Fotos: zVg.

„Ich versuche, gut zu mir selbst zu sein, in dem ich mich gut versorge, gut esse, gut schlafe“

Wie können wir gut zu unserem Körper sein? Im Interview sprechen Julia vom Kollektiv @wirmuesstenmalreden, der Autor und Buchhändler Linus Giese sowie die Unternehmerin Jen Martens über das Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse, Kapitalismus und Schönheitsideale.

Verspannte Schultern, ominöse Hungergefühle, Spannungskopfschmerzen – im Laufe des Tages sendet uns der Körper diverse Signale, die meist bedeuten: „Hallo, ich bin auch noch hier! Kümmere dich um mich!“ Das Problem dabei: Unsere Gesellschaft vermittelt uns, dass es tausend wichtigere Dinge gibt, als diesem Ruf nachzukommen. Arbeit zum Beispiel, Diätpläne oder den Anschein zu erwecken, produktiv zu sein. Woran das liegt? Unter anderem am Kapitalismus. Aber nicht nur der kann dazu führen, dass wir kein besonders gutes Verhältnis zu unseren Körpern haben. Denn unsere Gesellschaft ist auch patriarchal, cisnormativ, rassistisch, ableistisch und fettfeindlich. Menschen unter diesen Umständen etwas von Selbstliebe zu erzählen, ist da eher kontraproduktiv.

Was können wir denn dann machen, um gut zu unserem Körper zu sein? Wir haben Julia vom Kollektiv „Wir muessten mal reden“, den Autoren und Buchhändler Linus Giese und die „Ōmaka“-Gründerin Jen Martens gefragt.

Zum zweiten Teil des Artikels kommt ihr hier!

Julia (@wirmuesstenmalreden)

Julia ist Teil des Kollektivs „Wir muessten mal reden“ und klärt auf dem Blog und der Instagram-Seite des Kollektivs über Rassismus, Fettfeindlichkeit, Kolonialismus, Body Positivity und die Unsichtbarmachung indigener Personen auf. Sie hat gemeinsam mit ihrem Kollektiv das Buch „Dear Discrimination“ veröffentlicht und arbeitet aktuell bei „DisCheck“ – einem Beratungskollektiv für alle, die Medieninhalte diskriminierungssensibel und intersektional gestalten wollen.

Nats, Julia und Esin von @wirmuesstenmalreden | Foto: privat

Wie ist dein Verhältnis zu deinem Körper?

„Eine echte Hassliebe! Als mehrfachmarginalisierte indigene, fette Person ist es ein täglicher, pausenloser Kampf, meinen Körper positiv – oder überhaupt – wahrzunehmen. Insbesondere in einer Gesellschaft, die mir einredet, dass ich das nicht darf, weil mein Körper als etwas Schlechtes angesehen wird; in einer Gesellschaft, die die Existenz meines Körpers konstant leugnet, ignoriert und relativiert.

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Und auch hier muss ich mir immer wieder bewusst machen: Selbstliebe und Selbstakzeptanz verändern nicht die Tatsache, dass marginalisierte Menschen weiterhin diskriminiert, unterdrückt und ausgegrenzt werden. Ich finde, es ist wichtig, das zu erwähnen, denn systemische und institutionelle Marginalisierung(en) beeinflussen die eigene Selbst- und Körperwahrnehmung maßgeblich; es ist also nicht nur ein individuelles Problem, sondern ein strukturelles.“

Wie sind deine Strategien, um auch in stressigen Zeiten auf die Signale zu achten, die dein Körper dir sendet?

„Ich weiß nicht so wirklich, wie ich darauf antworten soll. Es sind mehr meine chronischen Krankheiten, die mich dazu zwingen, Pausen einzulegen und mich oft auch komplett lahmlegen, ob ich das nun will oder nicht. In einer kapitalistischen Welt funktioniert das eher schlecht.“

Was bedeutet es für dich, gut zu deinem Körper zu sein?

„Ich habe mir folgende Frage gestellt: Wie beeinflussen mich vor allem gesellschaftliche Normen im Bezug darauf, wie ich Selbstfürsorge definiere und umsetze? Ich denke, das zu klären und zu hinterfragen, ist wichtig. Für mich ist Selbstfürsorge zum Beispiel, einfach mal Dinge zu essen, die gesellschaftlich als ,schlecht‘ wahrgenommen werden und deren Verzehr somit auch mit Scham belastet ist, insbesondere als fette Person.

