Foto: privat | Collage: EDITION F

„Die sind gar keine Lesben, die tun nur so!“

Ein queer-lesbisches Familiengespräch über Identität, „Die Szene“ und wie wir uns eigentlich bezeichnen wollen.

Begriffe, die mit einem ° markiert sind, werden am Ende des Artikels erklärt.

„Ich bin lesbisch. Punkt. Mehr habe ich nicht für mich.“, antwortet Silke auf meine Frage nach ihrer sexuellen Orientierung. „Mehr habe ich auch nicht. Man liebt halt eher Frauen, würde ich sagen“, fügt Mutti° hinzu. „So einfach ist das also“, denke ich mir. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich die beiden mit den schätzungsweise 50 Labels, die ich bisher ausprobiert und wieder abgelegt habe, überfordere.

In meinem Umfeld ist es recht üblich, dass Personen die eigene sexuelle Orientierung, die Geschlechtsidentität und den Geschlechtsausdruck recht genau beschreiben – mit gefühlt bis zu fünf Labels. Manchmal werden Labels, wie zum Beispiel schwul, nicht-binär° oder Femme° für eine kurze Zeit genutzt und dann wieder aufgegeben, manchmal bleiben sie ein ganzes Leben, sobald man sich darin wiedergefunden hat. Ich denke, das liegt zum einen daran, dass man sich mit einigen Begriffen politisch positioniert, zum anderen aber auch daran, dass es mit diesen Begriffen leichter ist, Menschen zu finden, die eine ähnliche Erfahrungswelt haben, wie man selbst. Ich bin eine queere, nicht-binäre Person. Ich bin aber auch Butch° und ich bin definitiv Dyke°. Das alles sind Labels, die ihre ganz eigene Geschichte und Community haben, in allen fühle ich mich repräsentiert.

Vermutlich ist es für Mutti und Silke als lesbische Frauen sogar ähnlich: sie wurden von ihrem Umfeld und ihrer Geschichte geprägt und fühlen sich demnach mit bestimmten Begriffen und Labels wohl. Wirklich ausführlich haben wir uns aber noch nie darüber ausgetauscht, denn wir haben uns erst zwei oder drei Mal gesehen, seit ich erzählt habe, dass ich nicht-binär bin.

Deshalb spreche ich mit Mutti und Silke, die seit 15 Jahren zusammen sind, über Identität, queere und lesbische Szene-Partys, Generationen-Konflikte sowie über ein mysteriöses Online-Portal namens „Mein schöner Garten“.

Als ich den Zoom-Call starte, sitzen beide gerade bei gemütlichem Licht und einem Glas Wein im Esszimmer. Silke verschwindet kurz aus dem Bild, weil sie noch etwas essen möchte und kommt dann wieder. Sie tauschen sich kurz darüber aus, ob sie jetzt in die Kamera oder auf den Bildschirm gucken sollten.

Wir haben ja schon über eure sexuelle Orientierung gesprochen… Aber mit welchem Geschlecht identifiziert ihr euch eigentlich?

Silke: „Ich bin eine Frau. Ich fühle mich nicht anders, beziehungsweise kann mich nicht anders fühlen.“

Mutti: „Ja. Obwohl ich mich vielleicht anders verhalte, als es von einer Frau erwartet wird. Bis ich in die Pubertät gekommen bin, wurden dahingehend noch keine Unterschiede gemacht zwischen Jungs und Mädchen, das war eigentlich egal. Später musste ich dann eine gewisse Rolle spielen: die der Frau. Erst dann habe ich mich wirklich mit dem Thema auseinandergesetzt.“

Wie hat es sich angefühlt, diese Rolle plötzlich einnehmen zu müssen?

Mutti: „Das war mehr oder weniger ein Verstellen – oder eher gesagt ein Versuch, den eigenen Weg zu gehen, aber auch denen gerecht zu werden, die von mir erwarten, dass ich mich auf eine bestimmte Weise verhalte.“

Silke: „Bei mir war es nicht so.“

Mutti: „Du bist ja auch zehn Jahre jünger.“

Silke, meinst du, dass du dem Druck, dich entsprechend der Erwartungen zu verhalten, die die Gesellschaft an Frauen hat, gar nicht ausgesetzt warst, oder haben sich die Erwartungen für dich okay angefühlt?

