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Brief an eine Freundin: Ich mag dich, aber ich ertrage dich einfach nicht

Was, wenn du an einem Menschen hängst, er dir aber nicht gut tut? Ich bin gerade in so einer Situation, und weiss nicht so recht wie ich damit umgehen soll. Ich weiss, ich werde mich von dieser Person distanzieren müssen. Es ist, als müsste ich Schluss machen…

Liebe Freundin, eigentlich mag ich dich ja, aber…

Wir sind keine besten Freundinnen. Aber gute Freundinnen. Ich mag dich.

Als ich dich kennenlernte, fand ich dich ziemlich cool. Wusste nicht, was ich von dir halten soll. Aber ich fand dich ehrlich. Es schien, als wärst du die Ruhe in Person. Ich mag das. Ich mag dich.

Irgendwann, wie auch immer das passierte, entstand da eine Freundschaft zwischen uns. Wir erzählten uns Geschichten die nicht jeder zu hören bekommt (dachte ich). Wir erzählten von der ersten Liebe und den dazugehörenden gebrochenen Herzen, von unseren Eltern und Geschwistern. Wir lachten, wir hatten eine gute Zeit. Doch irgendwas, irgendwas störte mich. Lange wusste ich nicht, was dieses Gefühl zu bedeuten hatte. Eines Tages, fiel es mir aber so stark auf, dass ich es nicht mehr unterdrücken konnte.

Wieso kannst du mir nicht zuhören?

Du hörst nicht was ich sage. Ich weiss nicht wie das passieren kann, nach all diesen Gesprächen. Aber ich sah, du kannst dir nicht merken, was ich dir über mein Leben erzählt habe. Du hast mich einfach mit anderen „verwechselt“. Du erzählst mir deine Geschichten, immer und immer wieder. Und ich weiss es, denn ich habe sie schon das erste Mal bewusst angehört, und in mein Gedächtnis eingeschlossen. Sätze, wie: „Ach sorry, wusste nicht ob ich es dir oder sonst jemandem erzählt hatte“ höre ich mittlerweile viel zu oft. Ich freue mich, wenn du mir eine Frage stellst. „Warst du eigentlich schon einmal in Griechenland?“, „Ja“ sage ich. Und dann plötzlich, erinnere ich mich an unsere Gespräche. Wie ich dir drei mal bereits von diesem einen Urlaub berichtet habe. Man kann sich nicht alles merken, das ist mir klar.

Wir sind doch nur Menschen. Ich vergesse auch vieles. Aber wenn solche Dinge immer und immer wieder passieren, stimmt doch etwas nicht. Irgendwann habe ich gemerkt, du verwechselst mich, weil du so ziemlich jedem so viel über dich erzählst, wie du es bei mir tust. Deswegen weißt du teilweise nicht mehr, mit wem du welches Gespräch geführt hast.

Warum bist du so wütend?

Das ist die eine Ernüchterung, die unserer Freundschaft gerade ertragen muss. Die andere ist: deine Wut. Freundin, warum bist du immer so wütend? Manchmal höre ich dich über Leute fluchen, die dir rein gar nichts getan haben. Du nervst dich über irgendwelche Menschen, die dir gar nie etwas Böses wollten. Ich hatte dich doch als ruhige Person eingeschätzt – und nun, macht mich deine Wut müde. Und deine Vorurteile. Und deine „die meint doch, die sei was Besseres“, und dein „ich bin so stark, ich würde das nie mit mir machen lassen“.

Ich versuche dich aus deiner Schlucht der Wut herauszuziehen. So oft ich es nur kann. Aber Freundin, du ermüdest mich. Dieser Pessimismus, der ermüdet mich. Und mein Optimismus, nervt dich.

Ich  kann es mir nicht mehr schönreden

Freundin, ich mag dich. Wir haben viel gelacht, viel geredet. Aber ich kann es nicht mehr schönreden. Diese Freundschaft saugt an meiner Kraft. An meiner nervlichen Kraft. Wir sind zu verschieden, liebe Freundin. Negativität tut mir nicht gut. Ich möchte diese Energien nicht in meiner Nähe haben. Ich hatte bereits genug davon. Ich kann deine Vorurteile gegenüber anderen Menschen, deine unbegründete Wut gegenüber glücklichen Menschen und dein Desinteresse gegenüber dir nahestehenden Menschen nicht akzeptieren. Du sagst mir oft, wie sehr du mich magst, aber ich brauche diese Worte nicht. Es reicht nicht mehr. Es ist keine Wiedergutmachung für diese ganzen Aufregungen, die du ständig an mich weiterleitest.

Ich habe es dir noch nicht gesagt, aber ich werde es bald. Es tut mir so leid.

Liebe Freundin, ich mag dich, aber ich ertrage dich nicht.

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