Foto: Janko Ferlic | Unsplash

Kind auf Knopfdruck? Was euch in einer Kinderwunschklinik wirklich erwartet

Mitte 30, Traumpartner an der Seite, Karriere in Schwung gebracht – jetzt fehlt nur noch ein Kind für das perfekte Familienglück. Doch bei manchen Paaren will es einfach nicht klappen mit dem Schwangerwerden und das führt ganz schnell zu Stress.

Kinderwunschklinik: Wie läuft das alles ab?

Oft sind es die Frauen, die sich verrückt machen, wenn es mit der Schwangerschaft nicht klappen will und denken, es liege an ihnen. Doch in neun von zehn Fällen liegt es am Mann. Für viele ist dann eine Kinderwunschklinik die einzige Möglichkeit, Nachwuchs zu bekommen. Doch was genau passiert da eigentlich?

Die Fotografin Jennifer Fey ist 38 Jahre alt und glückliche Mutter eines inzwischen zehn Monate alten Jungen – sie möchte allen Paaren, die vor dieser Entscheidung stehen, Mut machen. Im Interview erzählt sie darüber wie die künstliche Befruchtung bei ihr genau abgelaufen ist, um Paare in derselben Situation darauf vorzubereiten und mögliche Ängste und Unsicherheiten aus dem Weg zu räumen.

Wie kamst du zur Kinderwunschklinik?

„Mein Mann und ich hatten zu dem Zeitpunkt bereits vier Jahre lang versucht schwanger zu werden. Nach drei Jahren habe ich mich dann mal bei meiner Frauenärztin durchchecken lassen und von da an monatlich einen Ovulationstest gemacht. Die Tests ergaben, dass ich jeden Monat einen Eisprung hatte und alles in Ordnung war. Nach einem weiteren erfolglosen Jahr, empfahl mir meine Frauenärztin, meinen Mann zum Spermiogramm zu schicken. Dabei stellte sich heraus, dass er zu wenig befruchtungsfähige Spermien hatte und wir auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen würden. Also blieb uns nur eine Kinderwunschklinik.“

Hattest du eine Vorstellung davon, was dich dort erwartet?

„Zum Thema künstliche Befruchtung hatte ich vorher immer nur Bilder aus amerikanischen ‚Frauenserien‘ vor Augen, in denen hormongesteuerte Zombiefrauen nur noch heulen und total irrational sowie übertrieben emotional auf alles reagieren. Ich sah mich also in Horrorszenarien selbst als aufgeschwemmter, hormongesteuerter Psycho herumlaufen und hatte wirklich Angst davor! Der Gedanke hat mich sehr belastet und war zu Beginn meine größte Sorge. Aber soviel kann ich schon mal vorwegnehmen: so ist es nicht!“

Wie läuft das dann genau ab in so einer Klinik?

„Erstmal sitzt man da und fühlt sich wie in einem Science Fiction-Film, denn man ist völlig geplättet davon, was medizinisch alles möglich ist!
 Es gibt verschiedene Befruchtungsmethoden, eine gängige ist die sogenannte ixi-Methode, die in unserem Fall auch angewendet wurde. Los ging’s absurderweise erstmal damit, dass ich die Pille nehmen musste! Klingt völlig behämmert, weil man ja eigentlich schwanger werden möchte – ist aber so. Das Ganze dient dazu, die Follikel gleichzuschalten. Dieser Teil war für mich tatsächlich das Schlimmste an der ganzen Behandlung. Denn von der Pille habe ich richtig miese Laune bekommen und auf einen Schlag vier Kilo zugenommen. Klar, kein Drama – aber es nervt!“

Wie lange musstest du die Pille denn nehmen?

„Einen Zyklus lang. Mit Einsetzen der Periode beginnt dann die hormonelle Stimulation.“

Was passiert dabei?