Silke: „Sowohl als auch. Ich hatte keinen Druck, obwohl meine Mutter, meine Eltern und mein Umfeld natürlich die Vorstellung hatten, dass ich ein Mädchen bin, einen Freund haben muss, irgendwann heirate und zwei Kinder bekomme. Das war allerdings nie eine Forderung, auch nicht in meiner Jugend. Ich war eine Spätzünderin und habe erst spät realisiert, dass ich wirklich nur Frauen mag.

Das habe ich früh mal erkannt, aber so richtig realisiert erst spät. Bei uns gab es eben immer nur ,normal‘, schwul oder lesbisch. Und die, die schwul oder lesbisch waren, die waren nicht ,normal‘. Ich habe das aber nie so empfunden, dass die nicht ,normal‘ sind, obwohl es mir so eingetrichtert wurde.“

Mutti: „Ich wusste in den 1970er Jahren auch nicht, dass es trans* Personen überhaupt gibt. Das war gar kein Thema, weil man im persönlichen Umfeld keine trans* Personen hatte und die Berichterstattung in den Medien nicht vorhanden war. In meiner Jugend stand das noch unter Strafe und wurde einfach nicht thematisiert.“

Silke: „Stimmt, das wurde totgeschwiegen. Anfang der Achtziger, mit der Musikwelle haben sich einige Musiker*innen geoutet. Von den Normalos wurden Begriffe wie ,Schwuchtel‘ oder ,Lesbe‘ dann als Schimpfworte genutzt.“

Ich würde mich selbst eigentlich auch als Spätzünder*in bezeichnen. Ich habe einige Labels durchprobiert, bis ich welche gefunden habe, die meine sexuelle Orientierung und meine Geschlechtsidentität gut beschreiben. Könnt ihr euch an ein paar davon erinnern?

Silke: „Du warst polygam°! ,Lee nimmt alles mit, was nicht bei drei auf den Bäumen ist‘, hieß es damals!“

Menschen, die polyamourös oder polygam sind, haben nicht mit allen Sex. Dabei handelt es sich um ein häufig aufgerufenes Vorurteil. Die Begriffe bedeuten lediglich, dass eine Person sich nicht auf eine monogame Partner*innenschaft oder eine*n Sexpartner*in festlegt.

Oh wow!

Mutti: „Genau: ,Ich möchte keine feste Beziehung, ich genieße mein Leben…‘“

Und was meine sexuelle Orientierung angeht?

Silke: „Naja, ich glaube, du hast weder gesagt, du seist lesbisch, bi oder… Als du dann mit uns darüber geredet hast, hast du schon in Berlin gewohnt. Da hast du keinen Begriff benutzt, sondern einfach nur gesagt: ,Ich hatte was mit einer Frau‘.“

Als ich mich bei euch als nicht-binär geoutet habe, habe ich aber schon konkret diesen Begriff benutzt. Was waren eure ersten Gedanken?

Silke: „,Ach du Scheiße!‘“

Mutti: „Ich habe auch gedacht: ,Wie kommst du jetzt darauf?‘ Also… macht das das Umfeld, dass man auf solche Sachen stößt und sich damit auseinandersetzt?

Silke: „Ja. Überlegt habe ich auch, ob du das schon länger so empfunden hast und vorher einfach nicht davon erzählt hast. Aber der erste Gedanke war: ,Ach du Scheiße! Das auch noch! Erst sind die Haare ab und jetzt sowas!‘“

„Nicht-binär“ ist im deutschsprachigen Raum ein relativ neuer Begriff, aber nicht-binäre Menschen gab es ja schon immer. Glaubt ihr, dass dieser Begriff Personen eurer Generation weitergeholfen hätte, genauer zu beschreiben, wie sie Geschlecht wahrnehmen?

