Foto: Jan Röder

Cordula Nussbaum: „Ich war schon immer eine kreative Chaotin“

Cordula Nussbaum ist die Publikumsgewinnerin unserer „25 Frauen, deren Erfindungen unser Leben verändern”. Sie hat eine Zeitmanagement-Methode für Menschen entwickelt, die mit strikten Zeitplänen so gar nichts anfangen können.

„Es gibt nicht den einen Weg, sondern nur deinen ganz eigenen“

Wer seine Ziele im Leben erreichen will, sollte seine Zeit so sinnvoll wie möglich nutzen. Das heißt: gutes Zeitmanagement, den Tag strukturieren, Pläne aufstellen. Aber wie soll man das umsetzen, wenn man schon alleine von dem Begriff Kopfschmerzen bekommt? Für Menschen, die Freiheit im Denken und Arbeiten brauchen, um glücklich zu werden und gute Leistung zu bringen, ist das Konzept des perfekt geplanten Tages zu starr und zu verkopft, um es anwenden zu können. „Diese Menschen fühlen sich dann, als würden sie falsch ticken“, sagt Cordula Nussbaum, denn obwohl jedes Unternehmen heute Querdenker wolle, stieße diese Gruppe Menschen, die Nussbaum „kreative Chaoten“ nennt, dann sehr schnell an Grenzen, „wenn sie mit neuen Ideen und eigenen Vorstellungen kommen“.

Dabei brauchen die kreativen Chaoten lediglich einen anderen Ansatz als systematische Analytiker, um produktiv zu arbeiten und dabei sich selbst nicht aus dem Blick zu verlieren. Genau den hat Nussmann entwickelt – einen der entgegen der üblichen Tipps auf mehr Freiräume, statt auf penible Zeiteinteilung setzt. Die Methode der Münchnerin ist gefragt, sie ist mittlerweile sehr erfolgreich als Speakerin, Buchautorin und Coach für das Thema Selbstmanagement und arbeitet mit Führungskräften aus Unternehmen wie Siemens, Daimler oder GE Healthcare zusammen. Eine Karriere, die sie aus dem Ärmel geschüttelt hat? Nein. „Mein Beruf ist gewachsen, sagt sie. Ich hätte nie einfach beschließen können, ich werde jetzt Coach und verhelfe anderen zum Erfolg.“

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Wie aus einer Krise eine ganz neue Möglichkeit entstand

Wäre im Jahr 2000 nicht die große Medienkrise gekommen, wäre das Leben von Cordula Nussbaum vielleicht anders verlaufen. Die 47-Jährige arbeitete nach ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau und ihrem Studium der Kommunikationswissenschaften zunächst als freie Wirtschaftsjournalistin für den Focus, die Wirtschaftswoche sowie Fachmagazine, und war damit auch ziemlich glücklich. Als Kolleginnen und Kollegen in der Krise der Medienbranche auf einmal ohne Aufträge da standen, begann die Journalistin zu rätseln, was sie anders machte und warum ihre Auftragslage stabil blieb. Das Thema ließ sie nicht mehr los und sie begann zu recherchieren, las sich ein, rief in 70 verschiedenen Redaktionen an, um zu erfragen, was es brauche, um bei ihnen Aufträge zu bekommen und wendete ihr Wissen auf den Beruf der freien Journalisten an. Nach einiger Zeit entstand auf dieser Suche nach Antworten ein Handwerkskoffer für Freelancer und die große Lust, ihr neues Wissen weiterzugeben. Doch wie sollte sie dabei vorgehen?

Der erste Workshop, den sie bei den Münchner Medientagen 2001 zum Thema Selbst- und Zeitmanagement halten sollte, flößte ihr in der Vorbereitung großen Respekt ein. „Aber alles was neu ist, ist für mich erst einmal spannend“, lacht sie und genau deshalb sagte sie auch zu. Ein Glück, denn es funktionierte und das Feedback war gut. Sie behielt das Thema im Blick und schrieb als Journalistin weiter Texte dazu, es folgten neue Anfragen für Workshops. Bald häuften sie sich und die anfänglichen Zweifel wurden von der Sicherheit, ein echtes Leidenschaftsthema für sich gefunden zu haben, zur Seite gedrängt: „Ich wusste immer, dass ich inhaltlich gut bin, aber mir wurde mit jedem Auftrag deutlicher, ich kann das wirklich rüberbringen!“

