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Wie es sich anfühlt, wenn eine Freundin Mutter wird – und man keine Kinder bekommen kann

Hat man selbst einen unerfüllten Kinderwunsch und eine gute Freundin wird Mutter, dann kann das zu gemischten Gefühlen führen – auch wenn man grundsätzlich mit sich im Reinen ist. Genauso ging es Franziska, die einen sehr persönlicher Text darüber verfasst hat.

 

Meine Freundin hat ein Baby bekommen, und auf einmal musste ich weinen

Heute war ein ganz, ganz besonderer Tag für mich. Ich habe heute das Baby meiner Freundin zum ersten Mal gesehen, ihn kennengelernt und sie als Mutter erlebt.

Sie sieht zauberhaft aus! Sie sagt, sie wäre vollkommen übernächtigt, aber sie strahlt. Sie ist glücklich. Sie ist stolz. Sie ist zutiefst dankbar für diesen kleinen gesunden Jungen. Und dieser kleine gesunde Junge ist absolut zauberhaft. Er ist entzückend. Er ist so schön, so klein, so niedlich – so etwas Besonderes. Für sie – und für mich.

Immer wieder sage und fühle ich, dass ich inzwischen auch ohne Kind glücklich bin. Dass mein Leben auch ohne Kind einen Sinn hat. Das Leid, dass ich all die Jahre in der Kinderwunschklinik aushalten musste, stellt mir heute die Grundlage für eine große Aufgabe, der ich mich mit Herz und Hirn, aber auch mit Mut stelle. Aus meiner eigenen Geschichte lasse ich meine Kraft erwachsen, mit den Kinderwunsch-Coachings die Frauen zu unterstützen, die heute das erleben, was ich erleben musste. Ich darf heute dazu beitragen, dass diese Frauen Hoffnung schöpfen – Hoffnung darauf, dass es (notfalls) auch ohne Kind ein lebenswertes, schönes Leben gibt. Meine Tätigkeit trägt zutiefst dazu bei, dass ich mich heute leicht und zufrieden fühle – und oft sogar fröhlich. Aber manches Mal spüre ich auch noch die Last der Kinderlosigkeit.

Manchmal frage ich mich eben doch: Wie wäre ein Leben mit Kind gewesen?

Aber heißt das, dass mich so ein Wunder, das meine liebe Freundin erleben darf, nicht mehr berührt?

Oder heißt das, dass ich mich nicht manchmal noch frage, wie es gewesen wäre, wenn auch wir dieses Glück gehabt hätten und erleben dürften?

Ich war heute früh unglaublich aufgeregt. Ich war so aufgeregt und in der tiefsten Seele berührt. Weil mir klar war, dass das Treffen und Kennenlernen des kleinen Jungen heute etwas Besonderes sein würde. Ich hatte ein wenig Angst bzw. ich fühlte Unsicherheit. Ich freute mich. Ich war eben wirklich, wirklich aufgeregt.

Und dann haben wir uns gesehen – meine Freundin und ich. Meine tolle Freundin, nun ist sie Mutter. Erst einmal habe ich sie in den Arm genommen, sie umarmt, geherzt, beglückwünscht, angestrahlt.
 Dann schaute ich auf den kleinen Jungen. Was für ein Wunder. Was für ein Geschenk. Was für ein hübsches Kind. Was für ein niedliches Kind. Und mir kamen die Tränen.

Kamen die Tränen aus Neid?

Aber weshalb habe ich geweint? Ich weinte – das war mir dann schon ziemlich schnell klar – weil dieses kleine Menschlein gesund auf der Welt ist und meine Freundin glücklich macht. Und weil ich ihr dieses Glück von Herzen gönne. Und weil ich weiß, dass auch ich den kleinen Jungen immer und immer wieder werde erleben dürfen. Ja, vielleicht auch immer wieder ein Stück im Leben begleiten darf. Ich darf mitbekommen, wie er aufwächst und größer wird.

Ich habe geweint vor Aufregung, weil es mich nicht kalt lässt. Wie könnte das auch sein. 
Ich bin nicht neidisch. Nein, das habe ich vorher für mich geklärt – und nach unserem Treffen noch einmal für mich „durchgefühlt“. Nein, ich bin stattdessen dankbar, dass sie das erleben darf, was ich auch gerne gehabt hätte. Und das ich so ein wenig davon mitbekomme, wie es ist, ein Kind zu haben.

Die Kinder meiner Freunde heilen auch meine Seele.
 Es war ein langer Weg, bis ich das so sehen konnte

Mich lassen diese kleinen Wesen natürlich nicht kalt

Die Kinder meiner Freunde heilen auch meine Seele.
 Es war ein langer Weg, bis ich das so sehen konnte. 
Kalt lässt mich so ein kleines Wesen, und auch die größeren Kinder meiner Freunde, nicht.

Berührt es mich? Ja, zutiefst.
 
Freue ich mich? Ja, ganz aufrichtig.
 Bin ich unsicher? Ja, auch das immer wieder.
 Ist es manchmal schwer? Ja, auch das.
 Aber es macht mich aus tiefstem Herzen glücklich, Kinder anderer Menschen auf dem Arm zu haben.

Ich bin heute glücklich, weil ich mein Leben angenommen habe wie es ist. Weil ich sehr mühsam gelernt habe, dass es auch ohne Kind, ohne die Erfüllung meiner Sehnsucht und meines Traumes, eine eigene Familie zu haben, ein gutes Leben voller Sinn und Aufgabe sein kann.

Es war ein langer Weg zum Glück ohne Kind

Das hat eine Weile gedauert und manches Mal dachte ich in den Momenten tiefster Trauer, ich würde es nie schaffen. Aber ich bin mutig vorwärts gegangen, auch wenn ich immer wieder mal einen Schritt rückwärts ging.

