Foto: Edith Held

„Unsicherheit entsteht für mich in erster Linie durch den Abgleich mit dem Außen“

Sie sei ein sehr unsicheres Kind gewesen, sagt die Film- und Theaterschauspielerin Alessija Lause. Dann kam die Bühne. Und mit ihr die Möglichkeit, in andere Rollen zu schlüpfen. Sich selber anzunehmen, so wie man ist, sei ein notwendiger Prozess. Alessija Lause spricht über ihre ganz persönlichen Unsicherheiten. Und gewährt uns einen Blick in ihr Zirkusleben – mitsamt Magie und Feenstaub. 

Der etwa acht Kilometer lange Fahrradweg ist dominiert von sattem Herbstgelb, das irgendwie beruhigend ist. Obwohl ich schon lange Interviews führe, ständig mit Menschen spreche und eine Menge Fragen habe, überkommt mich noch immer dieses Gefühl von Unsicherheit. Der Versuch, auf keinen Fall von sich abzurücken, ganz fokussiert zu sein, ohne Ablenkung. Und doch ist jedes neue Gegenüber erst einmal eine Herausforderung – denn ein Vertrauensverhältnis und daraus resultierend gute Gespräche entstehen vor allem dann, wenn sich die Beteiligten nicht verstellen müssen. Ob auch eine Frau wie Alessija Lause diese Unsicherheiten kennt? Eine Frau, die die Kamera gewohnt ist, seit sie denken kann? 

„Manchmal habe ich sogar die Straßenseite gewechselt“

Alessija ist Schauspielerin. Bereits, als sie ein Kleinkind ist, kommen immer wieder Menschen auf den wilden Lockenkopf zu und schlagen den Eltern vor, ihre Tochter vor die Kamera zu holen. Als sie alt genug ist, wählt Alessija den Weg, der sich schon irgendwie abgezeichnet hatte. Dabei sagt sie von sich selbst mit einer tiefen, warmen Stimme, die niemals auch nur eine Silbe verschluckt und in der sich ihre ungeheure Präsenz spiegelt: „Ich bin ein sehr, sehr schüchternes Kind gewesen. Ich bin auf dem Dorf groß geworden. Manchmal habe ich sogar die Straßenseite gewechselt, wenn mir jemand entgegenkam. Ich wusste nicht: Wie gehe ich mit den Menschen um? Ich hab lange Zeit versucht, mich durch die Welt zu bewegen wie eine ganz runde glatte Kugel, habe aufgepasst, dass da nichts ist, wo man mit dem Fingernagel hängen bleiben und so kratzen kann. Wo man sagen kann: Ach, Moment, da ist aber was! Das ist wahnsinnig anstrengend. Es ist zermürbend und es schränkte mich damals extrem ein, weil ich gar nicht alles zeigen konnte, was ich hätte zeigen wollen. Es ist nicht gesund und auch irgendwie schmerzhaft.“

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Ihre Mutter ist Kroatin, ihr Vater Deutscher. Noch vor der Schulzeit hat Alessija einen Großteil der Zeit in Pula bei ihren Großeltern verbracht. Dieser Teil ihrer Geschichte ist prägend für ihr Leben. Gerade jetzt, als erwachsene Frau, wird ihr das immer bewusster. „Meine Seele lechzt nach diesem Ort. Nach Meer und Wasser, den Liedern. Wie sehr ich mich dort wohlfühle. In Deutschland natürlich auch, aber es ist eben immer beides.“

Ich besuche Alessija unter Einhaltung der Corona-Auflagen bei ihr zu Hause in Berlin-Kreuzberg. Schon als ich den Hinterhof betrete, bin ich geradezu überwältigt von einer undurchsichtigen grünen Oase, ein bisschen wie diese wilden Bauerngärten, nur eben mitten in der Stadt. Sogar einen Teich gibt es. Von den Großstadtgeräuschen ist nichts mehr zu hören. Wenige Minuten später sitze ich an einem Holztisch in einer sehr hellen, offenen Wohnung, während Alessija an der Apfelpresse steht. „Ingwer?“, fragt sie. Strahlt dabei. Alessija ist ein Mensch, in dessen Anwesenheit das letzte Fünkchen Unsicherheit binnen kurzer Zeit erlischt.