Mutti: „Früher hat man einfach androgyn gesagt. Ich weiß nicht, ob der Begriff das gleiche beschreibt. Viele Menschen hat man als androgyn bezeichnet, wenn man das Geschlecht nicht so einfach erkennen konnte.“

Androgyn bezieht sich eher auf das äußere Erscheinungsbild. Nicht-binär ist eine Geschlechtsidentität. Also etwas, das man in sich selbst fühlt. Wenn du sagst: „Ich bin eine Frau, auch wenn ich nicht stereotyp weiblich verhalte oder so aussehe“, sage ich: „Ich bin nicht-binär, egal wie ich mich verhalte und ob ich androgyn aussehe.“ Manche nicht-binäre Personen sehen androgyn aus, andere nicht.

Edit 02.03.2021: Hier hat sich ein Fehler in das Gespräch eingeschlichen. Wir wurden von Leser*innen darauf aufmerksam gemacht, dass manche Menschen den Begriff „Androgyn“ auch nutzen, um ihre Geschlechtsidentität zu beschreiben. Zum Beispiel, um auszudrücken, dass sie zugleich Mann und Frau sind.

Mutti: „Okay, das hat man früher vielleicht nicht so hinterfragt. Ich denke mal, den Begriff kannte man so eigentlich gar nicht und hat eben Menschen, die so waren, einfach als androgyn bezeichnet.“

Wenn wir über Geschlechtsausdruck sprechen sind vielleicht auch die Begriffe „Butch“ und „Femme“ wichtig. Was verbindet ihr damit?

Mutti: „Ich glaube, Butches fühlen sich vielleicht anders, als ich mich fühle. Ich weiß nicht, ich glaube, sie fühlen sich doch eher männlich: in ihrem Auftreten, wie sie sich anziehen, Mimik, Gestik. Vielleicht benehmen sich Butches bewusst männlich, versuchen eine Rolle zu spielen?“

Silke: „Oder aus dem Rollenverhalten der Normalos auszubrechen, vielleicht zu revoluzzern. Wobei – das glaube ich eher nicht. Ich denke, die sind so und fühlen, wie sie sich geben. Die spielen keine Rolle.“

Mutti: „Es gibt nicht nur ,normal‘, es gibt nicht nur lesbisch, es gibt nicht nur schwul. Es gibt so viele Facetten und jede Person möchte am liebsten so auftreten, wie sie sich auch fühlt.“

Werden die Begriffe denn in eurem Umfeld noch genutzt?

Silke: „Butch?“

Mutti: „Nein.“

Silke: „Außer damals, Mitte der Neunziger, ist das noch nie genutzt worden. Und dann war ich nicht mehr im ZAKK, das ist ein Kulturzentrum in Düsseldorf. Dann habe ich meine ersten Frauen – außer, naja, die eine – so kennen gelernt. Okay, ein paar habe ich im Internet kennengelernt.“

Oh, feiern gehen. Ein spannendes Thema. Wie war denn euer erster Kontakt zur lesbischen Szene damals?

Mutti: „Als ich jünger war, gab es ,Die Szene‘ noch nicht – nicht in dem Ausmaß.“

Silke: „In meinem Alter schon! (lacht) Aber bei euch, da waren das eher so… strickende und häkelnde Öko-Frauen. Das waren die lesbischen Frauen damals.“

Mutti: „Nein, das waren einfach Begegnungen… man hat das gefühlt. Man ist einer Person begegnet und dann hat man einfach gemerkt oder gesehen, dass sie auch lesbisch war. Eine Szene an sich, in jungen Jahren – die gab es hier nicht.“

Silke: „Ich habe mit 19 eine Person kennengelernt, mit der ich auch heute noch sehr guten Kontakt habe. Ihre beste Freundin (und Cousine) ist lesbisch. Das fand ich hoch spannend und interessant. Dadurch bin ich in die Szene gekommen. Durch diese Frau. Es war lustig. Ich habe einfach nicht lockergelassen, weil ich wusste, dass sie immer ins ZAKK ging.“

Mutti: (lacht laut auf)

Silke: „Da habe ich gedacht: ,Ich will unbedingt mal mit, aber hoffentlich sieht mich keiner!‘ So war das damals: Du warst nicht geoutet und warst mit dir selbst noch nicht im Reinen. Du wusstest auch noch gar nicht, ob du wirklich lesbisch bist, weil du Frauen toll findest. So war es zumindest bei mir. Ich wollte aber unbedingt einmal hin, um zu gucken, wie es sich anfühlt, nur unter Frauen zu sein, von denen ich weiß, dass sie auf Frauen stehen.“

Wie habt ihr die Szene damals empfunden?