„Man spritzt sich täglich ein Stimulationshormon, was dafür sorgen soll, dass innerhalb eines Zyklus mehr als ein Ei heranreift. Wie viele das letztlich werden, ist von Frau zu Frau ganz unterschiedlich.
 Man bekommt also in der Klinik gezeigt, wie man sich selbst eine – zugegeben recht kleine – Spritze ins Fettgewebe am Bauch setzt. Auch davor hatte ich wirklich Angst und war mir sicher, dass ich das niemals selbst könnte. Ich wollte das Ganze auf meinen Mann abwälzen, bis der dann am nächsten Tag mit zittrigen Händen und der Spritze vor mir stand. Da entschied ich, dass ich das wohl doch lieber selber mache (lacht).

Was kommt dann?

Man gibt sich von da an täglich zu einer bestimmten Uhrzeit eine Spritze und geht alle paar Tage zur Kontrolle in die Klinik. Deshalb auch meine dringende Empfehlung: Sucht euch eine Klinik in der Nähe, denn ihr müsst alle naselang da hin.

In der Klinik bekommt man dann regelmäßig Blut abgenommen, um den Hormonspiegel zu checken. Wenn dann ein gewisser Spiegel erreicht ist, wird ein Ultraschall gemacht, auf dem die oder der Gynäkologe dann sehen kann, wie viele Eier sich gebildet haben und wie weit die schon entwickelt sind.
 Nach etwa zwölf weiteren Tagen macht man wieder einen Ultraschall und wenn die Eier in einem gut gereiften Stadium sind, bekommt man ein Mittel, um den Eisprung zu verhindern. Man will ja nicht, dass die Eier springen, ohne befruchtet zu sein.
Dieses Mittel muss man sich wiederum – diesmal mit einer etwas größeren Spritze – selbst spritzen. Also sind wir dann bei zwei Spritzen am Tag: morgens das Stimulationsmittel, abends den ‚Eisprungverhinderer‘. “

Das klingt aber nach vielen Spritzen …

„Das ganze Gepiekse ist aber überraschend harmlos und die Hormone habe ich auch sehr gut vertragen und kaum gemerkt.“

Wie geht es dann weiter?

„Dann macht man einen Termin für eine Punktion. Das ist der Begriff für den Eingriff, bei dem die Eizellen entnommen werden. Am Abend vorher muss man sich zu einer bestimmten Uhrzeit eine weitere Spritze setzen, die den Eizellen sozusagen das ‚Go‘ gibt.“

Wie läuft die Punktion ab?

„Die Punktion passiert unter Vollnarkose. Wenn man möchte, gibt einem der Anästhesist am Abend vorher noch eine ‚Alles-egal-Pille‘ zur Beruhigung. Die habe ich nicht genommen, wurde aber bei der Anmeldung Zeugin einer anderen Hoffenden, die sie offenbar genommen hatte, das war ein bisschen lustig (lacht).

Am selben Tag, möglichst zeitgleich, muss der Mann eine Spermaprobe abgeben aus der – sofern es denn möglich ist – gesunde Spermien entnommen werden. Die werden dann unterm Mikroskop mit einer winzigkleinen Mininadel in die Eizellen geschossen.“

Wie viele Eier werden denn befruchtet?

„So viele wie da sind. Bei mir waren sechs Eier am Start, zwei sind bei der Entnahme kaputt gegangen – was auch normal ist. Vier sind befruchtet worden und kamen dann ins Labor, wo sie beobachtet wurden. Nach zwei Tagen bekommt man Bescheid ob sich aus diesen befruchteten Zellen etwas entwickelt, also ob die sich geteilt haben. Bei mir hatten sich zwei von vier geteilt und die wurden dann eingesetzt.“

Ist für das Einsetzen auch wieder eine Vollnarkose nötig?

