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Asexualität: Warum versteht ihr nicht, dass ich einfach kein Interesse an Sex habe?

Bi-, homo- oder heterosexuell, das können die meisten mittlerweile einordnen und wissen, was damit gemeint ist. Aber asexuell?

 

Stimmt was nicht mit mir?

Schon als ich 16 war ist meine Großmutter in alarmierte Torschlusspanik verfallen, weil ich „immer noch nicht” unter der Haube war. Heute werde ich entweder mit irritierten und verständnislosen Blicken, amüsierten und etwas überheblichen Aussagen, nach dem Motto „ Sei doch nicht so schüchtern” oder mit einer fürsorglichen Besorgnis konfrontiert, wenn jemand dem simplen „Nein” auf die Frage nach meinem Beziehungsstatus weiter nachgehen muss. Du hast keinen Freund? Nein, und ich habe auch kein Interesse.

Kein Interesse stimmt insofern nicht, dass ich durchaus eine partnerschaftliche Beziehung in Betracht ziehen würde – nur scheitert es meist daran, dass sie für mich in erster Linie auf geistiger und emotionaler Ebene interessant ist, ohne sexuelle Komponenten. Was sich die meisten Menschen nicht vorstellen können. Dass ich noch dazu leidenschaftlicher Single bin, überfordert sie dann vollends. 

Ich habe schlicht kein Interesse 

Schon als Teenager habe ich nicht so recht verstanden, wenn meine Freundinnen für die aktuellen Medien-Sixpacks oder überhaupt für Männer geschwärmt haben. Deshalb dachte ich eine Zeit lang, ich sei wahrscheinlich homosexuell. Das ist auch meistens eine der nächsten Fragen im Gespräch mit mir: Hättest du vielleicht lieber eine Frau?, (meist kombiniert mit einem sehr liberalen Blick, hey, dafür brauchst du dich nicht zu schämen!) Aber auch Frauen kann ich in dieser Hinsicht nichts abgewinnen. Sixpack, Löwenmähne: Gut aussehend, ja. Aber nicht sexuell attraktiv. Auch ,Sex sells‘ funktioniert bei mir nicht. Würde man ein Shampoo mit einer duftenden Blumenwiese bewerben, würde mich das ansprechen. Aber nackte Menschen? Nichts.

Mittlerweile weiß ich, dass ich schlicht asexuell bin und dass auch, wenn mir jemand aus seinem inneren Kern heraus attraktiv erscheint, keinerlei Wunsch entsteht, mit ihm in die Kiste zu steigen. Aber, mir fehlt dabei absolut nichts. Und, genau deshalb ist es vollkommen in Ordnung. Ich bin nicht gestört, nicht krank und ich habe auch keine schlechten Erfahrungen gemacht, aus denen heraus ich Sexualität ablehnen würde, sodass ich (im Gegensatz zu manchen Menschen in meinem Umfeld) nicht unter meinem asexuellen Singledasein leide. 

Aber ist es nicht vielleicht einfach völlig egal?

Für den richtigen Partner könnte ich mir vorstellen, notfalls, im Rahmen des „Geben und Nehmens” einer Beziehung, gelegentlich auf seine Bedürfnisse einzugehen, wenn er darauf gar nicht verzichten kann. Aber für mich brauche ich es grundsätzlich nicht. Kein Küsschen hier, kein Negligé da, nichts. Du darfst mich gerne in den Arm nehmen, während wir beim Pasta-Kochen über normative Ethik philosophieren, aber das war’s dann auch schon. Und bis ich jemanden gefunden habe, der eine platonische Liebesbeziehung auch außerhalb von Freundschaften genauso schätzt wie ich, lasst mich bitte einfach in Ruhe. Denn es ist vollkommen egal, ob jemand homo-, hetero-, bi, asexuell oder von allem ein bisschen ist. Hauptsache er oder sie fühlt sich wohl damit. Willkommen im Jahr 2017!


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