Silke: „Ich fand es damals schlimm, weil da nur… Butches unterwegs waren. Also keine Personen, die mich optisch wirklich angesprochen haben.“

Mutti: „Ja. Das war vor allem im ZAKK. Da waren relativ viele junge Lesben unterwegs, die sehr männlich waren.“

Ich glaube, ich muss es jetzt doch kurz einwerfen, weil es schon zum zweiten Mal aufkommt und es in dem Kontext sehr lustig ist. Mutti, irgendwie dachte ich ja immer, dass du dich selbst schon als Butch siehst. Vielleicht so als „Soft Butch“.

Mutti: „Als was?“

Soft Butch. Also eine Butch, die sich auf eine gewisse Art und Weise schon mit Weiblichkeit identifizieren kann und das auch ein bisschen nach Außen trägt.

Silke: „Also als ich deine Mutter kennengelernt habe, hatte sie noch eine Tolle! Und so längere geföhnte Haare! Da war mir schon klar: das erste, was abgeschafft werden muss, ist diese Frisur. Das ging ja zum Glück relativ schnell. Aber wie ist denn die korrekte Definition von ,Butch‘?“

Ich glaube, darum geht es mir mit der Frage. Ich bin zum Beispiel Butch. Aber ich glaube, dass die Begriffe im Moment ein wenig anders genutzt werden, als es früher der Fall war.

Silke: „Das kann natürlich sein, ja.“

Mutti: „Butches waren für mich immer so Lesben, die rülpsen, wenn sie ihr Bier trinken, breitbeinig irgendwo in der Gegend rumstehen…“

Kennt ihr Leslie Feinberg?

Beide: „Nein.“

Leslie Feinberg war ein*e trans* und lesbische*r Autor*in. Ze hat einen zum Teil autobiografischen Roman geschrieben: „Stone Butch Blues“. Es geht dort um eine lesbische trans Person und das Leben in der lesbischen Barkultur der 50er Jahre. Dort wird beschrieben, dass es zu dieser Zeit eine ganz starke Dichotomie zwischen Butch-Sein und Femme-Sein gab. Du warst entweder das eine oder das andere – und es gab, zumindest „öffentlich“, nur Beziehungen zwischen Butches und Femmes.

Mutti: „Ja, ich weiß nicht. Das sind blöde Fragen, die häufig auch von Heteros kommen: ,Wer ist eigentlich die Frau und wer der Mann?‘ Man wird eben in eine Rolle gedrängt, man soll hetero Beziehungen imitieren. Das ist ja auch wieder toxisch und blöd.“

Silke: „Ich kann keinen männlichen Part übernehmen.“

Mutti: „Aber so war es ja tatsächlich in den 1950er Jahren. Das siehst du ja auch in den Filmen, die sich damit beschäftigen.“

Ja. In dem Buch geht es dann aber auch darum, dass einige Butches irgendwann gemerkt haben: „Ich bin auch trans*!“ und andere, dass sie eher auf Butches stehen. Das war dann in der Community durchaus ein größeres Problem. Es wird aber auch beschrieben, wie eine neue Generation von Lesben kam, aus einem vornehmlich akademischen Kontext, und das ganze Butch-Femme-Ding komplett abgelehnt hat, aber damit auch die Erfahrungswelten der Butches und Femmes aus der Arbeiter*innenklasse, oder auch die von Schwarzen Personen, Indigenen Personen und Personen of Color komplett unterdrückt hat.

Ich habe das Gefühl, dass sowohl in meiner Generation als auch in meinem Umfeld, altersunabhängig, diese Kategorien wieder aufgerufen werden. Aber in einer viel fluideren Weise, als es vielleicht früher der Fall war. Es gibt Personen, die sind Butch, es gibt Personen, die Femme sind, aber es gibt auch Begriffe, die ein Spektrum dazwischen und drumherum beschreiben. Wie zum Beispiel „Soft Butch“ oder „High Femme“. Begriffe, mit denen man die eigene Identifikation mit einer queeren Männlichkeit und/oder Weiblichkeit beschreiben kann.

