  – you just got to love neoliberalism … Alles nicht so schlimm? Hmm, CDU-Politiker Jens Spahn hat uns Ende August ja glücklicherweise einen Einblick gegeben, wie es mit der Geburtenhilfe weitergehen wird, wenn die CDU nach dem 24. September weiter die Regierung stellt: „Die Politik kann nicht verantwortlich für eine flächendeckende Versorgung mit Geburtshilfe sein. Kliniken sind unabhängig und müssen wirtschaftlich arbeiten.“

Die Zukunft ist konservativ?

Genau deshalb ist die Geburtenhilfe auch eines der vielen Themen, bei dem sich mir die Frage aufdrängt: Warum zur Hölle wählen junge Frauen konservativ?  Mir erschließt sich das ungefähr so wenig, wie wenn junge Frauen sagen, sie wollen sich nicht Feministinnen nennen – das erschließt sich mir eigentlich bei niemanden, bei jungen Frauen aber tatsächlich am wenigsten. Ja, gut, diese Gruppe von alten (mittelalten und jungen) weißen Männern, die gegen Gleichberechtigung sind, weil sie Angst vor ihrer eigenen Mittelmäßigkeit haben – die haben ja immerhin vermeintlich etwas zu verlieren (Psst: fun fact: Im Endeffekt gewinnen in einer gleichberechtigten Gesellschaft eigentlich alle …). Aber zurück zu den jungen Frauen? Was bieten die konservativen Parteien im Bezug auf Gleichberechtigung denn?

Der RBB hat gerade einen Wahlprogrammcheck zum Thema Gleichberechtigung veröffentlicht, in dem diese Frage beantwortet wird: Wem Gleichberechtigung wichtig ist, der findet dazu bei CDU, FDP und – suprise – AfD wenig bis gar nichts. Die Weiterentwicklung des Entgeldtranparenzgesetzes, die Abschaffung des Ehegattensplittings, eine Quote in der Privatwirtschaft, all das wollen weder CDU noch FDP. Häusliche Gewalt ist in ihren Wahlprogrammen gar kein Thema. Und Antidiskriminierungsgesetze? Sind der CDU wohl so egal, dass sie gar nicht im Wahlprogramm auftauchen.

Wir profitieren von jahrzehntelangen Kämpfen

Es gibt junge Frauen, die so sehr damit beschäftigt sind, jeden Tag zu funktionieren, eine Familie zu ernähren, die in prekären Beschäftigungsverhältnissen (die meisten Niedriglohnberufe werden nun mal hauptsächlich von Frauen ausgeführt) gefangen sind, dass sie wahrscheinlich gar keine Möglichkeit sehen, dass sich etwas ändert. Und es soll gut ausgebildete, privilegierte junge Frauen geben, die all diese Themen gar nicht oder kaum betreffen. Die an einem traditionellen Wertemodell festhalten möchten oder die glauben, dass es keine Quoten braucht, damit ein System möglich wird, das unsere Gesellschaft endlich so widerspiegelt wie sie zusammengesetzt ist. Die sich selbst verwirklichen können und die im Alltag wenig sexistische Hürden zu spüren bekommen. Für die der Status Quo gar nicht so schlecht ist, denen es gut geht und die das Gefühl haben, dass sie alles erreichen können, was sie möchten. Das ist großartig, sollte uns aber nicht reichen.

Ich glaube, dass gerade wir gut ausgebildeten, jungen Frauen hier in Deutschland eine besondere Verantwortung haben. Für uns sind viele Dinge selbstverständlich: Das Recht zu wählen, das Recht auf Bildung, die Möglichkeit auf Abtreibung (auch wenn diese offiziell immer noch verboten ist. Wann passiert da eigentlich endlich was?). Die Möglichkeit, jeden Job zu machen, den wir wollen, selbstbestimmt zu leben. Viele unserer Kämpfe haben Frauen vor uns ausgefochten, wir haben davon profitiert.

Aber dieses Land benachteiligt immer noch viel zu viele Menschen: Migranten, Geflüchtete, Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen, Menschen mit einem sozialschwachen Hintergrund, Alleinerziehende. Ihre Diskriminierung darf uns nicht egal sein, ihre Kämpfe müssen viel mehr auch unsere Kämpfe sein. Wenn wir unser Kreuz bei einer konservativen Partei setzen, riskieren wir den Stillstand und setzen viele dieser langerkämpften Fortschritte vielleicht langfristig sogar aufs Spiel. Beim Thema Geburtenhilfe sieht man das ja schon. Die Versorgung war einmal deutlich besser, nun entwickelt sie sich still und heimlich immer weiter zurück.

Nicht alle Kämpfe müssen uns persönlich betreffen

Deshalb dürfen wir uns nicht mit einer Kanzlerin zufriedengeben, die sich nicht sicher ist, ob sie Feministin ist. Mit einer Kanzlerin, bei der man darauf hoffen muss, dass sie mal wieder von einer Zuschauerfrage überrumpelt wird, damit längst überfällige Gesetzesänderungen endlich durchgesetzt werden. Durch so eine Kanzlerin haben wir vielleicht alle paar Jahre die Chance, auf eine längst überfällige Maßnahme für eine vielfältigere und fairere Gesellschaft … die Zeit dazwischen dürfte allerdings ziemlich traurig werden.

Oft heißt es, nach der Wahl würde sich sowieso nichts ändern. Wenn die CDU wieder stärkste Partei wird, wenn es wieder eine große Koalition gibt, aber auch wenn Schwarz-Gelb kommt, bleibt alles, so wie es ist, Stillstand. Ich glaube, das stimmt nicht. Denn, je länger Menschen in prekären Verhältnissen leben, desto schlimmer wird ihre Situation. Sich für die Verbesserung der Verhältnisse einzusetzen, nimmt uns nichts von unserer eigenen Freiheit, wenn wir wollen können wir weiter traditionelle Lebensmodelle führen, wir können Karriere machen oder es sein lassen, wir können selbst entscheiden – aber alle anderen eben auch.

Ja, ich könnte jetzt anfangen, jeden Monat 50 Euro zurückzulegen, damit ich mir in zehn Jahren den Luxus einer sicheren Geburt leisten kann – aber viele andere können das eben nicht. Der erste und wichtigste Schritt ist deshalb jetzt erst einmal überhaupt wählen zu gehen, um zu verhindern, dass die AfD in den Bundestag einzieht. Dabei sollte allerdings auch nicht egal sein, wo wir unser Kreuz setzen. Wir sollten bei unserer Wahlentscheidung ein wenig über den eigenen Tellerrand hinausblicken und nicht nur nach Sympathie, sondern mehr nach Inhalten entscheiden. Vor allem dürfen wir aber nicht vergessen, dass es die gleichen Kämpfe auch noch nach dem 24. September zu kämpfen gilt. Das kann uns jungen, privilegierten Frauen natürlich auch egal sein, aber dann sind wir halt scheiße.

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Nach Stationen als Praktikantin, Volontärin und feste Redakteurin bei EDITION F bin ich seit Mai 2019 freie Journalistin und schreibe hier alle zwei Wochen eine politische Kolumne. Vorher habe ich in Hamburg Politikwissenschaften studiert. Gute Bücher, intersektionaler Feminismus und gutes Essen lassen mein Herz höher schlagen.

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