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Rassismus ist nicht nur Teil des Systems: Warum wir aus Happyland ausziehen

Wir sind Teil des Problems. Über ihren Auszug aus dem „Happyland“ schreiben hier die Gründerinnen von EDITION F, Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert.

Als das Video von George Floyd um die Welt geht, geht es uns wie vielen: Die Gewalt mitanzusehen ist unerträglich. Der Rassismus ist in jedem Pixel der acht Minuten und 46 Sekunden zu spüren. Ein Mord. Gefilmt. Wir sehen ein Mächteverhältnis, das noch immer Teil des Systems ist. Minütlich füllen sich unsere Social-Media-Feeds mit rassistischen Geschichten, Erfahrungen und Erlebnissen.

Erzählt von Schwarzen Menschen und People of Color. Jung und Alt. Berichte über die Rufe des N-Worts, über Gewalt, darüber, angespuckt oder von Lehrer*innen als zweitklassig und mit schlechteren Noten bewertet zu werden, es geht um schlechtere Bezahlungen, um systematische Ausgrenzung. Die Berichte sind nicht neu, sie sind nur lauter.

Empörung steigt in uns auf, Wut, Trauer. Und gleichzeitig ein Gefühl der Scham für diese, unsere Gesellschaft – und natürlich der große Wunsch, dass niemand in diesem Land, auf dieser Welt, solche Erfahrungen mehr machen muss. Doch die Scham über die Worte und Taten der anderen – der sogenannten Gesellschaft – ist nur die halbe Wahrheit. Denn das Problem sind nicht nur die anderen. Wir sind es auch.

Dann kommt der #blackouttuesday. Solidarität verpackt in quadratische Kacheln. Mit dem klaren Bekenntnis #BlackLivesMatter. Doch auch wenn wir dies ganz und gar mittragen, müssen wir uns eingestehen, zu lange geglaubt zu haben, dass wir selbst nicht Teil des Problems sind. Ein Fehler. Rassismus ist Teil unseres Systems. Dem System unserer Gesellschaft. Der Struktur in unseren Köpfen. Unserer Sprache. Und von uns selbst.

Und Rassismus zeigt sich nicht nur anhand von Gewalttaten gegen Schwarze, indigene Menschen und People of Color (BIPoC), er beginnt viel früher. Dabei ist der von weißen Menschen ausgehende Rassismus oft subtil. Zum Teil sogar unbewusst. Deshalb muss aller Anfang in unserem Bewusstmachen liegen – dem Erkennen und Eingestehen von Privilegien, der rassistisch geprägten Strukturen und der eigenen Fehler. Ein schmerzhafter Weg, den wir gegangen sind, noch immer gehen und der uns ein Leben lang begleiten wird.

Wir – als Privatpersonen und Gründerinnen von EDITION F – zeigen Ungerechtigkeiten auf, schreiben und sprechen im Magazin seit Jahren über Rassismus, beauftragen Schwarze Kolumnistinnen und Autorinnen of Color, laden BIPoC ein als Gesprächspartner*innen, als Speaker*innen auf unseren Bühnen und in Jurys. Wir arbeiten mit BIPoC zusammen und nennen viele unsere Freund*innen.

Nie würden wir BIPoC als weniger Wert als weiße Menschen empfinden oder gar Gehälter oder Aufstiegschancen schmälern. Wir sind kein Unternehmen, dass sich nur mit Rassismus beschäftigt, wenn das Thema medial oben auf der Agenda steht. Also alles gut? Nein.

Uns ist passiert, was wir bei anderen zu Recht kritisieren. Auch wir haben Menschen, Leser*innen, Kolleg*innen und Freund*innen verletzt oder sie unbewusst ausgegrenzt: Haben wir unsere BIPoC-Freund*in oder -Kolleg*in immer wieder erklären lassen, wie sie*er sich fühlt oder denkt und sie*ihn damit jedes Mal wieder all die Erfahrungen durchleben lassen? Haben wir Begriffe falsch genutzt? Haben wir nicht immer ausreichend auf Diversität geachtet? Haben wir aus weißer Perspektive über Themen diskutiert und nicht genug verstanden? Haben wir uns als Chefinnen zu wenig mit Rassismus auseinandergesetzt? Und haben wir die eigenen Privilegien nicht klar genug erkannt? Ja. Leider.

