Auf dem Foto ist eine Bettdecke zu sehen, im Hintergrund ein Fenster.
Foto: Kristin Vogt | Pexels

Diagnose Long-Covid: „Ich stehe überhaupt nicht im Leben“

Christina steckte sich im Herbst 2020 bei der Arbeit im Krankenhaus mit dem Corona-Virus an. Infolge der Erkrankung entwickelte sie Long-Covid. Eine Diagnose, die ihren Alltag bis heute stark prägt. Ein Protokoll. 

Deutschland befindet sich mittendrin in der nächsten Welle der Corona-Pandemie. Die Fallzahlen schnellen hoch und immer mehr Intensivbetten in den Krankenhäusern sind mit Covid-Patient*innen belegt. Christina ist 29 Jahre alt. Bis zum Oktober 2020 arbeitete sie in einem Frankfurter Krankenhaus als Dialyseschwester, dann erkrankte sie an Covid-19. Für die meisten Menschen ist die Leidenszeit mit dem Virus nach ein paar Tagen oder Wochen wieder vorbei, nicht für Christina. Sie wurde einfach nicht wieder gesund. Die Diagnose: Long-Covid. Hier erzählt sie, wie sie an dem Virus erkrankte und seitdem gegen die Langzeitfolgen kämpft.

„,Ich bin jung, mich trifft das Virus nicht wie meine älteren Kolleg*innen‘, dachte ich“

„Als ich Ende Oktober 2020 gegen Ende meiner Schicht starke Magenschmerzen bekam, wusste ich sofort, dass etwas nicht stimmt. Ich war damals Dialyseschwester in einem Frankfurter Krankenhaus. Aufgrund der Corona-Pandemie arbeiteten wir alle durchgehend, machten fast keine Pausen. Innerhalb eines halben Jahres sammelte ich über 100 Überstunden an. Am Anfang der Pandemie durften wir nicht mal Masken tragen. Jeden Tag ging ich zu Arbeit, während die Leute zu Hause waren. Ich wollte helfen, ich wollte das leisten. ,Das ist jetzt mein Job‘, dachte ich. ,Ich bin jung, mich trifft das Virus nicht wie meine älteren Kolleg*innen.‘ Ich meldete mich als Springerin. Das heißt, ich fuhr von Krankenhaus zu Krankenhaus, überall wo Personalmangel war, half ich aus. Ich opferte mich auf.

„Wir arbeiteten alle durchgehend, machten fast keine Pausen. Innerhalb eines halben Jahres sammelte ich über 100 Überstunden an.“

Die Bauchschmerzen kamen abends. Ich war dabei, meinen letzten Patienten des Tages abzuschließen. Ich weiß noch, dass ich mich setzen musste, weil ich nicht mehr stehen konnte, so sehr tat es weh. Mein Chef schob es auf den Stress und die Überstunden. Wegen Corona konnten wir im Krankenhaus kaum Pausen einlegen. Mein Immunsystem war dementsprechend schon geschwächt. Ich trank nicht mehr genug Wasser und mein Blutdruck war erhöht. Ich fuhr nach Hause. Am nächsten Tag meldete ich mich krank.

„Mir ging es sehr schnell sehr schlecht“

Am Samstag, vier Tage später, erhielt ich einen Anruf von einer Kollegin: positiver Coronafall in der Belegschaft. Alle Patient*innen der letzten Woche und das Krankenhauspersonal mussten sich testen lassen. Als ich Sonntag aufwachte, konnte ich weder riechen noch schmecken. Montag bekam ich die Gewissheit: Corona, mein Testergebnis war positiv. Auf Geheiß des Gesundheitsamtes begab ich mich in Quarantäne. Mein Körper rebellierte, versuchte sich gegen das Virus zu wehren. Das machte mir Angst. Mir ging es sehr schnell sehr schlecht. Ich war sehr müde, aß und trank nichts mehr. Die meiste Zeit verbrachte ich im Bett und schlief.

