Foto: Sebastian Geis

Ist Vereinbarkeit immer ein Kompromiss?

Nicht Vereinbarkeit ist das Problem, sondern unsere Vorstellung davon, findet unsere Kolumnistin Mirna Funk. 

Während ich mein Abitur machte, lebte ich bereits in einer eigenen Wohnung und verdiente mein Geld in einer Bar als Kellnerin. Zweimal die Woche, mittwochs und samstags, arbeitete ich bis mindestens vier Uhr morgens. Bier und Cocktails an Tische zu tragen, war maximal scheiße für meine Konzentration und dementsprechend auch für meinen Notendurchschnitt. Mir blieb jedoch nichts anderes übrig.

Ich saß übermüdet in der Schule und konnte diese beiden sehr unterschiedlichen Leben kaum unter einen Hut bringen, ich fühlte ich mich ständig hin- und hergerissen. Durch diese Zerrissenheit konnte ich nicht ordentlich abliefern und musste am Ende die zwölfte Klasse wiederholen. Mit viel Willenskraft und dem tiefen Wunsch zu studieren, schaffte ich mit Ach und Krach das Abitur. Das war meine erste Situation, in der Vereinbarkeit ein Rolle spielte: Schule und Arbeit. Ich musste beides vereinbaren, und heraus kam eine nicht gerade ideale Situation, sondern: Ein Kompromiss. 

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Das Dilemma der menschlichen Existenz

Denn ja, Vereinbarkeit ist immer eine Form von Kompromiss. So wie das gesamte Leben begleitet ist von Kompromissen, die wir eingehen müssen. Es ist das Dilemma der menschlichen Existenz. Der Umstand, dass der Tag nur 24 Stunden hat, die Woche sieben Tage, das Jahr zwölf Monate. Das sind Tatsachen, an denen wir nicht rütteln können. Zeitliche Tatsachen.

„Es ist das Dilemma der menschlichen Existenz. Der Umstand, dass der Tag nur 24 Stunden hat, die Woche sieben Tage, das Jahr zwölf Monate.“

Hinzu kommen die eigenen Grenzen. Die sind immer irgendwie dehnbar, beweglich, können verschoben werden. Aber auch hier gilt: Sie sind nicht aufzusprengen, nicht völlig aufzulösen. Sie existieren. Das heißt: Vereinbarkeit ist das Handeln im Rahmen von Grenzen, meinen persönlichen und den von außen vorgegebenen.

Eine andere Sozialisierung

Wenn heute von Vereinbarkeit gesprochen wird, dann ist meistens von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie die Rede. Und wer mir folgt, Lovers und Haters, weiß, dass ich mich dazu immer wieder kritisch äußere. Kritisch, wenn von der Unmöglichkeit von Vereinbarkeit gesprochen wird oder wenn geglaubt wird, für Vereinbarkeit müsse die Politik sorgen. Das liegt vor allem daran, dass ich mich als liberal definiere, ja, dass für mich die Freiheit des Individuums von großer Bedeutung ist.

Es liegt aber auch daran, dass ich in der DDR groß geworden bin, also in einem Land, in dem 1989 die Frauenerwerbsquote bei 91 Prozent lag. So hoch wie in keinem Land der Welt. Frauen bekamen in der DDR sehr früh Kinder und arbeiteten so gut wie ausschließlich in Vollzeit. Für die Kinderbetreuung war durch lang geöffnete Kindergärten und dem Hort in der Schule staatlich gesorgt. Oftmals blieben häusliche Tätigkeiten dennoch an den Frauen hängen.

Gleichzeitig war die Scheidungsquote um einiges höher als in Westdeutschland, in dem das klassische Ernährermodell vorherrschte, bei dem der Mann die Familie finanziell versorgte und die Frau sich ausschließlich um Kinder und Haushalt kümmerte. Dass die Scheidungsquote so hoch sein konnte, lag daran, dass Frauen durch ihre Vollzeitarbeit finanziell unabhängig waren und so die Freiheit besaßen, eine unglückliche Beziehung verlassen zu können.

Falsche Vorstellung von Vereinbarkeit

Diese Sozialisierung hat mich stark geprägt und dafür gesorgt, dass ich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht infrage stelle. Denn Vereinbarkeit war die Werkseinstellung und keine Ausnahme. Deswegen bekam ich auch ein Kind, ohne Angst vor einem Karriereknick oder langfristiger Altersarmut. Deswegen gab ich mein Kind ohne schlechtes Gewissen mit acht Monaten in den Kindergarten. Deswegen arbeitete ich völlig selbstverständlich in Vollzeit. Deswegen verließ ich den Vater meiner Tochter, als dieser sich nicht zu 50 Prozent am Haushalt beteiligte.

Was ich bis heute nicht tue, ist zu erwarten, dass mein Leben ideal verläuft. Ja, dass es irgendwie perfekt sein müsste. Ich weiß, dass ich durch diese Zweiteilung nicht zu 100 Prozent die Schriftstellerin und Journalistin sein kann, die ich ohne Kind sein könnte, oder dass ich durch diese Zweiteilung nicht zu 100 Prozent die Mutter sein kann, die ich ohne meine Arbeit sein könnte. Aber auch, wenn diese Zweiteilung, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, ein Kompromiss ist, so ist doch die Kombination aus beidem gleichzeitig der Idealzustand für mich. Denn ohne einen Beruf, ohne die Verwirklichung meiner Träume als Frau und vor allem als Mensch, würde ich eingehen. Und ohne Kind, ohne die Verwirklichung meiner mütterlichen Instinkte, die ich habe (und die nicht jede*r haben muss), würde ich als Frau und Mensch unglücklich sein.

„Wir haben nur dieses eine Leben, mit Grenzen und Möglichkeiten, und wir selbst entscheiden, wie wir diese 100 Prozent Leben aufteilen und wie viel Raum jeder einzelne Teil bekommen soll.“

Das Gefühl, dass die Frage nach der Vereinbarkeit oft hinterlässt, nämlich die Zerrissenheit, ist nicht der Vereinbarkeit selbst geschuldet, sondern der absurden Vorstellung, dass Vereinbarkeit nur dann gelingt, wenn alle Teile, die vereint werden müssen, so ausführbar sind, als würde man nur eines davon machen. Aber genau da liegt der Trugschluss. Wir haben nur dieses eine Leben, mit Grenzen und Möglichkeiten, und wir selbst entscheiden, wie wir diese 100 Prozent Leben aufteilen und wie viel Raum jeder einzelne Teil bekommen soll.

Vereinbarkeit – Wie viel Arbeit steckt im Leben?

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Mirna Funk, 1981 in Ostberlin geboren, studierte Philosophie und Geschichte an der Humboldt-Universität. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin und lebt in Berlin und Tel Aviv. Für den Roman „Winternähe“wurde sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis 2015 für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet. Im September 2018 produzierte der BR ihr Hörspiel „Auf einem einzigen Blatt Papier“
und im Dezember erschien ihr Kinderbuch „Wo ist Papa?“, das von der Vielfältigkeit moderner Familien erzählt.

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