Wenn man weiß, was man tut, braucht es keine inneren Zweifel

Nussbaum ruhte sich nicht auf der Welle aus, die gerade für sie rollte, sondern professionalisierte sich weiter: Sie machte eine Weiterbildung zur Trainerin, in der sie das Rüstzeug dafür lernte, wie man Übungen in den Workshops richtig aufbaut, statt nur ihrem Gefühl zu vertrauen. Bald kamen die ersten Anfragen für Einzeltrainings, ein weiterer Schritt für sie. „Was ist, wenn ich mit Menschen arbeite und die fahren ihr Business dann an die Wand?“, fragte sich die Trainerin. Also setzte sie noch eine Ausbildung  zum Business-Coach obendrauf, bevor sie die ersten Klienten einzeln betreute.

Hat es das noch gebraucht, wenn sie doch schon erfolgreich Workshops gab? „Ja, das war mir sehr wichtig“, sagt sie, „auch wenn Coaches fachlich versiert sind, müssen sie lernen Menschen zu verstehen, um mit ihnen arbeiten zu können“. Mit immer neuen Klienten kamen auch die Buchanfragen von Verlagen und immer weitere Angebote für Vorträge. Was machte Nussbaum? Sie legte noch eine Sprecher-Ausbildung an der German Speaker Association auf ihr bisheriges Können. „Klar hatte ich schon Vorträge gehalten, aber ich konnte ja immer noch besser werden.“ Außerdem habe ihr das einen erneuten Schub fürs Selbstbewusstsein gegeben. Dieses Phänomen kennt sie auch von Klienten: „Viele sind fachlich super, aber haben eine Restunsicherheit über ihr Können in sich und damit stehen sie sich selbst im Weg.“ Sie weiß aber auch, wie weh Kritik tun kann, denn damit umzugehen, fällt ihr heute noch schwer. „Es ist immer noch nicht leicht, wenn mir andere Menschen sagen, das, was ich mache, sei Blödsinn“, sagt sie. Gerade zu Beginn ihrer Zeit als Speakerin, sei ihr das immer wieder passiert.

Mit mehr Freiräumen zum  Erfolg

Für Cordula Nussbaum kam der persönliche Durchbruch, mit ihrem Buch „Zeitmanagement für kreative Chaoten“ im Jahr 2008 – also der „ideelle“, aber auch noch nicht der finanzielle Durchbruch, schiebt sie lachend hinterher – der sei erst später gekommen. Ihre Kunden hatten sie auf das Thema gebracht, denn immer öfter hieß es: „Für Selbstmarketing habe ich keine Zeit.“ Aber ohne geht es im Berufsleben in der Regel nicht. Sie begann zu überlegen, welche Ratschläge sie geben könnte, um eben doch mehr Zeit zu schaffen. Doch als sie ihre eigene Erfahrung zum Thema abrief – Listen aufstellen, stur abarbeiten und den Schreibtisch sauber halten – war klar: „Das ist in der Theorie nett, aber ich werde mich nicht vor eine Gruppe stellen und Tipps geben, an die ich selbst nicht glaube und an denen ich jedes Mal grandios gescheitert bin.“ Also entwickelte sie eine Methode, in der ganz gezielt Freiräume geschaffen werden, statt starre Zeit- und Themenblöcke zu etablieren – und während die einen sich endlich verstanden fühlten, waren die anderen schockiert. Zeitmanagement für kreative Chaoten funktioniere eben nicht nach den üblichen Parametern und alles Neue erfahre häufig erst einmal Skepsis. Aber ihr Ansatz ging auf und viele Menschen, die vorher an sich gezweifelt hatten, wussten nun: Ich muss nicht in eine Form passen, um erfolgreich zu werden.

Aber was ist das eigentlich, Erfolg? Von was träumen ihre Klienten, wo wollen sie hin? Bei der Erfolgsfrage, sagt Nussbaum, sei ihr vor allem eines wichtig: nicht zu werten. Für die einen sind es Statussymbole, der Porsche, Macht. Für andere – Kreative aber auch viele Top-Manager und Vorstände – sei es Zeit für die Familie und mehr Freiheit. Jeder dieser Wünsche habe seine Berechtigung und für jeden gebe es einen Weg. Aber wie der aussieht, das entwickelt sie mit jedem Klienten neu. „Es heißt immer: Du musst dich optimieren, du musst das Maximale aus deiner Zeit rausholen. Und ich sage: Nein, das musst du eben nicht! Überleg dir lieber, was dich glücklich macht und dafür solltest du dir Zeit nehmen.“