„Man hat so ein Cape, so einen Superwoman-Umhang“

Vor uns stehen jetzt frisch gepresster Apfelsaft und Haferkaffee. Endlich setzt sich auch Alessija. Ich verfolge ihre Karriere schon länger. Habe sie in Theaterstücken erlebt, vornehmlich auf Berliner Bühnen, während sie mit namhaften internationalen Companys schon überall auf der Welt aufgetreten ist. Außerdem macht sie jede Menge Filme, spielt oft sehr eigenwillige Charaktere und beeindruckt mit ihrer Wandelbarkeit Feuilleton und Publikum gleichermaßen. Wie, möchte ich wissen, kam es dazu, dass sie von diesem wahnsinnig schüchternen Mädchen zu einer außergewöhnlich mutigen Schauspielerin wurde?

„Ich wollte immer in Verbindung sein mit Menschen. Und wenn man dann irgendwie schüchtern ist, dann ist es ja ein Tool, eine Möglichkeit, sich über eine Rolle und eine Geschichte auszudrücken, die nicht wirklich etwas mit einem selber zu tun hat. Dann kann das Selbst dahinter verschwinden. Und man hat so ein Cape, so einen Superwoman-Umhang und dann kann man plötzlich in Verbindung sein, ohne als reale Person eine Angriffsfläche zu haben und möglicherweise verletzt zu werden. In der Schule war ich plötzlich in der Theater-AG. Und das war einfach wow. Diese Stoffe, mit denen man sich da beschäftigt. Da geht ein ganz anderer Bereich auf.“ Das, sagt sie, habe sie auch in ihrem ganz normalen Leben sicherer gemacht, zusätzlich zu dem Umstand, dass sie mit ihrer Familie oft umgezogen sei. „Ich war immer die Neue. Und das ist einerseits natürlich beängstigend. Andererseits aber auch eine Riesenchance, denn du kannst dich ja immer neu erfinden und damit auch so einiges hinter dir lassen. Die kennen dich ja nicht.“

„Ich wollte immer in Verbindung sein mit Menschen.“ Alessija Lause – Foto: Edith Held

Das In-Verbindung-Treten mit anderen Menschen zieht sich durch die Biografie von Alessija. Das Erarbeiten von Stoffen im Kollektiv. Das gemeinsame Schaffen und Erschaffen. Ich denke darüber nach, ob sich die Form des Sich-Miteinander-Verbindens geändert hat, auch durch die wachsende Bedeutung von Social Media und ganz grundsätzlich der Digitalisierung. Ganz zu Beginn unseres Gesprächs sagte Alessija, sie sei Schauspielerin. Aber eigentlich würde sie lieber „Geschichtenerzählerin“ sagen. Wofür brauchen wir heute Geschichten? „Wir brauchen Geschichten, damit wir über unseren eigenen Tellerrand hinausschauen. Damit wir eine Meile in anderen Schuhen laufen. Unsere Seele braucht das auch. Und wir lernen so viel dadurch. Bestenfalls. Ich finde, in unserer Welt kreist mittlerweile alles so sehr um unser Selbst, um das Individuum. Es wird immer kleinteiliger.“

Und dann muss Alessija an den Anfang von „Fight Club“ denken, die Szene im Flugzeug, in dem der Erzähler (Edward Norton) sagt: „Everywhere I travel, tiny life. Single-serving sugar, single-serving cream, single pat of butter. The microwave Cordon Bleu hobby kit. Shampoo-conditioner combos, sample-packaged mouthwash, tiny bars of soap. The people I meet on each flight? They’re single-serving friends. Between takeoff and landing, that’s all we get.” Alles sei oft so single serving. Die Menschen leben zunehmend für sich allein, ohne Verbindung zu anderen. Es kommt zu Vereinzelung und Unverbindlichkeit – das könne doch nicht gesund sein.

„Man gibt viel zu vielen Leuten viel zu viel Macht über sich selbst“

Vielleicht ist diese Tendenz eine Quelle von einer sehr aktuellen Form von Unsicherheit. Durch Social-Media-Plattformen wie Instagram kommen wir in die ständige Versuchung, uns mit den vermeintlich perfekten Körpern und Gesichtern zu vergleichen. Und durch ein Fehlen von Verbindung und Kommunikation gibt es kein Korrektiv. „Unsicherheit entsteht für mich in erster Linie durch den Abgleich mit dem Außen“, sagt Alessija. „Mit der Digitalisierung kommt so eine Norm auf, das macht mir Angst. Man gibt viel zu vielen Leuten viel zu viel Macht über sich selbst – Menschen, die man nicht kennt. Die keine Relevanz im eigenen Leben haben. Was ich immer, immer weiter betreiben möchte: gut mit mir umzugehen und mein physisches Dasein als Geschenk zu sehen anstatt mich ständig für irgendetwas zu verdonnern, wofür ich gar nichts kann. Zum Beispiel, wenn es um körperliche Geschichten geht.“