Mutti: „Ja, genau, das ist so eine Schachtel, in die du reingesteckt wirst, aber es gibt doch so vielfältige Nuancen – die eine hat mehr davon, die andere mehr davon. Aber man kann das doch nicht immer so clustern. Das ist ja gerade das Problem, das die Heteros haben. Die wollen dich einfach irgendwo reinschieben.“

Silke: „Auch die Heteros sind vielfältiger, als sie denken.“

Deshalb gibt es ja auch die queeren und selbst definierten fluiden Begriffe, mit denen man beschreiben kann, wie man sich fühlt, welche Rolle man einnimmt.

Mutti: „Naja, wir sind ja auch keine Mädchen.“

Silke: „Ich bin aber auch kein Junge. Ich bin einfach eine lesbische Frau.“

Okay! Ich finds wirklich interessant, wie unterschiedlich die Definitionen sind, je nach sozialem Umfeld. Deshalb würde ich auch nochmal auf das ZAKK zurückkommen. Könnt ihr mir genaueres darüber erzählen? War das ein lesbischer Club?

Silke: „Nee, das ist ein Kulturzentrum, also ein Raum, den man anmieten kann, und da war einmal im Monat lesbischer Abend. ,Frauenschwoof‘ hieß die Veranstaltung.“

Mutti: „Einmal im Monat war dort auch für die Jungs eine Party. Ich würde sagen, dass es vielleicht sogar ein queerer Ort war.“

Silke: „Stimmt, es waren zum Beispiel auch immer viele trans* Personen dort.“

Was verbindet ihr mit dem Begriff „queer“?

Mutti: „Also ich würde sagen, queer war im Gegensatz zu schwul und lesbisch kein Schimpfwort mehr, sondern eher positiv konnotiert. Ich meine ,Die queere Szene‘ oder ,Queere Veranstaltungen‘. Das war viel gemischter. Da spielte es keine Rolle, ob du schwul oder lesbisch oder sonst irgendwas warst, das war dann viel allgemeiner. Also nicht auf eine bestimmte Gruppe bezogen. So sehe ich den Begriff ja auch, im Gegensatz zu ,schwul‘, ,lesbisch‘, und so weiter.“

Vor der Pandemie seid ihr ja noch häufiger tanzen gewesen, zum Beispiel in der She Bar in Neuss. Mich interessiert, ob ihr den Eindruck habt, dass sich auf diesen lesbischen Partys auch lesbische trans* Frauen wohl fühlen. Hier in Berlin gibt es immer wieder Orte, die dahingehend noch Ausschlüsse reproduzieren oder sogar aktiv befördern.

Mutti: „Ich habe den Eindruck, dass dort eigentlich recht viele trans* Frauen auch immer unterwegs waren. Teilweise auch trans* Männer, die ihre Transition begonnen haben, als sie schon jahrelang in diesen Club gingen.“

Und mit den Türsteher*innen gab es dort keine Probleme, unabhängig davon, wie sie die Personen lesen? Mir fällt gerade ein, dass die Türpolitik sich irgendwann von „Lesben und Freunde“ (wahrscheinlich war damit Freund*innen gemeint) zu „Lesben und Freundinnen“ geändert hat. Da kommt bei mir die Frage auf: wie kontrollieren die das? Woran wird das festgemacht? Und was ist mit den trans* Männern? Wobei es ja auch einige trans* Männer gibt, die sich als lesbisch identifizieren.

Silke: „Nein, nicht, soweit ich das mitbekommen habe. Aber stimmt. Zuerst hieß es ,…und Freunde‘ und später nur noch ,…und Freundinnen‘.“

Mutti: „Stimmt, das hat sich geändert. Zu Weihnachten durften damals manchmal sogar noch hetero Männer mit rein.“

Also war immer klar, auch wenn die Wortwahl in beiden Fällen nicht ideal ist, dass es darum geht, ob die Person sagt: „Ich gehöre auf diese Party“ und nicht um die Wahrnehmung der Türsteher*innen oder um das, was im Ausweis steht.

