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Jennifer: „Eine Familie und einen Job zu haben, ist vollkommen normal – und sehr harte Arbeit“

Jennifer Kroll ist Verlagsleiterin bei Eden Books. Wir haben mit ihr über die Herausforderungen der Branche, ihre tägliche Arbeit und darüber gesprochen, warum es für sie keine Frage war, auch mit vier Kindern zuhause weiterhin Vollzeit als Führungskraft zu arbeiten.

 

„Mich als arbeitende Mutter zu erleben, prägt das Weltbild meiner Kinder“

Mit einem Vater als Lektor wurde Jennifer Kroll die Leidenschaft für Bücher eigentlich schon in die Wiege gelegt – und doch interessierte sie sich als Kind wesentlich mehr für den Mikrokosmos in Aquarien. Das aber hatte weniger mit einer mangelnden Liebe zum geschriebenen Wort zu tun als mit den durch die Politik bestimmten Verlagsbedingungen in der DDR.

Glücklicherweise ist das passé und sie heute Verlagsleiterin bei Eden Books. Wir haben mit ihr über ihren Werdegang, über ihren Alltag im Verlag und darüber gesprochen, wie wichtig es ist, dass sich berufliche Verwirklichung und Familie nicht ausschließen – und was dafür notwendig ist, dass das auch funktioniert.

Jennifer, du bist Verlagsleiterin bei Eden Books – klingt erst einmal nach einem Traumjob. Was reizt dich besonders an dem, was du tust? Und was ist für dich die größte Herausforderung?

„Tatsächlich ist dieser Beruf ein absoluter Traumjob, das ist mir auch vollkommen klar – er entspricht meinen Fähigkeiten und Leidenschaften, ich habe viel mit klugen Menschen zu tun, ich kann Ideen in die Tat umsetzen und Dinge gestalten, das befriedigt mich sehr. Und doch ist das Büchermachen kein einfaches Geschäft, und ich muss auch immer wieder damit leben, dass ein Buch, an dem mein Herz hängt, eben nicht von seinen Leserinnen und Lesern entdeckt wird. Das ist etwas, woran ich auch nach zwölf Jahren in der Branche noch knabbere.“

„Als sich mir die Chance bot, meine verlegerische Vision umzusetzen, hab ich diese natürlich ergriffen.“

Gibt es eigentlich den klassischen Weg ins Verlagswesen? Und wie sah deiner aus?


„Der klassische Weg wäre wohl das Germanistikstudium, Praktika und dann ein Volontariat im Lektorat. Ich habe mich für den Quereinstieg entschieden, habe Europäische Ethnologie und Anglistik/Amerikanistik studiert, dann an der Universität im Fachbereich Kommunikationswissenschaften gearbeitet und bin dann bei Schwarzkopf & Schwarzkopf im internationalen Buchvertrieb eingestiegen. Als die dortige Lizenzchefin gegangen ist, habe ich ihren Job übernommen und habe nach und nach den Programmbereich für mich entdeckt. Und als ich dann 2012 Michael Haentjes (CEO der Edel AG, Anm. d. Red.) kennenlernte und dieser mir die Chance bot, meine verlegerische Vision konkret umzusetzen, hab ich diese natürlich ergriffen.“

Dein Vater war Lektor und somit lag die Liebe zum Buch wahrscheinlich schon in der Familie – warum wolltest du als Kind trotzdem erst einmal Meeresbiologin werden? War das unbekannte Meer einfach doch spannender als die Bücher, die sowieso schon zuhause lagen?



„Heute ist es schwer zu glauben, aber ich war als Kind ziemlich introvertiert, ich habe entweder gelesen oder mich um meine Aquarien gekümmert. So ein Becken ist ein kleiner Mikrokosmos, das Licht ist anders, die Fische machen ihr Ding, damit konnte ich mich stundenlang beschäftigen. Ich habe meinen Vater manchmal im Verlag besucht, das kam mir alles recht staubig vor, damals wurde im Büro auch noch geraucht, und in der DDR war das Verlegen aus politischen Gründen auch noch eine ganz andere Angelegenheit, da sah ich mich eher nicht so. Dann lieber im Roten Meer schnorcheln.“

Deine Magisterarbeit im Fach Literatur hast du über Diskurse zu Frauen und Selbstbefriedigung geschrieben. Natürlich muss ich fragen: Was hat die Beschäftigung mit dem Diskurs ergeben?