Mein Freund war negativ getestet worden. Wir teilten die Wohnung auf, damit ich ihn nicht ansteckte. Er zog ins Wohnzimmer, ich schloss mich im Schlafzimmer ein. Von da an legte er mir das Essen vor die Tür. Wenn ich das Zimmer verließ, musste ich alles, was ich berührte, desinfizieren. Wir fühlten uns sehr alleingelassen. Mir ging es von Tag zu Tag schlechter: Am Montag der Diagnose war ich nur müde und benommen. Dienstagnachmittag erzählte ich meinem Freund durch die Tür, dass mein Herz nicht mehr richtig schlägt. Abends hatte ich einen Puls von 150. Ich hörte nicht auf zu schwitzen. Mein Freund bekam Panik, weil ich nicht mehr wirklich ansprechbar war. Er war total überfordert und rief den Notdienst. Ich hatte Angst, ins Krankenhaus zu fahren. Dort wäre ich komplett isoliert gewesen – ohne Besuch. Also blieb ich zu Hause, als die Sanitäter*innen kamen.

„Mein Zustand verbesserte sich nicht“

Über dem November liegt in meiner Erinnerung ein Schleier. Irgendwie überstanden wir den Monat. Mein Zustand verbesserte sich nicht. Im Gegenteil: Ich konnte nichts mehr tun, außer im Bett rumzuliegen. Die Atemprobleme legten sich relativ schnell. Dann kamen die Herzrythmusstörungen und die Orientierungsprobleme. Irgendwann bekam ich Schwindel. Ich wurde immer dünner und immer verzweifelter. Obwohl ich Ende November nach einem Monat endlich negativ auf Covid-19 getestet wurde, ging es mir nicht besser.

In den Gesundheitszentren und Krankenhäusern sah es im November 2020 schlimm aus. Die Corona-Fallzahlen waren unglaublich hoch. Bei der Arbeit wurden wir alle dazu angehalten, zum Dienst zu kommen, wenn wir keine Symptome hatten, selbst wenn wir positiv waren. Alle helfenden Hände wurden gebraucht. Vor meiner Erkrankung war ich die Kollegin, die immer zur Arbeit kam, auch wenn ich krank war. Auf mich konnte man sich stets verlassen. Jetzt konnte ich in der schlimmsten Phase der Pandemie nicht helfen. Viele von uns hatten sich angesteckt. Wir waren total unterbesetzt. Mich plagte das schlechte Gewissen.

„Vor meiner Erkrankung war ich die Kollegin, die immer zur Arbeit kam, auch wenn ich krank war. Auf mich konnte man sich stets verlassen. Jetzt konnte ich in der schlimmsten Phase der Pandemie nicht helfen.“

An einem Montag Anfang Dezember fuhr ich total verzweifelt zur Arbeit, um mit meinem Chef zu sprechen. Er sah mich an und schickte mich sofort in die Notaufnahme, so dünn und zerbrechlich war ich geworden. Eine Woche blieb ich im Krankenhaus. Die Ärzt*innen vermuteten, dass das Virus bei mir im Magen sitzt, weil ich so stark abgenommen hatte. Sie kontrollierten meinen Bauchraum, fanden aber nichts. Mein Drehschwindel wurde in der Zeit immer schlimmer. Sprechen bereitete mir Schwierigkeiten. Schreiben konnte ich nicht mehr. Meine Motorik funktionierte nicht, trotzdem wurde ich nach einer Woche entlassen.

„Ich lag im Krankenhaus auf einer Pritsche, um mich herum war die Hölle los“

,Schatz, atmest du noch?,‘ fragte mich mein Freund am 22. Dezember, als wir auf der Couch lagen. Ich schlief nur noch, hatte Aussetzer und konnte mich an nichts mehr erinnern. Einen Tag später brachte meine Mutter mich zu einer HNO-Ärztin, um meinen Schwindel zu untersuchen. Die Ärztin schaute mich an und teilte meiner Mutter mit, dass ich das Jahr 2021 nicht miterleben würde, wenn sie mich nicht sofort ins Krankenhaus fährt.