Mutti: „Ja, soweit ich weiß schon. Ich denke, da gab es keine Probleme.“

Ihr habt einen Teil meines Freund*innenkreises kennengelernt, in dem sich die meisten Personen in irgendeiner Weise mit dem Begriff „queer“ identifizieren. Ich kenne auch die meisten eurer lesbischen Freundinnen. Glaubt ihr, dass sich die Unterhaltungen unterscheiden, die wir mit den Personen in unserem Umfeld über Sexualität und Gender führen?

Mutti: „Ich weiß es nicht. Wenn wir als Mädels-Gruppe unterwegs sind, dann ist das alles sehr locker und offen. Viel offener als mit Freundinnen, die hetero sind. Man redet anders miteinander. Also, mit den hetero Freundinnen redet man nicht so über…“

Silke: (lacht) „Oh Gott, genau wie diese Geschichte mit den Reistörtchen, die aussahen wie Brüste. Wir haben das ganze Restaurant belustigt.“

Mutti: „Naja, man unterhält sich eben über solche Sachen viel lockerer. Auch was die eigene Sexualität angeht – im Gegensatz zu Unterhaltungen mit hetero Frauen. Da redet man eher übers ,Wetter‘. Vielleicht nicht ganz so. Aber es ist auf jeden Fall anders. Und bei euch, da ist es so, dass man merkt: die jüngeren Leute gehen damit ganz anders um…“

Silke: „Die haben viel mehr Berührungspunkte in Berlin! Ich denke, dass es auch etwas mit den Clubs und Bars zu tun hat, in denen ihr unterwegs seid. Von daher geht ihr sicher auch viel lockerer damit um als wir in unserem hetero Umfeld hier.“

Mutti: „Deshalb ziehen diese Menschen doch überhaupt in die Großstädte. Da gibt es eine Szene. In den kleinen Gemeinden ecken sie eben an und sind unzufrieden und unglücklich.“

Silke: „Weil die Menschen hier einfach verkorkst sind!“

Fühlt ihr euch da manchmal isoliert?

Silke: „Ich nicht. Ich gehe ja auch recht offen damit um. Ich sage jetzt nicht: ,Guten Tag, ich bin Silke und ich bin lesbisch!‘, wenn ich Menschen kennenlerne, aber ich leugne es auch nicht.“

Mutti: „Die Leute, die wir kennen und mit denen wir befreundet sind, die akzeptieren das. Es sind eher Leute, die man nicht kennt. Fremde, die das nicht akzeptieren, die blöd gucken oder blöde Bemerkungen machen. Das sind nie Freund*innen oder Bekannte – das sind immer Fremde. Oder?“

Silke: „Und vor diesen Fremden hast du Angst.“

Mutti: „Hm.“

Silke: „Ja, das ist so.“

Für viele Personen in meiner Generation ist das Internet ein Weg andere queere Menschen kennenzulernen – besonders wenn sie in ländlicheren Gegenden wohnen und sonst überhaupt keinen Zugang haben. Silke, du hast eben im Gespräch kurz erwähnt, dass du auch mal Frauen im Internet kennengelernt hast. Hast du Lust zu erzählen, auf welchen Webseiten du unterwegs warst?

Silke: „Unterschiedlich. Eine war ganz kurios. Damals chattete man viel auf solchen Portalen. Und eines der Portale, in dem ich mal eine kennengelernt habe, hieß ,Mein schöner Garten‘, oder so.“

Mutti: (lacht) „Mein schöner Garten…“

Silke: „Das war witzig, ja!“

Ein lesbisches Dating-Portal, das „Mein schöner Garten“ hieß?

Silke: „Nein, nein, das war ein ganz gewöhnlicher Chatroom, in dem man geschrieben hat, ohne irgendwelche Ambitionen, persönlich Menschen kennenlernen zu wollen. Da ging man eben einfach zum Chatten hin. Und da habe ich halt auch mal eine kennengelernt. Aber auf Dating-Portalen auch.“

Und du, Mutti, warst du auch mal auf Dating-Portalen unterwegs?