„Ich dachte immer, ich sei falsch“

Eigentlich sollte es verwundern, dass ihr die Kritik durch andere auch heute noch einen Stich versetzt, musste sie doch schon früh lernen, damit umzugehen, dass ihr Tun als jemand, der nicht den geraden Weg suchte, gelegentlich in Frage gestellt wird. „Auch ich war schon immer die kreative Chaotin, eine Ausprobiererin.“ Aber, dass es okay ist, sich vielseitig auszuprobieren, wurde ihr von niemandem vorgelebt –  etwas, dass ihr das Leben als junge Frau schwer gemacht habe. „Ich dachte immer, ich sei falsch.“ Warum sie nicht einfach in ihrem Ausbildungsberuf bleiben und damit zufrieden sein könne, fragten sich viele aus ihrem sehr konservativen Umfeld und auch aus ihrer Familie kamen Bedenken, als sie immer weiter danach suchen und spüren wollte, was sie wirklich glücklich macht. „Was sagen denn die Leute?“, war ein Satz, der sie in dieser Zeit begleitete.

„Unsere Gesellschaft bewertet einfach viel von außen, das ist schade! Hinterfragen ist so wichtig. Ich brauche den Sinn! Dass ich etwas bewirken kann, Menschen helfen kann, glücklicher zu leben, das ist für mich das größte Geschenk überhaupt und macht mich sehr stolz.“

Lief in ihrem Leben eigentlich alles immer glatt? „Natürlich bin auch ich zwischendurch gestolpert, nicht alles, was ich angefangen habe, hat geklappt – aber das empfinde ich nicht als Scheitern. Es war immer einen Versuch wert! Je mehr Eisen man im Feuer hat, umso öfter klappt auch mal was nicht. Aber das ist kein Drama, denn dann macht man eben einfach etwas anderes!“

Egal was kommt: Ich brauche meine Freiheit!

War das ein Lebensweg, der aus vielen Zufällen entstanden ist? Wenn man der Münchnerin länger zuhört, erkennt man ein anderes Muster. Schließlich stand sie schon als Schülersprecherin für ihre Klassenkameraden ein und hat auch schon in der Schule als Teenager jüngere Mitschüler als Mentorin betreut. Hat sie das Helfer-Gen in sich? „Jein, Helfer-Gen im Sinne von Empathie und Intuition ja, aber nicht im Sinne von Helfer-Syndrom, das wäre auch kontraproduktiv, da müssen Coaches aufpassen.“ Coaching, so sagt sie, müsse auf Augenhöhe und nicht auf einer mütterlichen Ebene ablaufen. „Ich bin Sparringspartner für bestimmte Fragen, aber meine Klienten sind eigenständige Menschen.“

Auf die Frage, wo sie im Leben noch hin wolle, sagt sie lachend: „Einen Kindheitstraum habe ich mir gerade damit erfüllt, dass ich Anfang des Jahres mit meinem Mann die gemeinnützige Unternehmergesellschaft „Charakterköpfe“ gegründet habe.“ Das Ziel: Erfolgswissen für alle zugänglich zu machen, auch Schülerinnen und Schülern, die sich das eigentlich nicht leisten könnten oder schlicht keine Berührungspunkte mit diesen Themen hätten. Schon vor der Gründung ging Cordula Nussbaum häufig in Schulen, um mit den Kindern zu arbeiten, ihnen ein Vorbild zu sein und zu zeigen: Es gibt nicht einen Weg. Es gibt deinen Weg, um im Leben etwas zu erreichen.

Mit „Charakterköpfe“ können sie nun auch andere Trainer in Schulen schicken und so noch mehr Menschen erreichen. Finanziert wird das aus Spenden, aber auch durch ihren Jahresumsatz, von dem sie etwa zehn Prozent pro Jahr in die gemeinnützige Gesellschaft gibt. Das ist sicherlich ein Meilenstein – aber einen konkreten, den einen großen Plan für die Zukunft, wie soll es überraschen, gebe es für sie nicht. Doch egal was komme, Cordula Nussbaum will anderen weiterhin helfen, ihren eigenen Weg zu gehen und sich selbst die Freiheit bewahren, alle Möglichkeiten zu nutzen, die sich für sie auftun.

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