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Falscher Zeitpunkt für Gleichberechtigungsdebatten: der Männerabend

In ihrer Kolumne „Familie und Gedöns“ schreibt Lisa über alles, womit sich Eltern so beschäftigen (müssen), diesmal: ermüdende Diskussionen.

Ermüdende Diskussionen mit der Herrenrunde

Gestern also. Das vierjährige Kind durfte am „Männerabend“ teilnehmen, was bedeutete, dass es von mir legitimiert eine Tüte Chips in sich reinfraß und als Bierersatz ein Glas Milch nach dem anderen auf ex trank, gehüllt in ein absolutes Freak-Outfit, bestehend aus einer XL-Herrenshorts mit dem Logo der deutschen Nationalmannschaft, einem FC-Bayern-Trikot mit Commodore-Aufdruck, FC-Bayern-Fankappe und -Schal. Im Fernsehen gab es denn DFB Pokal zu sehen.

Eigentlich hatte ich mich gefreut auf die Herrenrunde, ich durfte nämlich auch teilnehmen. Das Problem war wahrscheinlich, dass wir während des Spiels zu viel über fachfremde Dinge redeten. Das hätten wir mal bleiben lassen sollen. Ich meine das wirklich nicht böse. Es ist nur so, dass ich manchmal Ermüdungserscheinungen spüre, weil ich viel zu oft ohne zufriedenstellendes Ergebnis über immer gleiche Themen diskutiere.

Da saßen also mehrere moderne Jungväter, erzählten von den großen Freuden des Vaterdaseins und der gerade stattfindenden Kita-Eingewöhnung. Entsetzt waren sie allesamt, als sie erfuhren, dass die Frauen in Frankreich und Belgien ihr Kind nach drei Monaten in die Kita stecken, um wieder arbeiten zu gehen, und es in den USA überhaupt keinen gesetzlichen, bezahlten Mutterschutz gibt, die Frauen also oft schon nach wenigen Wochen wieder im Büro aufschlagen. Da seien die Regelungen in Deutschland wirklich toll: „Das mit dem ganzen Jahr finde ich schon gut, das braucht man auch echt, um sich einzufinden.“

Zwei Monate Elternzeit? Ist ja toll!

Einzufinden? Man? Ein Jahr? Alle anwesenden modernen Jungväter hatten es sich nicht nehmen lassen, zwei Monate Elternzeit einzureichen und in dieser Zeit einen herrlichen Urlaub mit der neuen Kleinfamilie an wunderschönen Orten verbracht. Ist wohl auch einfach mein Problem, dass ich jedes Mal darauf einsteige und es nicht hinnehmen kann, dass die Zustände, Verhältnisse, wie auch immer man es nennen mag, im Moment noch nicht so sind, wie ich mir das wünsche, und dass Veränderung viel Zeit braucht.

Ich lieferte also meinen üblichen Text ab, mein Mann sagte gar nichts, wahrscheinlich weil er wusste, dass er bei dem Thema eh nicht Richtiges sagen kann. Noch wahrscheinlicher: Er wollte in Ruhe das Spiel sehen. Jedenfalls sagte ich, dass das mit dem Elterngeld ja schön und gut sei, aber verbesserungswürdig, dass es zum Beispiel gut wäre, wenn es nur dann  vollständig ausgezahlt würde, wenn beide Partner sich die Elternzeit 50:50 aufteilen würden. Entgeisterung und Ungläubigkeit in den Gesichtern der modernen Jungväter: Aber das hätte in ihrem Fall, so ganz individuell, ja den wirtschaftlichen Bankrott bedeutet, wenn die Frau Hedgefonds-Managerin oder Unternehmensberaterin wäre, dann hätte man da ja drüber reden können, aber so…

Dann zerschlug mein Mann versehentlich mit seiner Hefeweizenflasche mein Lieblingsglas, das ich dem Kind ausnahmsweise für seinen Bierersatz-Exzess zur Verfügung gestellt hatte, aus Milchglas und mit Äpfelchen drauf, ein Geschenk meiner Oma vor mehr als 30 Jahren.

Ich musste dringend ins Bett.

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Lisa Seelig arbeitet seit Ende 2014 für EDITION F, erst als Redakteurin, seit Januar 2020 als Textchefin. Ihre Themenschwerpunkte bei EF sind Familie, Leben mit Kindern und Geschlechtergerechtigkeit. Seit 2015 schreibt sie in ihrer Kolumne über die Freuden und Schrecken von Mutterschaft. Vorher hat sie einige populäre Sachbücher geschrieben und als freie Autorin für Zeitungen, Magazine und Online gearbeitet, darunter Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Spiegel Online, Zeit Online, dummy und Neon. Wichtigstes Learning aus der Journalistenschule: „Das versendet sich.“ Foto: Jennifer Fey

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