Mutti: „Ich überlege gerade. Als es so angefangen hat, habe ich das mal ausprobiert übers Internet. Ja, aber… das war nichts für mich.“

Wir sind vor allem zu Anfang unseres Gesprächs immer mal wieder auf das Thema „Sichtbarkeit“ zu sprechen gekommen. Das ist ein Thema, das auch in meinem Umfeld sehr präsent ist: wenn es um trans* Sichtbarkeit geht, zum Beispiel, aber auch um die Sichtbarkeit von bisexuellen Personen oder asexuellen Personen in der Community… Gibt es politische oder soziale Themen, die in eurem Umfeld sehr wichtig sind?

Silke: „Dank COVID-19 haben wir ja fast keine sozialen Kontakte mehr. Also sind solche Gespräche natürlich auch nicht aufgekommen. Aber auch davor eigentlich nicht.“

Mutti: „Viele genießen es, dass sie so leben können, wie sie wollen und dass es mittlerweile auch in der Gesellschaft akzeptiert wird. Aber die Personen, die wir kennen sind eben auch weder politisch noch in der Szene großartig engagiert. Die leben einfach ihr Leben, so wie wir. Wir sind ja selber nicht engagiert, da noch großartig Sachen zu fordern…“

Wie nehmt ihr meine Generation als Teil der LGBTQIA+ Community wahr?

Silke: „Ich für meinen Teil finde es super, dass es mehr wird. Auch, dass die politische und mediale Repräsentation besser wird. So sehen die Menschen auch endlich: ,Ey, das gibt es einfach und es ist etwas, das man akzeptieren sollte!‘ Demnach finde ich gut, dass du jetzt auch sowas machst – Interviews in Zeitschriften bringst, Vorträge hältst, deine Bachelorarbeit. Ich finde das gut.“

Mutti: „Ich auch. Uns gab es schon immer. Wir sind zwar eine Minderheit, aber wir sollten dafür nicht benachteiligt oder ausgegrenzt werden, nur weil wir nicht der Norm entsprechen! Es ist wichtig, dass Menschen verstehen, dass die sexuelle Orientierung oder die Geschlechtsidentität ein Spektrum ist. ,Normal‘ ist immer, was die Masse, oder die Mehrheit vorgibt. Aber es gibt eben auch so viel dazwischen. Das muss man einfach akzeptieren, anstatt zu versuchen, Menschen wieder ,gerade‘ zu biegen.“

Silke: „Oder zu sagen: ,Du gehst jetzt ins Kloster!‘“

Ich habe manchmal schon den Eindruck, dass sich die Kämpfe unterscheiden, die unsere Generationen führen oder geführt haben, im lesbischen und queeren Kontext. Allein die Unterscheidung der Begriffe wird ja schon sehr politisiert, man stößt häufig auf eine Menge Gegenwind.

Mutti: „Also so nach dem Motto: ,Wir haben gelitten und gekämpft und ihr zieht jetzt den Nutzen daraus?‘“

Ich würde eher sagen: „Wir haben für lesbische Sichtbarkeit gekämpft und jetzt seid ihr alle nicht-binär – oder queer. Ihr wollt uns unseren Begriff nehmen.“ Ich denke, da gibt es verschiedene Ausprägungen. Vielleicht auch „Ihr solltet keinen Zutritt zu unseren Räumen haben.“ Letzteres besonders gegenüber trans* Femmes.

Silke: „Also ich habe damit keinen Konflikt. Ich sehe auch keinen, nicht zwischen unseren Generationen. Du bist einer der wenigen Berührungspunkte in deiner Generation, die wir haben. Und mir ist es vollkommen egal, welche Begriffe da jetzt verwendet werden. Du kannst mich sowohl queer als auch lesbisch nennen, damit habe ich kein Problem.“

Mutti: „Ich auch nicht. Der Ausdruck ist mir eigentlich egal. Letztendlich geht es darum, dass die Gesellschaft akzeptiert, dass es Frauen gibt, die Frauen lieben, Männer, die Männer lieben, Frauen, die eher maskulin sind, Frauen, denen bei der Geburt ein männliches Geschlecht zugewiesen wurde und umgekehrt. Es geht darum, dass die Gesellschaft das akzeptiert und die Worte drumherum sind eigentlich egal. Es geht um die Akzeptanz der Lebensweise, die für einen wichtig ist.“

Okay. Danke! Wenn ihr noch Rückfragen habt…

Silke: „Ich hab da noch eine Frage an dich!“

Hau raus!

