Foto: Sebastian Geis

Warum Geld zum Ausgeben, Leihen und Teilen da ist

Unsere Kolumnistin schreibt für EDITION F PLUS jeden Monat einen Brief – dieses Mal an ihre Schwester, der es offenbar immer leichter fiel, Geld zu sparen. 

Liebe Amelia,

was meinen Menschen eigentlich, wenn sie sagen „Ich kann nicht so gut mit Geld umgehen“?

Bedeutet es, dass sie nicht sparen können? Geben sie Geld für unnötige Dinge aus? Oder verlieren sie den Überblick über ihre Ausgaben? Wenn ich es sage – und das mache ich sehr oft – meine ich (meist) alle drei Aussagen.

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Arbeiten statt sparen

Ich habe nicht gelernt, wie man spart. Und das liegt wahrscheinlich nicht an der Erziehung, da ich den Eindruck habe, dass du und unsere Schwester sparen konntet. Auf jeden Fall besser als ich. Ich erinnere mich, wie Amanda als Teenie richtig lange auf ein Sony-Ericsson-Handy gespart hat, mit dem man Musik hören könnte (keine Ahnung, wie ich diesen Satz der Gen Z erklären soll – nur so viel: ein Handy, das MP3 abspielen kann, war in den 00er-Jahren A HUGE DEAL). Oder wie du auf deine Miss-Sixty-Jeans gespart hast. Ich war so neidisch – sowohl aufs Handy als auch auf die Jeans, aber auch auf eure Fähigkeit zu sparen. Wenn ich mir etwas Teures kaufen wollte, habe ich einfach mehr gearbeitet statt zu lernen, wie man spart.

Ich habe mit 13 auf die Kinder unserer Nachbar*innen aufgepasst, Nachhilfe gegeben und mit 15 sogar die Schule geschwänzt für ein Vorstellungsgespräch in einer Baguetterie. Später habe ich im Callcenter gearbeitet, Inventur in Supermärkten gemacht, in einem Feinguss-Unternehmen und auf Messen ausgeholfen, in Cafés und in einer legendären Kneipe namens Bierdoktor gekellnert (lange Geschichte). Kurzum: An Arbeit fehlte es nie und wenn ich mir etwas gönnen wollte, ließ ich mir mehr Schichten geben, sodass ich mir meine Wünsche irgendwann erfüllen konnte. Arbeiten fiel mir einfach leichter als sparen.

Lernen, mit Geld umzugehen

Wir bekamen zwar Taschengeld, aber es war im Vergleich zu den anderen in der Schule wenig und reichte auf jeden Fall nicht für die Dinge, die meine Mitschüler*innen cool fanden. Ich habe mein Taschengeld damals vor allem dafür ausgegeben, dazuzugehören. Das ging so weit, dass ich sogar mal eine Pferde-Phase hatte, in der ich mir ständig die „Wendy“ gekauft habe, obwohl ich eigentlich Angst vor Pferden habe. Wenn ich kein Geld mehr hatte, musste auch mal die günstigere „Lissy“ her. Unsere Cousinen fanden es krass, dass wir überhaupt Taschengeld bekamen, weil das – wie viele, die in afrikanischen Haushalten groß geworden sind, bezeugen können – nicht sehr üblich ist. Meiner Mutter war es aber sehr wichtig, dass wir Taschengeld bekommen, damit wir früh lernen, mit Geld umzugehen.

Und das führt mich zurück zu meiner ersten Frage, was heißt eigentlich „mit Geld umgehen“? Dazu muss ich zunächst über mein Verhältnis zu Geld nachdenken. Ich bin nicht in Armut aufgewachsen, in Kigali gehörten wir zur Mittelschicht und in Deutschland auch. Doch als unsere Mutter studierte und wir dafür nach England zogen, war das Geld knapp. Unsere Nachbar*innen schenkten uns zum Einzug ihre alten Töpfe, wir kauften oft in Secondhandläden (damals war das noch günstig und galt als ziemlich uncool) und an Weihnachten transportierte unsere Mutter den gekauften Tannenbaum im öffentlichen Bus nach Hause, wofür sie natürlich von allen angestarrt wurde.

Die Marker für Armut

Dass uns Kindern nicht wirklich aufgefallen ist, wie knapp das Geld war, hat viel mit unserer Mutter zu tun und damit, wie sie sich darum bemühte, dass wir es immer schön hatten. Erst als ich viele Jahre später unsere alte Nachbarschaft in Norwich besuchte, fiel mir auf, dass das wirklich nicht die schönste Gegend war. Als Kind konnte ich das nicht einschätzen. Ich weiß nicht, wie es dir ging, Amelia, aber als wir nach Deutschland zogen, musste ich auch hier erstmal lernen, was die Marker für Armut eigentlich sind. Ich werde nie vergessen, wie mich ein Mitschüler mal fragte, wie oft wir bei Aldi einkauften. Ich wusste nicht, wie oft unsere Eltern dort einkaufen gingen und auch noch nicht, dass Aldi etwas ist, wofür man sich schämen soll. Jetzt tragen Berliner Hipster Aldi-Taschen als modisches Statement. Danke für nichts, Lars Eidinger.