Es ist ein halbes Jahr her, seit aus dem Team heraus die drei Worte an uns gerichtet wurden: „Das war rassistisch.“ Ein Schock. Denn es trifft uns – persönlich und als vermeintlich aufgeklärte, sensible und tolerante Menschen – hart, darauf hingewiesen zu werden, etwas Rassistisches gesagt oder rassistisch gehandelt zu haben.

„Ich bin nicht rassistisch. Ich doch nicht.“ Sofort ist er da, der Gedanke: „Beim Gegenüber muss was falsch angekommen sein.“ Denn Rassismus ist ein böser Begriff. Einer, mit dem man nichts zu tun haben möchte. Und dann passiert es: Täter*innen-Opfer-Umkehr. Was technisch klingt, war unser Abwehrmechanismus. Wir fühlten uns missverstanden.

Dabei ist der Mut einer*eines Betroffenen, uns Feedback zu geben, ein wertvolles Geschenk. Eines, das Kraft kostet. Und eines, das uns hätte wachsen lassen können. Aber: Es hat Zeit gebraucht. Und Raum. Um zu verstehen und die Momente noch einmal zu durchdenken. Den Unterschied zwischen weiß und Schwarz oder PoC, der in unserem System verankert ist, anzuerkennen. Und die eigenen Privilegien zu überprüfen.

Denn wir, die Teil der weißen Gesellschaft sind, können unseren Blick abwenden. Wir können unsere Ohren taub werden lassen. Wir können im „Happyland“ verweilen – dem Land, das in Tupoka Ogettes Buch „Exit Racism“ als ein Ort beschrieben wird, an dem wir zwar um Rassismus wissen, uns aber nicht als Teil dieser Strukturen verstehen. Ein Ort, an dem Aussagen wie „Ich sehe keine Hautfarben“ und „Für mich sind alle Menschen gleich“ uns daran festhalten lassen, nicht zu verstehen, was tagtäglich für BIPoC Realität ist.

Und das nur, weil Rassismus für uns selbst nicht spürbar ist. Weil wir Rassismus von außen als Thema, nie aber als persönliche Erfahrung betrachten mussten. Denn nie wurden wir aufgrund unseres Weiß-Seins als anders gesehen. Nie wechselte deshalb jemand die Straßenseite. Nie wurden wir deshalb als zweitklassig bewertet. Nie ohne Grund von der Polizei angehalten. Betroffene können nicht einfach vergessen. Nicht einfach verdrängen. Für sie ist Rassismus immer präsent.

Tupoka Ogette und viele andere Aktivist*innen fordern dazu auf, zu reflektieren und anzuerkennen, dass man selbst Teil eines Systems ist und dabei Fehler einzugestehen. Nicht, um sie zu entschuldigen, sondern um daraus zu lernen, sensibler zu werden und rassismuskritisch zu handeln. Denn nur wenn wir alle erkennen, wie unser System und wir darin agieren, können wir als Gesellschaft wachsen und rassistische Strukturen einreißen. Ein Grund für uns, nicht nur persönlich und intern bei EDITION F darüber zu sprechen und aktiv zu werden, sondern heute als Gründerinnen auch öffentlich darüber zu schreiben.

Zu diesem Prozess gehört auch anzuerkennen, dass wir ein überwiegend weißes Team sind und dass wir uns der Wirkung dessen nach außen für Bewerber*innen und nach innen für unsere BIPoC-Kollegin*innen und unser Netzwerk nie ganz bewusst waren. Als Team sind wir eng und freundschaftlich verbunden. Wir haben eine intensive Debattenkultur. Das ist gut und soll auch unbedingt bleiben. Der Impuls, mit Betroffenen zu sprechen, statt nur darüber zu reden, was man selbst nicht erlebt hat, ist grundsätzlich wohl auch richtig. Und trotzdem haben wir es nicht immer gut gemacht.