Ich habe mich jahrelang nicht getraut, in der Öffentlichkeit ,Fast Food‘ zu essen, während meine normgewichtigen Freund*innen das als selbstverständlich wahrgenommen haben. Ich habe viel zu viele Negativerfahrungen gemacht – zum Beispiel im Restaurant zu sitzen und schamlos fotografiert zu werden oder ständig gesagt zu bekommen, dass ich mich eigentlich zuhause verkriechen sollte, bis ich schlank bin.“

Hast du einen Tipp für Personen, die nachsichtiger mit sich und ihrem Körper sein möchten?

„Frag dich: ,Verweigere ich mir selbst, meinem Körper und meiner Seele etwas, was ich wirklich brauche oder möchte, weil es gesellschaftlich als inakzeptabel gilt, schambelastet ist oder vielleicht tabuisiert wird?‘ Und vor allem: ,Richte ich meine Selbstfürsorge-Praktiken danach aus, was mir guttut oder mache ich das für jemand anderen?‘

Der zweite Aspekt, den du dann für dich herausfinden solltest, ist: ,Wie sieht Selbstfürsorge für mich persönlich aus?‘ Das beinhaltet natürlich auch, Dinge auszuprobieren, neue Routinen zu erarbeiten und zu schauen, was dir guttut. Es bedeutet auch – und das ist wichtig –herauszufinden, was dir schadet, dich schwächt und dich langfristig zerstört. Selbstfürsorge ist nicht einfach einen Tag die Woche entspannen, während man die restlichen Tage nur wünscht, dass sie vorbeigehen. Es ist leider ein großes Problem in unserer (kapitalistischen) Gesellschaft, dass wir oftmals gar keine andere Wahl haben, als Selbstfürsorge zu vernachlässigen oder sie auf kleine, kurzfristige Dinge zu beschränken.“

Linus Giese

Linus arbeitet derzeit in der Buchhandlung „She said“, die ausschließlich Bücher von weiblichen und queeren Autor*innen führt. Darunter auch ein von Linus verfasstes Buch: Nachdem er mehrere Jahre lang auf seinen Blogs „buzzaldrins.de“ und „ichbinslinus.de“ über Bücher und seine Transition geschrieben hat, veröffentlichte er im vergangenen Jahr sein erstes Buch „Ich bin Linus“, in dem er auf 224 Seiten erzählt, wie er der Mann wurde, der er schon immer war.

Foto: Annette Etges

Wie ist dein Verhältnis zu deinem Körper?

„Das Verhältnis zu meinem Körper war lange Zeit schwierig. Ich habe mich jahrelang seltsam abgeschnitten von mir selbst und meinem Körper gefühlt, das hat sich erst mit meinem Coming-out als trans Mann geändert. Seit fast drei Jahren nehme ich nun Testosteron und fühle mich durch die vielen kleinen Veränderungen immer wohler mit mir und meinem Körper. Jetzt erfreue ich mich oft an Kleinigkeiten – zum Beispiel an den Haaren auf meinem Handrücken oder den Stoppeln im Gesicht. Mein Körper ist heutzutage nichts Fremdes mehr für mich, sondern eine kleine Entdeckungsreise.“

Wie sind deine Strategien, um auch in stressigen Zeiten auf die Signale zu achten, die dein Körper dir sendet?

„Ich übe da selbst noch. Für mich war es oft schwer, diese Signale überhaupt wahrzunehmen. Seit ein paar Wochen habe ich einen neuen Therapeuten, mit dem ich viel an meinem Selbstwert arbeite und daran, meine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. In meiner letzten Sitzung habe ich die Hausaufgabe bekommen, mir immer aufzuschreiben, welche Bedürfnisse ich spüre. Das sieht dann so aus: Donnerstag, 16 Uhr – Spaziergang. Oder: Freitag, 10 Uhr – Lust auf Kakao und etwas Süßes. Für mich ist ein erster wichtiger Schritt, mir die Zeit zu nehmen, diese Bedürfnisse wahrzunehmen und ihnen dann auch nachzugehen. Ich war lange Zeit in einem solchen Hamsterrad, dass ich nicht einmal mehr gemerkt habe, dass ich gerne etwas Warmes trinken würde.“

Was bedeutet es für dich, gut zu deinem Körper zu sein?

„Bei der Autorin Mely Kiyak habe ich den Satz ,Ich entscheide mich für mich‘ gelesen – und war dadurch sehr berührt. Gut zu meinem Körper zu sein, bedeutet, mich für mich zu entscheiden und meine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Ich versuche, gut zu mir selbst zu sein, indem ich mich gut versorge, gut esse, gut schlafe. Gut zu meinem Körper zu sein, ist für mich gerade besonders wichtig, da ich vor drei Wochen operiert wurde – ich bin meine Brüste endlich los und die tägliche Wundversorgung ist eine schöne Gelegenheit für mich, in Kontakt mit meinem Körper zu treten. Ich dusche mich, massiere meine neuen Brustwarzen mit dem Duschstrahl, creme mich ein, betrachte mich im Spiegel und komme mir selbst dabei immer ein Stückchen näher.“ 

Hast du einen Tipp für Personen, die nachsichtiger mit sich und ihrem Körper sein möchten?