„Sind Mozzarella-Sticks oder Latte macchiato unnötige Dinge? Mag sein, aber für mich haben sie damals Zugehörigkeit bedeutet.“

Armut und fehlendes Geld sind oft mit Gefühlen der Scham verbunden. Es geht immer auch um die Frage, wer dazugehört und teilnehmen kann. Klassenfahrten, Ausflüge, Adventskalender, Schultornister. Anhand so vieler Dinge lassen sich Aussagen zur finanziellen Situation einer Familie treffen. Wenn meine Freundinnen ständig ins Café wollten, um Latte macchiato zu trinken und Mozzarellasticks zu essen, wollte ich auch mit. Also habe ich Nachhilfe gegeben oder im Bierdoktor gekellnert, während sie feiern waren, damit ich bei den anderen Unternehmungen dabei sein konnte. Sind Mozzarella-Sticks oder Latte macchiato unnötige Dinge? Mag sein, aber für mich haben sie damals Zugehörigkeit bedeutet.

Mal schauen, wie lange das gut geht

Ich finde es nicht okay, Menschen vorzuschreiben, was nötig und was unnötig ist. Im Callcenter hatte ich eine Kollegin, die immer knapp bei Kasse war. Was ich nie vergessen habe: wie andere Kolleg*innen Kommentare darüber machten, dass es ja nicht so schlimm sein kann, wenn sie sich Gel-Nägel leisten kann. Wie kann man sich anmaßen, darüber zu urteilen, wie jemand anderes sein*ihr Geld ausgibt? Dürfen sich arme Menschen nichts gönnen? Oder müssen sie in Lumpen vor dir stehen, damit du ihnen ihre Armut abnimmst? Jetzt wo ich seit etwa zehn Jahren fest arbeite und etwas mehr Geld verdiene habe ich gemerkt, dass ich zwar immer noch nicht gut sparen kann, mich dafür aber nicht mehr schäme. Besitz ist mir nicht so wichtig, Designerkleidung löst nichts in mir aus und Möbel erfüllen für mich in erster Linie einen funktionalen Zweck. Ich mag leckeres Essen, aber meine Definition von lecker umfasst auch Curryking und Tiefkühlpizzen von Lidl.

„Wie kann man sich herausnehmen, darüber zu urteilen, wie jemand anderes sein*ihr Geld ausgibt?“

Das meiste Geld gebe ich für Dinge aus, die mein Leben einfacher machen, hauptsächlich Taxifahrten und Essenslieferungen. Mein Motto ist: Geld ist zum Ausgeben, Verleihen und Teilen da. Jetzt, wo ich diese Zeilen aufschreibe, merke ich, wie fahrlässig das klingt. Vor allem, weil wir wissen, dass 63 Prozent der Frauen im Alter weniger als 650 Euro Rente bekommen und damit einem größeren Armutsrisiko ausgesetzt sind als Männer. Es wäre sicher schlauer, etwas mehr beiseitezulegen, aber mein unerschütterlicher Optimismus gibt mir das Gefühl, dass es irgendwie immer Arbeit geben wird. Und solange es Arbeit für mich gibt, brauche ich nicht zu sparen. Mir ist bewusst, dass das ein ein sehr privilegierter Gedanke ist und es für viele Menschen nicht selbstverständlich ist, immer arbeiten zu können. Und natürlich habe auch ich diese Gewissheit nicht, aber aktuell ist mein Optimismus so groß, dass ich die Ungewissheit ganz gut ausblenden kann. Mal schauen, wie lange das gutgeht.

Let‘s talk about Money – Was machen wir mit Geld und was macht Geld mit uns?

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Anna Dushime ist in Ruanda geboren und lebt heute in Berlin. Sie ist Redaktionsleiterin für die Funk-Formate „Browser Ballett“ und „Aurel Original“ bei der Berliner Produktionsfirma Steinberger Silberstein. Als leidenschaftliche Podcasterin (u.a. „hart unfair“, „1000 erste Dates“, „Notaufnahme“) beschäftigt sie sich mit den Themen Politik, Popkultur, Dating und Diversität. Ihre Kolumne „Bei aller Liebe” erscheint alle zwei Wochen in der taz – und seit Juli 2021 ist Anna auch Kolumnistin für EDITION F PLUS und schreibt dort monatlich einen Brief.

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