Es geht uns mit diesem Text nicht um Absolution mithilfe einer Entschuldigung. Und es soll auch nicht darum gehen, die Bühne denen zu rauben, die sie brauchen und verdienen, um uns alle zu sensibilisieren, Erfahrungen zu teilen und Systemfehler sichtbar zu machen. Worum geht es also? Darum, zu reflektieren und an uns zu arbeiten. Jeden Tag. Immer wieder.

Denn Rassismus fängt im Alltag an. Im Kleinen. Oft im Nebensatz. Niemals wollten wir bewusst verletzten – und dennoch ist es passiert. Dieses Eingeständnis tut weh und macht uns traurig; aber es wäre ungerecht, sich selbst zum Opfer zu machen, denn das Gefühl des Unwohlseins ist bei Betroffenen um ein Vielfaches größer. Uns heute einzugestehen, dass wir damals versäumt haben, tiefer bei uns nach dem Systemfehler zu suchen, ist richtig und wichtig. Es ist an uns, dafür sensibel zu werden. Die Ohren auf, das Herz frei und die Sprache diskriminierungskritisch werden zu lassen. Und dazu gehört, nicht über andere zu richten, sondern bei uns selbst anzufangen.

Dabei reicht es nicht, auf Demos zu gehen, Artikel zu schreiben, Rassismus-Panels zu organisieren oder aktiv BIPoCs als mögliche Mitarbeiter*innen anzusprechen. Das Hinterfragen des eigenen Handelns im Alltag und des eigenen Bewusstseins ist einer der wichtigsten Schritte. Wenn wir falsch handeln, ist es nicht ok, das Thema wegzuschieben. Sondern wir müssen gerade dann noch offener, andauernder und kritischer einen Dialog führen.

Auch wenn Betroffene nicht ausreichend Kraft haben, immer wieder darüber zu sprechen, wir als weiße Personen müssen sie aufbringen. Ein Grund für uns, diesen Prozess gemeinsam mit BIPoC-Expert*innen und Coaches anzugehen. Das bedeutet, die ernsthafte und konsequente Auseinandersetzung mit Rassismus im Team präsent zu halten und interne Strukturen für ein diskriminierungssensibles Umfeld zu schaffen – mit konkreten Maßnahmen, die wir gemeinsam mit Expert*innen erarbeiten. Doch das kann nur ein Anfang sein, für uns alle. Denn wir wollen dauerhaft aus dem „Happyland“ ausziehen.

Nach der Reflexionsphase haben wir das Gefühl, dass wir diesen Text viel früher hätten aufschreiben müssen. Aber auch, dass wir diese Gedanken viel früher hätten haben sollen. Als Privatpersonen und als Unternehmerinnen. Doch: Wir waren nicht weit genug. Und nicht mutig genug. Fast wären wir es auch jetzt nicht.

Der Text liegt und liegt. Ist es richtig, mit unseren Gedanken rauszugehen? Nehmen wir Betroffenen so die Bühne? Oder kann der Text Anstoß sein, dass andere Menschen und Unternehmen auch anfangen nachzudenken, mehr noch, zu handeln? Und in einen gemeinsamen und offenen Dialog zu gehen?

Denn, würden wir den Text nicht veröffentlichen, bliebe dennoch eines bestehen: Wir alle – als Unternehmen und Privatpersonen – positionieren uns auch, wenn wir uns nicht aktiv positionieren. Wenn wir nicht bei uns selbst anfangen, ist jede Solidarität keine echte.

Die Autorin und Journalistin Alice Hasters sagte kürzlich in einem Interview mit Deutschlandfunkkultur: „Antirassismus ist kein Sprint, sondern ein Marathon.“ Keine leichte Aufgabe also, die wir morgen erledigen können. Doch eines ist klar: Wir müssen loslaufen, wie viele andere es schon tun und noch tun werden. Dies kann und darf nur der Anfang sein.