Am 23. Dezember, einen Tag vor Weihnachten, lag ich also im Krankenhaus auf einer Pritsche. Um mich herum war die Hölle los. Die Corona-Fallzahlen hatten zu überfüllten Stationen geführt. Ein befreundeter Arzt wurde auf mich aufmerksam. Später erzählte er mir, wie schlecht ich an dem Tag aussah. Ich hatte überall Wassereinlagerungen. Mein Gesicht war aufgedunsen, meine Augenlider geschwollen. Er erkannte, dass ich sofort Hilfe brauchte und nahm mir Blut ab. Mein Basenhaushalt stimmte schon überhaupt nicht mehr. Meine Nieren arbeiteten nicht mehr richtig. Das Blut in meinem Körper verklumpte. Ein MRT brachte dann Klarheit: Ich hatte einen Hirninfarkt erlitten, wahrscheinlich schon im November, daher der Schwindel.

„Das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden“

Nach einem Monat wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen und kam in Reha auf eine Station für Menschen, die Schlaganfälle erlitten hatten, eine Spezialklinik für Neurologie. Die Zeit dort war sehr hart. Wegen der Pandemie durfte ich keine Besuche bekommen. Ich war dort total isoliert. Womit ich viel gekämpft habe, ist das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden von meinen Ärzt*innen. Meine Symptome wurden teilweise heruntergespielt. Meine Beschwerden nicht gehört. Mir wurde das Gefühl gegeben, ich sei auf der Station mit meinem Leid nicht erwünscht. Ich weiß noch, dass ich noch im Krankenhaus zu meiner Mutter meinte: ,Ich fühle mich überhaupt nicht gesehen.‘ Immer wieder beschlich mich der Verdacht, dass das Verhalten der Ärzt*innen mir gegenüber mit meiner Hautfarbe zu tun haben könnte. Dass mir als Schwarze Frau im Krankenhaus Rassismus widerfuhr. Ich musste auch hier kämpfen, um ernst genommen zu werden. Es fällt mir bis heute schwer, Ärzt*innen zu vertrauen.

„Immer wieder beschlich mich der Verdacht, dass das Verhalten der Ärzt*innen mir gegenüber mit meiner Hautfarbe zu tun haben könnte. Dass mir als Schwarze Frau im Krankenhaus Rassismus widerfuhr. Ich musste auch hier kämpfen, um ernst genommen zu werden.“

Das Coronavirus und seine Langzeitfolgen sind noch nicht erforscht. Es gibt Menschen, die im Anschluss an die Erkrankung Probleme mit ihrem Nervensystem haben, so wie ich. Bei anderen greift es die Lunge an. Ich bin sehr vergesslich geworden, habe Konzentrationsstörungen. Mein Gleichgewichtssinn funktioniert nicht mehr. Ich bin ständig müde. Seit über einem Jahr laufe ich mit einem Rollator durch die Gegend. Ich kann kein Auto mehr fahren. Ich kann nicht arbeiten. Meine Selbstständigkeit habe ich verloren. Mir war vorher nicht bewusst, wie wichtig der Gleichgewichtssinn für Menschen ist. Wenn mein Puls zu schnell wird, wird mir schwindelig. Ich kollabiere dann und muss mich erbrechen. Früher zog ich mich gerne schick an, trug hohe Schuhe und ging aus. Das sind Dinge, die ich nicht mehr kann. Mein Selbstwertgefühl hat sehr darunter gelitten. Das muss ich mir erst wieder aufbauen.

Christina kämpft seit einem Jahr mit den Folgen ihrer Corona-Erkrankung.