Alessija beschreibt die Annahme ihrer selbst als einen lebenslangen Prozess. Dieser ständige Abgleich mit dem Außen sei das Problem. „Wir sind alle unterschiedlich. Unser komplettes Konstrukt. Unsere DNA gibt es immer nur ein einziges Mal. Aus einem ganz bestimmten Grund. Das sollten wir auch leben. Wenn wir uns einen Film anschauen und wir sehen da Leute, die ganz offen sind, die weidwund sind, dann heulen wir alle. Wir fühlen uns geehrt und berührt, wenn uns jemand im alltäglichen Leben gegenübersteht und uns sein*ihr Herz ausschüttet. Und trotzdem haben wir oft nichts Besseres zu tun, als das alles bei uns selbst mit Beton zuzuschütten. Das tut mir wahnsinnig weh und leid und ich bin selber genauso durch das Leben gegangen. Aber das braucht man nicht. Ich sag jetzt nicht, dass jede*r rausgehen und sagen soll: Ich bin der oder die Geilste. Aber sich komplett so anzunehmen und so zu leben, wie man ist und sich auch so zu zeigen, wie man ist – das ist wichtig.“ 

„Sich anzunehmen und sich so zu zeigen, wie man ist – das ist wichtig.“ Alessija Lause – Foto: Edith Held

Wir wechseln den Raum: Alessija ist Teil einer funktionierenden Hausgemeinschaft. Sie will mir unbedingt das Dach zeigen. Wir steigen die Treppen hoch, bis wir ganz oben sind und uns die Stadt zu Füßen liegt. Ich merke, dass ich schon lange keinen Überblick mehr hatte. Vor allem in diesem Pandemie-Jahr. Überall auf dem begrünten Dach sind kleine Gemeinschaftsinseln. Obwohl gerade nur wir hier sind, ist der Zweck dieses Ortes nahezu hörbar: Wie das Geschirr im Sommer klappert, der Grill bollert, die Vögel für Hintergrundmusik sorgen, außerdem ein Lachen in Wellen und Kinderstimmen. Das ist etwas, was wir in Berlin selten erleben: dass sich Nachbar*innen gut kennen, sogar befreundet sind.

Es gehört zu Alessija: Sie zieht andere Menschen an, fühlt sich wohl in der Gemeinschaft, der Energiepegel steigt noch weiter an. „Meine Mutter hat mir immer erzählt: Früher, als sie noch ein Kind war, haben sie in Pula sonntags alle ihre Stühle nach draußen gestellt und dann haben sie miteinander geredet, Geschichten erzählt. Diese Interaktionen finden immer weniger statt.“ Deshalb, sagt Alessija mit ernster Stimme, brauchen wir das Erzählen. Denn über Geschichten lasse sich reden. Und auch streiten auf eine gesunde Art und Weise.

„Es gehört zu unserem Beruf dazu, dass es Absagen gibt“ 

Ihre Eltern, erzählt Alessija, haben sie in all ihren Träumen, in allem, was ihr Spaß machte, immer voll und ganz unterstützt. Allerdings hatten sie, lange bevor die Schauspielerei konkret wurde, vor all dem Angst, was mit Bewertung oder Beurteilung zu tun hatte. Immer hieß es, ihre Tochter dürfe die Dinge nicht persönlich nehmen. „Das geht halt immer nur ein Stück weit“, Alessija lächelt. „Es gehört zu unserem Beruf dazu, dass es Absagen gibt. Die Hintergründe, warum Sachen mal nicht klappen, kann man sich oft gar nicht vorstellen. Es wird immer mal wieder eine bestimmte Rolle geben, bei der einem das Herz blutet, weil man das so wahnsinnig gern gemacht hätte. Früher war ich so, dass ich zusätzlich draufgehauen habe: Ja, war ja klar! Bist halt nicht gut genug! Heute sage ich: Ich hab mein Bestes gegeben. Wir müssen lernen zu sagen: Ich bin auch nur ein Mensch. Ist in Ordnung. Aber wichtig ist, nicht so schnell in diese Opferrolle zu fallen.“