Ein Anfang, bei dem uns, ohne es zu wissen, Menschen begleitet haben, die unermüdlich daran arbeiten, unsere Gesellschaft zu verändern. Mit ihren Texten und Büchern. Mit viel Kraft, um Brücken zu bauen und Wege zu ebnen. Ihnen wollen wir danken. Und all denen, die in diesen Tagen laut werden. Und hoffentlich auch zukünftig Gehör finden.

    1. Dieser Artikel ist im Bewusstsein geschrieben worden, dass wir nicht frei von Fehlern sind. Dass wir erkennen müssen, Teil eines rassistischen Systems und einer rassistischen Sozialisierung zu sein. Wir wollen nicht so tun, als würden wir außerhalb stehen – und zeigen, worüber wir nachdenken, wo wir stehen und welchen Weg wir gehen. Dazu gehört auch, Vergangenes zu reflektieren – aber auch bewusst an Veränderungen zu arbeiten. Für die Verletzungen, die entstanden sind, haben wir uns – als Gründerinnen und Privatpersonen sowie auch betreffende Personen im Team – aufrichtig entschuldigt. Und tun dies auch hiermit noch einmal: Wir entschuldigen uns für verletzende Erfahrungen und ein nicht hinreichend diskriminierungskritisches und sensibles Verhalten. Wir haben versucht den selbst gewählten Ausstieg bei EDITION F bestmöglich nach den Wünschen der anderen Seite zu gestalten und haben eben diesen in allem entsprochen. Die Bitte um einen Dialog steht und stand immer im Raum. Bis heute. Gern unter den Bedingungen der anderen Seite. Wir wollen mit- und aneinander wachsen. Und zeigen deshalb heute bewusst mit dem Finger auf uns – und wollen die Identität der anderen Seite bewusst schützen.

      1. Hattet ihr nicht eine absolut weiße Redaktion? Ich habe da so ein Bild in Erinnerung. Und sind nicht die Führungspositionen noch weißer?
        Dann ist das ganze doch etwas heuchlerisch.
        Solange ihr nicht bereit seit schwarze Frauen bei euch in Führungspositionen zu lassen, und zwar in echte Führungspositionen, seid ihr immer noch im weißen Happyland, ihr seid das weiße Happyland, ihr seid weißer Feminismus, der mit einem solchen Artikel so tut als sei es anders

        Also: Welche weiße Frau muss ihren Posten räumen? Welche bietet selbst an zurück zu treten und zeigt damit echte größe, damit eine schwarze Frau nachrücken kann?

        1. Wie wir in unserem Artikel offen geschrieben haben: Wir sind ein mehrheitlich weißes Team. Und waren uns der Wirkung nach innen und außen nicht immer hinreichend bewusst. Dennoch: Wir haben in der Vergangenheit BIPoC für konkrete Positionen bei EDITION F – auch für Führungspositionen – angesprochen und werden diesen Anspruch auch zukünftig weiter verfolgen. Über feste und freie BIPoC-Autor*innen – aber auch andere diverse Stimmen z.B. aus dem Bereich Gender oder Menschen mit Behinderung – Gesprächspartner*innen und unser Netzwerk streben wir seit Jahren an, diverse Perspektiven auf die Themen unserer Gesellschaft zu werfen und authentischen Stimmen und starken Köpfen eine Bühne und Plattform zu geben. Wir wollen das, was wir als aktuelles Team in einer Größe von 12 Personen nicht hinreichend abdecken können, mit unserem Netzwerk möglich machen und sind in stetem Diskurs. Aus dem Happyland auszuziehen ist ein Prozess – Alice Hasters nannten es einen stetigen Marathon. Es ist essentiell, Menschen zuzugestehen, sich Fehler oder Versäumnisse bewusst zu machen und Veränderung voranzutreiben. Für uns bedeutet es nicht, mit diesem Artikel Absolution erhalten zu wollen oder einen Prozess zu beenden, sondern transparent zu zeigen, wo wir gerade stehen und wo wir an uns arbeiten.

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