„Alleine meinen Alltag bewältigen kann ich nicht mehr“

Mein Freund war früher Erzieher. Seitdem ich krank bin, arbeitet er nicht mehr. Im Sommer 2021 durften Kinder noch nicht geimpft werden. Wir hatten panische Angst, dass er sich anstecken könnte, als die Delta-Variante in dieser Zeit grassierte, deshalb kündigte er. Außerdem brauche ich die Hilfe. Alleine Wäsche waschen oder die Wohnung putzen, meinen Alltag bewältigen kann ich nicht mehr. Sobald ich eine Sache erledigt habe, lege ich mich schlafen. So sehr erschöpft es mich. Wenn du so lange krank bist, ruft dich irgendwann auch keine*r mehr an. Das Leben geht für alle Menschen weiter, außer für mich.

„Das Leben geht für alle Menschen weiter, außer für mich.“

Auch zu lernen, wie die Welt mit Menschen umgeht, die eine Behinderung haben und die für Dinge etwas länger brauchen, war hart. Die Ungeduld, die Menschen zeigen, wenn du nicht nach Norm funktionierst, überraschte mich. Neulich bestellte ich zum Beispiel ein Taxi nach Hause. Wegen meines Rollators brauchte ich etwas länger, um aus der Wohnung zu kommen. Der Taxifahrer schnauzte mich an, weil ich zu spät war. Ich stand mit meinem Wägelchen vor ihm und fing, wie ein kleines Kind, an zu heulen und versuchte ihm zu erklären, warum ich nicht schneller unten sein konnte.

„Ich stehe überhaupt nicht im Leben“

Seit April besuche ich eine Therapie, um die seelischen Schäden der Erkrankung zu behandeln. Im Sommer ging ich außerdem nochmal sechs Wochen in Reha. Bis zur Reha weinte ich ständig. Ich bemitleidete mich selbst und konnte wirklich nichts alleine machen. Dieser zweite Aufenthalt in der Reha motivierte mich: Egal ob es zwei oder drei Jahre dauerte, ich beschloss mich selbst nicht aufzugeben.

An manchen Tagen kann ich sagen: Es ist okay, ich akzeptiere meine momentane Situation. An anderen Tagen triggern mich zum Beispiel die sozialen Medien total. Auf Instagram sehe ich Frauen in meinem Alter, die die Welt erobern. Da merke ich: Ich stehe überhaupt nicht im Leben. Es gibt Tage, da nagt das wahnsinnig an mir. Dann denke ich an meine Träume und daran, was für Pläne ich für mein Leben hatte. Ich bin jetzt 29. Mit 30 wollte ich eigentlich eine Familie gründen, vielleicht heiraten. Das hätte meine beste Zeit werden sollen.

An guten Tagen telefoniere ich. Ich rufe meine Freund*innen zurück, versuche auch mal etwas auf Instagram zu posten. Ich zeichne gerne und sehr viel und höre dabei Musik. Das gibt mir Kraft. An schlechten Tagen vegetiere ich einfach vor mich hin. Da merke ich, dass mein Gehirn sich stark verändert hat. Ich spüre ständig einen Druck im Kopf, bin dauermüde. Es frustriert mich, dass ich mich nicht mehr spontan mit Freund*innen verabreden kann.

Knapp ein halbes Jahr bekomme ich noch Krankengeld. Danach rutsche ich in Hartz IV. Wie es dann für mich und meinen Freund weitergeht, weiß ich nicht. Als junger Mensch denkst du nicht daran, was passiert, wenn du anderthalb Jahre ausfällst. Mir wurde inzwischen ein Pflegegrad bewilligt. Das bedeutet, dass ich mir jemanden zur Pflege aussuchen kann. Das ist auch dringend notwendig. Gerade kümmern sich mein Freund und meine Mutter um mich. Ohne sie würde ich das nicht durchstehen.

Ich fühle mich vergessen. Vor meiner Krankheit hatte ich meinen Platz in der Gesellschaft. Ich wusste, wer ich war und worauf ich hinarbeitete. Das liegt jetzt in der Vergangenheit.“

Dieses Protokoll von Celia Parbey ist zuerst bei unserer Kooperationspartnerin „RosaMag“ erschienen. Wir freuen uns sehr, dass wir es bei uns veröffentlichen dürfen.

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