„Ich habe ganz viel durch die Begriffe Selbstwert und Bewusstsein gelernt. Ich glaube, unsere Körper sagen und zeigen uns ganz vieles, zum Beispiel dann, wenn sie eine Pause brauchen oder im Stress sind – wichtig ist, diese Zeichen bewusst wahrzunehmen. Lange Zeit habe ich nicht hingehört und musste erst wieder lernen, in Kontakt mit meinem Körper zu treten. Geholfen hat mir dabei die Psychotherapie, aber auch Dinge wie Yoga, Akupunktur und Atemübungen.“  

Jen Martens

Jen Martens ist die Gründerin des Start-ups Ōmaka, das vegane, zertifizierte, dermatologisch getestete Naturkosmetik für lockige und Afro-Haare in Deutschland herstellt und anbietet. Der Unternehmerin ist es ein großes Anliegen, qualitativ hochwertige Produkte für alle Lockentypen herzustellen, die wenig Verpackungsmüll verursachen.

Foto: Steve Thomas Photography

Wie ist dein Verhältnis zu deinem Körper?

„Ich habe ein sehr gutes und natürliches Verhältnis zu meinem Körper. Früher habe ich eher den Fokus darauf gelegt, fit zu sein und viel Sport gemacht – zum Beispiel Crossfit. Jetzt achte ich eher darauf, mich natürlich und gesund zu ernähren. Ich stille im Moment noch meinen kleinsten Sohn und mache seit Kurzem nebenbei wieder ein bisschen Sport. Aber mein Fokus liegt eher auf der gesunden Ernährung.“

Wie sind deine Strategien, um auch in stressigen Zeiten auf die Signale zu achten, die dein Körper dir sendet?

„Ich habe keine Strategien. In meiner zweiten Schwangerschaft habe ich gelernt, auf die Signale meines Körpers zu hören. In stressigen Situationen mache ich eine Pause, höre in mich hinein und versuche, Ruhe zu bewahren und den Stress abzufangen, bevor er körperlich wird. In der ersten Schwangerschaft hatte ich das „HELLP-Syndrom“, da habe ich mir von den Ärzt*innen viel reinreden lassen und hatte überhaupt keine Verbindung zu meinem Körper. Deshalb war es mir wichtig, dieses Verhältnis in der zweiten Schwangerschaft wieder aufzubauen.“

Was bedeutet es für dich, gut zu deinem Körper zu sein?

„Ich gönne mir Ruhepausen, soweit es geht. Außerdem trinke ich viel Wasser, gehe gemeinsam mit meinen beiden Kindern jeden Tag an die frische Luft, ernähre mich gesund, esse wenig Zucker und trinke keinen Alkohol. Und ich mache ja auch seit kurzem wieder Sport.

Natürlich eifere ich damit aber nicht irgendwelchen Schönheitsidealen hinterher oder lasse mich in Schubladen stecken. Wenn ich Bock auf etwas Süßes habe, gönne ich mir das auch, weil es in dem Moment einfach guttut. Es ist auch nicht so, dass ich dann am nächsten Tag das Gefühl habe, ich müsste drei Stunden Sport machen, um das auszugleichen.“

Hast du einen Tipp für Personen, die nachsichtiger mit sich und ihrem Körper sein möchten?

„Versucht zu lernen, auf eure innere Stimme und die Signale eures Körpers zu hören. Dein Körper wird dir sagen, was du brauchst. Wichtig finde ich auch, dass wir lernen, die Schönheitsideale zu ignorieren, die uns von den Medien vorgesetzt werden. Jeder Körper ist schön, so wie er ist, wenn man sich darin wohl fühlt. Allgemein sollte man sich nicht stressen lassen und sich einfach Ruhe gönnen. Ich würde sagen: Verbiete dir nicht alles, sondern schlag‘ auch mal über die Stränge, wenn dir danach ist.“

Warum du deinen Körper brauchst und wie du gut zu ihm sein kannst.

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Lee (Lee/they) ist Politik- und Kommunikationswissenschaftler*in und arbeitet wissenschaftlich wie journalistisch zu politischer Bildung, queerer Sexualaufklärung, sexualisierter Gewalt, sozialen Medien und Queerfeminismus. Ehrenamtlich ist Lee Vorsitzende*r des NotAnObject e.V., der eine Plattform für Betroffene sexualisierter und queerfeindlicher Gewalt bietet.

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