Aber ich glaube nicht daran, dass „eine Kerze anzünden und positiv denken“ alles ist. Zum Teufel mit dem „Du musst nur einfach positiv denken – dann klappt das schon“. Das holt echt die Katz‘, wie man hier in München sagt.
Nein, die tiefsten Tiefen unseres Schmerzes, sie heilen uns am Ende. Wenn wir die Kraft finden, sie anzunehmen und in unser Leben integrieren, dann können wir mit diesem schlimmen Schmerz und dem Verlust des Kinderwunsches umgehen lernen.

Und das habe ich heute gemerkt: Es geht darum, das, was das eigene Leben für einen bereit hält (und sei es schlimmster Schmerz) auszuhalten, zu verstehen  und es anzunehmen. Und zu lernen, damit jeden Tag umzugehen – und sich nicht die Lebensfreude nehmen zu lassen; trotz Allem. Ja, dazu gehört auch, dass der eigene unerfüllte Kinderwunsch ein Teil von dir  und das auch lebenslänglich so sein wird. Aber das darf er auch sein.
 Dieser Schmerz gehört zu mir. Aber das hält mich nicht davon ab, auch große Freude und Dankbarkeit für meine liebe Freundin zu empfinden, die ein so wunderbares kleines Wesen auf die Welt gebracht hat.

„Dreh‘ deine schlechten Gedanken in Gute um“ ist ein idiotischer Ratschlag

Der Schmerz und die Freude über die Kinder von Freunden gehören zu mir und meinem Herz. Aber ich habe die Klarheit für mich gewonnen, das trennen zu können. Ich habe mir das erarbeitet – an mir gearbeitet, an meiner Wahrnehmung, mit vielen psychologischen Tipps und Tricks, die pragmatisch helfen. Ich habe so viel ausprobiert und mir so vieles erarbeitet, was für mich funktioniert. Vieles aus der Psychologie und den „Tipps zur Lebensführung“ ist schlichtweg nicht auf den Kinderwunsch übertragbar. Es ist wichtig, sich mit jemandem auszutauschen, der das selbst erlebt hat – und sich nicht nur „vorstellt, wie es ist, sich nach einem Kind zu sehnen“.

Wenn mir jemand gesagt hätte „Dreh‘ deine schlechten Gedanken in Gute um“, dann hätte ich gesagt: „So ein idiotischer Ratschlag. Wie blöd kann man eigentlich sein? Das geht vielleicht, wenn ich mich über jemanden ärgere, der mir den Parkplatz klaut oder wenn der Chef Probleme macht, aber nicht bei einem so existententiellen Wunsch wie dem (unerfüllten) Kinderwunsch“.

Und daran glaube ich noch heute. Vieles von dem, was da draußen an Tipps kursiert, funktioniert bei den kleineren Schwierigkeiten und größeren Herausforderungen, die wir alle manchmal im Leben erleben. Aber ich persönlich glaube, dass der (unerfüllte) Kinderwunsch tiefer sitzt und man deshalb ganz anders damit umgehen muss. Und er berührt – auch das ein fundamentaler Unterschied zu den allermeisten anderen Lebensfragen und -krisen – jeden einzelnen Lebensbereich.

Mit einem unerfüllten Kinderwunsch gut umzugehen, das braucht Zeit

Wer mit einem unerfüllten Kinderwunsch umgehen lernen möchte, der muss lernen, seinen Schmerz anzunehmen und in sein Leben zu integrieren.
Natürlich kommt noch mehr dazu, damit man nicht Tag für Tag „in Sack und Asche“ geht, sondern auch Lebensqualität, Gelassenheit, Freude und Leichtigkeit (wieder) entdeckt. Dazu braucht es entweder viel Zeit, viel ausprobieren oder viel Erfahrung.

Ich habe heute ein Wechselbad der Gefühle erlebt. Auch wenn ich mir vorher bewusst gemacht habe, was da auf mich zukommt. Ich habe mich für meine Freundin von Herzen gefreut und dennoch im Verlauf des Tages darüber nachgedacht, wie es gewesen wäre, wenn – und das ist auch okay. Es wäre doch eher seltsam, wenn mir diese Gedanken nicht gekommen wären. Meine unerfüllte Kindersehnsucht ist ein Teil von mir und meinem Leben. Ein Teil von meiner Seele, meinem Herz und meinem Kopf.

Ich habe meinen unerfüllten Kinderwunsch überlebt – und dafür bin ich dankbar


Meine Freundin und der kleine Junge sind auch ein Teil von meinem Leben – beide habe ich im Herzen und freue mich, dass ich das erleben darf und mich nicht verstellen muss. Meine Freundin weiß, wie groß meine Freude über ihr Kind ist. Ich bin dankbar für meine wunderbare Freundin. Dankbar für Ihren kleinen Sohn. Und ich bin dankbar, dass ich es geschafft habe, mein Leben sinnerfüllt und glücklich zu leben – auch ohne Kind.


Ich bin stolz auf mich, weil ich den Kinderwunsch im wahrsten Sinn des Wortes „überlebt“ habe und nach vorne schauen kann. Klar, hätte ich von Herzen gerne ein Kind gehabt. Heute brauche ich kein Kind mehr, um glücklich zu sein. Es wäre schön gewesen, wenn… Aber: Ich habe meinen Frieden damit gemacht. Es ist gut so, wie es heute ist. Ich bin in meinem neuen Leben angekommen.
Heute bin ich stolz auf den Weg, den ich bewältigt habe – und zutiefst zufrieden.
 Mein Leben ist gut so, wie es ist.



Dieser Text ist zuerst auf Kindersehnsucht.de erschienen. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können.

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