„Nein, das läuft ohne Narkose ab, ist ein viel kleinerer Eingriff und tut auch nicht weh. Verrückt ist, dass du auf einem Bildschirm mitverfolgen kannst, wie die Eier mit einer Kanüle in deine Gebärmutter eingesetzt werden. Das fühlt sich schon ganz schön nach Science Fiction an!“

Wie geht’s dann nach dem Einsetzen weiter? 

„Danach beginnen erst mal gut 14 sehr, sehr lange Tage des Wartens. Denn erst nach zwei Wochen wird in der Klinik ein Schwangerschaftstest gemacht, um festzustellen ob sich eins der Eier oder beide eingenistet haben. Dass sich beide einnisten kommt auch häufig vor, weshalb Zwillinge echt nicht selten sind.“

Wie ist es dir in dieser Zeit ergangen?

„Bei mir war es so, dass ich nach zehn Tagen alle Symptome meiner nahenden Periode bekam. Es fühlte sich wirklich ganz genau so an und ich war schon am Boden zerstört und absolut sicher, dass es nicht geklappt hat. Aber ich habe meine Tage nicht bekommen und es am Wochenende nicht mehr ausgehalten und einen Schwangerschaftstest gemacht, der dann auch wirklich positiv war!

Am Montag in der Klinik wurde die Schwangerschaft dann noch mit einem Ultraschall bestätigt. Ich selbst konnte auf dem ersten Ultraschall zwar noch so gar nichts erkennen, aber schon beim zweiten, der in der siebten Woche gemacht wird, konnten wir den Herzschlag hören. 

Nach zwei weiteren Wochen wurde noch ein Ultraschall in der Klinik gemacht, und von da an war ich ganz normal bei meiner Frauenärztin in Behandlung und die Schwangerschaft wurde genau wie jede andere auch überwacht.“

Dir war es ein großes Anliegen, anderen Frauen, die vor einer ähnlichen Situation stehen, zu berichten, was sie genau erwartet. Gibt es noch etwas, was du betroffenen Paaren außerdem noch mit auf den Weg geben
möchtest?


„Den Frauen möchte ich vor allem nochmal sagen, dass sie die Ursache für den unerfüllten Kinderwunsch nicht ewig bei sich suchen sollen. Lasst euch durchchecken und wenn alles gut ist, schickt auch frühzeitig euren Partner zum Arzt.


Ansonsten tut man sich grundsätzlich einen großen Gefallen, wenn man die Sache etwas lockerer angeht. Versucht das Ganze zu betrachten, als sei es ein Film – es gibt viel zu bestaunen! Und wenn es dazu kommt, dass ihr die Hilfe einer Kinderwunschklinik in Anspruch nehmen müsst, dann habt davor keine Angst. Es ist nicht so schlimm, wie ihr vielleicht denkt und und wenn ihr wirklich einen Kinderwunsch habt, sollte euch das nicht davon abhalten.

In eine Kinderwunschklinik zu gehen ist im Übrigen auch nichts, was man verheimlichen müsste. Die Pille absetzen kann jeder, sich für diesen Schritt zu entscheiden erfordert aber ein deutlich höheres Maß an Entschlossenheit und darauf kann man stolz sein!

Als ich im Freundeskreis davon erzählt habe, war ich im Übrigen sehr erstaunt darüber, wie viele Paare im erweiterten Bekanntenkreis ebenfalls in einer Kinderwunschklinik waren. Ihr seid also nicht allein! Holt euch Support bei Freunden und Familie, versucht locker zu bleiben und dann macht es einfach.“

Bei dir hat es beim ersten Versuch gleich geklappt, aber das ist ja nicht immer so.

„Ja klar, es kann auch schief gehen und mehrere Versuche erfordern. Eine Frau Mitte 30 braucht im Schnitt drei bis vier Versuche. Aber wenn du weißt, du hast drei Versuche, um im Lotto zu gewinnen und der erste geht schief – würdest du es nicht nochmal versuchen?“

Interviewpartnerin Jennifer Fey, die den Weg über eine Kinderwunschklinik gewählt hat.  

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