Silke: „Wenn wir hier über dich reden – dann kann ich doch nicht immer sagen: ,Das ist deinem Kind sehr wichtig‘ oder: ,Das ist Lee sehr wichtig‘? Aber gibt’s irgendwas… Also ich darf ja nicht sagen: ,Das ist ihr wichtig‘ oder: ,ihm wichtig‘. Es gibt kein Wort dafür.“

Lee!

Silke: „Das ist Lee sehr wichtig. Ich sach och immer: dat isset wichtig!“

Mutti: „Dat isset wischtig!“

Silke: „Wenn die nämlich immer [Lees Deadname] sagt, dann sag ich: ,Lee, dat isset doch wichtig!‘“

Ach, Mist. Es gibt noch einen Label, das ich abfragen wollte: „Dyke“.

Silke: „Du hömma, das hab ich heute zum ersten Mal gehört.“

Mutti: „Ich hab das auch vorhin googlen müssen.“

Kennt ihr nicht den Dyke March? Der ist am Abend vor dem CSD. Wo die ganzen Dykes demonstrieren?

Mutti: „Nein…“

Silke: „Nein…“

Die Dykes on Bikes mit ihren Motorrädern?

Silke: „Nein.“

Mutti: „Nein. Wir sind schon älter, wir sind nicht mehr so in der Szene unterwegs. Also wenn ich mal wieder solo bin, gehe ich vielleicht mal wieder in die Szene…“ (lacht)

Aber ihr geht ja schon zum CSD…

Silke: „Joa…“

Mutti: „Ja.“

Silke: „Samstags… Am Ende schreibt Lee ,Die sind gar keine Lesben!‘“

Mutti: „,Die tun nur so, als ob!‘“

Überschrift so: „Also Dykes sind sie auf jeden Fall nicht“.

°Glossar

Butch ist eine Selbstbezeichnung queerer und lesbischer Frauen, nicht-binärer und trans* Personen. Den Begriff nutzen Personen, um ihre tendenziell maskuline Geschlechtspräsentation zu beschreiben, aber auch eine Rolle in der lesbischen und/oder queeren Community.

Dyke war ursprünglich ein Schimpfwort für lesbische Frauen, wurde aber als positive Selbstbezeichnung wiederangeeignet und hat eine sehr politische Konnotation.

Femme ist eine Selbstbezeichnung, die vor allem lesbische und queere Frauen, nicht-binäre und trans* Personen nutzen. Femme beschreibt eine eher weibliche Geschlechtspräsentation, aber auch eine Rolle in der queeren und/oder lesbischen Community.

Mutti möchte hier nicht namentlich genannt werden.

Nicht-Binär: „Als nichtbinär oder nonbinary bezeichnen sich Menschen, die sich nicht als Mann oder Frau identifizieren, sondern als beides gleichzeitig, zwischen männlich und weiblich oder als weder männlich noch weiblich“ (Queer Lexikon). Manche Menschen kürzen den Begriff mit „Enby“ ab. Für einige nicht-binäre Personen bedeutet ihr Nicht-Binär-Sein auch, dass sie trans* sind. Andere nutzen den Begriff für sich nicht.

Poly(-amourös/-gam): Wenn eine Person polyamourös oder polygam ist, heißt das, dass sie sich nicht auf eine monogame Partner*innenschaft oder eine*n Sexpartner*in festlegt. Polygame und polyamouröse Personen können feste und beständige Beziehungen führen, wenn sie das so wollen. Manche Menschen führen davon mehrere. Personen, die polyamourös oder polygam sind haben ebenso wie monogame Menschen verschiedene Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierungen, können also homo-, bi-, pan-, hetero- oder asexuell sein, Frauen, Männer, Enbys und so weiter.

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Lee (Lee/they) ist Politik- und Kommunikationswissenschaftler*in und arbeitet wissenschaftlich wie journalistisch zu politischer Bildung, queerer Sexualaufklärung, sexualisierter Gewalt, sozialen Medien und Queerfeminismus. Ehrenamtlich ist Lee Vorsitzende*r des NotAnObject e.V., der eine Plattform für Betroffene sexualisierter und queerfeindlicher Gewalt bietet.

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