„Schöne Frage, danke! Eine wichtige Erkenntnis war für mich, dass sämtliche Negativdiskurse zu Selbstbefriedigung bis heute in den Köpfen der Menschen festhängen, da war ich bei den Interviews mit jungen Frauen ziemlich erstaunt. Auch fand ich es interessant, wie wenig sich die deutsche Frauenbewegung positiv mit Sexualität beschäftigt hat, der sexpositive Feminismus spielt in den USA beispielsweise ja bis heute eine viel größere Rolle. Und eine weitere wichtige Erkenntnis: Das Ringen um den Umgang mit Selbstbefriedigung, auch in den Massenmedien – etwa in der BRAVO – hat wesentlich dazu beigetragen, dass der Orgasmus der Frau heute in der Paarsexualität eine sehr viel größere Rolle spielt, die Lust der Frauen am Sex ist selbstverständlicher geworden.“

„Ich erlebe den Diskurs um Bücher als sehr viel lebhafter als noch vor zehn Jahren.“

Wenn du auf die letzten Jahre zurückschaust: Wie hat sich die Verlagsbranche und auch dein Beruf im Speziellen verändert?



„Seit ich Bücher mache, erlebe ich einen ständigen Abgesang in der Branche – das Geschäft läuft schlecht, E-Books machen alles kaputt, Amazon zerstört die Buchkultur – und gleichzeitig erlebe ich den Diskurs um Bücher als sehr viel lebhafter als noch vor zehn Jahren. Buchblogger zelebrieren Buchkultur und nehmen meinungsstark an der Diskussion um viele Titel teil, das Lesen und auch die Literaturkritik ist dadurch demokratisiert worden – womit das Feuilleton lautstark ringt. Es wird immer schwerer, in dieser Vielstimmigkeit Bestseller zu platzieren, da die Autoritäten weggebrochen sind – aber das empfinde ich auch als Chance. Die Bücher, die wir bei Eden Books machen, fokussieren meist auf starke Persönlichkeiten und auf mitreißende Geschichten, damit sprechen wir emotional auch Leserinnen und Leser an, die nicht in den klassischen Medien unterwegs sind. Unser Claim ist nämlich: ‚Denn das Leben schreibt die schönsten Geschichten. Eden Books – der Verlag für Bücher, Menschen und Storys, die bewegen.’“

Wie muss man sich eigentlich einen typischen Arbeitstag von dir vorstellen?



„Oft bin ich als erste im Büro, ich verlasse mit den Kindern kurz vor acht das Haus. Mit dem ersten Kaffee gehe ich durch die Mails und sortiere meinen Tag, der meist von mehreren Meetings durchzogen ist – mit Kollegen, Autorinnen, Agenten et cetera. Ich verbringe sehr viel Zeit am Rechner, recherchiere und plane, ständig auf der Suche nach der nächsten guten Idee. Gegen Abend zieht es mich dann zur Familie, ich versuche, um 18 Uhr daheim zu sein, und esse fast immer mit der Familie gemeinsam.“

Es ist wichtig, auch die persönlichen Ziele jenseits des Berufs nicht aus den Augen zu verlieren – und für diese zu kämpfen.“

Dir stößt die männlich geprägte Arbeitswelt auf und du bist Mentorin für jüngere Frauen in der Buchbranche. Was muss sich denn speziell im Verlagswesen für Frauen noch tun und wie könnte man das umsetzen?



„Mir sind in den Jahren im Verlagswesen sehr viele talentierte, kluge junge Frauen begegnet, die sich mit ihrer ganzen Leidenschaft ins Büchermachen stürzen – von ihrer Kreativität und ihrem Fleiß hängt viel ab. Oft gerät dabei aber das Privatleben ins Hintertreffen, die Familienplanung wird auf unbestimmt vertagt, denn man ist mit dem Beruf so verwoben, dass dafür keine Kraft bleibt. Ich finde es wichtig, hier realistisch zu bleiben und sich nicht zu verheizen. Überstunden dürfen nicht selbstverständlich sein, und es ist wichtig, auch die persönlichen Ziele jenseits des Berufs nicht aus den Augen zu verlieren – und auch für diese zu kämpfen.“

Gibt es eigentlich eine Frauenfigur, die dich ganz besonders geprägt hat?



„Für mich war es immer selbstverständlich, dass ich für mich selbst verantwortlich bin, dass ich arbeiten werde und mich nicht auf einen Mann verlassen werde – als Kind einer alleinerziehenden Mutter in der DDR hab ich es nicht anders erlebt, und ich find das auch total schlüssig. Meine Mutter ist Künstlerin, hat einen verschlungenen Berufsweg hinter sich, wir hatten sehr wenig Geld, aber sie hat viel improvisiert und viel gelacht und ihre Freundschaften gepflegt. Diese Leichtigkeit angesichts einer nicht eben sorglosen Gesamtsituation ist bis heute eine große Inspiration für mich und meine jüngere Schwester, die Ausstellungsmacherin ist und auf die ich wahnsinnig stolz bin. Aber auch unserem Vater bin ich dankbar, anders als viele Väter in der DDR war er präsent in unserem Alltag und hat uns gleichzeitig ein unglaubliches Arbeitsethos vorgelebt.“

Du hast vier Kinder zuhause, bist gerade erst aus der Elternzeit zurückgekehrt und arbeitest wieder in Vollzeit. Wie lange warst du in Elternzeit und wie fühlt sich die Rückkehr an?



