Foto: Pelle Sten I flickr I CC BY 2.0

Meine Bedürfnisse sind mindestens so wichtig wie die meiner Kinder – bin ich eine Ego-Mami?

Alle wollen das Beste für das Kind… Ich will das Beste für mich! Bin ich eine schlechte Mutter?

 

„Weil es das Beste für das Kind ist…“

Unlängst führte ich wieder eines dieser Gespräche, bei denen man schon zu
Beginn weiß: „Lass es, das führt zu nichts….“ Es ging um berufstätige
Mütter. Die immer gleichen Positionen: Vollzeitmutter, Teilzeit-Mutter/Teilzeit-Arbeitende, Vollzeitarbeitende…Und diesmal noch die Position: „Also ich habe mich ja bewusst GEGEN ein Kind entschieden.“ Wie immer haben alle ihre Argumente parat, warum und wieso sie ihre Rolle so
gefunden haben. Von Optimum volle Aufmerksamkeit fürs Kind (Argument: „Du kannst doch nicht zwei Kinder in die Welt setzen und dann als Mutter immer nur im Büro sein“) bis hin zu Selbstständigkeit beibringen
(„Wie soll denn deine Tochter später mal auf eigenen Beinen stehen, wenn du ihr nur Abhängigkeit vorlebst?“) fliegen alle bekannten Argumente
durch die Luft.

Am Ende glaubt Jede, dass ihr Modell das Beste ist: Weil
es das Beste für das Kind/die Kinder ist…selbst die überzeugte
Nicht-Mutter glaubt, sie habe keine Kinder zum Wohle der nicht-geborenen
Kinder…

Ich habe eine andere Meinung: Ich mache es so, weil es das Beste für
MICH ist…Ich bin eine dreifache Mami, die bis halb vier im Büro sitzt
und zudem noch einen Blog schreibt. Weil ICH es möchte. Bin ich eine
egoistische Mutter? Bin ich eine Rabenmutter?

Die Rabenmutter mag Rage Against the Machine

Bei soeben noch ideologischen Erzfeinden in Sachen Kindererziehung besteht
plötzliche Einigkeit: „Wie kannst du dich nur so nach vorne schieben? Du
hast doch drei Kinder! Das muss doch wichtiger sein als das, was du
willst…“. Aha. Und ich frage: Warum? Und es kommt: „Du hast sie in die
Welt gesetzt, sie haben dich nicht darum gebeten. Es war deine
Entscheidung – also trag nun die Konsequenzen.“

Wie originell! Wie
lustig! Ich habe meine Kinder und deren Bedürfnisse niemals als
Konsequenzen meiner Entscheidung gesehen. Es sind nicht mal alle Kinder
entstanden als Konsequenz einer bewussten Entscheidung…Meine
Entscheidung ist es, mein Leben so zu gestalten, dass ich mein Leben
gerne lebe. Die Kinder sind ein Grund, dass ich es so gerne lebe – aber
nicht der einzige Grund.

Ich gehe gerne bis nachmittags ins Büro. Ich
gehe gerne zum Sport. Ich gehe gerne zur Massage. Ich treffe mich gerne
mit Freunden zum Essen. Ich trinke gerne Wein und rauche dazu gerne
Zigaretten. Ich gehe zudem immer noch gerne in seltsame Schuppen, trinke
Bier aus Flaschen und freue mich, wenn Rage Against the Machine läuft. Ich fahre gerne ohne Kinder übers Wochenende weg. Ich bin gerne
ich, ich bin leidenschaftlich ich! Und ebenso leidenschaftlich liebe und
vergöttere ich meine Kinder. Was ich jedoch nicht liebe, ist jede
Sekunde meiner Zeit an Basteltischen, in Sandkästen, am Rande von
Fußballplätzen oder bei Elternabenden zu verbringen. Welch Rabenmutter…

Non, je ne regrette rien…

Ich sehe meinen Hauptauftrag darin, meine Kinder zu lieben, ihnen ein
glückliches Heranwachsen zu ermöglichen und sie bestmöglich auf die
Zukunft vorzubereiten. Hier stimmt wohl jeder zu. Ich möchte aber auch
glücklich weiterwachsen und mich bestmöglich auf meine Zukunft
vorbereiten. Also nehme ich mir die Freiheit, die Dinge so aufzusetzen,
dass es das Beste für mich ist. Denn wie soll ich meinen Kindern ein
glückliches Heranwachsen ermöglichen, wie könnte ich aufzeigen, dass
eine Zukunft glücklich sein kann, wenn ich ihnen kein von mir gelebtes
Glück zeigen kann? Wie sollte ich andere glücklich machen, wenn ICH
nicht glücklich bin?

2015 veröffentlichte die israelische Soziologin Orna Donath ihre Studie „Regretting Motherhood
und löste eine Debatte aus. Alle befragten Frauen teilen nach eigenen
Angaben das ausgeprägte Gefühl, in ihrer Rolle als Mutter gefangen zu
sein. Sie bereuten schlichtweg, dass sie Kinder haben. Ich stand abseits
von der Debatte. Denn ich habe nicht das Gefühl, dass mich meine Kinder
in einen Käfig zwängen. Ich bin weiterhin weitestgehend frei. Ich fände
es unvorstellbar, das Beste für das Kind zu geben, dann aber das Kind
zu bereuen…folglich lebe ich so, dass ich nichts zu bereuen habe.

Ja, ich bin gerne ich, ich bin leidenschaftlich ich. Zu diesem ICH
gehören viele Facetten. Und wahrscheinlich eben auch eine gesunde
Portion Ego-MAMI-e…

Dieser Text erschien zuerst auf Bettinas Blog „Mami und Gör“ . Wir freuen uns, dass sie ihn auch hier veröffentlicht.

Bild: Pelle Sten/flickr

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