„Ich kann mich gut abstrahieren. Ich guck mich dann an, als würde ich
eine andere Schauspielerin angucken.“ Alessija Lause – Foto: Igor Popovich

Aber was, wenn der Film abgedreht ist? Wenn das Theaterstück steht? Wenn nichts mehr zu machen ist, wenn das Probieren und Drehen vorbei ist und das Publikum Platz genommen hat. Wie sieht es dann aus mit der Unsicherheit? „Ich bin meine allerschlimmste Kritikerin. Und ich sterbe tausend Tode, wenn ich die Sachen nicht vorher einmal allein sehen durfte. Klar, auch in Hinblick auf die Reaktionen anderer. Aber vor allem, weil ich unsicher bin, wie ich das gemacht habe und ob ich das gut finde, was ich da gemacht habe und wie es umgesetzt wurde.“

Ich muss daran denken, dass ich mich – sobald ich mich vor einer Kamera sehe oder höre – von mir selbst nicht abgrenzen kann. Wie macht das Alessija, wenn sie sich selbst sieht, ist sie in der Bewertung ihrer eigenen Person beziehungsweise in der durch sie verkörperten Figur denn sicher? „Ich kann mich gut abstrahieren, ja. Ich guck mich dann an, als würde ich eine andere Schauspielerin angucken. Das können viele Leute nicht, ich kann das, musste es aber auch üben im Rahmen einer Kameragruppe, die aus meinen großartigen Schauspielkolleg*innen Teresa Harder, Julia Bremermann und Paul Frielinghaus besteht. Wir arbeiten permanent miteinander. Das ist ein Übungsprozess, sich selber anzugucken. Wir haben auch bestimmte Regeln und Kriterien, nach denen wir Feedback geben: Was hat gestimmt? Was hat gefehlt? – Wir fangen mit dem an, was gestimmt hat.“ 

„It’s not about you, it’s about the writer and the play.“ Larry Moss

Eine Definition von Unsicherheit ist auch, dass man in eine Situation gerät, die sich mit den bislang erlernten Routinen nicht meistern lässt. Der Körper reagiert dann oft mit Angst, mit Unsicherheit, wenn wir dazu gezwungen sind, ins eiskalte Wasser zu springen und uns neue Strategien anzueignen. „Ich glaube, meine Neugier überwiegt immer erstmal. Natürlich kriege ich irgendwann Schiss und denke: O Gott, worauf hab ich mich eingelassen. Aber mein großartiger Lehrer Larry Moss sagte immer: ,It’s not about you, it’s about the writer and the play.‘ Und es stimmt wirklich. Wenn man über die Rolle nachdenkt und von der Geschichte ausgeht, dann geht es plötzlich nicht mehr um einen selbst; wenn man versucht, der Rolle gerecht zu werden, dann verschwindet die Befindlichkeit. Es muss immer wieder weggehen von diesem Selbst.“ 

Auch, wenn der Begriff vielleicht schon etwas abgegriffen ist, ich möchte ihn verwenden: Alessija Lause ist eine Ausnahmeschauspielerin. Die ganz in die Figur hineingeht, ohne sich selbst zu verlassen. Die von Inhalten, von Stoffen, von Geschichten ausgeht und damit das Publikum von Film zu Film, von Stück zu Stück begeistert.

Wir stehen noch lange auf dem Dach, Alessija spricht über klassisches Theater, über Kino und Aufführungen, die ihr im positiven Sinn den Boden unter den Füßen weggezogen haben. „Mein Herz muss mitgehen. Gute Stücke oder Filme – die haben dieses Wow. Diese Magie. Diesen Feenstaub.“ – Und wir lassen den Blick schweifen über die im goldenen Herbst liegende Stadt. 

Manchmal stark, manchmal schwach. Warum Unsicherheit ein Teil von uns allen ist und wie wir damit umgehen – alle Inhalte.

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Anne-Kathrin Heier arbeitet seit Januar 2020 bei EDITION F. Sie taucht gern tief in Themen ein, liebt vor allem Reportagen, Interviews und Porträts und mag es, Menschen zuzuhören, ihre Perspektive zu verstehen und im Schreiben zu transportieren, was sie bewegt und umtreibt.

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