„Nach der Geburt meines Sohnes (heute 11 Jahre) und meiner ersten Tochter (heute 9 Jahre) bin ich nach zwei Monaten schon wieder in Teilzeit zurück in den Verlag gegangen – selbstgewählt. Das waren schwere Jahre, die mir sehr an die Substanz gegangen sind und in denen ich mich zerrissen habe. Mit meiner zweiten Tochter (jetzt 13 Monate) bin ich ein ganzes Jahr daheim geblieben. Ich fand es schwerer als erwartet, mir wurde dann erst klar, wie sehr mein Befinden auch davon abhängt, mit Gleichgesinnten zu tun zu haben, ich wurde schon ziemlich schwermütig. Abends ist man total erschlagen, hat aber eigentlich nix geschafft, und die Wohnung ist ein Schlachtfeld. Darum war ich doch sehr froh, wieder jeden Morgen in ein aufgeräumtes Büro gehen zu können, wo meine Meinung jemanden interessiert und ich Dinge zu Ende machen kann – mit insgesamt vier Kindern (mein Beutesohn ist 8) ist es daheim oft eine endlose Abfolge von Kochen-Aufräumen-Waschen-Trösten…“

Hast du je darüber nachgedacht, in Teilzeit zurückzukehren?



„Hab ich hinter mir, meine Erwartungen an mich selbst sind aber Vollzeit-Erwartungen, dem muss ich dann auch Rechnung tragen in meiner Zeitplanung.“

„Perfektionismus sollte man sich abgewöhnen.“

Einfach ist es sicher nicht, alles unter einen Hut zu bekommen. Wie organisierst du dich?



„Google Calendar. Regelmäßige Termine mit dem Team und der Familie, in denen die kommenden Wochen durchsortiert werden. Ich verlasse mich nicht auf mein Gedächtnis, das ist sonst vollkommen überlastet. Perfektionismus sollte man sich abgewöhnen. Ich brauche Zeit für mich, um Laufen zu gehen, im Wald zu spazieren und Pilze zu sammeln. Man muss lernen, das Telefon auszuschalten. Und auch akzeptieren, dass man vieles gar nicht kontrollieren kann – und auch nicht muss.“ 




„Ich weiß, dass es meinen Kindern sehr gut tut, mich als arbeitende Mutter zu erleben.“

Gab es je den Moment in dem du dachtest: Nein, das funktioniert so nicht mehr für mich? Ich muss umdenken oder kürzertreten?



„Meine neunjährige Tochter hat eine Form von Epilepsie, die sie sehr beeinträchtigt – sie nimmt starke Medikamente, ist häufig im Krankenhaus und hat große schulische Probleme, weil ihr Gedächtnis und ihre Konzentrationsfähigkeit durch diese Krankheit leiden. Sie braucht mich sehr, und wir haben eine sehr enge Beziehung. Es kostet sehr viel Zeit und Kraft, ihren Weg gemeinsam mit ihr freizuboxen – Inklusion ist an Berliner Schulen zwar Vorgabe, aber wird kaum gelebt, jede Förderung muss ich hart erkämpfen durch endlose Anträge, Gutachten und Tests. Es gibt immer wieder Tage, an denen ich denke, ich könnte das eigentlich auch hauptberuflich machen, weil ich es sonst einfach nicht schaffen kann, auch emotional. Aber ich weiß, dass mir das nicht reichen würde, und ich weiß auch, dass es meinen Kindern sehr guttut, mich als arbeitende Mutter zu erleben, das prägt ihr Weltbild ganz grundlegend. Meine große Tochter ist eine Kämpferin, die sich nicht unterkriegen lässt und voller Optimismus in jeden Tag marschiert, da erkenne ich mich wieder, und das ist die Kraft, die sie brauchen wird.“



„Mein Leben ist groß und bunt und voller Liebe.“

Meinst du, Vollzeit zu arbeiten ist auch deshalb für dich möglich, weil du eine Führungsposition innehast oder könnte das jede Frau aus deinem Team wuppen? Schließlich ist Kinderbetreuung auch immer mit einem gewissen finanziellen Aufwand verbunden.



„Der finanzielle Aufwand ist wohl nicht die größte Herausforderung – man braucht einen Partner, der bereit ist, mitzumachen und seinen Teil zu leisten, auch an Familienarbeit. Man muss Glück haben mit den Arbeitgebern. Und man muss sich auf einige Jahre ohne Hobbys und gepflegte Fingernägel einstellen. Eine Familie und einen Job zu haben, ist vollkommen normal – und wahnsinnig harte Arbeit. Dennoch empfinde ich täglich großes Glück, mein Leben ist groß und bunt und voller Liebe.“

Und zu guter Letzt: Welches Klischee gibt es zur Verlagsbranche, mit dem dringend aufgeräumt werden sollte?

„Wir sind gar nicht alle kurzsichtige Brillenschlangen – einige von uns haben schließlich auch Kontaktlinsen. Ich beispielsweise.“

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